Letzte Aktualisierung: 18.07.2012

 



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Entlasse mich aus deinem Herzen – Tolstojs letztes Jahr
von Goldenweiser, Alexander <übersetzt von: Frank, Alfred> (Russland)

Genre:

Erinnerungen

Stichwörter:

Lev Tolstoj, letztes Jahr, Tod

Verlag:

Aufbau

ISBN:

978-3-351-03311-8

Format:

gebunden, 500 S.

Erscheinungsjahr:

2010

Preis:

€ (D) 26,95 / sFr 45,50



Buchbesprechung

Wenn man die »Tagebücher« Lev Tolstojs und die seiner Frau Sofia über die entsprechende Zeit, die auch Goldenweiser beschreibt, liest, fällt auf, dass die Dramatik des Ehelebens beider bei Goldenweiser sehr viel größer ist, als in deren Tagebüchern beschrieben.
Fakt ist, dass Goldenweiser ein glühender Verehrer Tolstojs und enger Freund Čertkovs (Tolstojs Lieblingsjünger) war. Es ging letztlich um die Rechte an Tolstojs Werken in seinem Testament. Tolstoj, dem Gedanken der Besitzlosigkeit frönend, tendierte seit seiner „Umkehr“ 1881 dazu, seine Werke der Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung zu stellen, wohingegen diese für seine Frau Sofja und die Familie die einzig wirkliche Existenzgrundlage bildeten. Auf teilweise unschöne Weise nutzten diese Jünger ihre geistige Nähe zu Tolstoj aus, um die Rechte in ihre Hände zu bekommen – natürlich im Sinne Tolstojs!? (honi soit qui mal y pense) –, übten streng genommen moralischen Druck auf ihn aus und nötigten ihn zu einem heimlichen Testament. Am 30. Juli 1910 schreibt er dazu in seinem »Tagebuch nur für mich«: „und dieser Kampf ist mir sehr schwer und widerstrebt mir“ und am 24. September 1910 „Sie zerreißen mich in Stücke. Bisweilen denke ich: nur fort von allen.“ Der Druck seiner Freunde und der daraus resultierende Kampf mit seiner Frau war definitiv zu viel für ihn.
In Goldenweisers Aufzeichnungen liest es sich, als ob Tolstoj völlig eines Herzens mit Čertkov und seinen Jüngern gegen seine Frau gekämpft hätte – was so nicht stimmt, denn Tolstoj hatte Čertkov schriftlich seine Skrupel mitgeteilt „Er nahm es mir sehr übel“.
Goldenweisers »Vospominanija« (Erinnerungen) sind also sehr mit Vorsicht zu genießen – sie sind zumindest in der Auswahl gefärbt, wobei allgemeine Fakten durchaus nicht zu bezweifeln sind.

Ironie des Schicksals ist, dass all diese Zänkereien, die sicher auch zum Tode Tolstojs mit beigetragen haben, überflüssig waren: Das heimliche Testament wurde von der Justiz nicht anerkannt, die Rechte wurden den legalen Erben zugesprochen.
Hanns-Martin Wietek


Inhalt:
Alexander Goldenweisers Tagebuch spiegelt die geistigen Auseinandersetzungen und familiären Dramen in Tolstois Todesjahr wieder.
In Lew Tolstois letzten fünfzehn Lebensjahren ritt Alexander Goldenweiser fast täglich nach Jasnaja Poljana, dem Gut der Tolstois. Viele Stunden hat er an der Seite des weltberühmten Schriftstellers verbracht. Er wurde ein intimer Zeuge von Tolstois inneren Kämpfen, Zeuge auch der sich zuspitzenden Konflikte zwischen Tolstoi und dessen Frau Sofja Andrejewna um Tolstois Tagebücher und die Rechte an seinen Werken – ein Streit, der die ganze Familie spaltete und den 82jährigen Tolstoi schließlich von seinem Gut fliehen ließ.


Der Autor:
Alexander Goldenweiser
(1875–1961) war Pianist, Komponist und Kunstwissenschaftler und wurde als 21-jähriger Student in das Haus der Tolstois eingeführt. Ab 1906 war er fast 50 Jahre lang Professor am Moskauer Konservatorium.

Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
2. Oktober.
Ich stand nach acht Uhr auf. Als ich die Treppe hinaufstieg zum Teetrinken, traf ich Lew Nikolajewitsch, der zu seinem Spaziergang aufbrach. Ich erkundigte mich nach seinem Befinden, da er gestern geklagt hatte, er fühle sich nicht gut.
»Schlecht ist es«, sagte er.
Und als er bereits die Treppe hinunterging, fügte er hinzu: »Ach, es geht schon ... Alles bestens ...«
Sofja Andrejewna war auch bereits aufgestanden. Ein wenig später erschien, zu Fuß von der Station Koslowka kommend, der unverhofft angereiste Birjukow. Er glaubte in dem alten Mann, der ihm unterwegs im Kabriolett begegnet war, Lew Nikolajewitsch erkannt zu haben.
Das genügte Sofja Andrejewna, völlig außer sich zu geraten und erregt alle zu befragen, bis sie sich überzeugt hatte, dass es sich um einen Irrtum handelte und Lew Nikolajewitsch sich einfach zu seinem üblichen Morgenspaziergang aufgemacht hatte.
Zurückgekehrt, freute er sich sehr, Birjukow zu sehen. »Wie Sie gealtert sind!«, sagte er zu ihm.
»Nun, auch Sie, Lew Nikolajewitsch, werden nicht jünger«, erwiderte Birjukow.
Lew Nikolajewitsch zog sich bald in sein Zimmer zurück. Als dann Alexandra Lwowna eintraf, brach ich fast sofort mit ihrem Pferd nach Teljatinki auf.
Tschertkow ist gestern Nacht für einen Tag nach Moskau gefahren. Ich ließ mir von Sergejenko Abschriften der letzten Tagebücher Lew Nikolajewitschs und den Beginn eines belletristischen Werkes geben, das er im Tagebuch »Allen das Gleiche« nennt und von dem er vorher schon unter dem Titel »Es gibt keine Schuldigen in der Welt« gesprochen hat.
Der Beginn ist von so typisch Tolstoi'scher Art, dass es höchst betrüblich ist, zu wissen, dass er, wäre nicht der ganze Alptraum der letzten Monate gewesen, dieses Werk wahrscheinlich geschrieben hätte.
In Teljatinki blieb ich nicht lange. Nachdem ich alles von Sergejenko Erhaltene durchgelesen hatte, saß ich noch ein Weilchen mit Tschertkows Frau zusammen.
Ich beeilte mich, nach Jasnaja Poljana zurückzukommen, um mich nicht zum Frühstück zu verspäten, denn anschließend wollte Lew Nikolajewitsch mit mir ausreiten.
Er erschien zum Ende des Frühstücks und wollte sich danach hinlegen, da er in der Nacht schlecht geschlafen habe und müde sei.
»Ich bekomme immerzu Briefe mit Fragen nach dem Sinn des Lebens«, sagte er zu mir. »Meine Antworten sind schwach, einfach so auf die Schnelle hingeschrieben. Dazu sollte man sich präziser äußern, aber ich kann mich nicht dazu aufraffen.«
Lew Nikolajewitsch ging sich hinlegen. Sofja Andrejewna saß am runden Tisch und las Korrektur, während ich mir ebenfalls einen Platz im Speisezimmer suchte, um den zugesandten Probeabzug von Briefen Lew Nikolajewitschs an Grot durchzusehen.
Es dauerte nicht lange, und Sofja Andrejewna verwickelte mich wieder in ein Gespräch über Tschertkow und sie selbst. Sie erkundigte sich, ob ich mit Alexandra Lwowna gesprochen hätte, und sagte, sie habe gehört, dass auch Tschertkow deren Weggang verurteile.
Ich erwiderte, ich hätte Alexandra Lwowna offen meine Meinung auseinandergesetzt.
»Birjukow hat mir erzählt, er habe einen Brief von Tschertkows Frau erhalten. Sie wäscht ihm den Kopf, weil er meine Partei ergriffen hätte. Dass er meine Partei ergriffen hat, stimmt überhaupt nicht, er ist einfach ein Mensch mit Gerechtigkeitsgefühl.«
…….

erstellt am: 08.11.2010


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