Buchbesprechung Von Kindern und Narren sagt man, dass sie die Wahrheit sprächen.
Das tschechische Wort Swoboda bedeutet Wahrheit und Swoboda sagt die Wahrheit ohne List und Trug. Würden das alle in Tschechien und der Slowakei namens Swoboda (Swoboda ist dort so häufig wie bei uns Müller oder Meier) tun, wären diese beiden die aufrichtigsten Länder der Welt.
Genug der Einfältigkeit!
János Székely hat mit »Der arme Swoboda« einen beklemmend schönen Roman geschrieben, tiefgründig, zeit- und gesellschaftskritisch und doch schön, dazu noch spannend.
Der arme Swoboda muss sich vor dem braven Soldaten Schwejk wahrlich nicht verstecken. Er dekuvriert sowohl die Nazi-Schergen als auch die „braven“ Bürger.
Inhalt:
Ein beschauliches Städtchen in Böhmen, in dem man wahrscheinlich vor Langeweile eingehen würde, gäbe es nicht ein paar Exzentriker, die für Gesprächsstoff sorgen. Einer davon ist Swoboda, der Dorftrottel, der seit einem Vierteljahrhundert im Bahnhof herumlungert und darauf wartet, daß einer der wenigen Reisenden, die sich hierher verirren, ihn damit beauftragt, die Koffer zu tragen. Aber eines schneereichen Tages im März 1939 fallen die deutschen Truppen ein, und schon wird der Gepäckträger aus heiterem Himmel beschuldigt, ein Attentat gegen Hitler geplant zu haben...
Der Autor:
János Székely (sprich Sekäij), geboren 1901 in Budapest, kam auf der Flucht vor dem Horthy-Regime als Achtzehnjähriger nach Berlin. Er verfaßte zahlreiche Drehbücher für Stummfilmstars wie Brigitte Helm, Willy Fritsch, Marlene Dietrich, Emil Jannings. 1934 lädt Ernst Lubitsch ihn zur Arbeit nach Hollywood ein; 1938 wandert Székely endgültig aus. Während der McCarthy-Ära wiederum verfolgt, verbrachte er mit seiner Frau und seiner Tochter einige Jahre in Mexiko, bevor er, bereits schwer erkrankt, 1957 einem Angebot der DEFA nach Berlin folgte. Er starb dort 1958.
Bemerkungen:
Weitere Romane des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Verlockung
Leseprobe:
Swoboda war der Gepäckträger der Stadt. Wenn es stimmt, daß Angebot und Nachfrage einander bedingen, dann mußte sein Auskommen allerdings als ökonomische Anomalie bezeichnet werden. Nur zwei Züge täglich hielten in der kleinen Stadt, zwei rauchende, rußige, klapprige, im Schneckentempo keuchende Lokalzüge, und sie wurden hauptsächlich von Pendlern benützt, die mit dem Sechs-Uhr-vierzig zur Arbeit in die nächstgelegene Kreisstadt fuhren und mit dem Neunzehn-Uhr-zehn zurückkehrten, ohne Gepäck, versteht sich. Andere Passagiere gab's kaum. Höchstens hin und wieder ein älteres Ehepaar, das zu seinen Kindern in die Stadt fuhr, oder junge Leute, die ihre Eltern besuchen kamen. Lauter Verlustgeschäfte für den Dienstmann: denn die meisten hatten bloß eine Papiertüte mit Geschenken dabei. Touristen und heimliche Liebespaare konnte man ebenfalls vergessen. Die Touristen trugen Rucksäcke, während die Wochenend-Liebespaare für zwei Pyjamas und einen Rasierapparat kaum einen Gepäckträger brauchten. Swobodas einzige potentielle Kunden waren griesgrämige, in dynamischeren Märkten erfolglose Handelsreisende, die, volle Musterkoffer schleppend, ihr Glück in der Provinz versuchten.
Dennoch war Swoboda schon seit fast einem Vierteljahrhundert Dienstmann, ein Phänomen, das sich nur durch seine beispiellose Einfaltigkeit erklären ließ. Swoboda gehörte zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Ja, man führte ihn sogar mit fast väterlichem Stolz den staunenden Gästen vor. Zugegeben, er war auch ein seltenes Exemplar: ein Hüne, an die zwei Meter groß, muskulös und massig wie ein Ochse, mit babyblauen Kinderaugen, die treuherzig aus den tiefen Augenhöhlen guckten wie ein fröhliches Sperlingspärchen, das sein Nest hoch oben in eine gefährliche Klippe gebaut hat. Die stark hervorstehenden Wangenknochen fielen im rechten Winkel steil bis zum klobigen Kinn ab; darüber wucherte ein dichter, zausiger, brandroter Haarschopf. Swoboda hätte seine verfilzten Locken niemals einem Haarschneider anvertraut. Er stutzte sie selbst alle drei Monate mit der großen Schere des Bahnhofsvorstehers.
Eigentlich hieß er gar nicht Swoboda. Man hatte ihn mal zum Spaß so genannt, als vor vielen Jahren in der Gegend ein Mörder namens Swoboda gesucht wurde. Der Name war an ihm haften geblieben, was als zusätzlicher Beweis seiner Beschränktheit gedeutet wurde.
Er war in der tiefsten Slowakei geboren worden, wo sich die Bauern jahraus, jahrein von Kartoffeln ernähren und Tuberkulose und Kropf üppig gedeihen wie winterharte Pflanzen in fetter Ackerkrume. Er war in einem Runkelfeld gezeugt worden und hatte seinen Vater nie gesehen, auch wenn seine Mutter immer beteuerte, er würde sie bestimmt eines Tages besuchen kommen. Er war kein schlechter Mann, seufzte sie dann, aber er war Flußschiffer, und die Strömung hatte seine Zille weit-weit in die Ferne getrieben. Swoboda liebte seine Mutter über alles - »meine Mamiiinka«, wie er sie in seiner breiten Mundart nannte. Er redete ständig von »Mamiiinka« - und hatte ein ganzes Repertoire von wirren Geschichten über sie auf Lager. Zwar wurde niemand klug daraus, aber sie waren bestimmt herzergreifend, die Geschichten, denn er fügte jeweils schniefend hinzu: »Arme Mamiiinka, ohne die Zugluft tät sie heut noch leben.«
Seine Angst vor Zugluft machte ihn zur Zielscheibe ständigen Spotts. Wenn der Bahnhofsvorsteher nicht da war, ließen die trödelnden Angestellten Türen und Fenster sperrangelweit offenstehen und riefen nach Swoboda, nur um ihn Hals über Kopf davonrennen zu sehen.
Swoboda war vierzehn, als »Mamiiinka« starb. Das war 1905 gewesen. Glückliche Zeiten, wie die Geschichtsschreiber der Habsburgermonarchie behaupten. Die einfache Bevölkerung hingegen muß wohl Scheuklappen getragen haben, denn sie vermochte weit und breit nicht zu erkennen, wie glücklich sie war. Ein Jahr nach »Mamiiinkas« Tod wäre das Waisenkind in jenen himmlischen Zeiten des Friedens und des Wohlstands beinahe verhungert. Holzfäller fanden den Jungen im Wald, blutig geprügelt von einem zornigen Gutsbesitzer, der ihn beim Aprikosenstehlen erwischt hatte. Danach nahm ein gütiger Bauer den Knaben bei sich auf und ließ ihn zehn Stunden am Tag arbeiten für einen Kanten Brot und das Privileg, neben den Kühen im Stall zu schlafen.
Als Swoboda das Wehrdienstalter erreichte hatte, bekundete der Staat zum ersten Mal Interesse an ihm, schenkte ihm ein Gewehr und sorgte für sein leibliches Wohl in der Hoffnung, eine nützliche Begabung zu fördern, die, sollten die Zeiten es erfordern, aus ihm einen Mörder machen würde. Die Investition zahlte sich aus. Zwei Jahre später brach der Krieg aus, und es herrschte große Nachfrage an Knallköpfen. Swoboda erwarb sich einen ganzen Strauß an Auszeichnungen; 1915 traf ihn jedoch eine Kartätsche. Er wurde mit achtzehn Splittern im Körper in die Heimat zurückverfrachtet. Als die meisten entfernt waren und die Wunden mehr oder weniger verheilt, schickte man ihn in ein Soldatenheim in der kleinen Stadt.
Zum ersten Mal in seinem Leben unbeschäftigt, langweilte sich Swoboda zu Tode. Er trieb sich immer öfter im Bahnhof herum, weil er von den Eisenbahnen fasziniert war, seit man ihn damals damit in den Krieg geschickt hatte. Als er nun eines Tages auf dem Bahnsteig hockte, bat ihn ein neu ankommender Rekonvaleszent, ihm doch bitte sein Gepäck zu tragen. Was Swoboda bereitwillig tat und für seine Mühe eine Krone bekam. Am nächsten Tag bot er also seine Dienste weiteren Neuankömmlingen an. Von da an war Swoboda der Gepäckträger des Städtchens.
Die Jahre vergingen. Das Gemetzel wurde vorübergehend eingestellt. Das Soldatenheim wurde aufgegeben, und die Stadt hatte keine ersichtliche Verwendung für einen Dienstmann. Swoboda blieb trotzdem am Bahnhof. Warum? Weil er nun einmal da war, ganz einfach. Hätte der Zug ihn woanders abgesetzt, wäre er eben woanders geblieben.
Hier war er, und hier blieb er. Und weil ein Mann essen muß, verdiente er sich seinen Lebensunterhalt recht und schlecht mit Gelegenheitsarbeiten. Seine Unbedarftheit kam ihm dabei sehr zustatten. Ein Mann mit auch nur einer Unze Verstand hätte seine Kräfte dazu verwandt, Geld für die Miete zu beschaffen, zum Beispiel. Swoboda legte keinen Wert auf eine Wohnung, also hatte er auch keine Probleme mit der Miete. Als dann das Soldatenheim endgültig die Tore schloß, schulterte Swoboda seinen Koffer, der seine ganze Habe enthielt, brachte ihn zum Bahnhof, gab ihn bei der Gepäckaufbewahrung ab und richtete sich im Wartesaal häuslich ein.
Jeden Abend, wenn der Neunzehn-Uhr-zehn durch war und die Bahnhofslampen auf Nachtbeleuchtung geschaltet wurden, streute Swoboda frisches Heu auf den Fußboden und legte sich zum Schlafen nieder. Er schlief so tief, daß der Nachtexpreß nach Prag ihn in den ganzen zwanzig Jahren kein einziges Mal geweckt hatte. Und wenn morgens die Sechs-Uhr-vierzig-Pendler erschienen, hatte er sein Lager bereits weggeräumt. Freilich benützten die Passagiere den Wartesaal nur notgedrungen, bei besonders schlimmem Wetter vielleicht, denn Swobodas ganz besonderer Duft verzog sich nicht einmal im Sommer vollständig, auch wenn die Tür den ganzen Tag offenstand.
Um Schneiderrechnungen brauchte Swoboda sich ebenfalls keine Sorgen zu machen. Die Anzüge, die er zum ersten Mal trug, waren gewöhnlich bereits zehn oder fünfzehn Jahre früher bezahlt worden. Er bekam sie nicht etwa unentgeltlich. O nein! Dies nun doch nicht! So verschwenderisch war niemand in der Stadt. Swoboda arbeitete hart für seine Garderobe. Wenn ein großer Hausputz bevorstand, schickte man das Hausmädchen nach ihm. Mit der Zeit brachte er es im Teppichpracken zur Meisterschaft und auch im Fußbodenschrubben und im Insektenvertilgen; er hatte sogar gelernt, von sich aus die Vorhänge herunterzunehmen. Er spaltete das Anbrennholz in schön regelmäßige Scheite und nahm überhaupt dem Hausmädchen alle schweren Arbeiten ab.
Sein Lohn bestand aus den Mahlzeiten, aus alten Schuhen, fadenscheinigen Hemden, verwaschenen Unterhosen... Manchmal sogar aus einem abgewetzten Anzug oder einem verschabten Überzieher. Die kostbare Garderobe mußte natürlich hart erarbeitet werden, denn es gab kein Kleidungsstück, egal wie alt und schäbig es war, das für die knickrigen Bürger nicht mehr wert gewesen wäre als ein Tagelohn für Swobodas Hilfe. Waren keine alten Kleider da, drückte ihm der Hausherr ein paar Heller in die Hand, die Swoboda mit einem herzlichen »Dankschön« quittierte. Er umklammerte die Münzen, als hänge sein Seelenheil davon ab, hätte es aber für unter seiner Würde gehalten, das Geld in Anwesenheit seines Kunden zu zählen. Auch die Bahnangestellten trugen ihm Besorgungen auf, und Anfang des Monats, solange ihr Gehalt es noch zuließ, gaben sie ihm ein kleines Trinkgeld. Swoboda stand jedermann zu Diensten und bedankte sich für die kleinste Belohnung mit einem breiten, freundlichen Grinsen.
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