Buchbesprechung Nicht zum ersten Mal beweist Gregor Schmid mit diesem Bildband, dass er ein begnadeter Fotograf mit dem Gespür für das gewisse Etwas ist. Besonders für die, die diese Schlösser schon in natura gesehen haben ist der Bildband ein doppelter Genuss mit ganz sicher ein klein wenig Wehmut – es ist leider doch ein bisschen weit weg (fürs Wochenende).
Der begleitende Text von Frau Dr. Heresch ist sehr wohltuend, denn sie schafft es das Wichtige mit mehr Flair und Hintergrundwissen so darzubieten, dass es spannend zu lesen ist, und man doch auch wieder ein klein wenig dazugelernt hat.
Auch bei mir kommen natürlich beim Betrachten der Bilder Erinnerungen hoch:
Zum ersten Mal kam ich nach Gatschina 1992, die Parkanlagen, der Schlosshof und auch viele Innenräume waren noch längst nicht wieder hergerichtet, hatten sich weder vom 2. Weltkrieg noch vom Kommunismus erholt – ich konnte es eigentlich nur betreten, weil ich eine anerkannte Kunsthistorikerin dabei hatte. In einem der großen Treppenaufgänge stockte mir plötzlich der Atem: Zwischen den Schäden an der Wand, kräftig hineingekratzt, Reste aus der Vergangenheit „Wir kommen wieder!!!!“ und Hakenkreuze. Ich glaubte mich 50 Jahre zurückversetzt und meinte, die abziehende Wehrmacht noch zu spüren.
Eine weitere, diesmal schönere Episode:
Ein, zwei Jahre später besuchten wir mit meiner ältesten Tochter Peterhof. In dem dazugehörenden riesigen Landschaftspark, dem Alexandra-Park, stießen wir auf eine versteckt liegende Villa in neugotischem Stil; verblüfft erfuhren wir, dass hier in diesem genannt Cottage-Palais Zar Nicolaus II., der gern einfacher lebte, mit seiner Familie die Sommermonate verbrachte. Wieder einmal dank unserer Kunsthistorikerin wurden wir eingelassen und durften die Villa besichtigen. In einem der Räume – war es das untere Arbeitszimmer oder die Bibliothek oder gar das obere Arbeitszimmer des Zaren mit dem fantastischen Blick aufs Meer, ich weiß es nicht mehr – stand ein Flügel. Der uns begleitende Kustos erklärte uns, das sei das Klavier von Nikolaus II., der gern darauf gespielt habe; deswegen werde es auch ständig gepflegt. Meine Tochter, damals mitten im Gesangsstudium, war begeistert, es juckte sie in den Fingern; das Unglaubliche geschah, ….. sie durfte darauf spielen!
So hat meine Älteste auf dem Flügel des letzten Zaren das Hauptthema aus dem Phantom der Oper gespielt. Eine dramatische Musik zu einer dramatischen Vergangenheit!
Sie und auch mich überläuft es noch heute heiß und kalt, wir bekommen eine Gänsehaut, wenn wir daran zurückdenken.
Wer kann das von sich sagen: Ich habe auf dem Klavier des letzten Zaren, Zar Nikolaus II., (für den Zaren) gespielt.
Inhalt:
Peterhof, Gatschina, Oranienbaum, Pawlowsk, Katharinenpalast, Alexanderpalast:
Prachtvolle Bauwerke und wunderschöne Parkanlagen - der unübertroffene Glanz der Zarenschlösser rund um St. Petersburg, eingefangen in meisterhaften Fotos, mit informativen Texten sowie historischen Fotografien und Bildern über das Leben an den Zarenhöfen und eine Zeit, in der sich Russland nach Europa öffnete und zur Weltmacht aufstieg.
Die Historikerin Elisabeth Heresch und der Fotograf Gregor M. Schmid präsentieren nicht nur beeindruckende Fotos der Paläste in ihrem heutigen musealen Zustand, sondern zeigen anhand von Geschichten, Anekdoten und historischen Bildern, dass die Pracht dieser Bauten einst mit Leben erfüllt war, dass dort Menschen die Geschicke Russlands lenkten, ihr Glück genossen und unter furchtbaren Tragödien litten.

Mit Zar Peter dem Großen betritt Russland die Weltbühne der Politik, unter seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern - von Elisabeth über Katharina die Große bis hin zu Alexander I. - spielt es eine Hauptrolle in der bewegten europäischen Geschichte. Nach außen manifestiert sich diese neu gewonnene Größe in einer Reihe von Schlössern und Palästen, mit denen die russischen Herrscher den weiteren Umkreis ihrer Hauptstadt Petersburg für das höfische Leben erschlossen. Diese sind wegen der unvergleichlichen Pracht ihrer Architektur, ihrer Gärten und ihrer Inneneinrichtung bis heute weltberühmt.
Üppige Kaskaden, eine Fülle goldener Wasserspeier, endlose Alleen durch in englischem Stil angelegte Gärten, Säle in überbordendem barocken Schmuck mit erlesener Ausstattung, dazu mit einzigartigem Porzellangeschirr gedeckte Festtafeln locken Besucher aus aller Welt an. Namen wie Pawlowsk, Gatschina, Katharinen- und Alexanderpalast markieren die Glanzpunkte der höfischen Kunst und Architektur des 18. und 19. Jahrhunderts.

Der Autor:
Gregor M. Schmid, geboren in Augsburg, war nach einer grafischen Ausbildung als Kunsterzieher tätig. Als freiberuflicher künstlerischer Fotograf hat er bereits eine Vielzahl von Bildbänden veröffentlicht sowie Beiträge zu internationalen Zeitschriften und Magazinen. Mehrere Ausstellungen im In- und Ausland.
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Die Autorin:
Dr. Elisabeth Heresch ist Slawistin und Dolmetscherin für Russisch und war unter anderem für die Osteuropa-Abteilung der UNESCO tätig. Sie hat bereits zahlreiche Bücher publiziert. Elisabeth Heresch lebt in Wien und ist eine genaue Kennerin der russischen Geschichte, besonders der Zarendynastie.
Alle Veröffentlichungen der Autorin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Vorwort
Die Geheimnisse der Kunst sind die Geheimnisse des Lebens - das gilt zweifellos für die Zarenschlösser bei Sankt Petersburg: spiegeln sich doch darin nicht nur die Persönlichkeiten ihrer Bauherren und ihr Geschmack, ihre Bedürfnisse, ihre Träume, sondern auch der Lauf der Geschichte vom Werden des russischen Reiches seit Peter dem Großen. Die Gesamtheit der hier durchstreiften Schlösser von Peterhof über Gatschina, Oranienbaum, Pawlowsk, den Katharinenpalast bis zum Alexanderpalast spannt einen Bogen, der den Weg vom glanzvollen Aufstieg bis zum Untergang einer großen Zivilisation und Herrschergeschichte nachzeichnet. Diese Welt atmet westliche Kultur mit all ihren Attributen bis hin zur Rückbesinnung auf die Antike, deren steingewordene mythologische Figuren die Parks bevölkern und deren Götter über das Areal herrschen. Russisch sind die Dimensionen - im Ausmaß und in der verschwenderischen Fülle an Kostbarkeiten, die diese Schlösser zu so unverwechselbaren Zarenresidenzen machen. Sie stehen für den unerschöpflichen Reichtum Russlands und die Großzügigkeit seiner Herren im Umgang damit. Schon zuvor, unter den Zaren Iwan III. und IV., waren italienische Baumeister und Künstler nach Russland gerufen worden, hatten sich jedoch noch damit begnügen müssen, den traditionellen russischen Stil ihrer Bauherren zu wahren; immerhin gelang es ihnen, mit dem Geist der italienischen Renaissance indirekt selbst die russische Ikonenmalerei zu inspirieren, die, an jahrhundertealte strenge kanonische Regeln gebunden, in unerschütterlicher Gelassenheit erstarrt war: Nun plötzlich lag über dem Antlitz mancher Engel ein Lächeln...
Auch in Russland entschied sich die Frage über die Erweiterung des Reiches und die Konsolidierung seiner Macht zur See. Peter der Große fand eine Kontinentalmacht vor. Sie auch zur Seemacht zu führen, war sein Ziel. Das Instrument dazu war eine machtvolle Flotte, und mit seinen im Ausland erworbenen Kenntnissen über den Schiffsbau verwirklichte er den russischen Traum. Zunächst gelang ihm das im Norden, wollte doch Peter, schon als Kind gemeinsam mit seinem Bruder in Moskau zum Zaren gekrönt, der archaischen, nach Osten orientierten Welt entfliehen und mit dem Seeweg seinem Land ein Tor zum Westen öffnen. Mit der Errichtung der Peter-und-Pauls-Festung um 1703 legte er den Grundstein für die Sicherung des Newadeltas und seine neue Hauptstadt Petersburg. Schlacht um Schlacht erkämpfte er den ursprünglich finnisch besiedelten, seit 1617 schwedischen Landstreifen im Nordwesten Russlands und den Finnischen Meerbusen.
Zugleich mit dem Bau der Festung von Kronstadt als Verteidigungsanlage gegen etwaige Angriffe der Schweden teilte Peter das neu gewonnene Land in einzelne Besitzungen auf, um es durch die Errichtung von Palastanlagen zu sichern. Das Territorium von Gatschina schenkte er seiner Schwester Natalja Alexejewna, jenes von Oranienbaum seinem Freund und Mitstreiter Menschikow, das Areal für den späteren Katharinenpalast seiner Frau Katharina I. Das, was sich zur prunkvollen Anlage von Peterhof entwickeln sollte, hatte Peter ursprünglich nur als Anlegestelle vorgesehen, als mit einer schlichten Behausung für Rast und Nächtigung ausgestatteten Stützpunkt vor und nach der Fahrt durch die launischen Gewässer nach Kronstadt. Wieder für seine Frau Katharina wurde auch dort die erste Palastanlage errichtet. Die Schlösser entstanden in ihrer ursprünglichen Form in den zwei Jahrzehnten zwischen 1705 und 1723. Nur Pawlowsk und der Alexanderpalast gehen auf die Regierungszeit Katharinas II. zurück, die ersteres ihrem Sohn schenkte und letzteren für ihren bevorzugten Enkel Alexander - den späteren Zaren Alexander I. - bauen ließ. Katharina II., auch »die Große« genannt, prägte die beiden großen Paläste am nachhaltigsten. Was Peter im Norden erreicht, was ihm als Herrscher internationales Ansehen beschert und im Ausbau seines Meerschlosses Peterhof seinen Ausdruck gefunden hatte, das setzte Katharina im Süden fort: Mit ihren Siegen gegen die Türken und die Eroberung der nördlichen Schwarzmeerküste weitete sie die Grenzen des Reiches weiter aus und sicherte sie mit der Schwarzmeerflotte. Und wieder spiegelten sich die Triumphe in der prunkvollen Ausgestaltung ihrer Paläste und deren Anlagen wider. Blau und Grün, die Farben des Meeres, tragen seitdem die offiziellen Gebäude und Paläste Petersburgs. Seit Peter dem Großen haben ihre Mauern viele Zaren kommen und gehen gesehen: seine Gemahlin und Nachfolgerin Katharina I., seine Nichte Anna Iwanowna, seine Tochter Jelisawjeta Petrowna, Peter III. und schließlich Katharina II. die Große, ihren unglücklichen Sohn Paul ., dessen Söhne Alexander, den Sieger über Napoleon und Nikolaj I., den gefürchteten Autokraten, Alexander II., den »Befreierzaren«, der die Leibeigenschaft aufhob, Alexander III., den »Friedenszaren«, unter dem es keine Kriege gab - und schließlich Nikolaj II., der den Umständen seiner Zeit und seinen politischen Gegnern nicht gewachsen war. Glanz und Untergang lagen so nahe beieinander wie der Katharinen- und der Alexanderpalast. Dieser war auch Schauplatz der Tragödie vom Untergang des Zarenreichs. Es mag wie eine Ironie der Geschichte anmuten, dass der erste Herr dieses Hauses, Alexander I., zur Zeit der geistigen Hochblüte Russlands, dem so genannten »goldenen Zeitalter«, das geprägt war von Gelehrten und Künstlern bis zum Dichter Alexander Puschkin, den Palast betrat. In der Ära des letzten, Nikolaj II., herrschte das »Silberne«: eine Phase wirtschaftlicher Prosperität, wie Russland sie nie zuvor gekannt hatte.
Die Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert war von einer kulturellen Vielfalt begleitet, auf die keine andere Kultur bisher eine künstlerische Antwort gefunden hat. Die bedeutendsten Künstler, Schriftsteller, Regisseure, Ballettkünstler, Komponisten und Pianisten wurden in jenen Jahre hervorgebracht, und die Schöpfungen der russischen Avantgarde (vor 1914!) gelten nach wie vor als erstaunlichste Leistungen in der Kunst. In Petersburg feierte man Schaljapin; in den Lokalen tanzte man zu Zigeunermusik, und selbst ausländische Gäste weinten bitterlich zu den herzzerreißenden Gesängen von Folklorekünstlern, selbst wenn sie kein Wort verstanden.
Seit 1789 hatte man in Russland das Gespenst einer Revolution gefürchtet, und jeder Zar seit Katharina II. hatte auf seine Weise versucht, es zu bannen. Umso erschrockener reagierte man auf manches Phänomen, das als böses Omen ausgelegt werden konnte. So fiel nachträglich auf, dass Paul I., der einem Mordkomplott zum Opfer fiel, von Ludwig XVI. ein Schwert als Geschenk erhalten hatte; die letzte Zarin anlässlich eines französischen Staatsbesuchs einen Gobelin nach dem berühmten Gemälde der Marie Antoinette von Vigee-Lebrun; Zar Nikolaj II. war der einzige Monarch, der seit Ludwig XVI. den französischen Kriegshafen Cherbourg besuchte, und als in der Zeit, in der die Zarenfamilie bereits unter Hausarrest stand, der Palastkommandant sie mit den so beliebten Filmvorführungen unterhalten wollte, brach zu seinem Entsetzen auf dem ausgewählten Streifen ausgerechnet die Französische Revolution aus...
Das Ende des Zarenreichs und selbst das der Zarenfamilie war geplant und mit präzisem Kalkül ausgeführt, erdacht und finanziert von außen, umgesetzt von innen, von Russen im eigenen Land. Von dem, was die Zaren in ihren Schlössern umgeben hatte, ist nur ein Bruchteil geblieben - Schatten der Erinnerung an eine glanzvolle Vergangenheit. »Schönheit wird die Welt retten« hat Dostojewskij prophezeit. Soweit das schöne Dinge betrifft, setzt es wohl voraus, dass ihnen mit Aufmerksamkeit Reverenz erwiesen wird, wie es hier geschieht. Selbst wenn sie nur dazu da sein sollten, den Betrachter mit ihrer Schönheit in ihren Bann zu ziehen - wäre das nicht schon genug?
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