Letzte Aktualisierung: 18.07.2012

 



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Festung Breslau

Die Stadt im Westen

Festung Breslau
von Krajewski, Marel <übersetzt von Schulz, Paulina> (Polen)

Genre:

Kriminalroman (historisch)

Stichwörter:

Breslau, Zweiter Weltkrieg

Verlag:

dtv

ISBN:

978-3-423-24644-6

Format:

kartoniert, 300 S.

Erscheinungsjahr:

polnisch 2006, deutsch 2008

Preis:

€ (D) 14,90 / € (A) 15,40 / sFr 25,80



Buchbesprechung

Ein packender historischer Thriller.
Historisch sehr korrekt, mit viel Wissen auf hohem Niveau und mit Verantwortung lehrt uns der Altphilologe Marek Krajewski das Gruseln und lässt uns um seine Protagonisten zittern.
Es ist eine „Geschichtsstunde“ ganz besonderer Art.
Bei der Beschreibung des unterirdischen Breslau drängt sich unwillkürlich die Frage auf, ob und gegebenenfalls inwieweit er die Realität „erweitert“ hat. Es scheint schier unglaublich, was es da im Untergrund gegeben hat.
Geschichtliches Wissen, Gespür für Spannung und eine beneidenswert gute Sprache machen diesen Roman in jeder Hinsicht zu einem Genuss. (An dieser Stelle muss natürlich auch auf die hervorragende Arbeit der Übersetzerin Paulina Schulz hingewiesen werden.)


Inhalt:
In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs ist Breslau zur Festung erklärt worden. Hier will sich das Naziregime bis zum letzten Augenblick verschanzen. Eberhard Mock ist mittlerweile zweiundsechzig und ehemaliger Offizier der Abwehr, der mit einer schweren Kriegsverletzung zu kämpfen hat. Als die Nichte einer bekannten Nazigegnerin tot aufgefunden wird, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln. Mock bewegt sich auf seinem Motorrad durch die Ruinen der Stadt, taucht in die Unterwelt ihrer geheimen Gänge hinab, begibt sich in ihre düstersten Winkel. Doch es wird immer deutlicher, dass seine Frau in der unter ständigem Bombardement stehenden Stadt in höchster Gefahr ist. Er ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, den Tod des jungen Mädchens aufzuklären, und der Notwendigkeit, Breslau zu verlassen und seine Frau in Sicherheit zu bringen. Dann trifft er eine Entscheidung: Er wird seine letzte Ermittlung in Breslau führen.

Der Autor:
Marek Krajewski
, 1966 geboren, ist Altphilologe und war Dozent an der Universität Wroclaw. Seit 2007 konzentriert er sich ganz auf seine Tätigkeit als Schriftsteller. Er lebt in Wroclaw/Breslau. Seine Krimiserie mit dem Antihelden Eberhard Mock ist in Polen und inzwischen auch in Deutschland sehr erfolgreich, die Romane wurden in Polen u.a. als »Krimi des Jahres« und mit dem »Paszport Polityki«-Preis der Wochenzeitung ›Polityka‹ ausgezeichnet, in Deutschland wurden sie mehrmals auf die KrimiWelt-Bestenliste gewählt.

Mehr über den Autor in Wikipedia

Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Wien, Dienstag, den 23. März 1954, zwei Uhr nachmittags
Walter Kridl, der Rezeptionist im Wiener Hotel »Kärntner Hof«, rasselte nervös mit seinen Schlüsseln und beobachtete misstrauisch einen alten Mann, der sich schwer in einen der in der Halle stehenden Sessel fallen ließ und sich mit dem Hut Luft zufächelte, um den Schweiß zu trocknen, den der warme Frühlingstag auf seine Stirn hatte treten lassen. Der Rezeptionist Kridl traute solchen Gästen nicht, die ihn mit ihrer übertriebenen Eleganz, dem Glanz von Siegelringen und Manschettenknöpfen sowie mit den an den Schädel geklebten Haarsträhnen an Schmuggler, Gangster oder Geheimagenten erinnerten, die in der Donaumetropole, wo die Besatzungszonen aufeinandertrafen, das große Geld machten. Solche Leute versuchten mit dichten Barten und riesigen Sonnenbrillen ihre ehemalige - oft faschistische - Identität zu verschleiern; und außerdem mühten sie sich, ihre altersbedingte Impotenz zu verbergen, indem sie sich minderjährige Prostituierte aufs Zimmer bestellten.
Da sitzt wieder so einer breitbeinig da, dachte Kridl feindselig und starrte den alten Mann an, der mit weit gespreizten Beinen dasaß. Gleich wird er mit der Zigarette gegen die Zigarettendose klopfen, die bestimmt aus jüdischen Goldzähnen gemacht ist, dann wird er aromatischen Rauch im ganzen Raum verbreiten, mit den Fingern schnippen und nach einem »Fräulein mit üppiger Figur« verlangen.
Doch der Mann verhielt sich mitnichten so, wie es der Rezeptionist erwartete. Weder verlangte er nach etwas noch steckte er sich die Zigarette an; und sein harter, borstiger Bartwuchs und die riesige Brille mit den schwarzen Gläsern sollten nicht seine peinliche Vergangenheit verhüllen, sondern rötlich-weiße Brandnarben. Vielleicht das eine wie das andere, dachte Kridl unnachgiebig
bei sich. Der Rest: der Siegelring, die goldene Armbanduhr, die spiegelblanken Schuhe, sein sonderbares Deutsch mit einem Kridl unbekannten Akzent, war beunruhigend und passte nur zu gut zu dem Klischee eines hohen Tieres der Wiener Unterwelt, das hier, in dem brackigen Wasser des Vier-Mächte-Sektors, auftauchte, um obskure Geschäfte zu tätigen.
Und auch die Leute, die jetzt auf der Treppe erschienen, beunruhigten den Empfangschef. Er hatte sie zum ersten Mal am Tag zuvor gesehen - vier junge Männer, die zusammen mit einem Besoffenen, dessen Hut bis über die Augen gezogen war, in die Hotelhalle gestürmt waren. Sie hatten den Betrunkenen in denselben Sessel geworfen, in dem nun der greise Mann mit dem vernarbten Gesicht lehnte, und sich auf eine Reservierung berufen, welche die Polizeidirektion einige Tage zuvor arrangiert hatte. Der Rezeptionist stellte keine Fragen, warf lediglich einen Blick auf den Polizeiausweis, ausgestellt auf einen gewissen Jörg Hanuschek, händigte dem Besagten die Schlüssel zum Zimmer Nummer fünf aus, ließ den ihm zugesteckten Zwanzigschillingschein rasch in der Hosentasche verschwinden und beobachtete, wie die Schuhspitzen des Betrunkenen gegen jede einzelne Stufe der Treppe schlugen und wie die knappen Jacketts der Polizeiagenten beinahe über ihren massigen Rücken aufplatzten.
Nach einer Weile schaltete er die immer noch funktionierende Abhörvorrichtung ein, welche die Gestapo hier installiert hatte, nachdem sich Österreich freudig dem Tausendjährigen Reich angeschlossen hatte; er drehte den Knopf auf Fünf und drückte das vor Neugierde glühende Ohr an die Hörvorrichtung. Leider waren die aus Zimmer Nummer fünf kommenden Geräusche enttäuschend. Vierundzwanzig Stunden lang übertrug die Leitung lediglich das Scharren von Schuhen auf dem Fußboden und das Rauschen des Klosetts. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang sprach niemand in der Fünf ein Wort.
Auch jetzt sprachen die Bewohner des Zimmers Nummer fünf und der alte Mann, der sich bei ihrem Anblick aus seinem Sessel erhoben hatte, kein Wort. Der Alte nahm für einen Moment die Brille ab, und Kridl konnte seine blutunterlaufenen hervortretenden Augen in den zernarbten Augenhöhlen sehen. Anders als auf Kridl machte dieser Anblick auf die Agenten keinerlei Eindruck. Sie nickten nur und wiesen dem ältlichen Dandy den Weg zur Treppe. Als sie im Flur verschwanden, stellte Kridl den Knopf auf Fünf und legte sein Ohr an das Rohr. Er drehte den Lautstärkeknopf auf und konzentrierte sich. Auf einmal brannte sein Ohr-doch diesmal nicht vor Neugier, sondern wegen eines heftigen Schlags, der ihn vom Stuhl fegte. Kridls schmächtiger Körper wirbelte durch den engen Dienstraum, und seine Schuhe schlugen gegen die Holzwände.
»Es ist nicht fein, gar nicht fein, so zu lauschen«, murmelte ein großer Mann mit Hut und beugte sich über Kridl. Der nächste und letzte Schlag ließ den Rezeptionisten vorübergehend ertauben. Er lag immer noch auf dem Boden, die Zunge schwoll in seinem Mund an und die Augäpfel in ihren Höhlen.
Der Mann mit dem Hut stellte neben die Hörvorrichtung des Lauschsystems ein Gerät, das wie ein kleines Transistorradio aussah, machte es an, hob die Klappe der Theke, die die Rezeption von der Hotelhalle trennte, und befand sich auf Kridls Arbeitsplatz. Er setzte den Empfangschef auf seinen Stuhl, schob ihm mit einem flachen Schlag die Dienstmütze in die Stirn, beugte sich über ihn und schrieb auf einen Zettel:
Fass es nicht an, sonst knallt es! Ich stehe direkt hinter dir.
Dann begab er sich hinter den Vorhang, der die Rezeption vom Büro dahinter trennte, nahm einen ebensolchen Gegenstand wie den, den er neben das Rohr gestellt hatte, heraus und positionierte ein Mikrofon daneben, das er an ein kleines Tonbandgerät anschloss. Mit einem Kabel verband er den anderen Anschluss an dem Bandgerät mit einem kleinen. Hörer, den er sich ins Ohr drückte, und begann zu lauschen.


erstellt am: 20.05.2008

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