Buchbesprechung Auszüge aus der Rezension von Prof. Dr.- Ing. Manfred Klinkott:
(Kunstchronik Heft 2 Februar 2002 Hrsg. Zentralinstitut für Kunstgeschichte)
Die verdienstvolle Monographie des russischen Bauhistorikers Sergej Fedorov über den badischen Baumeister und Ingenieur Wilhelm von Traitteur in russischen Diensten ist einem bisher so gut wie unerforschten Thema gewidmet. ….
Im Sinne des Untertitels behandelt Fedorov mit Traitteurs Lebenswerk zugleich die Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen im Bauwesen in der 1. Hälfte des 19. Jh.s.
……
Die Arbeit von Fedorov ist keine biographische Abhandlung. Sie folgt also nicht den Lebensdaten, um dann nach Jahren die einzelnen Bauten zeitlich geordnet zu beschreiben. Das wäre auch kaum möglich, da sich nach 1822 Traitteurs Tätigkeit dermaßen erweiterte, daß sich Planungen und Bauausführungen überschnitten. Vieles mußte gleichzeitig erledigt werden. So hat Fedorov seine Monographie nach Projekten gegliedert. Zuerst aber geht er einleitend auf die Quellenlage ein, auf den bisherigen Bekanntheitsgrad von Traitteur, Verwechslungen infolge falscher Namensschreibung und fehlerhafte Zuordnungen in der bau- oder kunsthistorischen Literatur. Er erinnert als historische Voraussetzung der deutsch-russischen Beziehungen an die dynastischen Verflechtungen zwischen dem Hause Baden und dem St. Petersburger Kaiserhof. Es folgt eine knapp gehaltene Beschreibung der ersten Schritte Traitteurs in seiner beruflichen Laufbahn.
…….
In einem zussammenfassenden Kapitel über die technische und architektonische Bedeutung der Bauten unternimmt Fedorov eine Bewertung des vielseitig begabten Ingenieurs. Dies ist notwendig, da zuvor schon in der stilistischen Einordnung die Begriffe »Spätklassizismus« oder »Frühromantik« gebraucht wurden und wir uns aus westeuropäischer Sicht nach der Richtigkeit dieser angewandten Definitionen fragen müssen. Wieso löst die eine Formensprache die andere ab? An Schinkel orientiert, sehen wir in »unserer« Baukunst keine zeitliche Abfolge. Beides findet sich nebeneinander und durchzieht in unterschiedlichen Ausprägungen das Lebenswerk auch anderer deutscher Architekten. Was bedeutet überhaupt das Wort »Spätklassizismus«, und wie ist diese Stilbezeichnung im gesamteuropäischen Rahmen zu fassen oder gar zu datieren? Traitteurs Tätigkeit fällt hauptsächlich in die 20er Jahre, eine Zeit, die etwa mit Schinkel klassizistische Bauten und Projekte entstehen ließ, die wir nicht als Spätwerke dieser Richtung bezeichnen würden. Es ist die Blüte einer romantisch-hellenischen Renaissance, die mit den Idealentwürfen für Athen und Orianda, schließlich auch mit Klenzes Eremitage in St. Petersburg Höhepunkte erreichte.
Doch die Phasen in Rußland müssen wohl anders unterschieden werden. Der Frühklassizismus unter Katharina II. ist von jenem nach den napoleonischen Kriegen zu unterscheiden. Und in dieser späteren Zeit unter Alexander I. war Carlo Rossi mit seinem einheitlich geprägten Monumentalklassizismus so dominierend, daß andere Tendenzen sich kaum durchsetzen konnten. Traitteur versuchte dennoch, mit dem neuen Baumaterial Eisen eine besondere Formensprache zu finden. Fedorov bezeichnet sie als »romantisch«. Damit ist nicht allein der Rückgriff auf gotisierendes oder altägyptisches Dekor gemeint. Hier zeigt sich die romantische Haltung mit dem filigranen Gitterwerk der »Pylonen«, dem zarten Gespinst der Kettenkonstruktion, der Tiefenstaffelung hintereinander abfolgender Schichten, die durchschaut und dann durchschritten werden können. Mit der Fülle an Informationen durch das so reichlich zusammengetragene Archivmaterial entstand eine mit Spannung zu lesende Monographie, die stets die nachgewiesenen oder vermuteten Kontakte zwischen Rußland und den westeuropäischen Staaten im Auge hat. Das flüssig und lebendig mit vertiefenden Anmerkungen geschriebene Buch wurde in russischer Sprache verfaßt. Die deutsche Übersetzung von Doris Schwarz ist vorzüglich gelungen, auch wenn es dabei zu einigen kleinen Mißverständnissen kam. Die »Leibgarde des Kavalleriejägerregiments« und das »Kavalleriegrenadierregiment« lassen nicht nur den Kenner der altrussischen Armee und speziell der Gardetruppen etwas schmunzeln. Aus der Umgangssprache wurden etwas zu häufig die Vokabeln »erstellen« und »praktisch« übernommen - praktisch als Füllwort auch dort, wo es sich durchaus nicht um praktische Lösungen handelt. Aber das sind belanglose Kleinigkeiten, die den Wert des Buches nicht mindern.
Der Brückenschlag zwischen Westeuropa und dem russischen Reich war in diesen Generationen intensiver, als die neuere westliche Forschung wegen der bekannten politischen und Sprachbarrieren zur Kenntnis genommen hat. Hier ist an einen zehn Jahre älteren Architekten zu erinnern, dessen Karriere in vieler Hinsicht mit jener Traitteurs vergleichbar ist: Carl Ludwig Engel (1778-1840). Der Eleve der Berliner Bauakademie, 1809 Stadtarchitekt von Reval, studierte 1814/15 die St. Petersburger Ausprägung des Klassizismus am Ort und zog durch Entwürfe die Aufmerksamkeit des Zaren auf sich. In Finnland, seit kurzem russischer Vasallenstaat (autonomes Großfürstentum) mit der Hauptstadt Helsinki, machte er ab 1816 Karriere und wurde 1824 Intendant der öffentlichen Bauten des Landes.
Durch ihn setzte sich - ganz im Sinne der zaristischen Kulturpolitik - der Petersburger Stil in Finnland durch. Die besonderen Herausforderungen seines Wirkungskreises regten auch ihn zu beeindruckender Vielseitigkeit an: er schuf lutherische und orthodoxe Kirchen, öffentliche und private Bauten aller Art, urbanistische Großplanungen wie die zum Wiederaufbau der 1827 brandzerstörten Stadt Åbo/Turku, dazu bautechnische Publikationen (z. B.: Anleitung zum Bau des Russischen Stubenofens..., Berlin 1821). Und auch er war lange, wenn auch nicht so drastisch wie Traitteur, von der westlichen Forschung vernachlässigt (vgl ….). So wird zur Zeit auch auf dem Gebiet der Baugeschichte der überfällige deutsch-russische Brückenschlag vollzogen, indem man sich der früheren Verbundenheit in Kunst und Wissenschaft besinnt.
Inhalt:
Die vorliegende Monographie beschäftigt sich mit dem praktisch unerforschten Gebiet der Entstehung und Entwicklung deutsch-russischer Architektur- und Ingenieurbeziehungen, insbesondere der 18jährigen Petersburger Schaffensperiode Wilhelm von Traitteurs. Daß dieser 1788 in Mannheim geborene und 1859 auch dort gestorbene Baumeister in der westeuropäischen Baugeschichte bis jetzt so gut wie unbekannt war, dürfte auch mit seinem ungewöhnlichen Werdegang zusammenhängen. Anfang 1814 reiste der 25jährige Traitteur auf eine persönliche Berufung Alexanders I. hin nach Rußland. St. Petersburg bot Traitteur als seinerzeit größte Baustelle Europas die Möglichkeit, in ständigem Austausch mit führenden europäischen und russischen Architekten und Ingenieuren, vor allem mit dem Begründer des Russischen Corps der Verkehrswegeingenieure, dem Spanier Augustin de Betancourt, zu arbeiten. Traitteurs Hauptwerk, das ihn in die bautechnische Avantgarde Europas aufsteigen ließ, sind zweifelsohne seine in den Jahren 1823-1826 entworfenen Eisenkettenbrücken. Das vom russischen Amt für Verkehrswege und dessen Leiter Herzog Alexander von Württemberg initiierte Programm zur Errichtung der ersten Kettenbrücken in St. Petersburg ist dabei als Teil eines europaweiten Experimentierens mit neuen Hängekonstruktionstypen zu sehen. Daneben war Traitteur bekannt als Architekt, Zeichner und Mitbegründer der Lithographie in Rußland.
In diesem Buch wird der Rahmen einer konventionellen Architektenbiographie gesprengt, bisher wenig bekannte Aspekte der Petersburger Baugeschichte werden als Teil der gesamteuropäischen Baukunst jener Zeit behandelt. Dazu zählen die Übermittlung neuer Erkenntnisse auf dem Gebiet des Bauwesens von Frankreich und den südwest-deutschen Ländern nach Osteuropa, wie auch die Ausbildung der Grundlagen der Eisenarchitektur - eines der wichtigsten Phänomene der Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts.
Der Autor:
Dr.- Ing. Sergej Fedorov; Studium der Architektur und des Bauingenieurwesens am Leningrader Institut für Civil Ingenieure.
1980–1990: wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Forschungsinstituten LenZNIIEP (Leningrader Entwurfsinstitut für Rahmen- und Experimentalplanung von öffentlichen Gebäuden und Wohnhäusern), ZNIITIA, Moskau (Zentralforschungsinstitut für Theorie und Geschichte der Architektur und des Städtebaus), LenNIITAG (Forschungsinstitut für Theorie und Geschichte der Architektur und Städtebau, Abteilung Leningrad). Post-Graduate-Studiengang (Aspirantur) am Zentralinstitut für Theorie und Geschichte der Architektur (CNIITIA, Moskau).
Seit 1991 tätig an Forschungsinstitutionen in Deutschland. 1992–2000 Projektkoordinator und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für leichte Flächentragwerke der Universitäten Stuttgart (SFB 230 „Natürliche Konstruktionen“) und am Institut für Baugeschichte der Karlsruhe (SFB 315 „Erhalten historisch bedeutsamer Bauwerke“).
1997 Promotion an der Universität Karlsruhe im Fach „Baugeschichte“.
2000–2004 Konzeption und Bearbeitung des eigenständigen DFG-Projekts "Bayerisch-russische Architektur- und Ingenieurbeziehungen 1800-1850" am Osteuropa-Institut München. Seit 2004 Lehr- und Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Architektur des 20. Jhds. am Institut für Baugestaltung und Baukonstruktion der Fakultät für Architektur der Universität Karlsruhe.
Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Carl Friedrich von Wiebeking und das Bauwesen in Russland
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Traitteur, Panteleimonbrücke über die Fontanka in St. Petersburg, 1823–1824.
Blick vom Sommer-Garten zum gegenüberliegenden Fontanka-Kai,
Lithographie Karl Beggrov nach Vorlage Traitteurs.

Die Ägyptische Brücke über die Fontanka in St. Petersburg,
Traitteur, 1825-1826, Lithographie A. Pluchart

Tierfiguren der Greifenbrücke über den Katharinen-Kanal
von P.P. Sokolov, 1825-1826. Photographie um 1900

Die Greifenbrücke über den Katharinen-Kanal in ihrer städtischen Umgebung.
Lithographie von Karl Beggrov, um 1828

Wilhelm von Traitteur, Porträt von unbekannter Hand.
Öl auf Leinwand, H. 54,7 cm, B. 44 cm, vermutlich 1814-1816 in St. Petersburg
|