Buchbesprechung Leseprobe:
Träume
Als ich ganz klein war, träumte ich von einer Mama, ich träumte, bis ich etwa sechs war. Dann habe ich verstanden, oder wurde vielmehr darüber aufgeklärt, daß meine Mama eine Negerhure war, die mich im Stich gelassen hat. Ich finde es nicht angenehm, das zu schreiben, aber mir wurde es mit genau diesen Worten erklärt.
Jene, die es mir erklärten, waren groß und stark, sie hatten in allem recht, demnach hatten sie auch mit dieser Kleinigkeit recht. Natürlich gab es auch andere Erwachsene.
Das waren die Lehrer. Sie berichteten mir von fernen Ländern, von bedeutenden Dichtern, davon, daß das Leben wundervoll ist und jeder einen Platz auf der Erde findet, wenn er nur fleißig lernt und auf die Erwachsenen hört. Sie logen immerzu. Sie logen bei allem. Sie erzählten von Sternen und Kontinenten, aber sie erlaubten es nicht, das Gelände des Kinderheims zu verlassen. Sie redeten von der Gleichheit aller Menschen, aber in den Zirkus und ins Kino nahmen sie nur die mit, die laufen konnten.
Nicht gelogen haben nur die Njanjas, die Betreuerinnen. Ein bemerkenswertes russisches Wort: »Njanja«. Ein liebevolles Wort. Es erinnert sofort an das Gedicht »Trinken wir; Njanja...«. von Puschkin. Es waren einfache Frauen vom Land. Sie logen nie. Bisweilen gaben sie uns sogar Bonbons ab. Manchmal waren sie boshaft, manchmal gütig, aber immer geradlinig und ehrlich. Oft ergaben ihre Worte auch dort Sinn, wo es unmöglich war, den Lehrern eine verständliche Antwort abzuringen. Wenn sie uns ein Bonbon gaben, sagten sie: »Armes Kind, wenn du nur schneller sterben würdest, dann würdest du weder dich selbst noch uns quälen.« Oder wenn sie einen Toten hinaustrugen: »Na, Gott sei Dank sind seine Qualen vorüber, der Ärmste.« Wenn ich erkältet allein mit so einer Njanja im Schlafsaal blieb und nicht zur Schule mußte, brachte sie, die Gute, irgendeine Süßigkeit oder etwas Kompott und erzählte mir von ihren an der Front gefallenen Kindern, von ihrem Mann, dem Säufer, von einer Menge spannender Dinge. Ich hörte zu und glaubte alles, wie Kinder an die Wahrheit glauben, wie vielleicht nur sie es tun. Erwachsene können meistens gar nichts mehr glauben. Und so erzählten mir die Njanjas von der Negerhure genauso einfach und natürlich wie vom Regen oder vom Schnee.
Mit sechs Jahren habe ich aufgehört, von einer Mama zu träumen. Ich träumte davon, laufen zu können. Fast alle konnten laufen. Sogar diejenigen, die sich mühsam an Krücken fortbewegten. Diejenigen, die gehen konnten, behandelte man viel besser als uns. Nämlich wie Menschen. Man konnte bei ihnen die Hoffnung hegen, daß sie sich nach Verlassen des Kinderheims für die Gesellschaft nützlich machten - als Buchhalter, Schuhmacher, Schneider. Viele bekamen eine gute Ausbildung, sie »machten Karriere«. Später kamen sie in teuren Autos angefahren. Dann wurden wir in einer Aula versammelt und bekamen zu hören, welchen Posten dieser oder jener ehemalige Schüler unserer Schule inzwischen bekleidete. Die Geschichten machten klar, daß diese gewichtigen Herrschaften immer auf die Erwachsenen gehört und fleißig gelernt und alles dank ihres Verstands und ihrer Beharrlichkeit erreicht hatten. Aber sie konnten laufen! Warum zum Teufel sollte ich mir ihr angeberisches Geschwafel anhören, wenn ich auch so weiß, was man machen muß, wenn man erst einmal gehen kann? Nur, wie man das schafft, hat niemand erzählt.
Mit acht habe ich einen sehr einfachen Gedanken verstanden: Ich bin allein, und niemand braucht mich. Erwachsene und Kinder denken nur an sich selbst. Natürlich wußte ich, daß irgendwo auf einem anderen Planeten Mamas, Papas und Großväter und Großmütter existieren. Aber das war so weit weg, so wenig überzeugend, daß ich dieses Gefasel in den Bereich der Sterne und Kontinente einordnete.
Mit neun habe ich verstanden, daß ich niemals würde gehen können. Das war sehr traurig. Adieu, ferne Länder, Sterne und andere Freuden. Was blieb, war der Tod. Ein langer und unnützer Tod.
Mit zehn habe ich etwas über Kamikaze gelesen. Diese tapferen Männer brachten dem Feind den Tod. Mit einem One-Way-Flug haben sie der Heimat alle Schulden für den aufgegessenen Reis, die schmutzigen Windeln, die Schulhefte, das Lächeln der Mädchen, die Sonne und die Sterne, das Recht, ihre Mamas jeden Tag sehen zu dürfen, zurückgezahlt. Das paßte mir. Ich verstand, daß mich niemand in ein Flugzeug setzen würde. Ich träumte von einem Torpedo. Von einem ferngelenkten Torpedo, mit Sprengstoff gefüllt. Ich träumte davon, mich ganz leise dem feindlichen Flugzeugträger zu nähern und dann den roten Knopf zu drücken.
Seitdem sind viele Jahre vergangen. Ich bin jetzt ein erwachsener Mann und verstehe alles. Vielleicht ist das gut, vielleicht aber auch nicht. Alle Menschen, die verstanden haben, sind oft langweilig und satt. Ich habe nicht das Recht, den Tod herbeizuwünschen, denn von mir hängt zu einem großen Teil das Schicksal meiner Familie ab. Meine Frau und meine Kinder lieben mich, und ich liebe sie, unendlich. Aber manchmal, wenn ich nachts wach liege, träume ich trotzdem von dem Torpedo mit dem roten Knopf. Dieser naive kindliche Traum hat mich immer noch nicht losgelassen und wird mich vielleicht niemals loslassen.
Inhalt:
Ruben Gonzalez Gallego wird im September 1968 in der Klinik des Kreml geboren. Seine Mutter, eine Spanierin, wurde dort als Notfall aufgenommen dank ihrer Verbindungen zur geheimen Spanischen Kommunistischen Partei; sie war schwanger mit Zwillingen. Das erste Baby stirbt. Bei der Geburt des zweiten, Ruben, treten Komplikationen auf; seine Beine bleiben gelähmt und die Feinmotorik seiner Hände beeinträchtigt. Zunächst in einem Waisenhaus für Angehörige der kommunistischen Elite untergebracht, beginnt für Ruben ab dem zweiten Lebensjahr eine Odyssee durch Heime für behinderte Kinder; seiner Mutter sagt man, er sei gestorben. Rubens letzte Station 1990 ist ein Altersheim, in dem all die untergebracht werden, die keiner „nützlichen Tätigkeit" mehr nachgehen können. In den Wirren der Perestroika 1990 gelingt es ihm mit Hilfe einer Pflegerin, seiner späteren ersten Frau, zu entkommen.
Der Autor:
Ruben Gonzalez Gallego, geboren 1968 in Moskau, hat Jura und Anglistik studiert und lebt inzwischen mit seiner Familie in Madrid. Er arbeitet zur Zeit an seinem zweiten Buch, mit Hilfe eines Computers, und mit dem Zeigefinger seiner linken Hand.
Bemerkungen:
Nachwort
Von Aurora Gallego
Ruben kam am 20. September 1968 in der Kremlklinik in Moskau während der Ereignisse des Prager Frühlings auf die Welt. Ich wurde als Notfall in diese Klinik gebracht, als ich im achten Monat mit Zwillingen schwanger war. Nur dank des gleichzeitigen Besuchs meines Vaters in der Sowjetunion, der Vorsitzender der geheimen spanischen kommunistischen Partei war, hatte ich Zugang zur sowjetischen Medizin.
In Frankreich war ich eine »Person ohne Ausweispapiere« gewesen. In Moskau war ich eine Ausländerin ohne eine Botschaft, die mich vertrat. Ich hatte keine Rechte. Kein Recht, mich frei zu bewegen, kein Wahlrecht, und obendrein hatte ich das Verbrechen begangen, »nicht konforme« Kinder auf die Welt gebracht zu haben.
Das erste Baby starb ein paar Tage nach der Geburt. Das zweite, mit dem Namen Ruben, kam nach einer schwierigen Entbindung mit Zerebralparese auf die Welt. Wir wurden in eine Klinik in der Nähe von Moskau gebracht, wo wir anderthalb Jahre lang eingesperrt lebten. Auch eine Art, das Problem zu umgehen.
Nach einem erneuten Besuch meiner Familie in Moskau und anderthalb Jahre später wurde mir Ruben weggenommen. 1973 wurde er nach einem Aufenthalt in einem speziellen geheimen Kinderheim, das der kommunistischen Elite vorbehalten war, in eine Einrichtung für behinderte Kinder in Kartatschowo, in der Nähe von Leningrad, gebracht.
Später wurde er von einer Einrichtung für behinderte Kinder zur nächsten weitergereicht, alles geschlossene Anstalten, geheime Anstalten, die überall in der Sowjetunion verteilt waren: Trubtschewsk, Nischni Lomow ... Nowotscherkassk in der Gegend von Rostow am Don im Süden Rußlands. Von 1986 bis 1990 lebte er in einem Altersheim, in dem diejenigen Behinderten untergebracht wurden, die unfähig waren, einen nützlichen Beruf auszuüben.
Ruben nutzte die allgemeinen Unruhen, die durch die Perestroika verursacht wurden, und schaffte es zu fliehen. Er suchte nach seinen Ursprüngen. Fand mich nach einer unglaublichen Rundreise in einem Lastwagen durch ganz Europa in Prag. Er fing an zu schreiben. Ein nutzloser Beruf, von dem man ihm in Rußland abgeraten hatte. Seine neue Umgebung, meine Umgebung von Schriftstellern und Journalisten, fand seinen Schreibstil mitreißend. So, daß einem der Atem stockte.
Aus seiner Geschichte »Die eiserne Maske des Kommunismus« ist dieser Bericht entstanden, der in Rußland im Dezember 2002 veröffentlicht wurde und dessen Erfolg eine Debatte über Kindheit ausgelöst hat, über das sozialistische System, über die Auslöschung aller Dinge, die den Mythos des neuen Menschen in einem Land, in dem jeder glücklich sein mußte, störten.
Seit einem Jahr lebt Ruben in Spanien, bei mir. Ich habe lange darauf gewartet, daß mir das Recht zugesprochen wird, eine Mutter zu sein und als Übersetzerin und Journalistin zu arbeiten. Ich habe einen Reisepaß und das Recht, offiziell in meinem Land zu leben. Ich darf sogar wählen.
Was für ein Glück!
Von Kraft und Güte
Nachwort von Ruben Gonzalez Gallego
Manchmal werde ich gefragt, ob das, worüber ich schreibe, wirklich passiert ist. Ob es die Protagonisten meiner Geschichten gibt.
Ich antworte: Ja, es ist so passiert, es gibt sie wirklich. Natürlich sind meine Protagonisten zusammengesetzt aus Gestalten des Kaleidoskops meiner unzähligen Kinderheime. Aber das, worüber ich schreibe, ist die Wahrheit.
Wenn mein Buch manchmal nicht ganz der Lebenswirklichkeit entspricht oder ihr sogar widerspricht, dann liegt es am Blick des Autors, der vielleicht ein wenig sentimental ist und manchmal zum Pathos hin abstürzt. Ich vermeide es absichtlich, über das Schlechte zu schreiben.
Ich bin sicher, daß es im Leben und in der Literatur allzuviel Schwarzmalerei gibt. Es ist nun mal so, daß ich menschliche Grausamkeit und Bosheit im Übermaß sehen mußte. Die Abscheulichkeit des moralischen Verfalls von Menschen und die animalische Niederträchtigkeit zu beschreiben würde bedeuten, der ohnehin endlosen Kette von Gewehrladungen des Bösen ein Glied hinzuzufugen. Das will ich nicht. Ich schreibe über das Gute, über den Sieg, über die Freude und die Liebe.
Ich schreibe über Kraft. Über die psychische und über die physische. Über die Kraft, die jeder von uns hat. Über die Kraft, die alle Barrieren durchbricht und siegt. Jede meiner Geschichten ist eine Geschichte über den Sieg. Sogar der Junge aus der eher traurigen Geschichte »Frikadelle« siegt. Er siegt zweimal. Das erstemal, als er, weil er kein Messer zur Verteidigung hat, aus dem unordentlichen Gerümpel unnötigen Wissens die einzigen drei Wörter herausfischt, die auf den Gegner wirken. Das zweitemal, als er sich entscheidet, Frikadellen zu essen, also zu leben.
Es siegen auch diejenigen, für die der Freitod zum einzigen heldenhaften Ausweg wird. Der Offizier, der sich im Angesicht der Überlegenheit des Gegners entscheidet, das Leben zu verlassen und ehrenvoll zu sterben, ist ein Sieger. Ich habe Respekt vor solchen Menschen. Das Wichtigste für den Offizier jedoch waren die Kuscheltiere. Es ist sicher viel schwerer, das ganze Leben lang Bären und Hasen zu nähen, als sich einmal die Kehle aufzuschlitzen. Ich bin überzeugt, daß die Freude eines Kindes über ein neues Spielzeug viel mehr auf der Waage der menschlichen Werte wiegt als jeder militärische Sieg.
Dies ist ein Buch über meine Kindheit. Eine grausame, schreckliche Kindheit, aber trotzdem eine Kindheit. Um sich die Liebe zur Welt zu bewahren, um zu wachsen und erwachsen zu werden, braucht ein Kind nur sehr wenig: ein Stück Speck, eine Scheibe Brot, eine Handvoll Datteln, blauen Himmel, ein paar Bücher und die Herzlichkeit eines menschlichen Wortes. Dies genügt, es ist mehr als genug.
Die Protagonisten dieses Buchs sind starke, sehr starke Menschen. Ein Mensch muß sehr oft stark sein. Und gütig. Nicht jeder kann sich erlauben, gut zu sein, nicht jeder ist fähig, die Barriere des allgemeinen Unverständnisses zu durchbrechen. Güte wird zu oft für Schwäche gehalten. Das ist traurig. Es ist schwer, ein Mensch zu sein, sehr schwer, aber es ist durchaus möglich. Man muß sich dafür nicht unbedingt auf die Hinterbeine stellen. Nicht unbedingt. Ich glaube daran.
Ganz Persönliches:
Ein faszinierendes Buch, …. eine faszinierend grausame, ja grauenhafte Kindheit.
Und doch vermittelt Ruben Gonzalez Gallego Hoffnung, Liebe und Stärke, einen Willen zur Unbesiegbarkeit. Und die Wirklichkeit hat ihm Recht gegeben.
Ein Lebensbericht, der allen, die am Leben verzweifeln, Mut macht, Hoffnung gibt.
Und außerdem ein Stückchen sowjetisch-russische Geschichte.
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