Buchbesprechung Spannend thematisiert Maximilian Dorner eine Zeit, über die nicht so häufig gesprochen wird. Meist ist es im Rückblick ausschließlich eine Zeit der Trauer und des Verlustes, was aber so nicht stimmt: es ist auch eine Zeit des Aufbruchs, des sich den Gegebenheiten Anpassens und eine Zeit der Ellenbogen, die nicht gerade zimperlich gebraucht wurden; an die Halb- bis Illegalität mag heute niemand so gern erinnert werden.
Geschickt verbindet der Dramaturg Dorner eine packende Handlung mit dem Lokalkolorit Nachkriegmünchens und der Frage nach persönlicher Schuld.
Inhalt:
In den Ruinen des Münchner Nationaltheaters stürzt eine Sängerin bei der heimlichen Aufführung von ›Tosca‹ in den Tod. Am nächsten Tag finden zwei Kriegswaisen die Leiche. Zur gleichen Zeit erkennt eine Magd aus dem oberbayerischen Penzberg in dem hübschen amerikanischen G.I. Martin einen Werwolf-Partisanenkämpfer wieder – und verliebt sich bei ihren Nachforschungen in ihn. Stück für Stück offenbaren sich mit Martins Identität auch seine Verstrickungen in den Tod der Sängerin und sein Verhältnis zu den beiden Kindern, die tapfer um ihr Überleben in den Trümmern kämpfen.
Der erste Sommer nach der »Stunde Null« hat zwei Gesichter: München liegt in Schutt und Asche. Die Zukunft ist unklar, die Vergangenheit wiegt schwer wie Blei. Trotz allem beginnt ein herrlicher, heißer Sommer an der Isar, mit Tanz und voller Lebenslust der Davongekommenen. Es ist die Gegenwart, die alles beherrscht und ihren Tribut fordert.
»Der erste Sommer« zeichnet ein authentisches Bild vergessener Monate, die doch eine ganze Generation geprägt haben.
Der Autor:
Maximilian Dorner wurde 1973 in München geboren. Er studierte mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes an der Bayerischen Theaterakademie und arbeitet seit mehreren Jahren als Literaturlektor und Hochschuldozent. Er drehte Filme, produzierte Hörspiele, arbeitete als Theaterkritiker und Dramaturg. Unter seinem Künstlernamen maximin betreibt er als Unternehmenskünstler unter anderem auch den maksverlag. Nach dem Gedichtband »Absage - gute Gedichte und schlechte in kleinerer Schrift (im Wechselgesang mit Mark O.)« ist der Roman »Der erste Sommer« sein Prosadebüt.
Des Autors Homepage http://www.maxdorner.de/
Leseprobe:
Nichts war mehr an seinem Platz. In keinem Film, den er bislang gesehen hatte, ruckelten und hüpften die Bilder so verrückt wie in diesem. Nur die Sonne und der strahlend blaue Himmel blieben, wo sie hingehörten. Ansonsten zitterte mal der dicht belaubte Ast eines Baumes ins Bild, mal die Gabel eines Telegraphenmastes oder eine kaputte Straßenlaterne und immer wieder, in Großaufnahme, die Ähre eines Grashalms.
Unversehens blieb der Film hängen. Martin blinzelte und richtete sich auf. Der Fahrer des Lastwagens, der seit dem letzten Dorf hinter dem Konvoi der amerikanischen Militärfahrzeuge zurückgefallen war, hatte scharf gebremst. Kaum stand der Wagen brüllte er aus Leibeskräften. Anscheinend blockierte jemand die Fahrbahn. Alles Schreien half nichts. Mit den linken Rädern fuhr der Laster in den Straßengraben, um das Hindernis heftig schaukelnd zu überholen. Martin sah von der Ladefläche auf die beiden Männer in zerlumpten Wehrmachtuniformen, die auch kein zeternder amerikanischer Sergeant mehr von ihrem Weg in die Heimat abbringen konnte. Zwei Monate nach Kriegsende zogen immer noch versprengte Soldaten von Italien über die Alpen in die Ruinen des deutschen Reiches. Die beiden gingen im Abstand von anderthalb Metern nebeneinander her. Sie bewegten sich nicht wie Menschen, sondern erinnerten ihn an Automaten. Der Kleinere trug um den Kopf einen fleckigen Verband. Der linke Ärmel seiner Jacke war auf Höhe des Ellbogens abgerissen und mit einer Schnur zusammengebunden. Neugierig blickte er zu Martin hoch.
»Wohin?«, rief dieser dem Verkrüppelten zu.
Die Antwort musste er ihm von den Lippen ablesen, denn im selben Moment legte der Fahrer krachend einen höheren Gang ein und drückte das Gaspedal durch.
»Nach München!«
Als bestünde zwischen sich und dem Lastwagen eine Verbindung, beschleunigte der Soldat seine Schritte. Vergeblich, das unsichtbare Band zwischen ihnen riss nach wenigen Metern. Sein Kamerad, körperlich allem Anschein nach unversehrt, der auf Martins Frage nicht einmal reagiert hatte, strauchelte und fiel der Länge nach hin. Regungslos blieb er mit dem Gesicht auf dem Schotter liegen. Der Einarmige lief indessen mechanisch weiter.
Schnell wurde er kleiner und kleiner, bis Martin ihn aus dem Blick verlor und sich auf die weichen Säcke zurücksinken ließ. Er schob sich erneut den Grashalm mit der schwankenden Ähre in den Mund. Eine Falte bildete sich zwischen seinen schwarzen Augenbrauen. Vor langer Zeit hatte auch er jemanden liegen lassen und war alleine weitergezogen. So hatten die Märchen seiner Kindheit begonnen, mit Helden auf großer Fahrt - aber in seinem fehlte seither die Prinzessin. Mit einer unwirschen Handbewegung wischte er die Erinnerung beiseite. Er wollte nicht daran denken, dafür war der Sommer zu schön. Die Augen fielen ihm zu.
Eine halbe Stunde später hielt der Lastwagen abermals, diesmal weniger unvermittelt, so dass es einige Sekunden dauerte, bis Martin sich schläfrig aufrichtete. Verdutzt sah er sich um. Links und rechts der Straße nur freies Feld. Mit dem abgebrannten Zigarettenstummel zwischen den Zähnen bedeutete der Fahrer ihm mit einem Zischen auszusteigen. Dabei hatte er ihm doch versprochen - nun, dann würde es eben etwas länger dauern, bis Martin sein Ziel erreichte. Niemand drängte ihn. Zumal er nicht einmal sicher sein konnte, ob diejenigen, die er in München suchte, noch am Leben waren. Lebten sie, hätte er ein Problem, und wären sie tot, hätte er ebenfalls eines, wenn auch ein anderes. Der Zustand der Ungewissheit war eigentlich der erträglichste.
Mühsam rappelte er sich hoch. Seinen Rucksack warf er ins hohe Gras unterhalb der Böschung, griff nach der Jacke sowie dem dunkelbraunen Filzhut und sprang mit einer halben Drehung hinunter. Salutierend blieb er am Straßenrand stehen, bis der Motor wieder brummte. Der Fahrer wandte sich nicht einmal um, warf nur einen abschätzigen Blick in den Rückspiegel und spuckte anfahrend den Zigarettenstummel aus dem offenen Fenster.
Martin sah dem Lastwagen nach, der noch zweihundert Meter die Landstraße entlang einer weiten Kurve folgte und darauf nach links in einen Feldweg bog. Von einem Moment auf den anderen fühlte er sich wie in einem schlechten Film. Was hatte er hier verloren? Er kannte Bayern nicht und wollte es auch nicht kennen lernen. Nichts passte für ihn zusammen, seitdem er hier war, geschweige denn das, was er auf dem Leib trug. Seine Kleidung hatte er zusammengebettelt oder gestohlen: Die zerschlissene, dunkelbraune Kordhose hatte ihm eine Bäuerin aus Mitleid geschenkt, das beige Leinenem und die Unterhose gehörten einem Landarbeiter, der so dumm gewesen war, sie beim Baden im Fluss unbeaufsichtigt am Ufer liegen zu lassen. Die Stiefel und die graue Wehrmachtjacke hatten wohl schon den eisigen Osten gesehen. Martin hatte sie einem Soldaten, der sich zum Sterben hinter ein Gebüsch verzogen hatte, mit Gewalt heruntergerissen. Der Rucksack schließlich, mitsamt Inhalt, war Eigenturn des Fahrers - die gerechte Strafe dafür, dass er ihn nicht wie versprochen bis nach München mitnahm.
Der Lastwagen hatte inzwischen auf dem Feldweg einen imposanten Bauernhof erreicht und hupte dreimal kurz. Von der Straße aus beobachtete Martin, wie zwei schwarz gekleidete Frauen aus dem Wohnhaus traten. Mit einem Ruck hielt der Wagen an, worauf die Frauen auf die Ladefläche kletterten und gemeinsam die braunen Säcke hinunterwarfen, die Martin während der Fahrt als Matratze gedient hatten. Der Fahrer stieg nicht aus. Sobald die Frauen alles abgeladen hatten, wendete er umständlich und fuhr davon.
Martin drückte den Hut auf die störrischen schwarzen Stoppeln und ging querfeldein auf den Hof zu. Von den Frauen könnte er wenigstens erfahren, wo er genau war. Irgendwo zwischen Mittenwald und München, soviel war klar. Aber die beiden wollten ihm anscheinend nicht begegnen, denn kaum hatten sie die Säcke zu einem Holzschuppen gezerrt, verschwanden sie auch schon ins Wohnhaus, das mit einem Viehstall und einem Heuschober aus dunkel gebeizten Holzplanken den Innenhof einfasste. Martin sah sich um. Links und rechts neben der wuchtigen Haustür waren Blumenbeete angelegt, die in allen Farben des Sommers leuchteten. Neben der Tür lag eine gefleckte Katze in der Sonne. Als sie ihn bemerkte, hob sie den Kopf, zuckte mit den Ohren und begann in aller Ruhe, sich die Pfoten zu lecken. Im Kies pickten Hühner und aus dem Stall grunzte es aufgeregt. Der Wind fuhr durch die Krone einer riesigen Kastanie, die den Heuschober von hinten überdachte. Eine bayerische Idylle wie im Bilderbuch. Der Krieg war unendlich weit weg.
Unvermittelt öffnete sich die Tür zum Bauernhaus, und ein Hund mit zottigem schwarzem Fell schoss, sich vor Jagdlust fast überschlagend, auf Martin zu. Instinktiv griff er …….
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