Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Beamte und Menschen - Menschliche Kurzgeschichten
von Gogolin, Wolfgang A. (Deutschland)

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Genre:

Kurzgeschichten

Stichwörter:

Beamte, Menschen

Verlag:

traveldiary.de Reiseliteraturverlag

ISBN:

978-3-937274-98-0

Format:

kartoniert, 110 S.

Erscheinungsjahr:

2007

Preis:

€ (D) 7,90



Buchbesprechung

Witzig, geist- und ideenreich spießt Gogolin das Menschliche mit spitzer Feder auf. Er kann mit der Sprache spielen, wie es nicht jeder kann – und das macht den Schriftsteller aus, den Künstler mit der Feder.
Eine Lektüre, bei der man so richtig die Seele baumeln lassen kann.


Inhalt:
Ohne Zweifel sind Beamte ganz normale Menschen, Menschen so wie Du und ich. Also - eigentlich mehr wie Du!
Wer daran ernstlich Zweifel hegt, wird mit diesen Geschichten von Offenbarungen im Rathaus, von Beamten-Mikado, von einem unnachsichtigen Richter und von Gelüsten unter Palmen mit streng erhobenem Zeigefinger eines Besseren belehrt.
Zur Entspannung sind auch ein paar beamtenfreie Geschichten dabei.

Der Autor:
Wolfgang A. Gogolin
, geboren 1957 in Hamburg.
Nach dem Studium in Berlin war er lange Zeit als Rechtspfleger und Standesbeamter tätig, heute ist freier Redakteur in der Hansestadt.
Er ist Mitglied der Literatengruppe WortWerk (www.wortwerk-hamburg.de).

Mehr über den Autor in Wikipedia

Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Beamte und Erotik
Weitere „Bonbons“ von Gogolin unter:
www.wortwerk-hamburg.de
und
www.beamte-und-erotik.de

Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Die indische Massage

Meinen letzten Kurzurlaub verbrachte ich mit Dieter in Husum, der grauen Stadt am Meer. Am besten gefiel uns Husums Brauhaus, wo seit 1991 ein süffiges Bier gebraut wird. So frisch es auch sein mochte, am nächsten Morgen brummte mein Schädel und ich schwor dem Teufel Alkohol für alle Zeiten ab. Nach dem Frühstückskaffee ging es ein wenig besser. Dieter wies auf ein pastellfarbenes Schild in der Hotelhalle, das mit verschnörkelter Schrift „ayurvedische Massage" anpries, für nur neunzig Euro pro Stunde „inklusive Kräutertee". Er meinte grinsend, dafür würden „auf der Reeperbahn Sonderwünsche inklusive Natursekt" erfüllt. Danach stand mir der Sinn jedoch nicht und ich buchte nach einiger Überlegung an der Rezeption die indische Massage.
Kurz vor Mittag war es soweit, die Masseurin empfing mich schüchtern lächelnd im Wellnessbereich. Sie sah gar nicht richtig indisch aus, sondern blond und blass und ein bisschen verhungert, wie man es von körnerpickenden Hardcore-Vegetariern kennt. Verhaltene, melodiefreie Entspannungsklänge und von Teelichtern erwärmtes Sesamöl verklumpten mein Gehirn in Tateinheit mit Restalkohol derart, dass ich den Ausführungen der Dame kaum zu folgen vermochte.
„Für die ayurvedische Massage ist ein Verständnis des gesamten Systems notwendig. Öle und Techniken zu verwenden, mag sich zwar angenehm anfühlen, wird aber die drei Doshas nicht ausgleichen", erklärte sie ernsthaft.
„Moment", unterbrach ich verwirrt, „was sind denn Doschasse? So was hab' ich überhaupt nicht!"
Vera, so hieß die zierliche Masseurin, ließ sich jedoch nicht aus dem Konzept bringen:
„Das Ziel der Massage besteht darin, das Vata Dosha zu harmonisieren. Dazu muss zunächst Prakruti bestimmt werden, gefolgt von Vrakruti, um dann die Pitta- und Kaphakräfte zu regulieren. "
Ich war sprachlos.
Vera holte einen Fragebogen hervor und erkundigte sich einfühlsam nach meinem Befinden, Alkoholkonsum, nach vielleicht vorhandenen Gallensteinen und Allergien.
„Sie sind eindeutig ein Vata-Typ!", erklärte sie nach meinen Antworten strahlend.
„Ich bin ein Batterietyp?", hakte ich zweifelnd nach.
„Nein", lachte sie, „der Vata-Typ ist einfallsreich, empfindsam, spontan, flexibel und heiter. Es sind Menschen, die eine zarte Natur besitzen, musisch veranlagt und sehr feinfühlig sind. Sie lieben geistreiche Gespräche, verstehen es, eine Konversation lebendig und ideenreich zu gestalten, lesen gerne und befassen sich eher mit geistigen Dingen. " Damit konnte ich leben. So bin ich.
„Wenn Sie kein Problem damit haben — diese Massage wird eigentlich unbekleidet durchgeführt.“
„Ich habe damit kein Problem!"
„Gut!", sagte sie, zog sich aber nicht aus. Also entledigte ich mich des hoteleigenen Bademantels sowie meiner modischen Calvin-Klein-Unterwäsche und legte mich bäuchlings auf die Liege. Ich konnte sogar völlig plan liegen, weil das Kopfkissen ein großes Loch für Mund, Nase und Augen hatte und den Blick auf den gänzlich unayurvedischen, grauen PVC-Boden freigab.
„Es gibt drei Arten der Berührung, die mit den drei Gunas - Sattva, Rajas und Tamas korrespondieren und die bei Ab-hyanga und Snehana eingesetzt werden, um Ojas zu stärken", bekam ich zu hören, während sie mich sanft mit warmem Öl einrieb und mit kreisenden Bewegungen streichelte. Das fühlte sich schön an, wenn ich mich auch fragte, weshalb ich unbekleidet daliegen musste, denn die wirklich sensiblen Stellen sparte sie offenbar absichtsvoll aus. Vielleicht gab es keinen indischen Ausdruck dafür.
Irgendwann sollte ich mich umdrehen. Einem Poster an der Wand war zu entnehmen, dass neben Kräutertee auch „Frauentee" feilgeboten wurde. Das „facettenreiche Wesen der Frau" hätte „zu diesen zauberhaften Teemischungen inspiriert". Zur Auswahl standen „Frauenbalance (Beutel)", „Frauen-Fitness (Beutel)" und, natürlich, „Frauen-Power (Beutel)". Der Frauenbalancebeutel wollte „Frauen eine verlässliche Freundin sein im zyklischen Auf und Ab ihres Lebens", der Fitnessbeutel sollte gegen fetten Wabbelbauch helfen und der Powerbeutel mit fruchtig-lieblichem Tee war „der Kraft der Frauen gewidmet und möchte sie feiern und verehren".
Nach einer knappen Stunde war ich beinahe eingeschlafen, Vera hatte auch meine Kopfhaut üppig mit Sesamöl beschmiert und ich duftete wie ein hochkonzentriertes Chinarestaurant. Schließlich servierte sie das versprochene Tässchen mit zuckerfreiem Kräutertee — oder war es Frauentee? Husumer Bier schmeckt jedenfalls um Klassen besser.
„Am gesündesten ist eigentlich heißes Wasser", belehrte mich Vera abschließend, „es sollte zehn Minuten lang köcheln, damit sich die molekulare Struktur des Wassers ändert. Ein Liter jeden Tag, schlückchenweise getrunken, ist völlig ausreichend!" Ich lächelte schwach, gab ihr neunzig Euro und zog ernsthaft in Erwägung, Dieter doch noch nach den Einzelheiten des Reeperbahnangebotes mit Sonderwünschen zu befragen.


erstellt am: 26.08.07

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