Buchbesprechung Aus dem Vorwort von Haug von Kuenheim:
„»Ihr Reisepartner für Königsberg« heißt es in der Anzeige eines Hamburger Reisebüros mit dem Angebot »Wir organisieren Ihre Reise nach Kaliningrad.« Königsberg - Kaliningrad, jene einst die Hauptstadt Ostpreußens, die weiterlebt in Marzipan und Klopsen, und diese Russlands westlichster Vorposten, auf der Suche nach ihrer Identität.
Königsberg - Kaliningrad. Zwei Städte mit einer Geschichte? Oder eine Stadt mit zwei Geschichten?
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Es ist das große Verdienst dieser Arbeit und ihres jungen Autors, dass der Geschichte Königsbergs ein neues Kapitel hinzugefügt wurde. Mit großer Verve schildert Per Brodersen das Auf und Ab im Werden von Kaliningrad, einer Stadt, die ja nicht aus dem Nichts entstand, sondern aus den Ruinen Königsbergs. Der Ort bleibt derselbe, nur hatte er einen anderen Namen bekommen oder wie Karl Schlögel es formulierte: »Kaliningrad war die Fortsetzung der Stadt mit anderen Mitteln«.
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….Da steht vor der Universität, die seinen Namen trägt, Immanuel Kant in Bronze. Und eben dieser Kant wurde, wie der Kaliningrader Essayist Alexander Popadin schreibt, zu einer »Art Nabelschnur, der beide Schicksalsteile verbindet« - Königsberg und Kaliningrad - wie auch der Dom, der seine alte Form wieder gefunden hat.
Gegenwart und die Zukünfte Kaliningrads sind verwoben mit der Geschichte Königsbergs. Per Brodersen gelang es meisterhaft, dies herauszuarbeiten. Er wurde in den Archiven von Moskau und Kaliningrad fündig und kann uns nun zeigen, welche Mühe aufgewandt wurde, um die Geschichte Königsbergs umzudeuten, sie zu einer Ungeschichte zu machen, damit der alten Stadt am Pregel eine neue Identität übergestülpt werden konnte, die Kaliningrad heißt.
Seiner Arbeit, und dies macht sie so lesenswert, liegt ein kulturhistorischer Ansatz zu Grunde, insofern geht sie über historische Darstellungen, die nach dem Rankeschen Prinzip beschreiben, was war, hinaus. Per Brodersen schildert das Werden Kaliningrads also nicht nur von der politischen und bautechnischen Seite her, sondern er richtet seinen Blick insbesondere auf die mentale Verfassung der neuen Bewohner Kaliningrads. Das schließlich macht seine Geschichte Kaliningrads geradezu spannend und aufregend. Wir erleben, welch geistige Klimmzüge unternommen wurden, um zu beweisen, warum die Stadt am Pregel eigentlich urslawischer Boden sei, und als diese schwachsinnige These sich nicht länger halten ließ, welch neue Deutungsmuster und Mythen herhalten mussten, um eine Kaliningrader Identität zu begründen.
Es ist dieser besondere Blickwinkel, der uns die Augen öffnet auf eine Stadt, deren Nachkriegsgeschichte wir so völlig ausgeblendet haben. Die Kaliningrader selbst haben sich allerdings schon längst, jenseits aller obrigkeitlichen Vorgaben, mit der Geschichte ihrer Vorgängerstadt befasst, denn, wie Alexander Popadin schreibt: »Die alte Stadt wuchs in den Körper hinein, denn ihre Bauten wurden Fleisch und Blut der neuen Kindheit, sie wurden Teil der Denkweise der hier Geborenen. Im Augenwinkel, in den Poren, irgendwo im Hintergrund blieb die alte Stadt«.“
Haug von Kuenheim
Hinzufügen möchte ich: gut lesbar, ja spannend geschrieben – auch für „Nicht-Wissenschaftler“!
Inhalt:
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das nördliche Ostpreußen unter die Verwaltung der Sowjetunion gestellt. Auch Königsberg gehörte dazu. Es wurde mit einer sowjetischen Verwaltungs- und Verkehrsinfrastruktur versehen, bekam einen neuen Namen, Sowjetbürger wurden an- und die verbliebene deutsche Bevölkerung ausgesiedelt. Kaliningrad – wie Königsberg nun hieß – wurde mit einer Geschichte und mit einer Gegenwart ausgestattet, die es fortan begleiten sollten.
Moskaus Kenntnisse von der neuen Region waren lückenhaft, und die Bevölkerung zweifelte an einer sowjetischen Zukunft Kaliningrads. Um die Normalität aufrechtzuerhalten und Kaliningrad auf Dauer zu einer sowjetischen Stadt zu machen, musste die Gebietsführung eine besondere Identitätspolitik entwickeln. Wie aber ging der schleichende Bevölkerungsaustausch vor sich? Womit wurde die Lücke gefüllt, die der Verlust der deutschen Bevölkerung hinterließ? Per Brodersen hat bislang unentdeckte Dokumente aus Kaliningrader und Moskauer Archiven ausgewertet und entwirft ein detailliertes Bild vom Selbstverständnis dieser ungewöhnlichen sowjetischen Stadt und ihrem schwierigen Verhältnis zu Moskau.
Kaliningrad werden – Europäische Nachkriegsordnung und sowjetischer Alltag
Ostpreußische Provinz wird sowjetische oblast’ – Kaliningrad als westlichster Punkt der UdSSR
Bis auf Weiteres – Kaliningrads Schöpfung unter Vorbehalt
»Großzügigkeit ist auszumerzen« – Sperrgebiet Kaliningrad
Im Norden liegt Lettland – Moskaus Blick auf Königsberg-Kaliningrad
Gewusst wo – Moskaus Interesse gegenüber der neuen Peripherie
Schwerer Stand – Moskauer Maßnahmen und Kaliningrader Bringschuld
Leben hart an der Grenze – Erfahrungen als sowjetischer Übersiedler in Kaliningrad
»Obstbäume stehen direkt an der Straße« – der weite Weg gen Westen
»Mit dem Finger am Abzug« – Alltag im jungen Kaliningrad
Namen, die noch keiner nennt – Sowjetische Umbenennungen als symbolische Landnahme
Kampf um die Karten im Kopf – Umbenennungen in der Kaliningrader Praxis
»Prinzipielle Unterschiede« –Konflikt um neue Namen zwischen Zentrum und Peripherie
Gleichzeitigkeit der Epochen – Königsberger in Kaliningrad und der UdSSR
Von der Erstürmung 1945 bis zur Aussiedlung 1947/48
„Anlass zu einer feindseligen Kampagne“ – Königsberger in der Sowjetunion nach 1948
Kaliningrad sein – eine sowjetische Stadt in der Kommunikation vor Ort
Die Erfindung der Vergangenheit – Kaliningrader Kanonisierungen der Stadtgeschichte
Vom Sowjetvolk zurückerobert – Kaliningrad als „urslawischer“ Boden
Von Bauernführern und Borodino – Die Geschichte Königsbergs für Kaliningrad
• Der Siebenjährige Krieg • Der Vaterländische Krieg • Der Erste Weltkrieg
Gedächtnisort 1945 – Kaliningrads Gründungsmythos
• Das Denkmal für die 1200 Gardesoldaten und seine Repräsentation • Baudenkmäler im Gedächtnisort 1945 • Heldengedenken im Gedächtnisort 1945 • Jenseits der Helden – Gedenken in der Praxis
Schwieriges Erbe – Deutsche Vergangenheit im sowjetischen Kaliningrad
• Rollback und Rückzug – Denkmalschutz versus Linie der Gebietsführung • Koenigsberg populaire – das deutsche Erbe in der medialen Repräsentation Kaliningrads • Kulturelle Praxis Denkmalschutz • Dichter und Denker – Kant und Schiller werden Teil Kaliningrads
Gelebte Gegenwart – Kaliningrad als sowjetische Peripherie
Stalin als Standard – Kaliningrad als ideologisiertes Konstrukt der unmittelbaren Nachkriegszeit
• Vorstellungen vom Vorposten • Gebiet von Generalissimus’ Gnaden • Homo sovieticus kaliningradensis • Auf immer und ewig untrennbar verbunden
Fortschrittsglaube und Zukunftssehnsucht – Kaliningrad auf dem Weg zum Kommunismus
Utopia Kaliningrad: Variante I • Veränderung als Wert an sich • Utopia Kaliningrad: Variante II • Vorher/Nachher • Der fremde Blick • Sowjetische Denkmäler und Skulpturen • Sozialistisches Wirtschaftsgebiet Kaliningrad • Infrastruktur Kaliningrads in der Öffentlichkeit • Samaja Zapadnaja – am weitesten im Westen • Gebietsmuseum Kaliningrad • Ikonografie und Fotografie • Kaliningrad als Exkursions- und Reiseziel
Auf Konfrontationskurs – Kaliningrad im Kalten Krieg
• Grenze • Kampf der Ideologien • Historisierungen • Traditionen • Zwischenbilanzen
Epilog
Der Autor:
Per Brodersen ist Vorstandsreferent bei der Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn. Er wurde mit einer diesem Buch zugrunde liegenden Arbeit 2006 an der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf promoviert.
Leseprobe:
Ostpreußische Provinz wird sowjetische i>oblast' - Kaliningrad als westlichster Punkt der UdSSR
Wer im Mai 1946 die frisch erschienene Karte neuer Postleitzahlen für die Besatzungszonen Deutschlands studierte, konnte staunen: Das Werk - auf der Rückseite eine Karte Kretas aus Wehrmachtsbeständen — stellte zwar den Großteil der deutschen Ostgebiete in gelber Farbe als »unter polnischer Verwaltung« stehend dar. Im äußersten Osten jedoch fand sich an Stelle eines Hinweises auf Königsberg und dessen Verwaltungsstatus nur mehr die Bezeichnung »UdSSR«, als Ausland elfenbeinfarben ebenso markiert wie die Niederlande, Frankreich, die Tschechoslowakei und Österreich. Nur allzu leicht konnte beim Betrachter der Eindruck entstehen, die Eingliederung dieses Territoriums sei seit langem vorbereitet gewesen und habe nur noch der endgültigen Niederlage des Deutschen Reiches bedurft, um zielgerichtet umgesetzt zu werden — dabei war der Weg von Königsberg nach Kaliningrad alles andere als geradlinig und eben.
Bis auf Weiteres - Kaliningrads Schöpfung unter Vorbehalt
Die Zukunft der Region war keineswegs ausgemacht, als General Otto Lasch am 9. April 1945 in Königsberg kapitulierte und die Stadt der Roten Armee übergab. Zwar hatte Iosif Stalin schon 1943 einen sowjetischen Anspruch auf Königsberg und Umgebung samt vorgeblich eisfreiem Hafen formuliert, doch wurde erst auf der Alliierten-Konferenz von Potsdam im Sommer 1945 konkret über die Region gesprochen. Entsprechend markierte die im April 1945 in Königsberg aufgestellte große sowjetische Schautafel nicht nur die Distanz von 1.275 Kilometern zwischen Königsberg und Moskau, sondern zeigte auch, dass zwischen beiden Städten nach wie vor eine Staatsgrenze lag. Nicht umsonst sprach die Hauptverwaltung der Grenztruppen der UdSSR in ihrem Bericht »Über die Situation an der Staatsgrenze der Sowjetunion für das zweite Quartal 1945« von einer sowjetischen »Grenze zu Ostpreußen« im »Litauischen [Grenz-] Bezirk«:5 Königsberg lag nach wie vor im Ausland.
Am 2. August 1945 einigten sich die Alliierten in Potsdam auf den Grenzverlauf zwischen dem nördlichen und südlichen Teil Ostpreußens: »Von einem Punkt an der östlichen Küste der Danziger Bucht in östlicher Richtung nördlich von Braunsberg-Goldap und von da zu dem Schnittpunkt der Grenzen Litauens, der Polnischen Republik und Ostpreußens« sollte die in Potsdam festgelegte Südgrenze sowjetischen Territoriums verlaufen. Das Protokoll hielt außerdem fest, man habe »grundsätzlich dem Vorschlag der Sowjetregierung hinsichtlich der endgültigen Übergabe der Stadt Königsberg und des anliegenden Gebietes an die Sowjetunion gemäß der obigen Beschreibung zugestimmt, wobei der genaue Grenzverlauf einer sachverständigen Prüfung vorbehalten bleibt.« Am 16. August 1945 unterzeichneten die Sowjetunion und Polen einen gemeinsamen Grenzvertrag.
Damit war zwar der äußere Rahmen, das Territorium der neuen sowjetischen Region abgesteckt worden, doch der provisorische Charakter blieb. Auch wenn die Propaganda bei vielen den Anschein erweckte, »die Unsrigen haben sich offensichtlich grundlegend und auf lange Zeit in diesem Teil Ostpreußens eingerichtet«, wie der Religionsphilosoph S. Volkov in seinem Tagebuch am 3. August 1945 notierte:9 Es existierte kein Fahrplan von Königsberg nach Kaliningrad.
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erstellt am: 19.05.2008
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