Buchbesprechung Leseprobe:
Es war einer dieser trostlosen Wintertage, die einem durch Mark und Bein gehen. Einer von der Sorte, wie sie höchstens ein- oder zweimal pro Jahrhundert durch den Süden pfeifen, mit klirrendkalten Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Die Bettler klammerten sich am Heizungsrost der Gebäude fest, und selbst die Huren aus der Innenstadt suchten Zuflucht bei ihren Großmüttern auf dem Land. Jeder, der hier in Raleigh, North Carolina, noch einen Rest von Verstand im Kopf hatte, saß jetzt mit der Bourbonflasche zu Hause vor dem Kamin und betete um Sonnenschein.
Mein Ex hatte in seinem ganzen Leben noch nie einen Funken Verstand besessen. Ausgenommen natürlich das eine Mal, als er mich heiratete.
Bobby Dee entdeckte ihn als Erster. »Kuck dir mal den Knallkopf da an«, sagte er.
Ich stellte mich zu ihm ans Fenster, und wir starrten beide hinaus auf die hochgewachsene Gestalt, die versuchte, sich vor dem eisigen Wind wegzuducken. Der Typ trug eine gefütterte Jeansjacke und dazu einen Cowboyhut, der bei diesen Kältegraden eindeutig nichts brachte.
Schlagartig durchfuhr mich eine schreckliche Erkenntnis. Diesen Hut kannte ich! Ich kannte sogar den Knallkopf unter dem Hut. Schlimmer noch: Ich hatte ungefähr 2623 Mal mit ihm gevögelt - bis ich endlich zur Besinnung kam. Nicht, dass ich mitgezählt hätte, oder so.
»Ich kanns nicht fassen«, sagte ich. »Das ist ja mein Mann.«
»Dein Ehegatte?« Bobby Dees Unterkiefer klappte herunter.
Eine halb zerkaute Pommes stolperte heraus und landete auf der Spitze meines Stiefels.
»Mein Exmann, natürlich.« Wie konnte mir nur nach so vielen Jahren noch ein solcher Lapsus unterlaufen?
»Ist schon gut, Casey«, sagte Bobby ungewohnt mitfühlend.
»Die Zunge ist bei solchen Sachen immer die Letzte, die das mitkriegt.« Er sprach mit der Autorität eines Mannes, der schon so oft verheiratet gewesen war, dass er eigens ein kleines schwarzes Büchlein brauchte, um sich die Namen seiner Verflossenen zu notieren.
Wir standen Schulter an Schulter und beobachteten den großspurigen Kotzbrocken, der einmal der Meinige gewesen war, wie er über den menschenleeren Gehsteig stiefelte, geradewegs auf unsere Eingangstür zu. Ich hätte seinen Gang überall wiedererkannt. Es war der krummbeinige Schunkelschritt eines Schlimmfingers aus dem Pfannengriff von Florida - eine Gangart, die ihn von einem heißen Bohnenacker in eine dunkle Bierkneipe und dann aufs Deck einer Fünfzehn-Meter-Yacht befördern konnte - alles auf Kosten einer fremden Kreditkarte.
Jeffrey Carmichael Jones. Es gab eine Zeit, da war er mein Leben gewesen. Aber das war einmal. Und jetzt war jetzt.
»Gibt es etwas, das ich für dich tun kann?«, fragte mich Bobby nervös. Erzitterte mein heiß geliebter Hundertachtzig-Kilo-Boss etwa gerade in seinen Kunstlederstiefeln? Kaum zu glauben.
»Erschieß ihn«, schlug ich vor.
»Was?« Er erstarrte. So wie die nächste Pommes auf halbem Wege zu seinem Schlund.
»War'n Witz, Bobby. Ich kümmere mich drum. Aber bleib in der Nähe. Für den Fall, dass du mir helfen musst, den Arsch wieder vor die Tür zu setzen.«
»Genau das mag ich an dir, Casey«, sagte Bobby. »Du bist immer so zart fühlend.«
Die Tür ging auf, und Jeff trat wieder in mein Leben. Für den Bruchteil einer Sekunde ließ sich mein Herz - ohne Rücksprache mit meinem Gehirn - dazu verleiten, ein Stepptänzchen aufzuführen. Dann übernahm mein Verstand wieder die Kontrolle. Ich wollte ihm am liebsten den Schädel abreißen und ihn ihm hinten reinschieben.
»Überraschung!« Jeff breitete seine Hände aus, als ob er eine Varieteshow abmoderierte.
»Verpiss dich.« Ich schoss dieser Aufforderung einen Blick hinterher, der bei jedem anderen dazu gereicht hätte, weit mehr als seinen Enthusiasmus schrumpfen zu lassen.
»Aber Liebling.« Er klang verletzt, so wie nur Jeff verletzt klingen konnte. »Das ist nicht dein Ernst. Ich bin es. Die große Liebe deines Lebens.«
»Die große Liebe meines Lebens?« Ich war entgeistert. »Du bist das menschliche Gegenstück zu Herpes. Selbst wenn ich dich nicht sehen kann, weiß ich, dass du da bist. Und jeden Tag lebe ich in Angst, dass du wieder auftauchen könntest.«
»Schnuckiputzi«, protestierte er mit seinem zähflüssigen Florida-Akzent. »Das kannst du mir nicht antun.«
»Komm mir nicht noch mal mit diesem dämlichen Schnuckiputzi«, zischte ich ihn an. »Du weißt, wie ich heiße. Sei froh, dass du mich nicht mit Ms. Jones anreden musst.«
»Du hast also meinen Namen beibehalten«, betonte er viel sagend. »Das hat doch sicher etwas zu bedeuten.«
»Ja. Es bedeutet, dass ich mich für meinen eigenen Namen schämen darf. Und das verdanke ich nur dir allein.«
Wortlos verdrückte sich Bobby Dee in Richtung Toilette. Er wusste schon, was jetzt kam. Bobby ist nämlich der einzige Mensch im Staate North Carolina, der weiß, dass ich mal im Knast war, dass ich mit einer gefälschten Ermittlerlizenz arbeite und dass ich eine Waffe trage, die ich von Rechts wegen nicht haben darf. Denn ich habe keinen Waffenschein. Das alles und noch viel mehr verdankte ich meinem Ex.
Dass Jeff hier auftauchte, gefiel mir überhaupt nicht. Er würde nur überall ungefragt seine große Klappe aufreißen.
»Was zum Teufel willst du?«, fragte ich ihn barsch. Glauben Sie mir - es war sehr viel höflicher als alles andere, was ich ihm eigentlich sagen wollte.
»Wie kommst du denn darauf, dass ich etwas will?« Jeff nahm seinen Cowboyhut ab und befingerte ihn nervös. Aber er war längst nicht mehr attraktiv genug, als dass dieses Unschuldsmanöver bei mir noch gezogen hätte. Seine Haare wurden langsam grau, und er hatte ziemlich zugelegt. Noch ein Twinki-Riegel mehr, und er würde völlig aus den Fugen gehen. Dann wäre auch er nichts weiter als ein braun gebrannter Bierbauch, dem die aufgedunsene Wampe über den Hosenbund schwappte und in der Sonne Floridas wie Walfischspeck glänzte.
Die aufkeimende Schadenfreude wärmte mein Innerstes. Gibt es etwas Schöneres im Leben als die Erkenntnis, dass der Expartner schlimmer gealtert ist als man selber. . .?
»Was willst du?«, fragte ich ihn wieder.
»Was Privates«, murmelte er und blickte sich voll zweifelnder Skepsis in unserem Büro um. Ein Blick, den ich von vielen Besuchern geerntet habe. Aber hey, wir betreiben hier schließlich keinen Vorzeigebetrieb. Wir legen keinen Wert auf Vorhänge; uns reichen Jalousien. Genau wie die Billigmöbel aus Metallgestängen und die symbolische Plastikpflanze. Unsere Kunden beschweren sich nicht.
»Komm mit«, sagte ich kalt und führte ihn in mein Büro. Er blickte sich fasziniert um, als ob er noch nie grüne Farbe von den Wänden hätte abblättern sehen. Ich sagte kein Wort. Er setzte sich schließlich auf den Stuhl, der für Kunden reserviert war - ein unbequemer Ledersessel, den ich aus einem Müllcontainer hinter dem Gerichtsgebäude gefischt hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eigentlich der elektrische Stuhl ist, den die Behörden in einer moralischen Stunde irgendwann rausgeschmissen haben. Nur schade, dass er gerade nicht am Netz angeschlossen war.
Inhalt:
Das ist Casey Jones, der muskelbepackten, revolverschnauzigen Privatdetektivin mit gefälschter Lizenz, noch nie passiert: Sie lässt sich von der unechten Blondine Tawny Bledsoe reinlegen, dann taucht auch noch Caseys nichtsnutziger Exmann Jeff auf und verbündet sich mit Tawny. Und die ist ein solches Miststück. Als Casey sich von dem Schock erholt hat, schlägt sie zurück, auch wenns wehtut. Denn Tawny muss gestoppt werden, sie geht buchstäblich über Leichen. Das allergrößte Miststück aber ist auch sie noch nicht.
Von Band zu Band gewinnt die witzige, aber nie alberne Casey Jones aus North Carolina mehr Konturen. Sehr scharfe Konturen sogar, denn Katy Munger erzählt peu à peu Caseys Geschichte, die auch die Geschichte der Armen in den USA ist.
Die Autorin:
Katy Munger wurde 1956 auf Hawaii geboren. Aufgewachsen ist sie in Raleigh - einem Eckpunkt des so genannten Triangle in North Carolina. Nach dem Studium an der University of North Carolina Chapel Hill (zweiter Punkt des Triangles) zog sie 1980 nach New York. Dort begann sie auch ihre schriftstellerische Laufbahn mit den so genannten »Hubbert-&-Lil-Mysteries«, die sie unter dem Pseudonym Gallagher Gray verfasste. Casey Jones ist dort schon als Nebenfigur angelegt. Zurück in der Heimat, diesmal in Punkt drei des Dreiecks, in Durham, North Carolina, gründete sie eine PR-Firma, die Finanzdienstleister in Print- und multimedialen Angelegenheiten berät, brachte eine Tochter zur Welt und begann mit Casey Jones eine der trendsettenden »neuen« Krimiserien. Zusammen mit ihren Kolleginnen Sparkle Hayter und Lauren Henderson bildet Katy Munger die Gruppe »Tart Noir«, die in den USA durch ihren respektlosen »Neofeminismus« auf sich aufmerksam zu machen weiß.
Ganz Persönliches:
Herrlich respektlos, spannend, auch hintergründig – für den, der tiefer spürt –, amerikanisch aber ganz und gar nicht 08/15.
Ein entspannend spannendes Lesevergnügen.
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