Buchbesprechung „Dieses Buch ist ein Genre für sich: Es ist weder ein reines Wissenschaftswerk noch eine Legendensammlung, weder Reisebericht noch Reiseführer. Der Autor lädt uns ein zu einer ausgedehnten Reise in die unterirdische Welt des vergangenen und des heutigen Russland. Thomas Kunze, der mehrere Jahre in unserem Land verbracht hat, besuchte viele der im Buch beschriebenen Höhlen, Tunnel und Bunker. Alle konnte er nicht sehen - einige von ihnen gehören nach wie vor zu den streng gehüteten Staatsgeheimnissen. …
Die Anziehungskraft der unterirdischen Welt in allen ihren Ausformungen hat tiefe Wurzeln. In den russischen Märchen, wie im Übrigen auch in den Legenden anderer Völker, lagern unter der Erde unermessliche Schätze, schlafen schöne Prinzessinnen, leben gute Zwerge und böse Drachen, kämpft das Gute gegen das Böse, das Licht gegen das Dunkel. In historischen Chroniken begegnen uns Verliese, wo die Eingekerkerten ausgeklügelten Foltern unterworfen werden, und unterirdische Gänge, die den Einwohnern belagerter Städte eine letzte Chance auf Rettung geben.
Für unsere fernen Vorfahren waren gerade die Höhlen über Tausende von Jahren Heimat. Ohne Übertreibung kann man sie die Wiege der Menschheit nennen. Ein Raum unter einer Erdschicht wirkt auf unser Unterbewusstsein ebenso wie die magische Kraft des Feuers. Er lässt in uns ein schwaches Echo jener Emotionen anklingen, welche auf die Jäger der Urzeit einstürmten. …“
So scheibt Prof. Dr. Alexander Watlin von der Historischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität ›M. W. Lomonossow‹ in seinem einführenden ›Zum Geleit‹.
Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen.
Dr. Thomas Kunze versteht es, den Leser mit Text und Bild zu fesseln. Ein wirklich spannender Text-Bild-Band nicht nur für Russlandfreunde, sondern von allgemeinem Interesse.
Inhalt:
Nicht nur der Moskauer Untergrund ist voller Geheimnisse, Bunker, Tunnel, geheimer Metrolinien. In ganz Russland gibt es eine Vielzahl unterirdischer Anlagen, die zum Teil nur schwer zugänglich sind: steinzeitliche Höhlen, mehr als 20 antike Städte aus der Bronzezeit, mittelalterliche Katakomben, zaristische Festungsanlagen, unterirdische Städte, wahnwitzige Großprojekte der Stalin-Ära, gewaltige Atombunker aus der Zeit des Kalten Krieges bis hin zu ehrgeizigen Bauvorhaben des neuen Russlands. Viele Städte und Regionen sind heute noch gesperrt und nur mit Sondergenehmigung des Inlandsgeheimdienstes FSB zu betreten.
Thomas Kunze hat eine ausgedehnte abenteuerliche Reise in die Unterwelten des vergangenen und gegenwärtigen Russlands unternommen. Er präsentiert nicht nur die Resultate seiner Recherchen, sondern lässt den Leser direkt an den nicht selten gefährlichen Erkundungen, an bürokratischen Hindernissen, klimatischen Widrigkeiten und Gesprächen mit Zeitzeugen teilhaben. Chronologisch angelegt, wird das Buch zu einer Zeitreise durch die Geschichte des russischen Imperiums - von unten erzählt. Neben Moskau, wo die unterirdische Bebauung unter Stalin Ausmaße annahm, wie sie vermutlich weltweit keine zweite Stadt aufweist, dürfte Samara, ab 1941 Befehlshauptstadt, der Ort mit den meisten baulichen Anlagen unter der Oberfläche sein. Aber auch Wladiwostok, zur Sowjetzeit eine »geschlossene Stadt«, bietet mit 16 Forts aus dem Ersten Weltkrieg und einer Bunkerstadt für die Parteielite außerordentliches unterirdisches Potenzial. In Kaliningrad, wo jede neue Baustelle den Blick auf unbekannte Fundamente öffnet, wird seit Jahrzehnten das legendäre Bernsteinzimmer vermutet, in der Nähe von Smolensk wurde mit der »Bärenhöhle« Hitlers östlichstes Führerhauptquartier errichtet.
Noch immer ist die Moskauer Metro das größte unterirdische Bauprojekt mit 262 km Länge und 170 Stationen, und Moskau will weiter in die Tiefe wachsen: Jährlich sollen 1,8 Millionen Quadratmeter nutzbarer Fläche unter der Erde und damit eine Stadt unter der Stadt entstehen.
Der Band ist mit mehr als 300 zum großen Teil unveröffentlichten Fotos - 56 davon in Farbe - illustriert und damit auch optisch ein Abenteuer.
Der Autor:
Dr. Thomas Kunze Jahrgang 1963, Studium der Geschichte, Germanistik und Pädagogik an den Universitäten Jena und Leipzig, Dr. phil., 2002-2007 Leiter der Außenstellen Taschkent und Moskau der Konrad-Adenauer-Stiftung, seit 2007 Leiter der Europa/Nordamerika-Abteilung der Konrad-Adenauer-Stiftung, Ehrenprofessuren an der Präsidialakademie Taschkent und der Staatlichen Al-Chorezm-Universität (beides Usbekistan).
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
»The Stalin Subway« - so heißt ein Computerspiel russischen Ursprungs. Statt wie üblich als westlicher Held gegen Kommunisten zu kämpfen, verteidigt ein KGB-Agent Stalin gegen einen Putschversuch. Das blutige PC-Gemetzel erfreute sich kurz nach Erscheinen in Russland großer Beliebtheit. Kein Wunder, denn die imaginäre Handlung spielt im Moskauer Untergrund, einem Ort, der immer wieder Anlass zu Spekulationen bietet, Spekulationen, mit denen ich schon bald nach meiner Ankunft in Russland Bekanntschaft machte.
Als ich Anfang Februar 2005 in Moskau landete, lagen vor mir drei Jahre Russlandaufenthalt. Ich kannte Moskau von einer Reise im Jahr 1979, die ich damals mit dem DDR-Jugendreisebüro »Intourist« unternommen hatte. In Erinnerung geblieben waren die sich über Hunderte von Metern windende Menschenschlange vor dem Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz, irgendeine semmelmehlreiche Boulette in einem speisesaalgleichen Restaurant auf dem Neuen Arbat, die sich »Kiewski Kotlet« nannte, und ein Ausflug nach Gorki, dem Sterbeort des »Führers der Oktoberrevolution«. Bei meiner damaligen Reise regierte noch Leonid Iljitsch Breschnew, der 1964 Nikita Chruschtschow aus dem Amt gejagt hatte. Schwarze Wolgas, Schigulis, Moskwitschs und Saporoschets bestimmten das Straßenbild auf den breiten Boulevards. Nur wenige Sowjetbürger konnten sich ein Auto leisten. Und wenn doch, dann musste man mehrere Jahre warten, es sei denn, man gehörte zur kommunistischen Nomenklatura.
Welch ein Unterschied zur Gegenwart! Deutsche Großstädte wirken im Vergleich zu Russlands Metropole geradezu beschaulich und bescheiden. Moskau kommt nie zur Ruhe. In der Nacht erwacht die Stadt zu einem ganz eigenen Leben. Die Prachtboulevards sind zugeparkt mit den Ferraris, Porsches und Maibachs der Superreichen. Am Tag bestimmen endlose Staus das Bild. Mittlerweile gibt es in Moskau drei Millionen registrierte Autos, bei einer Einwohnerzahl von geschätzten 15 Millionen ein stolzer Schnitt.
Die Verkehrsdichte und eine Fahrweise, die an »russisches Roulette« erinnert, haben mich rasch mit der »normalen« Unterwelt - der Moskauer Metro - Bekanntschaft machen lassen. Rund neun Millionen Passagiere nutzen täglich »ihre« Metro. Zu Spitzenzeiten stellt sich nicht die Frage, ob man einen Sitzplatz bekommt, sondern in den wievielten der im Minutentakt fahrenden Metrozüge man gedrückt wird.
Die Moskauer Metro, so hörte ich von Jegor, einem Freund und Bankangestellten aus Moskau, sei aber mehr als der für alle nutzbare unterirdische Schienenstrang und diene in seiner Gesamtheit nicht nur dem zivilen Transport von Passagieren. Jegor ist Digger und gehört damit zu einem recht gut funktionierenden Netzwerk junger, unkonventioneller Leute, die in einigen russischen Großstädten die Welten unter dem Straßenpflaster erkunden. Tief unter Moskau, so Jegor, gebe es ein weitverzweigtes Netz von Fahrstraßen, Bunkern und geheimen Metrolinien. Bis heute seien diese Anlagen der politischen Elite für den Katastrophenfall vorbehalten.
Erst wenige Wochen zuvor war Jegors Bekannter, ein Architekt, bei Restaurationsarbeiten in einem Nachbargebäude des GUM-Kaufhauses auf dem Roten Platz, direkt gegenüber dem zum Kreml gehörenden Spasski-Turm, auf eine unterirdische Fahrstraße gestoßen, die aus dem Kreml heraus Richtung Nordosten führte: »Derzeit scheint sie nicht benutzt zu werden«, so der Architekt. »Bei der Straße handelt es sich um eine breite und asphaltierte Straße, die im Dunkel verschwindet. Ein paar Schützenpanzerwagen stehen dort unten und einige alte Wolgas, die mit Planen abgedeckt sind.«
Meine Neugier war geweckt worden, und dies umso mehr, da ich aus Berlin wusste, welche Geheimnisse sich unter Großstädten befinden können. Dort bietet »Berliner Unterwelten e.V.«, eine »Gesellschaft zur Erforschung und Dokumentation unterirdischer Bauten«, seit 1999 Führungen durch die Unterwelt der deutschen Hauptstadt an. Als ich begann, mich in Moskau umzuhören, drangen immer neue Gerüchte an mein Ohr: Unter der Oberfläche gebe es eine zweite Stadt; neben der weltbekannten Moskauer Metro existiere eine weitere Untergrundbahn, von deren Vorhandensein nur wenige Eingeweihte etwas wüssten, und dergleichen mehr.
Doch nicht nur das Zentrum der russischen Hauptstadt soll unterhöhlt sein. In vielen Städten des europäischen Teils Russlands, aber auch in Sibirien und im Fernen Osten kursieren Legenden über die Unterwelt: Das Politbüro der Kommunistischen Partei habe sich angeblich 1941 in der Wolgastadt Samara unterirdische Zufluchtsmöglichkeiten geschaffen, während die deutsche Wehrmacht vor den Toren Moskaus stand. In Chabarowsk (Sibirien) gebe es einen Tunnel, der unter einem der mächtigsten Ströme Russlands, dem Amur, entlangführen soll. Im Fernen Osten, an der Pazifikküste, seien Arbeiten für einen Tunnel unter dem Ochotskischen Meer ausgeführt worden, der nach Stalins Willen das russische Festland mit der Insel Sachalin verbinden sollte. Am Polarkreis sollte der Ob untertunnelt werden. Im Ural vermutet der amerikanische Geheimdienst heute eine gigantische unterirdische Basis für 60 000 Menschen. In Wladiwostok, dem russischen Haupthafen am Pazifik, seien riesige Bunker vorhanden, die vor japanischen Angriffen schützen sollten.
In wohl kaum einem anderen Land der Erde wird so ausgiebig über geheimnisvolle Unterwelten spekuliert wie in Russland. Nirgendwo sonst gibt es so viele raunende Berichte über die Existenz geheimer Luftschutzkeller, unentdeckter Tunnelsysteme und unterirdischer Städte. Basieren solche Spekulationen auf Tatsachen? Ist es wirklich so, dass es in Russland unterirdische Bauwerke gibt, von deren Existenz nur wenige Russen, geschweige denn Ausländer etwas wissen?
Einmal in den Bann solcher Gerüchte gezogen, beschloss ich, den Geschichten im Wortsinne auf den Grund zu gehen. Sooft es meine Zeit zuließ, war ich während der drei Jahre meines Aufenthaltes in Russland den Geheimnissen der russischen Unterwelten auf der Spur. Als ich Fotos und Material sichtete, war ich erstaunt, dass sich an der Historie von Höhlen, Katakomben, Tunneln und Bunkern die Geschichte Russlands nachvollziehen lässt. Sie liegen zwar geografisch über ganz Russland verstreut, spiegeln jedoch - jeder Ort für sich und in seiner Zeit - einen Teil der bewegten russischen Geschichte wider. So entschloss ich mich, die spannendsten unterirdischen Objekte, die ich aufgesucht hatte, in chronologischer Reihenfolge in einem Buch zu dokumentieren und den Leser auf eine Zeitreise durch die Geschichte Russlands und seiner unterirdischen Welten mitzunehmen.
Wörterbuch: deutsch russisch und russisch deutsch
erstellt am: 21.12.2008
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