Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Russlands Unterwelten

Europa zwischen Ost und West

Schwarzes Eis

Waisen des Lebens

Das Erbe des Bösen

Das russische Labyrinth

Transsibirische Eisenbahn

Festung Breslau

Die Stadt im Westen

Pulverfass Kaukasus - Konflikte am Rande des russischen Imperiums
von Quiring, Manfred (Deutschland)

Genre:

Sachbuch (Zeitgeschehen)

Stichwörter:

Russland, Kaukasus

Verlag:

Links Verlag

ISBN:

978-3-86153-514-0

Format:

kartoniert, 200 S.

Erscheinungsjahr:

2009

Preis:

€ (D) 16,90 / € (A) 17,40



Buchbesprechung

Wie schon in seinem Buch Russland – Orientierung im Riesenreich beschreibt Manfred Quiring auch in »Pulverfass Kaukasus« souverän die große Problematik dieser Region seit alters. Wer über dieses „heiße Eisen“ urteilen will, muss dieses Buch gelesen haben.
Auch für dieses Buch trifft zu: ein faktenreiches Thema, spannend geschrieben.


Inhalt:
Nach dem russisch-georgischen Krieg um Südossetien im August 2008 ist der Kaukasus erneut ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Es war der sechste militärische Konflikt seit 1990. Und noch immer ist reichlich Zündstoff vorhanden in einer kulturell und geografisch faszinierenden Region, wo auf 400 000 Quadratkilometern mehr als 50 verschiedene Völker zu Hause sind: Abchasen und Aserbaidschaner, Armenier und Darginer, Georgier und Inguschen, Osseten und Tschetschenen. Zwischen 40 und 50 Sprachen, nicht gerechnet die zahlreichen Dialekte, werden hier gesprochen, weshalb der Kaukasus in der Antike auch »Berg der Sprachen« hieß. Streitigkeiten untereinander und die Tatsache, dass Russland das Gebiet als seine naturgegebene, ureigene Einflusssphäre betrachtet, führen immer wieder zu Spannungen. Manfred Quiring, Korrespondent für »Die Welt« in Moskau, hat den 1500 Kilometer langen Gebirgszug und die angrenzenden Regionen seit 1982 immer wieder bereist, die Konflikte zum Teil persönlich miterlebt. In seinem Buch geht er ihren Ursachen nach, verbindet Geschichtliches mit der Neuzeit und eigenem Erleben.

Einleitung
Die Geschichte der russischen Eroberungen im Kaukasus

Perser, Türken, Russen / Imam Schamil, der »Löwe von Dagestan« / General Alexej Jermolow / Von Gastrecht und Verrat - die kulturelle Kluft
Georgien, die kaukasische Perle am Schwarzen Meer
Der Abzug / Die Geschichte eines Konfliktes / Georgiens glücklose Präsidenten / Das Kaukasische Haus in Tbilissi / Abchasiens Träume von der Unabhängigkeit / Südossetien spricht mit russischem Akzent
Aserbaidschan, das heilige Land des ewigen Feuers
Der Ölreichtum des Kaspischen Meeres / Der Alijew-Clan: Gaidar, der Vater / Der Alijew-Clan: Ilham, der Sohn / Der Konflikt um Berg-Karabach / »Wir sind bereit zu kämpfen« / Berg-Karabach - schwierige Suche nach einer friedlichen Lösung
Armenien, der älteste christliche Staat der Welt
Der Genozid / Berg-Karabach - die armenische Sicht / Fußball-Diplomatie / Die armenische Diaspora
Russlands moslemischer Nordkaukasus: Die antirussische Stimmung wächst
Der islamische Untergrund - das Emirat / Adat und Schariat
Dagestan, das Land der Berge
Der verdeckte Bürgerkrieg / Der Dichter, der sich schämte: Rassul Gamsatow / Manchmal nennen sie sich auch Taten: die Bergjuden
Die Wainachen: Tschetschenen und Inguschen
Dudajew, Tschetscheniens erster Präsident / Der Erste Tschetschenienkrieg (1994-1996) / Der Zweite Tschetschenienkrieg (1999-2001) / Der Kadyrow-Clan und die relative Stabilisierung / Inguschetien
Nordossetien
Gergijew - der berühmteste der Osseten / Geschichte eines Volkes am Schnittpunkt der Kulturen / Beslan, eine Wunde, die nicht heilt / Kulajew muss für alle anderen büßen
Kabardino-Balkarien, Karatschaj-Tscherkessien und Adygeja
Kabardino-Balkarien / Karatschaj-Tscherkessien / Die Republik Adygeja
Stawropol, Krasnodar und die Kosaken
Stawropol / Krasnodar / Olympiastadt Sotschi / Wo Kosaken ihre Säbel schwingen
Kaukasier und ihre Eigenheiten
Anhang

Anmerkungen / Literaturverzeichnis / Basisdaten südkaukasische Republiken / Basisdaten Nordkaukasus / Die Sprachen im Kaukasus / Angaben zum Autor


Der Autor:
Manfred Quiring
, Jahrgang 1948, aufgewachsen in Berlin, nach kurzem Zwischenspiel als Eishockeyspieler Journalistik-Studium in Leipzig, ab 1973 Redakteur der Berliner Zeitung und zweimal deren Korrespondent in Moskau (1982–1987 und 1991–1995), er bereiste die ehemalige Sowjetunion von Kaliningrad bis nach Kamtschatka, von Norilsk bis nach Turkmenien, und erlebte alle Wechsel im obersten Staatsamt live in Moskau, 1989/90 ein Jahr Korrespondent der Nachrichtenagentur ADN in Athen, seit 1998 für Die Welt in Moskau.

Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Russland – Orientierung im Riesenreich

Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Einleitung
Jeden Tag, den Zeus werden ließ, kam der Adler Ethon. Langsam kreisend senkte er sich auf sein Opfer. Er hatte keine Eile, der Gefangene konnte nicht fliehen und sich nicht dagegen wehren, dass der Raubvogel ein Stück von seiner Leber fraß, jeden Tag. Denn er war angekettet. Und immer wieder wuchs die Leber nach. Der Gefangene war der unsterbliche Titanen-Sohn Prometheus. Zeus, der oberste aller Götter, hatte ihn zu der Jahrhunderte währenden Qual verurteilt, weil er des Göttervaters Gebot missachtet und den Menschen das Feuer gebracht hatte. Erst nach langer Zeit, so will es die griechische Mythologie, wurde Prometheus vom Helden Herakles befreit. Der Ort von Prometheus' Leiden: der Kaukasus.
Schon für die alten Griechen war das Gebirge zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer eine natürliche Grenze zwischen dem asiatischen Osten, wo die Steppenvölker lebten, und dem zivilisierten Westen. Die teilweise über 5000 Meter hohen Berge - der Elbrus ist mit 5642 Metern der höchste - markierten in der Antike das Ende der Welt im Norden. An seiner Südflanke am Schwarzen Meer lag das Land Kolchis, in dem der Sage nach Jason mit seinen Argonauten das Goldene Vlies raubte, unterstützt von der Königstochter Medea.
Das Goldene Vlies existierte tatsächlich. Schon der römische Geschichtsschreiber Appian berichtete im 2. Jahrhundert, dass die Flüsse des Kaukasus noch reichlich Goldstaub führten: »Die einheimischen Bewohner halten dichtwollige Schafsfelle ins Wasser, in denen sich der Goldsand fängt.«
Der Große Kaukasus zieht sich über 1100 Kilometer vom Nordostufer des Schwarzen Meeres bis zur Halbinsel Apscheron am Kaspischen Meer, auf der die aserbaidschanische Hauptstadt Baku liegt. Die Gebirgskette ist durchschnittlich rund 100, an einigen Stellen bis zu 180 Kilometer breit. Wer bei guter Sicht beim Überfliegen der Berge das atemberaubende Panorama genießen kann, erkennt die tiefe Zerklüftung, die das Passieren der Bergkette auf dem Landwege auch heute noch zu einer Herausforderung macht.
Etwa 46 verschiedene Völker - insgesamt 30 Millionen Menschen - sind in diesem grandiosen, zum Teil sehr unwirtlichen Gebirgsmassiv zu Hause, das eine Fläche von 440.000 Quadratkilometern einnimmt. Zwischen 40 und 50 Sprachen, nicht gerechnet die zahlreichen Dialekte, werden hier gesprochen. »Berg der Sprachen« soll der arabische Geograph Al-Masudi den Kaukasus im 10. Jahrhundert genannt haben, und bei Plinius d.Ä. findet sich, dass die Römer in Dioskurias (heute Suchumi) 130 Dolmetscher benötigten.
Der Kaukasus stellte ein in der Welt in dieser Kompaktheit wohl einmaliges Rückzugsgebiet für Völker dar, die in den Ebenen Eurasiens und den Hochebenen Anatoliens und Irans von anderen Völkerschaften verdrängt worden waren. Hier, in den schwer zugänglichen Tälern und auf den leicht zu verteidigenden Höhen, fühlten die Menschen sich sicher vor ihren Verfolgern. Doch diese Höhenzüge erschwerten gleichzeitig auch den Kontakt zwischen den Stämmen, eine Voraussetzung für die Entwicklung von vielen Dialekten und Subdialekten.
Die Kammlinie des Großen Kaukasus trennt zwei Welten. Im Norden liegen die islamisch geprägten, zur Russischen Föderation gehörenden autonomen Republiken Dagestan, Tschetschenien, Inguschetien, Nordossetien, Kabardino-Balkarien, Karatschai-Tscherkessien und Adygej.
Im Süden, dem sogenannten Transkaukasus, bilden das muslimische Aserbaidschan und die christlichen Staaten Georgien und Armenien eine Landbrücke zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer. Sie war seit alters auch immer eine Transitverbindung zwischen dem Orient und dem Okzident, ein Zweig der Seidenstraße führte hier entlang. Sie ist es heute in weit stärkerem Maße, denn von den Erdöl- und Erdgasfeldern am und im Kaspischen Meer führen Rohrleitungen über Georgien in die Türkei, von wo aus die flüssigen und gasförmigen Kohlenwasserstoffe weiter nach Europa gelangen. In dem Maße, wie Russland in jüngster Zeit versucht, sich als Rohstoffweltmacht aufzustellen und die Kontrolle über Förderung und Transport der immer begehrter werdenden Brennstoffe zu erlangen, wächst die Konkurrenz mit westlichen Förder- und Transportkonzernen und damit auch das konfrontative Potenzial.
Russland hat daneben mit der Tatsache zu kämpfen, dass große Teile der früher zur Sowjetunion gehörenden Staaten als Puffer gegenüber der vermeintlich feindlichen westlichen Welt verloren zu gehen drohen. Seit die osteuropäischen und baltischen Staaten Mitglieder der Nato wurden, die Ukraine und Georgien sich in dieser Richtung bewegen, schrillen in Moskau die Alarmglocken. Präsident Dmitri Medwedjew hat unmissverständlich deutlich gemacht, dass die einstigen Sowjetrepubliken zu den Gebieten gehören, in denen Moskau »privilegierte Interessen« verfolgt, in die also weder die Europäer, geschweige denn die Amerikaner vordringen dürften. Was die unter die »privilegierte Obhut« Russlands gestellten Staaten selbst dazu sagen, interessiert den nördlichen Nachbarn der Kaukasus-Region weniger. Auch vor diesem Hintergrund erneut aufbrechender Ost-West-Gegensätze ist der jüngste Georgien-Konflikt zu sehen.
1982 reiste ich zum ersten Mal in diese für mich völlig fremde Welt, zunächst nach Dagestan. Ich besuchte die Hauptstadt Machatschkala, hatte ein wunderbares Treffen mit dem inzwischen leider verstorbenen Volksdichter Rassul Gamsatow, stattete der alten Hafenstadt Derbent mit ihrer Festung Nary-Kala einen Besuch ab und wurde oben in den kaukasischen Bergen von den Silberschmieden von Kubatschi zum Adlertanz gebeten.
Es ist ein faszinierendes Erlebnis, die überwältigende Freundlichkeit und Gastlichkeit im Kaukasus zu erleben, auch wenn ich sie schon mal unter den wachsamen Augen eines 15-jährigen, mit einer Kalaschnikow bewaffneten Tschetschenen genießen und mir anhören musste: »Alter Mann, was willst du hier im Krieg? Du solltest zu Hause mit deinen Enkeln spielen.«
Faszinierend ist die kulturelle Vielfalt, wie ich sie in den vergangenen fast 30 Jahren auf zahlreichen Reisen in den Nord- und Südkaukasus erlebte. Schriftsteller wie der Abchase Fasil Iskander, der Bakuer Essad Bey alias Lew Nussimbaum oder der Georgier Nodar Dumbadse haben es ebenso zur Weltgeltung gebracht wie der Ausnahmedirigent Waleri Gergijew, der Ossete. Wer georgische Volksmusik mag, kommt an Hamlet Gonaschwili, dem »Gott«, wie die Musiker ihn dort nennen, nicht vorbei. Und für Jazzfans gehören die Aserbaidschanerin Aziza Mustafa Zadeh und Katie Melua, die aus Georgien stammt, zur allerersten Wahl.
Dennoch bleibt der Kaukasus heute immer auch noch der Ort potenzieller militärischer Konflikte. Die Bürgerkriege in Georgien und Aserbaidschan Anfang der 90er Jahre, die beiden Tschetschenien-Kriege, die ich alle aus der Nähe verfolgt habe, hinterließen - wie auch das Flüchtlingselend in Inguschetien oder die Geiselnahme von Budjon-nowsk und Beslan - tiefe Spuren in der Gesellschaft. Mit dem russisch-georgischen Fünf-Tage-Krieg im Sommer 2008 wurde der georgisch-abchasisch-südossetische Konflikt keineswegs gelöst. Andere, wie das Karabach-Problem, drohen wieder aufzubrechen. Im Nordkaukasus sieht sich Russland mit zentrifugalen, von nationalistischen und islamistischen Gruppen beförderten Kräften konfrontiert. Der Kaukasus, auch als Schutz des »weichen Unterbauchs« der Russischen Föderation gedacht, kann dieser Funktion immer weniger gerecht werden. Die Lunte glimmt gleich an mehreren Stellen.

erstellt am: 07.05.2009

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