Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Russland und die Sowjetunion - Ein Jahrhundert in Fotografien der Nachrichtenagentur TASS
von Radetsky, Peter <übersetzt von: Lampe Madeleine> [Bilder: ITAR-TASS] (USA / Russland)

Genre:

Sachbuch (Geschichte), Bildband

Stichwörter:

Fotografien, Russland

Verlag:

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

ISBN:

978-3-89602-780-1

Format:

Bildband, gebunden, 288 S., 300 teils farbige Abb.

Erscheinungsjahr:

2007

Preis:

€ (D) 49,90 / sFr 85,00



Buchbesprechung

Wenn auch die Aufgaben der sowjetischen Nachrichtenagentur nicht mit denen einer Nachrichtenagentur in einem demokratischen Land zu vergleichen waren, so haben doch die Ergebnisse bleibenden dokumentarischen Wert, unabhängig davon, ob Nachrichten manipuliert wurden oder nicht – selbst die Manipulation an sich hat schon diesen Wert.
– An dieser Stelle könnte man füglich streiten, ob es überhaupt eine objektive, tendenzfreie Nachricht, in welchem politischen System auch immer oder im privaten Bereich, gibt und geben kann. –
Von daher betrachtet ist dieser Bildband von großem dokumentarischem und historischem Wert, zumal die Aufnahmen – wie nicht anders zu erwarten – professionell und damit qualitativ hervorragend sind.
Aber was wären Bilder ohne begleitenden Text.
Peter Radetsky hat mit seinen Kommentaren zu den Bildern und vor allem mit den die einzelnen historischen Zeitabschnitten einleitenden Texten das Wichtigste in aller Kürze herausgearbeitet.

Hier drei Beispiele von den 300 teils farbigen Abbildungen: (alle Bilder copyright ITAR-TASS)



Seemänner – Nikolaus II. (rechts) begrüßt 1909 während seiner Englandreise König Edward VII. (Mitte) und den Herzog von York (links) an Bord der Standart, eines Schiffes der russischen Marine.



Der Tänzer kehrt heim – 1987 besuchte Rudolf Nurejew die Sowjetunion, die er 1961 verlassen hatte. Hier steht er in Ufa vor dem Haus, in dem er seine Kindheit verbracht hat.



Die Christ-Erlöser-Kathedrale – Die riesige Christ-Erlöser-Kathedrale aus dem 19. Jahrhundert, die aus Anlass des Sieges über Napoleon errichtet worden war, wurde 1931 unter Stalin abgerissen. Auf diesem Foto von 1995 befindet sie sich wieder im Bau, 2006 wurde die Kathedrale fertiggestellt.


Inhalt:
Drei Revolutionen, ein Bürgerkrieg, zwei Weltkriege, in denen die Russen mehr als jedes andere beteiligte Land verloren – der imposante Fotoband von Peter Radetsky ist eine Anfang des 20. Jahrhunderts beginnende fotografische Dokumentation der Geschichte und Kultur eines Landes.
Die Fotos im vorliegenden Buch wurden von der staatlichen Nachrichtenagentur TASS gemacht. Sie sollten die Ziele und Ideale des Kreml vermitteln und sind Ausdruck der sowjetischen Propaganda. Gleichzeitig spiegeln sie auch die Perspektiven und Werte der Menschen wider und bieten mitunter ganz private Einsichten. Der Betrachter sieht den 33jährigen Maxim Gorki während eines Besuchs bei Lew Tolstoi, Seeleute an Deck der Potjomkin, Badende am Strand vor der Peter-und-Paul-Festung in Leningrad in den 20er Jahren, Michail Bulgakow auf dem Balkon seiner Moskauer Wohnung oder auch Breschnew bei einem Gelage mit dem jugoslawischen Staatspräsidenten Tito im Jahre 1973.
Symbolträchtige Bilder dürfen auch nicht fehlen: Das berühmte Stalin-Bild mit Pfeife findet sich ebenso in dem Band wie das weltweit bekannte Foto, das einen sowjetischen Soldaten zeigt, der die Fahne mit Hammer und Sichel 1945 über dem Reichstag wehen lässt.
Ergänzt werden die etwa 300 Aufnahmen durch erläuternde Bildunterschriften, sachkundige Texte zu Beginn eines jeden Kapitels, eine Einleitung des Herausgebers Peter Radetsky und durch ein Vorwort des Historikers Philip Longworth.


Der Herausgeber:
Peter Radetsky
hat bereits sechs Bücher verfasst und ein Dutzend internationale Ausstellungen in Museen organisiert, unter anderem die Ausstellung »St. Peter und der Vatikan: Das Vermächtnis der Päpste«. Er ist Spezialist in der Dokumentation des russischen Alltags und der russischen Geschichte. Momentan arbeitet er an einem Buch über das Bolschoi-Theater. Er lebt in Nordkalifornien.

Der Autor:
Die Nachrichtenagentur TASS
hat alles dokumentiert – den Zaren und die Volkskommissare, die Russische Revolution von 1917 und den Zerfall der Sowjetunion 1991. Das Archiv der Agentur beherbergt die größte visuelle Dokumentation der russischen Geschichte. »Russland und die Sowjetunion – Ein Jahrhundert in Fotografien der Nachrichtenagentur TASS« ist das Ergebnis des erstmaligen umfassenden Zugriffs auf diese Schatzkammer.
Die Agentur wurde 1904 auf Anordnung von Nikolaus II. als Sankt Petersburger Telegrafen-Agentur (SPTA) gegründet. 1918 veranlasste die bolschewistische Regierung deren Umzug nach Moskau, und 1925 wurde sie in TASS (Telegrafnoje Agentswo Sowjetskowo Sojusa, Telegrafenagentur der Sowjetunion) umbenannt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion bekam die Agentur 1992 wieder einen neuen Namen – ITAR-TASS, Informations-Telegrafenagentur Russlands. Sie ist nach wie vor der wichtigste Lieferant für Informationen in Russland.
Zur Zeit der Sowjetunion wurde die Nachrichtenagentur vom Staat subventioniert und vom Kreml streng kontrolliert. Es wurde nur Bericht erstattet, wenn es der Kreml in Auftrag gab, nur die Bilder gemacht, die der Kreml erlaubte. Ohne dessen Genehmigung war es verboten, Fotos von nationalen Ereignissen zu schießen.
Heute ist die Fotoagentur ein unabhängiges Tochterunternehmen der großen Nachrichtenagentur, die in Russland und weltweit 130 Büros betreibt und mit internationalen Nachrichtenagenturen wie Associated Press (AP) aus den USA, Reuters aus Großbritannien und Agence France-Presse (AFP) aus Frankreich konkurriert. Die Einnahmen aus den Verkäufen von Fotos belaufen sich auf zwei Millionen Dollar im Jahr.



Leseprobe:
DER PETERSBURGER BLUTSONNTAG
Der 9. Januar 1905 - nach dem julianischen Kalender, der in Russland erst 1918 vom gregorianischen Kalender abgelöst wurde - war ein kalter, klarer Tag, er markierte den Anfang vom Ende des Russischen Reiches. Die Straßen und Plätze von Sankt Petersburg waren schneebedeckt, und die Temperaturen lagen knapp unter dem Gefrierpunkt. Angeführt von Georgi Gapon, einem 34-jährigen Popen, verließen ungefähr 200.000 Arbeiter ihre Häuser in den Vororten und machten sich auf den Weg zum Winterpalast. Dort wollten sie dem Zaren eine Bittschrift überreichen, in der sie auf Missstände aufmerksam machten. Darin stand: »Wir, die Arbeiter von Sankt Petersburg, unsere Frauen, Kinder und die hilflosen Alten, kommen zu Euch, um Gerechtigkeit und Schutz zu erfahren.«
Sie trugen religiöse Symbole, Kirchenfahnen und Bilder von Nikolaus II., dem Zaren und Alleinherrscher über alle Russen. »Rette uns, oh Herr, dein Volk«, sangen sie. »Wie herrlich ist unser Herr in Zion...Gott schütze den Zaren.« Die Arbeiter hatten ihre besten Kleider angezogen und bewegten sich Arm in Arm und mit ihren Frauen und Kindern im Schlepptau auf den Schlossplatz zu. Sie konnten nicht wissen, dass sich Nikolaus zu diesem Zeitpunkt nicht einmal in der Nähe des Palastes befand.
Er weilte mit seiner Familie in Zarskoje Selo, dem »kaiserlichen Dorf« (heute Puschkin), 25 Kilometer südlich von Sankt Petersburg. Sie konnten auch nicht wissen, dass etwa 12.000 Soldaten hinter den Barrikaden versteckt auf sie warteten. Die Stimmung war gereizt. Russland lag bereits ein Jahr lang mit Japan im Krieg. Der Krieg hatte sich zu einer Katastrophe entwickelt und zehrte die Ressourcen und die Zuversicht des Reiches auf. Der Streik in den riesigen Putilow-Stahlwerken hatte sich über die ganze Stadt ausgebreitet, ein Heer von demonstrierenden Arbeitern schwappte auf die Straßen. Mehr als 100.000 Menschen hatten die Bittschrift des Popen Gapon unterschrieben. Unter anderem forderte man darin eine Mindestentlohnung und verbesserte Arbeitsbedingungen, die Beendigung des Russisch-Japanischen Krieges, Rede- und Religionsfreiheit sowie Bildung für alle und die Schaffung einer Volksvertretung.
Immer mehr Menschen im Russland der Jahrhundertwende wollten, dass sich etwas änderte. Aber diese Meinung öffentlich kundzutun erregte Aufsehen und galt als aufrührerisch. Und solche Aufmärsche waren eigentlich verboten. Trotzdem machten Gapon und seine Anhänger weiter.
Nikolaus war schließlich ihr »Väterchen«, der Beschützer von Russlands Arbeitern und Bauern. Wenn sich die treuen Untertanen nicht an ihren Zaren wenden konnten, an wen sollten sie sich dann wenden? Zuerst schien alles gut zu gehen. Die Schaulustigen verneigten und bekreuzigten sich, als die Demonstranten mit ihren religiösen Symbolen vorbeimarschierten. Die Polizei machte ihnen sogar den Weg frei. Aber bevor sie den Schlossplatz erreichten, wurden sie von den Truppen des Zaren aufgehalten und aufgefordert, stehen zu bleiben.
Eine Schwadron Kosaken ritt plötzlich mitten in die Menge der Demonstranten hinein, und die Truppen schossen auf die Menschen. Diese ließen sich nicht beirren und gingen weiter. Sie glaubten fest daran, dass sie ihrer Bitte Gehör verschaffen konnten, wenn sie nur den Palast und den Zaren erreichen würden. Als sie auf dem Schlossplatz ankamen, eröffnete das Wachpersonal des Zaren das Feuer. Ohne einen Unterschied zu machen, streckten sie Arbeiter, Frauen und Kinder nieder. Offiziellen Zahlen zufolge wurden zwischen einhundert und zweihundert Menschen getötet und achthundert verletzt. Die wirkliche Zahl ist sicher beträchtlich höher.
Dieses Blutbad ging als Petersburger Blutsonntag in die Geschichte ein. Das Ereignis prägte die Herrschaft von Nikolaus II.; die Vorstellung, dass der Zar und sein Volk eine Einheit bildeten, war ein für allemal zerstört. »Wir haben keinen Zaren mehr«, hieß es in einem Brief des Popen Gapon, der das Massaker überlebt hatte und untergetaucht war. »Zwischen ihm und dem Volk steht das Blut unserer Kameraden. Lang lebe der Kampf des Volkes für die Freiheit!«


erstellt am: 12.05.08

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