Letzte Aktualisierung: 18.07.2012

 



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Der Großinquisitor
von Dostojewski, Fjodor M / Sprecher Matić, Peter / übersetzt von Bolliger, Albert (Russland)

Genre:

Erzählung

Stichwörter:

Großinquisitor, Christus

Verlag:

Sinus Verlag

ISBN:

978-3-905721-94-2

Format:

Hörbuch, Audio CD

Erscheinungsjahr:

2010

Preis:

€ (D) 24,80



Buchbesprechung

Es ist beeindruckend, dass ein Sterblicher einen so tiefen Einblick in die menschliche Existenz haben kann - und dabei war Dostoevskij von großen alltäglichen Sorgen geplagt! Diese Legende ist ein psychologisches Meisterwerk, das zeitlose Gültigkeit hat; ja mehr noch: es ist heute aktueller denn je.
Das gleichzeitige Lesen und Hören dieser Legende vom Großinquisitor eröffnet einen wesentlich tieferen Zugang zu diesem außerordentlichen Werk.
Hanns-Martin Wietek


Inhalt:
Eine der vielen Episoden in Dostoevskijs Roman Die Brüder Karamasow ist die berühmt gewordene Legende vom Großinquisitor. Dieses „Poem" hat sich einer der Brüder, Ivan, ausgedacht (gedichtet und nicht aufgeschrieben, wie er sagt), Ivan, der die von Gott geschaffene Welt so nicht akzeptiert, weil er meint, es gebe in ihr zu viel Leiden durch Ungerechtigkeit.
Die Legende spielt im Spanien des 16. Jahrhunderts. Der Großinquisitor ist der Meinung, dass Christus den allergrößten Teil der Menschheit mit der Möglichkeit, zwischen Gut und Böse zu wählen, überfordert habe und diese Freiheit kein Segen, sondern ein Fluch sei. Er korrigiert dies, indem er den Menschen strenge Gesetze gibt, die sie der Wahlmöglichkeit berauben; nur was er sagt, gilt; und wer danach lebt, ist glücklich, weil er zu wissen glaubt, in die Ewigkeit zu Gott einzugehen. Der Großinquisitor ist damit der Antichrist(us).
Nun erscheint Christus wieder auf der Erde, genauer gesagt in Sevilla, wird vom Volk erkannt und bejubelt und erweckt sogar ein Mädchen von den Toten. Der Großinquisitor, ein alter asketischer Greis, lässt Christus festnehmen und in ein Verlies im Palast des Heiligen Tribunals werfen, um ihn am nächsten Tag auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. In der Nacht geht er zu Christus in die Zelle und erklärt ihm, warum er ihn am nächsten Morgen auf dem Scheiterhaufen verbrennen müsse. Er klagt ihn an, dass er kein Recht habe, wieder auf Erden zu erscheinen und die von ihm, dem Großinquisitor, geschaffene Ordnung zu stören. Christus habe die Menschen viel zu hoch eingeschätzt: Sie wollten die von ihm angebotene Freiheit nicht; nur wenige Auserwählte seien stark genug, diese furchtbare Gabe zu ertragen. Er hingegen werde der Menschheit das Glück bringen, indem er sie zu absolutem Gehorsam, zur Übernahme der von ihm geschaffenen Vorstellungen von Gut und Böse und zur Entpersönlichung zwinge. Wenn der Mensch moralisch versklavt sei, werde er zur Belohnung Brot erhalten. Alle Menschen würden glücklich sein, bis auf die wenigen „Übermenschen“, die um das Geheimnis wüssten und über die Menschheit herrschten.
Es ist ein flammenden Monolog.
Dann wartet der Großinquisitor auf Christus' Antwort. Der aber schweigt, schweigt lange. Dann steht er auf, geht auf den Großinquisitor zu und

küsst ihn still auf die blutleeren neunzigjährigen Lippen. Das ist Seine ganze Antwort. Der Greis zuckt zusammen. Und dann erbebt etwas an den Mundwinkeln des greisen Großinquisitors; er geht zur Tür des gewölbten Verlieses, öffnet sie und sagt zu Ihm: „Geh und komme nie wieder … komme überhaupt nicht mehr … nie wieder, nie wieder!“ Und er lässt ihn hinaus auf die ‚dunklen Gassen der Stadt‘. Und der Gefangene geht hinaus.

Unschwer ist zu erkennen, auf wen diese Legende gemünzt ist. In der Diskussion der drei Brüder, im Verlauf derer Ivan sein Poem erzählt, wird es ja auch explizit ausgesprochen: Es geht um die römisch-katholische Kirche, die sich vom Urchristentum – d. h. vom eigentlichen Anliegen Christi – entfernt und sich Dostoevskijs Ansicht nach durch ihre Machtpolitik verweltlicht hat.


Der Autor:
Fëdor Michajlovič Dostoevskij,
(*1821 †1881) ist einer der größten russischen Schriftsteller, ja einer der größten Romanautoren der Weltliteratur überhaupt. Der Gegenstand seines Erforschens war die menschliche Seele.

Mehr über den Autor in Wikipedia

Der Interpret:
Peter Matić
wurde in Wien geboren, wo er 1960 seinen Weg als Schauspieler am Theater in der Josefstadt begann. Nach kurzen Stationen am Basler Theater und an den Münchner Kammerspielen war er von 1972 bis zu deren Schließung 1994 Mitglied der Staatlichen Schauspielbühnen Berlin. Seither gehört er dem Ensemble des Wiener Burgtheaters an. Außerdem führten ihn Gastspiele an die Wiener Volksoper, zu den Salzburger Festspielen, den Festspielen Reichenau, an die Bayrische Staatsoper, sowie in Berlin an die Deutsche Oper, an das Theater des Westens und das Renaissancetheater. Daneben ist er in zahlreichen Arbeiten für Fernsehen und Hörfunk zu erleben.
Literarischen Lesungen, häufig in Verbindung mit Musik, gehört sein besonderes Interesse
2001 wurde ihm der «Albin Skoda-Ring» verliehen, mit dem alle zehn Jahre «ein besonders hervorragender Sprecher unter den lebenden Schauspielern des deutschen Sprachgebietes» ausgezeichnet wird.
Von der ORF Hörspiel-Jury wurde er zum «Schauspieler des Jahres 2005» gewählt, 2006 wurde ihm der Berufstitel «Kammerschauspieler» verliehen.


Bemerkungen:
Der Sinus-Verlag veröffentlicht Texte der Weltliteratur zum Lesen und Hören: alle von profilierten Sprechern vorgetragenen Texte liegen auch vollständig gedruckt in einem bibliophilen Booklet vor. Jedes Hörbuch enthält zudem einen Essay oder biografischen Beitrag über den Autor und einen ausführlichen Kommentar.

Leseprobe:
Wisse, dass ich keine Furcht vor Dir habe. Wisse, dass auch ich in der Wüste war, dass auch ich mich von Heuschrecken und Wurzeln genährt, dass auch ich die Freiheit, mit der Du die Menschen gesegnet hattest, segnete und auch ich mich vorbereitete, zur Zahl Deiner Auserwählten zu gehören, zur Zahl der Mächtigen und Starken, lechzend danach, „die Zahl vollzumachen“. Aber ich erwachte und wollte nicht mehr dem Wahnsinn dienen. Ich kehrte zurück und schloss mich der Schar jener an, die Dein Werk verbesserten. Ich ging fort von den Stolzen und kehrte zurück zu den Demütigen, zum Glücke eben dieser Demütigen. Das, was ich Dir sage, wird in Erfüllung gehen, und unser Reich wird kommen. Und ich sage es Dir nochmals: Morgen noch wirst Du diese gehorsame Herde sehen, die auf meinen ersten Wink zu Deinem Scheiterhaufen stürzen wird, um das Feuer zu schüren. Denn auf den Scheiterhaufen bringe ich Dich dafür, dass Du gekommen bist, uns zu stören. Und wahrlich, wenn es einen gegeben hat, der vor allen anderen unseren Scheiterhaufen verdient, so bist Du es. Morgen werde ich Dich verbrennen. Dixi!“


erstellt am: 24.03.2011

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