Buchbesprechung Eine Sammlung ergreifender Arbeiten und ein bemerkenswertes Projekt, das ein ganz wichtiger Mosaikstein in der Aufarbeitung unserer gemeinsamen Vergangenheit ist.
Inhalt:
Deutsche und Russen verbindet eine seltsame Faszination: Ihr historisches Verhältnis ist von Leid und Schrecken geprägt, kennt aber auch Zeiten großer Nähe und Vertrautheit. Wie lebten die Menschen, die in diesen Mahlstrom geschichtlicher Umwälzungen gerieten?
»Unruhige Zeiten« erzählt in sechzehn Lebensgeschichten vom Überleben in Ausnahmesituationen, von Kriegsgefangenschaft und Deportation, von Repression und Verfolgung – aber auch von Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit, von Zuversicht und stillem Heldenmut.
Jugendliche aus Russland und Deutschland haben diese Erinnerungen aufgezeichnet. Ihre Beiträge sind bewegende Reflexionen einer jungen Generation, die ihren Blick auf die komplexen und tragischen Zusammenhänge der vergangenen Epoche richtet, um Wege für ein harmonisches Zusammenleben in der Zukunft zu finden.
Die Autoren:
Deutsche und russische Schüler der Oberstufe als Teilnehmer von Geschichtswettbewerben.
Die Herausgeberin:
Irina Scherbakowa, geboren 1953 in Moskau, ist promovierte Germanistin, Historikerin, Publizistin und Übersetzerin und lehrt am Zentrum für Erzählte Geschichte und visuelle Anthropologie der Moskauer Afanassjew-Universität. Für ihren Film »Alexander Men. Treibjagd auf das Sonnenlicht« (WDR 1993) wurde sie 1994 mit dem Katholischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Seit 1999 gehört sie dem Kuratorium der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar an. Irina Scherbakowa ist Koordinatorin des russischen Geschichtswettbewerbs für Jugendliche, der von der Menschenrechtsgesellschaft MEMORIAL seit 1999 jährlich ausgerichtet wird. Als Nichtregierungsorganisation setzt sich MEMORIAL für die Aufklärung der sowjetischen Repression und den Schutz der Menschenrechte im heutigen Russland ein. MEMORIAL ist Mitglied des europäischen Geschichtsnetzwerks EUSTORY der Körber-Stiftung.
Aus der Einleitung von Irina Scherbakowa
Konstrukteure der Erinnerung
Dieser Sammelband liefert den Lesern im besten Sinne des Wortes unmittelbare Einblicke in Ereignisse der deutschen und russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sehr schnell wird bei der Lektüre deutlich, dass hier nicht nur die Geschichte zweier verschiedener Nationen, sondern auch zwei Formen der Erinnerung an Geschichte präsentiert werden.
Die Besonderheit des vorliegenden Buches - denn natürlich hat es ähnliche Versuche schon öfter gegeben, es sei nur an Lew Kopelews bekanntes Projekt »West-Östliche Spiegelungen« erinnert - aber liegt darin, dass es hier Schüler aus Deutschland und Russland sind, die einzelne Ereignisse aus der gemeinsamen Geschichte beider Länder aus ihrer jeweiligen Perspektive darstellen. Ihre Texte sind das Ergebnis ernsthafter und umfassender Forschungsarbeit, die sie als Teilnehmer von Geschichtswettbewerben in Russland und Deutschland durchgeführt haben.
In Russland organisiert die Gesellschaft MEMORIAL als eine der bekanntesten Menschenrechtsorganisationen des Landes, die sich mit der Bewahrung der Erinnerung an Unterdrückung und Repressionen befasst, seit 1999 jährlich den russischen Geschichtswettbewerb »Der Mensch in der Geschichte - Russland im 20. Jahrhundert«. Und in Deutschland ist es die Körber-Stiftung, die bereits seit 1973 mit dem »Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten« Schüler und Jugendliche zu lokal- und regionalhistorischer Forschungsarbeit aufruft. Beide Wettbewerbe sind über EUSTORY, das europäische Netzwerk von Geschichtswettbewerben, das von der Körber-Stiftung koordiniert wird, seit einigen Jahren eng miteinander verbunden. Das Buch »Unruhige Zeiten« ist zugleich Ergebnis und Beweis dieser Verbundenheit.
Die Texte in diesem Band sind nicht einfach Schüleraufsätze, die das ergänzen, was in den Schulbüchern beider Länder zur deutschen und russischen Geschichte angeboten wird. Es sind vielmehr ernsthafte Reflexionen der jungen Generation Deutschlands und Russlands, die ihren Blick auf die schwierigen und tragischen Zusammenhänge der vergangenen Epoche richtet. Die Aufgabe, die sie sich gestellt hat, ist alles andere als einfach. Vieles von dem, was für die ältere Generation selbstverständlich ist, was sozusagen immer in der Luft lag - erhärtet durch die Erzählungen von Augenzeugen und durch eine immer noch lebendige Erinnerung an die 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts -, ist für die heutige Jugend bereits historisch geworden, nahezu eine fremde Welt, in die sie sich mühsam hineinfinden muss. Umso interessanter ist es zu beobachten, wie diese jungen Menschen sich mit einer schon fernen Vergangenheit auseinander setzen, wie sie die Erinnerung daran wieder zum Leben erwecken.
Sie treten ein schwieriges Erbe an, denn die Vergangenheit unserer beiden Länder ist nicht nur voll tragischer Ereignisse, sie hat auch Mythen und Vorurteile geboren, Klischees und Stereotype, die bis heute weiterwirken. Mit viel Engagement und großem Einsatz haben sich die jungen Autoren dieses Buches auf ihre historische Spurensuche begeben - als Laienforscher, die bei ihrer Arbeit nicht der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn, sondern das Interesse an der menschlichen Dimension der Geschichte antreibt. Die hier versammelten Wettbewerbsarbeiten sind dennoch Beiträge zur Forschung, wenn auch nicht im Sinne einer Zusammenfassung oder Diskussion des aktuellen Forschungsstandes. Ihre Leistung besteht vielmehr darin, durch eigene Forschung - jenseits von Methodendiskussionen und wissenschaftlichen Apparaten -, durch direkte Anschauung den Blick für eine eigene, menschlich-persönliche Sicht auf Geschichte zu öffnen. Dieses Interesse am Menschen und an seinem Schicksal in »Unruhigen Zeiten«, das in allen Texten spürbar ist, macht die Besonderheit dieses Buches aus.
Es ist kein Zufall, dass sich dieses Buch auf die deutsch-russischen Verwicklungen konzentriert. Von allen westeuropäischen Völkern waren die Deutschen den Russen aus den verschiedensten Gründen immer die Nächsten - auch im dramatischen Sinn. Weder im russischen noch im deutschen Geschichtswettbewerb ist die deutsch-russische Geschichte aber jemals explizit ein Thema gewesen. Die Berührungspunkte waren so zahlreich, die Überschneidungen so vielfältig, dass sie ganz automatisch in vielen Wettbewerbsbeiträgen beider Länder bis heute eine Rolle spielt. In Russland taucht sie in jedem Wettbewerbsdurchgang auf: wenn die Schüler die Geschichte ihrer Familien erforschen, wenn sie über menschliche Schicksale schreiben oder über Denkmäler, Gebäude, Straßen, Friedhöfe, die sich an den Orten ihres Lebens befinden. Und natürlich wird die deutschrussische Geschichte in jenen Arbeiten greifbar, in denen die russischen Schüler den Zweiten Weltkrieg behandeln, der das Schicksal jeder russischen und deutschen Familie im 20. Jahrhundert geprägt hat.
………
Bemerkungen:
Die internationale Gesellschaft MEMORIAL
Die Menschenrechtsorganisation MEMORIAL wurde 1988 im Zuge der Perestroika gegründet. Ihr erster Vorsitzender war der Friedensnobelpreisträger Andrei Sacharow. MEMORIAL setzt sich für die wissenschaftliche Aufarbeitung des Stalinismus auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR ein. Weitere Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der GULags und das Schicksal der Zwangsarbeiter in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs.
Neben der historischen Aufklärung widmet sich MEMORIAL durch Informationskampagnen und Rechtshilfe dem Schutz der Menschenrechte im heutigen Russland. Außerdem leistet die Organisation soziale und medizinische Hilfe für die Opfer politischer Repressionen. Für dieses Engagement wurde MEMORIAL im Jahr 2004 mit dem »Alternativen Nobelpreis« ausgezeichnet.
MEMORIAL unterhält ein Informationszentrum mit einem Museum, einem Archiv und einer Bibliothek; regelmäßig erscheinen Zeitschriften und Bulletins.
Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten: Jugendliche forschen vor Ort
Die Körber-Stiftung initiiert historisch-politische Debatten. Mit dem Geschichtswettbewerb weckt sie bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte, fördert Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Der methodische Zugriff wird durch das »forschende Lernen« und den »lebensweltlichen Bezug« bestimmt: Jugendliche setzen sich mit der Geschichte auseinander, die vor der eigenen Haustür stattgefunden hat - und die oft bis in die Gegenwart nachwirkt. Seit 1973 haben über 110 000 Jugendliche mit mehr als 22000 Beiträgen zu Themen wie »Alltag im Nationalsozialismus« und »Protest in der Geschichte« am Geschichtswettbewerb teilgenommen.
Der Geschichtswettbewerb ist Mitglied von EUSTORY, dem europäischen Netzwerk unabhängiger Geschichtswettbewerbe für Kinder und Jugendliche, das von der Körber-Stiftung koordiniert wird.
EUSTORY - History Network for Young Europeans
Die Körber-Stiftung unterstützt einen europäischen Zugang zur Geschichte, der Ausgrenzung vermeidet und Verständigung fördert. Gemeinsames und Trennendes diskutieren und damit einem gegenseitigen Verständnis näher kommen - das sind die Grundideen von EUSTORY, dem europäischen Netzwerk unabhängiger Geschichtswettbewerbe für Jugendliche, das die Körber-Stiftung koordiniert. Im Rahmen der EUSTORY-Geschichtswettbewerbe gehen Jugendliche in ihrer unmittelbaren Umgebung auf historische Spurensuche.
Zivilgesellschaftliche Organisationen aus folgenden Ländern haben die EUSTORY-Charta, das gemeinsame Grundsatzdokument des Netzwerks, unterzeichnet: Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Italien, Lettland, Norwegen, Polen, Rumänien, Russland, Schweiz, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ukraine, Wales und Weißrussland. Rund 2000 Menschen wirken als Juroren, Tutoren und freiwillige Helfer in diesem Netzwerk mit, das europaweit Wissenschaftlern, Geschichtslehrern und Experten ein Forum für Austausch und Dialog bietet.
Alle Veröffentlichungen der Herausgeberin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Erinnerung, sprich!
Vorwort von Wolfgang Büscher
Völker haben mitunter menschliche Züge. Manche hassen einander. Manche necken sich wie alte Ehepaare. Wieder andere leiden darunter, nicht so zu sein wie ihre Nachbarn, die sie bewundern und mehr oder minder ungeschickt nachzuahmen suchen. Und die meisten sind sich herzlich gleichgültig.
Auf Russen und Deutsche trifft nichts von alledem zu - oder etwas von allem. Gleichgültig sind wir uns nicht, dazu ist zu viel geschehen, und doch sind wir uns fern, zu fern für starke Gefühle. Ein altes Paar sind wir auch nicht, zwar kamen wir uns mitunter nahe, aber es blieben Affären, geheiratet haben wir nie. Ja, es hat Zeiten der Bewunderung gegeben, die russische Sprache hat sich voll gesogen mit deutschen Lehnwörtern, aber es ist ein paar hundert Jahre her, dass Begriffe wie Perückenmacher, Schlagbaum, Schacht, Rucksack und Butterbrot so modern waren, dass Russland sie von uns importieren musste. Umgekehrt war Moskau einmal eine Pilgerstätte deutscher Dichter und Intellektueller. Rilke besuchte um die Jahrhundertwende Pasternaks in Moskau und unternahm eine lange Wolgareise. Und später - Hass? Das ist vielleicht das Erstaunlichste: Nein, wir hassen uns nicht, obgleich wir gute Gründe hätten, es zu tun. Was wir einander angetan haben im vorigen Jahrhundert, die Deutschen den Russen sicher mehr als umgekehrt, reichte hin, um einen tiefen, lang andauernden Horror voreinander zu begründen, einen doppelten Hunnenkomplex. Eigenartigerweise ist das nicht so. Es ist sogar so, dass wir uns auf diese etwas seltsame Weise mögen, die andere Völker, die am Wege zwischen uns leben, manchmal nervös macht. Ich habe immer noch das Bild meines ersten Russischlehrers vor Augen, ein ehemaliger Wehrmachtsoberst, der an den schläfrigen Nachmittagen unserer kleinen, freiwilligen Russisch-AG versonnen von diesem Land erzählte, das er für eine Weile erobert hatte und das dabei ihn so offenkundig besiegte.
Als ich im Sommer 2001 von Berlin nach Moskau wanderte, traf ich selten - viel seltener, als ich befürchtet hatte - auf Feindseligkeit, die nur zu verständlich gewesen wäre. Ich begegnete Russen, deren Väter im Krieg gewesen oder gar gefallen waren oder deren Familien unter der deutschen Besatzung gelitten hatten, die über diese Dinge auch sprachen, voller Bedauern und Trauer, aber niemals im Hass. Ich erinnere mich an das Ehepaar in Witebsk, das mich unterwegs aufgelesen hatte und mir ein Abendbrot und ein Bett für die Nacht anbot. Wir saßen den ganzen Abend am Küchentisch, ich nahm all mein schlechtes Russisch zusammen, sie erzählten von den öffentlichen Erschießungen von Partisanen im besetzten Witebsk, darunter war eine Tante gewesen, eine damals junge Frau. Und ich erzählte das bisschen, was ich von meinem gleich zu Beginn des Russlandfeldzuges verschollenen Großvater wusste. Dann sprachen wir über andere Dinge. Er war zur See gefahren, und wir entdeckten, dass wir beide an denselben Orten in Ostasien gewesen waren. Ein andermal traf ich einen älteren Mann, dessen Gesicht sich aufhellte, als ich seine Woher-Frage beantwortete (diese altmodische Art, den Fremden nach dem Woher und, fast wichtiger noch, dem Wohin zu fragen, ihn erst einmal zu orten, ist in Russland noch ganz gegenwärtig). »Njemez«, rief ich ihm zu, »Deutscher«. Woraufhin er, wie einen Gruß, den man erwidert, »Neustrelitz!« rief. Dort war er als Offizier der Roten Armee stationiert gewesen, und anscheinend war ihm das mecklenburgische Barockstädtchen in guter Erinnerung.
Die kleine Szene an der Chaussee nach Moskau - diese einander grob ortenden und zugleich Erinnerungen und Sehnsüchte weckenden Zurufe - scheint mir ein Bild zu sein für die ferne Nähe zwischen Russen und Deutschen. Denn tatsächlich wissen wir übereinander erbärmlich wenig. Tatsächlich liegen unsere Welten weit auseinander. Tatsächlich warfen wir uns bloß spöttische Kosenamen zu. »Iwan« und »Fritz«. Das war früher, heute bewerfen wir uns mit Bildern. Das gebräuchlichste ist das Fernsehbild vom Kopftuchmütterchen, das auf irgendeinem Platz irgendeiner russischen Stadt die paar Astern feilbietet, die es in seinem verwilderten Garten geschnitten hat. Es folgt das Bild vom Neuen Russen in schwarzer Lederjacke, mit schwarzem BMW und schwarzem Geld. Dann das vom leutseligen Wodkaritual, dem Höhepunkt russischer Gastfreundschaft. Andersherum tut es ein einziges Bild: der langweilige, aber erfolgreiche Deutsche in seinem mittelmäßigen, aber perfekten Heim, davor sein perfektes deutsches Auto. Mehr Bilder braucht man nicht, für die nivellierte Mittelstandsnation, die Deutschland in russischen Augen ist, reicht ein einziges. Trügt der Eindruck, oder sind die Russen von uns Deutschen ein bisschen enttäuscht? Wie man einen alten Rauf- und Spielkameraden wiedertrifft und sich denkt: Wohlhabend ist er geworden, gewiss, aber für seinen Wohlstand hat er den alten Schneid hingegeben.
Vor dem 75-jährigen deutsch-russischen Krieg (1914-1989) gab es einen Transmittertypus: den Läufer zwischen den Welten, den Pionier. Er lebte in der deutschen Kolonie in Moskau oder St. Petersburg oder in den deutschen Siedlungsgebieten an der Wolga, in Bessarabien und Russisch-Asien. Oder er studierte als junger Russe an einer deutschen Universität oder lebte eine Weile in Deutschland. Es waren deutsche Geschäftsleute, Ingenieure, Offiziere, auch Musiker und Dichter. Es waren andersherum russische Adelige und Dichter und Revolutionäre. Wie im Fieber blühte das alles noch einmal auf im Berlin der 20er Jahre mit seinen an die 300.000 Russen. Dann verschwand es wie ein Spuk, und es folgte jene lange, betäubte Stille, die erst jetzt langsam, sehr langsam weicht.
Die jungen Autoren dieses Buches berichten aus dieser Wüste des Erinnerns. Sie erstreckt sich zwischen der Zeit, in der Russen wie Deutsche noch von Kaisern regiert wurden, und einer Gegenwart, der so etwas märchenfern liegt. »Sprich, Erinnerung, sprich!« - Vladimir Nabokov gab seinen autobiografischen Skizzen diesen Titel. Er könnte auch über diesem Buch stehen. Aber hier ist es kein zärtliches Flüstern von erster Liebe in großzügigen Sommerhäusern und den Abenteuern einer behüteten Jugend im vorrevolutionären St. Petersburg, hier sind es Berichte von lauter Untergängen. Dieses Buch erzählt die geheime Geschichte der russisch-deutschen Nähe unter den Bedingungen des 75-jährigen deutsch-russischen Krieges in Episoden. Denn die seltsame wechselseitige Faszination hielt an und suchte sich ihre Kanäle. Wer wusste etwa von den meist thüringischen Arbeitern, die Anfang der 30er Jahre aus freien Stücken nach Russland gingen? Aus dem Gedächtnis gefallen sind auch die deutschen Ingenieure, die nach dem Krieg in die Sowjetunion gehen mussten, um dort Raketen zu bauen. Die Landschaften des Ostens, die uns im Westen so vollkommen hermetisch erschienen, waren belebter, als wir dachten.
Während uns das klar wird, ist er längst wieder unterwegs: der Pionier. Es ist der Mann aus Sibirien, der jedes Frühjahr die weite Fahrt auf sich nimmt, um den Sommer über in der Gärtnerei meines hessischen Dorfes zu arbeiten und im Herbst, schwer beladen mit Erworbenem und Geschenktem, einen weiteren gegen seinen Lohn getauschten Gebrauchtwagen heim nach Sibirien zu steuern und dort hoffentlich mit gutem Gewinn zu verkaufen. Es ist der holsteinische Landwirt in Russisch-Ostpreußen, der dort gegen alle Wahrscheinlichkeit und Widerstände eine Farm aufbaut. Es sind all die Leute, die bei meiner Wanderung nach Moskau in schnellen Autos an mir vorbeirasten oder über mich hinwegflogen, irgendeine Idee vor Augen. Dawai!
|