Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Festung Breslau

Die Stadt im Westen

Das Erbe des Bösen
von Remes, Ilkka <übersetzt von: Moster, Stefan> (Finnland)

Genre:

Politthriller

Stichwörter:

Nazi-Verbrechen, Politik

Verlag:

dtv

ISBN:

978-3-423-24666-8

Format:

kartoniert, 528 S.

Erscheinungsjahr:

finnisch 2007, deutsch 2008

Preis:

€ (D) 14,90 / € (A) 15,40 / sFr 25,80



Buchbesprechung

Ilkka Remes ist sicher einer der besten Thriller-Autoren, die wir heute haben – wenn nicht der beste.
Dieses Mal ist eines der schlimmsten Kapitel deutscher Vergangenheit der Kern seines spannungsgeladenen Thrillers – ein Kapitel, das schon für sich, historisch-wissenschaftlich gesehen, so grausam ist, dass einem der Atem stockt. Sachlich fundiert verarbeitet er das Geschehen zu dem, was es eigentlich schon damals war, zu einem unglaublichen Thriller.
Und er bleibt nicht bei dem Damals stehen. Er verfolgt die Spuren weiter. Und herauskommt ein die Demokratien beschämendes Verständnis von Ethik in Politik und menschlichem Verhalten.
Er muss nichts an Fakten hinzu erfinden, er muss sie nur in seiner meisterlichen Art darbieten und mit der Gegenwart verschmelzen.

In einem lesenswerten »Spezial« auf der dtv-Homepage geht er auf ausführlich auf die geschichtlichen Hintergründe und auf seine Arbeit ein.


Inhalt:
Erik Narva, seine Frau Katja und die Kinder haben herrliche Wochen in Finnland verbracht. Jetzt ist der Sommer vorbei und sie müssen zurück nach London: Eriks und Katjas Biotech-Firma Gendo steht vor einem gewaltigen Deal mit China. Da verschwindet Eriks Vater Rolf auf einer Reise nach Berlin spurlos. Ein Alptraum beginnt. Erste Hinweise führen Erik zurück in die dunkelste Epoche der deutschen Geschichte: Sein Vater, der einst in Amerika Karriere gemacht hat, ist offenbar nicht zum ersten Mal in Berlin. Was haben der damals blutjunge, aufstrebende Physiker und seine Frau Ingrid, die schöne, hochbegabte Biologin, während des Krieges in Nazideutschland gemacht?
Auf der Suche nach seinem Vater kommt Erik einem entsetzlichen Geheimnis auf die Spur. Er stößt auf Dinge, von denen er lieber nie erfahren hätte. Und während er – selbst Wissenschaftler mit Leib und Seele – sich unwiderruflich der Wahrheit über das Erbe des Bösen nähert, ahnt er nichts von der Gefahr, die ihn selbst, Katja und das Leben seiner Kinder bedroht...

Ilkka Remes, der meistgelesene Autor Finnlands, recherchierte gründlich für ›Das Erbe des Bösen‹ und legt seinem Thriller wahre Begebenheiten zugrunde. Der geschichtliche Bogen spannt sich von Hitlers Atomprogramm über die Operation Paperclip bis hin zur Schilderung des Wettrennens zum Mond. Erschütternd sind die Passagen über die Rassenhygiene und über die Menschenversuche mit radioaktiven Stoffen, die noch nach dem Krieg in den Vereinigten Staaten vorgenommen wurden. Die Versetzung von Wissenschaftlern des ehemaligen Erzfeindes mitten ins Herz der US-Weltraumforschung spiegelt »den Relativismus einer Großmacht wider, wenn es um die Wahrung eigener Interessen geht«, sagt Ilkka Remes. Gerade die tatsächlichen Ereignisse wirken in dieser brisanten Kombination aus historischen Fakten und Fiktion unglaublicher als die erdachten.


Der Autor:
Ilkka Remes
, 1962 geboren, ist der meistgelesene Autor in Finnland. Sein Name ist Garant für hochkarätige Spannungsliteratur von internationalem Format. Sein erster Thriller ›Pääkallokehrääjä‹ (›Der Totenkopffalter‹) erschien 1997 in Finnland und wurde auf Anhieb ein Riesenerfolg. Seither setzen sich seine Bücher regelmäßig sofort nach Erscheinen an die Spitze der Bestsellerliste.

Mehr über den Autor in Wikipedia

Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Ewige Nacht

Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Im Sucher der Kamera sah man das unbewegte Meer, in dem sich schwere Wolken spiegelten. Der orange leuchtende Punkt einer Schwimmweste durchbrach den glatten Wasserspiegel. Ein zehnjähriges Mädchen schwamm im Wasser und fröhliche Schreie hallten durch die Luft.
Olivia.
Die Kamera schwenkte etwas zur Seite, fixierte dann eine Frau im Bikini, die am Ende des Bootsstegs hockte und von dem Mädchen nass gespritzt wurde. Die Frau stand auf, ihre blonden Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden. Wohlproportionierter Körper, weiße Haut, kein Hinweis darauf, dass sie schon vierzig war. Der herangezoomte Ausschnitt erfasste eine ganze Weile das Bikinihöschen, das die Frau über ihrem Po zurechtzog.
Katja.
Der Sucher glitt am Steg entlang zum Ufer. Auf einem Brett, das sie als Bank über die Steine gelegt hatten, saß ein Junge mit einer Fernbedienung in der Hand. Er stand auf und lief zu seinem Modellauto, das im Sand stecken geblieben war.
Emil.
Der Mann nahm die Kamera von den Augen. Hinter dem dichten Laubwerk war er vom Steg aus nicht zu erkennen.
Da waren sie: Olivia, Katja und Emil.

Rolf Narva hätte doch seinen Stock mitnehmen sollen. Er blieb stehen, wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirn und versuchte, tief durchzuatmen, ohne zu wissen, ob der leichte Schwindel von der Anspannung kam oder von dieser schon so früh am Morgen schweißtreibenden Hitze.
Das dreistöckige Haus vor ihm sah genauso aus, wie er es in Erinnerung hatte. Nichts hatte sich verändert. Auch nicht die Flügeltür und das Bogenfenster darüber.
Nur war jetzt rechts neben der Tür eine Tafel mit dichter Beschriftung angebracht.
Rolf spürte, wie er beim Lesen anfing zu zittern.
In diesem Gebäude befand sich von 1927 bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Die Direktoren Eugen Fischer und Otmar von Verschuer lieferten mit ihren Mitarbeitern wissenschaftliche Begründungen für die menschenverachtende Rassen- und Geburtenpolitik des NS-Staates.
Die Buchstaben waren gut lesbar. Sie waren aus Messing gegossen und für die Ewigkeit gedacht.
Die vom Reichsforschungsrat bewilligten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Zwillingsforschungen des Schülers und persönlichen Mitarbeiters von Verschuer, Josef Mengele, im KZ Auschwitz wurden in diesem Gebäude geplant und durch Untersuchungen an Organen selektierter und ermordeter Häftlinge unterstützt . . .
Rolf senkte den Blick. Als er wieder hochsah, merkte er, dass er einem jungen Mann, der wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht war, in die Augen starrte.
Unwillkürlich wich er dessen Blick aus und las auf den blauen Schildern links neben der Tür, wen das Gebäude heute beherbergte: das Institut für Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin. Der durchdringende, harte Blick des jungen Mannes mit den Locken brachte Rolf dazu, rasch weiterzugehen. Es fiel ihm schwer, das Gleichgewicht zu halten, er musste sich an der Kühlerhaube eines geparkten Wagens abstützen. Der Mann machte keine Anstalten, ihm zu helfen, sondern musterte ihn neugierig.
Schließlich ging Rolf mit unruhig pochendem Herzen auf der Ihnestraße davon, ohne sich noch einmal umzublicken.
Wie oft hatte er vor jener Flügeltür auf Ingrid und Katharina gewartet. Auch damals war es Spätsommer gewesen, aber wesentlich regnerischer und kühler als jetzt. Und auch damals hatte sein Herz heftig gepocht. Zu jener Zeit war es stark gewesen wie eine Strömberg-Wasserpumpe, jetzt schlug es schwächer und machte bisweilen derartige Verrenkungen, dass ihm immer häufiger die Angst vor dem letzten Herzschlag die Kehle zuschnürte.
Ein letztes Mal drehte Rolf sich zu dem Haus um. Tiefhängende dunkle Wolken trieben darüber hinweg. Auf der Straße fuhren keine Autos, nur das Gurren der Tauben brach die Stille.
Katharina . . .
Rolf hätte sich gern auf einer Bank ausgeruht, aber dafür musste er zuerst den Aufruhr in seinem Inneren loswerden, und das gelang ihm einfach nicht. Ihm war kalt und gleichzeitig schwitzte er, dieses Dahlem, überhaupt dieses ganze Berlin, brachte ihn noch viel mehr aus der Fassung, als er es befürchtet hatte. Außerdem war er zu warm angezogen. In Helsinki war es schon herbstlich gewesen, doch als er gestern Abend in Tegel aus dem Flugzeug gestiegen war, schlug ihm drückende Schwüle entgegen.
Die Gedanken in seinem Kopf sprangen hin und her, dabei waren die Erinnerungsbilder mindestens ebenso scharf wie das, was seine Augen vor ihm wahrnahmen. An der Ecke Garystraße war statt des Restaurants jetzt eine Feinkosthandlung. Einen Moment lang bildete Rolf sich ein, Katharina und Ingrid an der Tür des Hauses zu sehen, im lebhaften Gespräch . . .
Aus der Brusttasche seines Hemdes drang der flötende Klingelton seines Handys. Rolf zog es heraus und drückte mit steifen Fingern die Taste mit dem grünen Hörer.
»Was gibt’s?«, sagte er, ohne sich die Mühe zu machen, einen freundlicheren Ton anzuschlagen.
»Ich wollte nur mal fragen, wie es dir geht«, antwortete Erik.
»Gut. Ich rufe dich an, wenn Grund dazu besteht.«
Rolf wollte das Handy wieder einstecken, aber er verfehlte die Brusttasche, und es fiel auf die Straße. Missmutig bückte er sich, um es aufzuheben. Seine Bewegungen waren schwerfällig und langsam, der Rücken schmerzte.
Sogleich bereute er es, Erik gegenüber so schroff gewesen zu sein, schließlich machte sich der Junge nur Sorgen. Rolf fand seinen körperlichen Zustand ja auch keineswegs perfekt, aber er war nicht der Meinung, dass man ihm ständig nachspionieren musste. Früher, als Erik noch in den Windeln lag, war Rolf oft mehr als ein Drittel des Jahres auf Reisen gewesen, und noch im letzten Jahr hatte er mehrere Fernreisen gemacht. Im Vergleich dazu lag Berlin quasi vor der Haustür.
Rolf untersuchte das Telefon genau. Es schien nicht eine Schramme abbekommen zu haben. In der Materialtechnik hatte man tatsächlich große Fortschritte gemacht. Nicht auszudenken, was für eine Erleichterung es gewesen wäre, wenn ihm seinerzeit schon Verbundstoffe zur Verfügung gestanden hätten.
Langsam ging er bis zur Harnackstraße weiter. Hier war Katharina immer in den Bus gesprungen und nach Hause gefahren. Vor seinem inneren Auge sah Rolf ihre funkelnden braunen Augen, ihr langes dunkles Haar, die Lippen, die sich zu einem Lächeln bogen, ihr kleines Muttermal im Mundwinkel.
Ihr wärt ein schönes Paar, hatten die Leute gesagt. Aber Hans war mutiger gewesen. Später dann . . . Doch daran wollte Rolf sich auf gar keinen Fall erinnern.
In der Garystraße war ein modernes, helles Gebäude entstanden, mit der Aufschrift Freie Universität Berlin, Henry-Ford-Bau. In der Boltzmannstraße war jedoch alles wie früher. Alte Einfamilienhäuser inmitten von Gärten – und schließlich seine Schule.
Bewegt betrachtete Rolf das braune, dreistöckige Gebäude mit dem vertrauten Zwiebelturm. Durch die Tür unter dem Turm waren damals so viele junge Menschen gegangen, voller Energie und jugendlichem Tatendrang, das ganze Leben noch vor sich.
Er hatte das Gebäude brandneu in Erinnerung – inzwischen bröckelte der Putz von den Wänden. An der Tür stand »Max-Planck-Institut«. Auf der Rückseite ragte noch immer der sogenannte »Turm der Blitze« auf, in dem der damals hypermoderne, zum Teilchenbeschleuniger ausgebaute Hochspannungsgenerator für kernphysikalische Elemente untergebracht war.
Rundum war es still. Rolf machte kehrt und tastete im Gehen nervös nach dem Zettel mit der Adresse in seiner Tasche. Er spürte, wie die Anspannung in seinem Magen brannte. Katharina zu begegnen hieß, der Vergangenheit ins Gesicht zu sehen – einer schmerzlichen Vergangenheit. Aber er war fest entschlossen, noch ein letztes Mal den Versuch zu wagen, alte Wunden zu heilen, tiefe, noch immer klaffende Wunden.
Wie Katharina wohl aussah? Und wie er wohl in ihren Augen aussehen würde . . .


erstellt am: 05.06.08

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