Buchbesprechung Ein außergewöhnlicher, hervorragender Kriminalroman.
Das Außergewöhnliche des schon für sich genommen hervorragenden Kriminalromans ist, dass Nadja Dietrich in eine mitreißende Handlung – die von Realität bis thrillerartige Fiktion reicht, ohne in die Plattitüden des russischen Mafia-Genres zu verfallen – wesentliche, geschichtliche sowie heutige, Ereignisse und Entwicklungen in den deutsch-russischen Beziehungen in das Geschehen einflechtet und grundsätzliche Fragen philosophischer Art über die Einstellungen zum Leben in Ost und West aufwirft. Dies alles bringt sie derart geschickt in der Handlung unter, dass die Spannung niemals leidet, dennoch die Themen bewusst werden, aber niemals ein Bruch im Genre Kriminalroman entsteht. Eine hervorragende Leistung.
Allein schon die Idee, Wissen über die deutsch-russischen Beziehungen in dieser Form zu vermitteln, ist einmalig.
Inhalt:
Die Privatdetektivin Sylvia Wagner wird durch ein Komplott nach Russland gelockt. Dort verirrt sie sich in dem Labyrinth der fremden Kultur, in dem sie als Mordverdächtige gejagt wird, aber auch in dem Labyrinth der eigenen Vergangenheit, auf deren Spuren sie in Russland stößt. Auf ihrem Weg durch die verschiedenen Labyrinthe gerät sie mehrfach in Lebensgefahr, findet aber auch Freunde fürs Leben.
Jahre später denkt sie zurück an die lebenslustige Polina, den philosophischen Aljoscha, an Irina, die der Hölle von Leningrad nur knapp entronnen ist, und an das dunkle Geheimnis, auf das sie in Russland gestoßen ist.
Der Roman berührt unterschiedliche Themenkreise und Motivkomplexe, die sich gegenseitig ergänzen. Dabei handelt es sich um:
den Kriminalfall, bei dem es um die klassischen Fragen von Täterschaft, Tatmotiv und Verdächtigung geht. Zentral sind dabei die Motive der ungerechtfertigten Beschuldigung und der geheimen Verschwörung;
die interkulturelle Ebene, auf der es um die Begegnung mit der fremden russischen Kultur sowie um die deutsch-russischen Beziehungen in Vergangenheit und Gegenwart geht;
die Vater-Tochter-Beziehung, bei der Sylvias Konfrontation mit ihren teilweise traumatischen Kindheitserlebnissen im Vordergrund steht;
die gesellschaftskritische Ebene, auf der es schwerpunktmäßig um die Gegenüberstellung deutscher und russischer Vorstellungen von Freiheit sowie um die Bedrohung geht, der die Freiheit des Einzelnen im Zeitalter der elektronischen Medien und der Globalisierung ausgesetzt ist.
Die Autorin:
Nadja Dietrich, geboren 1959 in Berlin und auch dort aufgewachsen (West), studierte Germanistik mit dem Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache und unterrichtete Deutsch für russische und polnische Spätaussiedler, ehe sie 1993 nach Russland ging. Vermittelt über den Deutschen Akademischen Austauschdienst, lehrte sie dort bis 1998 an Hochschulen in Saratov und Uljanovsk deutsche Literatur und Landeskunde.
Heute ist sie als freiberufliche Autorin und Verlagslektorin tätig.
Der Roman »Das russische Labyrinth« entstand 2004.
Leseprobe:
Als wir eben den breiten Quergang hinter uns gelassen hatten, der die länglich verlaufenden Gassen in der Mitte der Halle durchschnitt, tauchte auf einmal eine ganze Armee von Polizisten vor uns auf. Paarweise gingen sie durch die Verkaufsgassen und deponierten an jedem Stand einen Packen mit Zetteln im DIN-A-4-Format. Hier und da wurden sie in kürzere Gespräche verwickelt, so dass sie sich nur langsam auf uns zubewegten. Als sie sich auf einer Höhe mit uns befanden, blickte ich instinktiv zur Seite und tat so, als interessierte ich mich für die Fleischpasteten, Schinkenrollen und Salamiwürste, die dort auslagen.
Aljoscha griff derweil nach einem der Zettel und studierte ihn mit einer Mischung aus Erschrecken und kühler Aufmerksamkeit, die meine schlimmsten Ahnungen bestätigte. „Du scheinst nicht sonderlich beliebt zu sein bei uns", sagte er schließlich, indem er mir den Zettel unauffällig zuschob.
Ich blickte auf das mehrfach vergrößerte Passfoto, das ich für mein Visum hatte machen lassen. Unwillkürlich erinnerte ich mich daran, was ich gedacht hatte, als ich das Foto aus dem Automaten gezogen hatte: „Ein wahres Verbrecherfoto!" Nun zierte es eine behördliche Bekanntmachung, und darunter standen Worte in kyrillischer Schrift, die ich auf die Schnelle nicht entziffern konnte. Nur die fett gedruckten Passagen brannten sich in mein Gehirn ein, doch war dies – in Verbindung mit dem Bild und den Worten Aljoschas – ausreichend, um zu begreifen, um was es ging: ubijstwo, las ich – Mord –, und: 10.000 rubljej.
Ich stammelte irgendetwas von „Irrtum", „Verwechslung" und „Ich kann alles erklären", aber Aljoscha sagte nur: „Nicht jetzt." Er bewegte sich etwas von mir weg und suchte nach einem Ausgang, der nicht von Polizisten bewacht war. Sekunden später fasste er mich fest um die Taille, als wären wir zwei frisch Verliebte, und flüsterte mir ins Ohr: „Zieh' dir die Mütze über den Kopf und schau' nicht auf – ich versuche dich nach draußen zu bringen."
Auf dem Weg zum Ausgang fühlte ich mich wie Treibgut, das in heftige Stromschnellen geraten ist. Den Blick auf den Boden geheftet, sah ich nichts als Schlamm und zu Boden gefallene Nahrungsreste, über die sich Stiefel und Mantelenden in Schwindel erregendem Tempo hinwegbewegten. Immer wieder stießen wir mit Passanten zusammen, die hinter uns her fluchten, als wir unbeirrt unseren Weg fortsetzten. Einmal geriet ich wegen eines vorgeschobenen Ladentischs sogar ins Straucheln. Hätte Aljoscha mich nicht so fest umschlungen gehalten – ich wunderte mich über die Kraft, die sich in seinen kaum wahrnehmbaren Muskeln verbarg –, hätte ich den Tisch womöglich umgestoßen. In dem allgemeinen Aufruhr, der dann entstanden wäre, hätte ich mich der Entdeckung wohl kaum entziehen können. So aber strebten wir zügig dem rettenden Ausgang entgegen.
Wir hatten bereits den kleinen Vorplatz vor dem Ausgang erreicht, als Aljoscha mich plötzlich zur Seite riss und unsere Schritte in die Halle zurücklenkte. Unwillkürlich hob ich für Bruchteile von Sekunden den Kopf – und erschrak so heftig, dass ich mir einen erstickten Aufschrei nicht verkneifen konnte: Ich blickte direkt in die toten Augen eines Rinderkopfs, den ein Metzger als makabre Werbung auf seinem Ladentisch aufgebahrt hatte. Die Haut war abgezogen worden, aber die Zunge hing ihm seitlich aus dem Maul, und die Fleischreste klebten in blutigen Fetzen zwischen den Gesichtsknochen.
Aljoscha kniff mich in den Arm. „Pssst – Bullen", raunte er mir zu. Als ich ihm später von dem Grund für meinen Aufschrei erzählte, erklärte er mir lachend, dass die Rinderköpfe eine vorzügliche Bouillon abgäben und wegen des erschwinglichen Preises bevorzugt von Rentnern gekauft würden.
erstellt am: 30.05.08
|