Buchbesprechung In seiner Danksagung schreibt Horst Eckert „Danke auch einigen Tippgebern aus Politik und Wirtschaft, die es vorziehen, nicht genannt zu werden. Ihnen verdanke ich die Einsicht, dass die Wirklichkeit der Autorenfantasie manchmal näher kommt, als man glauben möchte.“ Eine Erkenntnis, die das Fürchten lehrt.
Ein hervorragender deutscher Thriller.
Inhalt:
Kommissar Jan Reuter hofft, mithilfe eines Informanten die Hinterleute eines millionenschweren Gemälderaubs überführen zu können. Doch dann taucht das Bild wieder auf, das bestohlene Museum hat Lösegeld gezahlt. Ausgerechnet Reuters Bruder Edgar, ein erfolgreicher Anwalt, hat den Rückkauf eingefädelt – ist er ein Komplize der Artnapper? Bevor der Kommissar mehr erfahren kann, wird sein Informant erschossen.
Einzige Zeugin des Mordes ist die Tochter des Richters Andermatt, der als ›Richter Gnadenlos‹ bekannt und als zukünftiger Innenminister im Gespräch ist. Nach einer ersten Aussage voller Ungereimtheiten verschwindet die junge Frau – Reuter und seine Kollegen sind ratlos.
Ratlos ist auch Oberbürgermeister Kroll: Der Investor eines prestigeträchtigen Bauvorhabens springt ab, eine peinliche Pleite droht. Da bietet sich ein russischer Milliardär als Ersatz an. Soll Kroll das Angebot trotz des Verdachts der Geldwäsche annehmen?
Ein dubioser Kunstraub, brutale Morde, prominente Opfer und ratlose Politiker – Düsseldorf steht Kopf.
Der Autor:
Horst Eckert wurde 1959 in Weiden (Oberpfalz) geboren. Er studierte in Erlangen und Berlin Politische Wissenschaft. Seit 1987 lebt er in Düsseldorf.
Der Thriller »Aufgeputscht« (1997) wurde 1998 von der Raymond-Chandler-Gesellschaft mit dem "Marlowe" für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres 1997 ausgezeichnet. Derselbe Titel war zudem für den Friedrich-Glauser-Preis 1998 nominiert. »Die Zwillingsfalle« (2000) wurde mit dem Friedrich-Glauser-Preis 2001 für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres 2000 ausgezeichnet.
Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
617 Grad Celsius
Die Homepage des Autors: www.horsteckert.de
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Der Strick war am Dachbalken befestigt, die Schlinge drückte ihm die Luft ab. Er war zu schwach zum Schreien. Nur noch undeutlich bekam er mit, was die Eindringlinge mit seiner Frau und dem Kind anstellten.
Und die Folterknechte gaben keine Ruhe. Vor Stunden schon waren sie in die Dachkammer gedrungen und hatten die Familie überfallen.
Ihr Anführer war ein feister Mann mit kugelrundem Schädel. Das Haar streng gescheitelt, weißes Hemd, adrette Weste. Er bellte Befehle, ohne seine Pfeife aus dem Mund zu nehmen, packte den Arm des Familienvaters und kugelte mit einem Ruck das Schultergelenk aus.
Ein großer Bursche mit grauer Mütze hielt Sarah zurück, das blonde Kind, das entsetzt seine Mutter anstarrte. Die halb nackte Frau hing mit gefesselten Händen an einem zweiten Seil, ihre Beine zum Spagat gespreizt. Der Schmerz hatte sie in Ohnmacht fallen lassen.
Gaffer verharrten im Hintergrund. Ein Hund kroch unter den Tisch und winselte – der Einzige, der Mitleid zu empfinden schien.
Es war Nacht. Keine Rettung weit und breit.
Ein schreckliches Bild, dachte Jan Reuter. Was muss ein Maler erlebt haben, um so etwas auf die Leinwand zu bringen? Wie hoffnungslos muss er gewesen sein, um dem Grauen einen so kalten Ausdruck zu geben?
Reuter wusste nicht, warum er das Kind in seiner Fantasie Sarah nannte. Vielleicht, weil er sich selbst ein Mädchen wünschte, das er so nennen würde.
Aber nie dürfte es solche Qualen erleben.
Er faltete den Farbausdruck und steckte ihn ein. Weil er mehrere Kopien zu Hause hatte, musste er nicht erst ins Präsidium fahren, bevor er sich mit der Vertrauensperson treffen würde. Er hatte dem Informanten das Bild bereits einmal gezeigt, aber er würde es immer wieder tun.
Der Raub des berühmten Werks von Max Beckmann aus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen vor zwei Jahren wurde der organisierten Kriminalität zugeschrieben. Damit war Reuters Dienststelle dafür zuständig – das KK 22, dem er seit elf Monaten als Kriminaloberkommissar angehörte.
Zwei Wachleute, junge Männer mit ukrainischem Pass, hatten eines Nachts das Putzpersonal bedroht und das Bild aus dem Rahmen geschnitten. Die Männer waren längst gefasst. Im letzten Herbst das Urteil: sechs Jahre Willich, bei guter Führung vermutlich vier. Die Räuber hielten dicht. Kein Wort über ihren Auftraggeber oder den Verbleib des Gemäldes.
Reuter glaubte zu wissen, wer hinter dem Coup steckte: Manfred Böhr, stadtbekannter Inhaber von Diskotheken und Restaurants. Eine schillernde Figur aus guter Familie, mit Beziehungen und regelmäßiger Präsenz in den Klatschspalten der Presse – die Schreiberlinge bezeichneten ihn je nach Sympathie als »Partylöwen« oder »Düsseldorfer Original«.
Insider kannten Böhr als Koksbaron. Das Pleasure Dome, in dem er die Puppen tanzen ließ, galt als Düsseldorfs Drogenumschlagplatz Nummer eins.
Der Koksbaron gab sich als Kenner der Künste. Keine Vernissage ohne ihn. Galeristen verdienten sich dämlich an ihm. Akademieprofessoren verkehrten in seinen Lokalen. Und das Wachschutzunternehmen, in dem die Ukrainer gejobbt hatten, gehörte zu seinem Firmenimperium.
Reuter war sich sicher: Sobald er das Gemälde fand, war Böhr geliefert. Dann würden ihm weder seine Gerissenheit helfen noch sämtliche Beziehungen. Auch nicht sein Geld, mit dem er korrupte Kollegen schmierte.
Katja kam die Treppe heruntergestiefelt. Sie hatte sich schick gemacht für die anstehende Familienfeier und wich seinem Blick aus – es herrschte dicke Luft, aber Reuter konnte nichts daran ändern. Er hatte den Frühstückstisch gedeckt, inklusive Croissants und frisch gepresstem O-Saft. Mehr als dieses Friedensangebot war nicht drin.
»Mama ist enttäuscht, auch wenn sie es am Telefon nicht zugibt«, murmelte Katja und rührte in ihrem Kaffee.
Reuter reichte Katja den Brotkorb. »Croissants oder Vollkornbrot?«
Auch die Fische im Aquarium bekamen Frühstück – mit einem Schnarren entließ der Futterautomat die programmierte Portion in das Becken.
Seine Freundin schüttelte den Kopf. »Alle werden da sein, nur du hast plötzlich einen Termin. Mama hat die Fete extra auf den Feiertag gelegt.«
»Hör zu, Renate wird es verstehen.«
Er wusste, dass es Katja nicht um den Geburtstag ihrer Mutter ging. Sie selbst fühlte sich vernachlässigt. Zu oft kam er abends erst spät nach Hause. Auch seinen Urlaub hatte er schon ein paarmal verschieben müssen.
Wenn er wenigstens mit Erfolgen glänzen könnte. Dann wäre sie stolz und würde nicht meckern. Ein Durchbruch gegen den Koksbaron wäre mein Karrierebeschleuniger, dachte Reuter. Kripochef Engel hielt große Stücke auf ihn. Zumindest hatte der Leitende Kriminaldirektor das behauptet, als er Reuter ins KK 22 versetzt hatte. Kurz zuvor war ein Prozess gegen Böhr unter spektakulären Umständen geplatzt: Beweismittel waren aus dem Büro des aktenführenden Kollegen verschwunden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Reuter noch dem Inneren Dienst angehört, einer Gruppe von Beamten, die dem Führungsstab des Kripochefs angegliedert war und sich um schwarze Schafe in den Reihen der Polizei kümmerte.
Reuters Job war es gewesen, den Skandal aufzuklären. Doch der mutmaßlich bestochene Aktenführer hatte sich als harter Brocken erwiesen. Norbert Scholz, ein alter Hase im KK 22. Ein ausgekochter Kriminalhauptkommissar von Ende vierzig, dessen Einstellung zum Dienst von Zynismus geprägt war. Reuter hatte Scholz zwei Telefonate mit Böhr nachweisen können. Gespräche ohne großen Inhalt: Der eine rief an, der andere legte sofort auf – eine Art stille Verständigung, vermutete Reuter.
In den Augen der Staatsanwaltschaft hatte es nicht für eine Anklage gereicht, die strafrechtlichen Ermittlungen waren bald eingestellt worden. Das interne Disziplinarverfahren ruhte jedoch nur – vielleicht würde sich der mutmaßliche Maulwurf eine Blöße geben, sobald er sich sicher fühlte.
Für die Dauer des internen Verfahrens war Scholz einer Dienststelle zugeteilt worden, in der er weniger Schaden anrichten konnte. Gehaltskürzung, Beförderungsstopp – mehr war ohne Zustimmung des Personalrats nicht drin gewesen.
Unterdessen hatte Böhr seinen Freispruch ausgekostet und sich feiern lassen. Scharte Prominenz aus Politik und Showgeschäft um sich. Spielte das verfolgte Unschuldslamm. Drehte der Polizei eine Nase. Die Puppen tanzten weiter im Pleasure Dome.
Kripochef Engel hatte Reuter auf Scholz’ bisherigen Posten gesetzt und ihm die Ermittlungen gegen den Koksbaron übertragen: Höchste Zeit, frischen Wind ins KK 22 zu bringen.
Doch es gab Widerstand, mit dem Reuter nicht gerechnet hatte. Die Staatsanwaltschaft bremste, wo es nur ging. Kostenmanagement lautete die Devise – der Staat musste angeblich sparen.
Noch in den Neunzigerjahren war die Bekämpfung der organisierten Kriminalität großgeschrieben worden, jedenfalls in der Öffentlichkeit. Naturgemäß waren die Ermittlungen langwierig und komplex – und damit nicht billig zu haben. Inzwischen gaben die Staatsanwälte jedoch nur noch grünes Licht, wenn der Erfolg vorab garantiert schien. Und der Landesregierung war es ohnehin am liebsten, wenn organisiertes Verbrechen erst gar nicht in der Statistik auftauchte – als sei ausgerechnet Nordrhein-Westfalen frei davon.
Seit Monaten waren auf Böhr nur noch zwei Beamte angesetzt: Reuter und sein Kollege Michael Koch. Im Inneren Dienst hatte Reuter gegen Kollegen größere Geschütze auffahren können als heute gegen Gangsterbanden.
»Kannst du dein Treffen nicht verschieben?«, maulte Katja.
»Wie stellst du dir das vor? Soll ich meinem Informanten sagen, nein, es geht heute nicht, die Mutter meiner Lebensgefährtin feiert sechzigsten Geburtstag?«
»Zum Beispiel.«
Reuter schüttelte den Kopf. Der V-Mann war sein wichtigster Zuträger. Vor zwei Monaten war es mit seiner Hilfe gelungen, einen Kurier abzufangen. Dreißig Kilogramm Kokain waren in die Asservatenkammer gewandert, aber der Fahrer hatte aus Angst um sein Leben jede Kooperation verweigert – das gleiche Phänomen wie bei den Kunsträubern aus der Ukraine.
Reuter löffelte Eigelb, etwas davon tropfte auf die Jeans. Er spuckte auf sein Taschentuch und rieb. Sein Handy klingelte. Er fand es unter der Zeitung. »Jan Reuter.«
»Es klappt mit dem Hotel«, meldete Kollege Koch.
»Wer ist dran?«, fragte Katja dazwischen.
»Michael«, gab Reuter zurück. »Dienstlich.«
Katja verdrehte die Augen.
Reuter verließ den Esstisch und stieg die Treppe hoch. »Wieso das Hotel? Der Inder im Carsch-Haus tut es doch auch.«
»Robby ist nervös geworden. Er verlangt einen Treffpunkt außerhalb der Stadt.«
Im Bad drehte Reuter den Heißwasserhahn auf, befeuchtete ein Handtuch und schrubbte am Hosenbein. Der Fleck blieb.
»Keine Ahnung, was unser Einstein plötzlich hat«, fuhr Koch fort. »Am Telefon war er nicht sehr gesprächig.«
Robby Marthau, der Informant, gehörte der Türsteherszene an. Ein Muskelprotz, angestellt im besagten Pleasure Dome. Seit einiger Zeit nannte er sich Assistent der Geschäftsleitung – reine Angabe.
Die Kollegen von der Rauschgiftfahndung hatten den Türsteher einst mit einer Portion Koks erwischt, die zu groß gewesen war, um als Eigenbedarf durchzugehen. Weil Marthau sich als auskunftsfreudig erwies, hatte ihm der Staatsanwalt ein Angebot gemacht. So war der Diskothekenangestellte als Vertrauensperson an die OK-Ermittler geraten.
Es war Kochs Einfall gewesen, den jungen Russlanddeutschen Einstein zu nennen. Nicht, weil Marthau intelligent wirkte. Eher im Gegenteil.
»Ich geb dir die Zimmernummer durch«, sagte der Kollege.
»Warte.«
Reuter ging hinüber ins Schlafzimmer und tastete zwischen Zeitschriften und Büchern auf dem Nachtkästchen – kein Stift. Sein Blick fiel auf den Koffer seiner Freundin, der geöffnet auf dem Bett lag. Erstaunlich viele Klamotten für eine Übernachtung in der Provinz. Katja war Referendarin für Deutsch und Musik am Max-Planck-Gymnasium. Den Freitag hatte sie unterrichtsfrei, ein Brückentag. Morgen Abend würden sie sich wiedersehen.
Er griff in die Innentasche des Koffers und wühlte nach einem Kugelschreiber. Tampons, lose Kräuterpastillen, Kondome, ein Stift mit Werbeaufdruck.
»Nummer 312«, tönte Kochs Stimme im Hörer.
Reuter stutzte. Wozu Kondome?
»Bist du noch dran?«, fragte sein Kollege.
»Klar.« Reuter wiederholte die Zimmernummer, schnappte sich eine aufgeschlagene Brigitte und kritzelte die Ziffern an den Rand.
»Um zwölf«, fügte sein Kollege hinzu. »Und denk dran: Die Autobahn könnte voll sein. All die Vatertagsausflügler.«
Reuter bedankte sich, beendete das Telefonat und sah sich die Kondome an. Billy Boy. Zwei Pariser in schwarzer Hülle mit dem Aufdruck Perl.
Schritte auf der Treppe.
Reuter steckte die Gummis zurück in die Tasche für lose Kleinigkeiten und riss die Seite mit der Zimmernummer aus der Frauenzeitschrift.
Katja kam ins Schlafzimmer und machte sich am Kleiderschrank zu schaffen. Sie zog ein Paket hervor, das sie obenauf in den Koffer legte. Rosafarbenes Geschenkpapier.
»Was ist da drin?«, fragte Reuter.
»Ein Twinset. Kaschmir und Seide, heruntergesetzt. Renate wird es lieben.«
»Du schenkst immer das Gleiche.«
»Du würdest dich nie darum kümmern, das ist mir klar!«
Reuter fand, dass Katjas Züge etwas Edles hatten, selbst wenn sie aufgebracht war. Jeder sagte, dass sie ein bildschönes Paar waren. Gummis brauchten sie nicht, denn Katja nahm die Pille. Wenn es nach ihm ginge, hätte sie auch darauf verzichten können. Sie waren im besten Alter für Nachwuchs.
Eine Tochter würde ein wahrer Engel sein – Sarah.
Reuter fasste in den Koffer und präsentierte ihr seinen Zufallsfund. »Was soll eigentlich das hier bedeuten?«
»Schnüffelst du in meinen Sachen?«
»Erklär mir, was du vorhast! Fideles Münsterland?«
»Das ist wirklich krankhaft, was du hier veranstaltest!«
Er wedelte mit den Gummis. »Ich warte auf eine Antwort.«
»Ohne Anwalt sag ich gar nichts mehr!«
Katja klappte das Gepäckstück zu und rauschte damit aus der Wohnung.
erstellt am: 02.09.07
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