Buchbesprechung Diese „belletristische Autobiografie“ – von der Adrian Geiges sagt „dies ist keine Autobiografie mit Anspruch auf Vollständigkeit“ (man beachte den zweiten Teil des Satzes) – ist ein Stück Zeitgeschichte, belletristisch geschrieben und journalistisch gewürzt.
Geschickt versteht er es, Fakten und Daten, durch leise Ironie (noch wichtiger: auch Selbstironie) einerseits und freizügige Schilderungen seines Liebeslebens andererseits angereichert, so darzubieten, dass man einfach weiterlesen muss und nie den Eindruck erhält, ein „Geschichtsbuch“ oder eine „Gesellschaftskritik“ zu lesen, was sein Wie-er-es-auch-immer-nennt-Buch aber in der Tat auch ist.
Dass er im Innersten bei allem Pragmatismus ein überzeugter Linker ist, kommt bei der (zu?) ausführlichen Beschreibung seines Engagements in China für die Firma Elpersmann (man beachte die Ähnlichkeit mit dem Namen Bertelsmann, für die er in China gearbeitet hat) zum Vorschein.
Eine spannend geschriebene, wissensreiche und damit höchst lesenswerte „Autobiografie“.
Inhalt:
Von der humorfreien Kaderschmiede übers quotengeile Privatfernsehen zum Manager eines Weltkonzerns nach China: Ein Abenteurer seiner Generation erzählt.
Schmale Schultern, Cordhose, Brille, Nichtraucher, schüchtern – und trotzdem gilt Adrian Geiges im beschaulichen Staufen als Rebell und Bürgerschreck. Denn Adrian ist Mitglied der SDAJ, der Jugendorganisation der DKP. Friedensbewegt und theoriefest in Sachen Mao, Marx und Lenin träumt er davon, als Berufsrevolutionär das bürgerliche Leben hinter sich zu lassen. Doch Adrian ist nicht nur Kommunist, sondern vor allem ›Pragmatist‹. Und macht sich mit Elan auf seinen langen Marsch durch die Institutionen: Als Reporter für Sex und Partnerschaft schreibt er für die sozialistische Variante der Bravo, wühlt als Quotennutte des Privatfernsehens im Moskauer Rotlichtmilieu, erobert für einen Weltkonzern das Reich der Mitte und lässt auch die Shanghaier Schönheiten nicht unberührt.
Der Autor:
Adrian Geiges, Jahrgang 1960, studierte Chinesisch und Russisch.
Der gelernte Journalist gehörte zu den schillerndsten Köpfen der Linken in den 80er Jahren, berichtete als Fernsehkorrespondent aus Moskau, Hongkong und New York und leitete in China die Tochterfirma eines großen deutschen Unternehmens. Heute ist er Peking-Korrespondent des Stern.
Homepage des Autors: www.adriangeiges.com
Mehr über den Autor in Wikipedia
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Unsere kleine Weltrevolution im Schwarzwald
In meinem Heimatort Staufen im Breisgau galt ich als Bürgerschreck. Der Vater meines besten Schulfreunds patrouillierte mit dem Fahrrad vor unserem Reihenhaus. Er wollte verhindern, dass sein Sohn mich traf. Ich hasste diesen Alten, fand das ungerecht, schließlich war ich kein Halbstarker, sondern ein ganz Schwacher. Ich klaute nicht, schrieb gute Noten, trug für damalige Verhältnisse kurzes Haar und rauchte nicht einmal Marihuana. Auch sexuell war ich sehr zurückhaltend. Genau genommen hatte ich noch mit keinem Mädchen geschlafen, nur Monika, die Tochter des Weinhändlers Wiesler, hinter einem Wohnwagen geküsst, wofür mich meine Mutter mit dem Teppichklopfer verprügelt hatte.
Dass ich mich vom schüchternen Außenseiter in einen stadtbekannten Rebellen verwandelte, begann, wie vieles im Leben, mit einem Buch – einem kleinen, roten, das sich in die Gesäßtasche der Jeans stecken ließ. Es hieß »Worte des Vorsitzenden Mao Zedong« und wurde im Westen als »Mao-Bibel« bezeichnet. Ich fand es im Bücherregal meines Vaters Leif Geiges, eines freischaffenden Fotografen. Vor 1933 hatte er dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands angehört. Danach hielt er sich von Politik fern, verachtete aber die Nazis und wurde als Deserteur kurz vor Kriegsende in Abwesenheit zum Tod verurteilt. Deshalb und wegen seines weichen Gemüts war er linken Ideen und auch der »Mao-Bibel« gegenüber tolerant.
Als Zwölfjähriger las ich sie im Pausenhof, während andere kickten oder Mitschülerinnen anmachten. Ich hatte schon damals gehört, im fernen China würden Millionen Jugendliche mit diesem Buch in der Hand durch die Straßen ziehen, sich in einer Kulturrevolution erheben. Nichts wusste ich von dem damit verbundenen Morden und Foltern. Ich stellte mir Mao als einen Robin Hood der Neuzeit vor, der von den Reichen nahm und den Armen gab. Mir gefiel die blumige Sprache in Maos kleinem, rotem, Buch, etwa »Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen«. Unbekannt war mir damals, dass »Gewehr« auf Chinesisch qiang heißt, was umgangssprachlich auch für Penis verwandt wird. Mao ließ sich junge Tänzerinnen vom Land als Bettgespielinnen zuführen. Manchmal trieb er es mit drei oder vier von ihnen gleichzeitig. In der Großen Halle des Volkes feierte er Sex-Orgien mit Konkubinen, für ihn war dort ein Gemach speziell zu diesem Zweck eingerichtet, genannt »Konferenzraum 118«. Er umgab sich mit Geliebten, einer Dolmetscherin, einer Krankenschwester, einer Zugbegleiterin und vielen anderen. Eine von ihnen, Zhang Yufeng, vertrat ihn am Ende sogar auf den Sitzungen des Politbüros. Ihre einzige Qualifikation: Im Alter von 18 Jahren arbeitete sie als Stewardess in Maos Sonderzug und wurde eine seiner Mätressen.
Wenn ich mit der »Mao-Bibel« in der Aula unseres Faust-Gymnasiums auf dem Boden kauerte, beschimpften mich Mitschüler als »rote Sau«. Die, die mir freundlich gesonnen waren, nannten mich »rote Ratte«. Die Zahl der »roten Ratten« wuchs in den nächsten Jahren an unserer Schule. Und ich wurde ihr Anführer. Wir streikten für kleine Schulklassen und erstritten ein Jugendzentrum am Ort. Wir verteilten Flugblätter gegen Atomraketen und demonstrierten auf dem Bauplatz des geplanten Kernkraftwerks Wyhl.
Meine Mutter Verena Geiges, geborene Zweifel, war eine ehemalige Stewardess und hatte meinen Vater im Flugzeug kennen gelernt. Die Schweizerin nach Staatsangehörigkeit und aus Überzeugung hielt nichts von meinem Engagement. »Du rennsch dir der Kopf ein«, schrie sie, während sie wutentbrannt und lautstark die Holztreppe in unserem dreistöckigen Haus auf- und ab rannte. Meine Schwester Ulla, später lange Jahre erfolgreiche Balletttänzerin und heute Choreografin, nahm schon damals jeden Tag Tanzunterricht. »Bei uns in der Familie schpinne’ sie alle«, sagte meine Mutter den Nachbarn. »Bei der Tochter isch es das Ballett, beim Sohn isch es der Kommunismus.«
erstellt am: 26.08.07
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