Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Im Namen der Wahrheit - Folter in Deutschland vom Mittelalter bis heute
von Zagolla, Robert (Deutschland)

Genre:

Sachbuch (Geschichte)

Stichwörter:

Deutschland, Folter

Verlag:

be.bra verlag

ISBN:

3-89809-067-1

Format:

gebunden, 240 S.

Erscheinungsjahr:

2006

Preis:

€ (D) 22,00 / € (A) 22,70 / sFr 38,90



Buchbesprechung

Wenn schon „ganz normale“ Nachrichten nach Möglichkeit mit einem Anflug von Nervenkick verkauft werden müssen, wen wundert es dann, dass das Wort ›Folter‹ sofort ein mehr oder weniger angenehmes (ganz nach Ausgangslage) Gruseln hervorruft und die Sachlichkeit darunter leidet.
Robert Zagolla hat mit »Im Namen der Wahrheit« ein wissenschaftlich und zugleich spannendes und doch in keinster Weise voyeuristisches Buch zu diesem Thema vorgelegt, das auch mit Vorurteilen aufräumt und doch auch überraschende Fakten vorlegt.


Inhalt:
Folter in Deutschland?

Im »finsteren« Mittelalter

Ars torquendi: Das römische Recht als Wurzel des Bösen
Fehde, Buße, Rutenschläge: Das Strafrecht der Germanen
Vom Gottesurteil zur Folter: Das Hochmittelalter
Gauner, Juden und Verräter: Neue Herausforderungen im 14. Jahrhundert
42 »Folter für alle«: Das Ende der Privilegien im 15. Jahrhundert

Zwischen Reformation und Aufklärung
Die Logik der Folter: Ein Lehrbeispiel
Pfeffersäcke und Heckenrichter: Die Justiz im 16. und 17. Jahrhundert
Wo gehobelt wird, fallen Späne: Verstockte Verbrecher und unschuldige Justiz-Opfer
Pommersche Mützen und Mecklenburgische Instrumente: Das Einmaleins des Folterns
Die Folter im Hexenprozess

Die »Abschaffung« der Folter im 18. und 19. Jahrhundert
Warum Friedrich der Große die Folter nur halb abschaffte
Die Kritik der Aufklärer: Alter Wein in neuen Schläuchen
Rückzugsgefechte: Die Argumente der Folterer
Schläge statt Streckbank: Ein Sieg der Vernunft?
E.T.A. Hoffmann als Folter-Experte? Die Tortur im Spiegel der Literatur

Vom Kaiserreich zur Weimarer Republik
Die Eiserne Jungfrau und die Lust am Gruseln
Der lange Weg zum modernen Strafprozess
Folter in den Kolonien
Folter in der Weimarer Republik?

Die Rückkehr der Folter im Dritten Reich
»Nationalsozialistisches Rechtsempfinden«
Ungezügelte Gewalt 1933/34
»Verschärfte Vernehmung«: Neue Regeln für das Foltern
Die Gestapo im Ausland
Auschwitz – Folter im Vernichtungslager
»Orientalischer Sadismus« oder deutsche Pflichterfüllung?

Grauzone im Stasi-Knast
Folter in der DDR? »Das bilden Sie sich alles bloß ein!«
Prügel, Tritte, Schlafentzug: Das sowjetische Vorbild
Von der Folter zum »Kampf um die Aussagebereitschaft«
»Wir haben schöne Methoden …«: Die 1970er-Jahre
Die 1980er-Jahre
Der schmale Grat zwischen Misshandlung und Folter

Folter im Rechtsstaat?
Gesetze, Pakte, Konventionen: Der lange Weg zur Ächtung der Folter
Geständniszwang im Polizei-Alltag
Isolationshaft = Folter? Die RAF und der deutsche Rechtsstaat

Folter heute
»Es gibt Dinge, die sehr weh tun«: Ein Polizist sieht rot
Entführer, Terroristen und das gesunde Volksempfinden

Was die Geschichte lehrt
Anmerkungen, Abbildungsnachweis, Literatur, Orts- und Personenregister

Seit dem »Fall Daschner« ist die Diskussion über die Folter neu entbrannt. Ein Blick in die Geschichte macht den Prozess ihrer Umwertung deutlich: Von der gesetzlich geregelten Befragungstechnik im ausgehenden Mittelalter über den Versuch der Abschaffung und ihr vielfältiges Weiterleben bis ins 20.Jahrhundert.
Was von den Nationalsozialisten wieder massiv eingesetzt und in der SBZ/DDR mit anderen Mitteln weiter praktiziert wurde, gilt heute manchem als Königsweg der vorbeugenden Verbrechensbekämpfung: die Anwendung staatlicher Gewalt zur Erzwingung von Informationen oder Geständnissen. Die Zeugnisse der Opfer und die fragwürdigen Erfolge der Folterer warnen jedoch vor falschen Hoffnungen.


Der Autor:
Robert Zagolla
, geb.1973, gehört als Historiker zu den ausgewiesenen Experten für die Geschichte der Folter. Er ist Mitglied im »Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung« und hat in seiner Dissertation die Rolle der Folter in deutschen Hexenprozessen untersucht. Im Mai 2005 erhielt er dafür den Dr.-Leopold-Lucas-Nachwuchswissenschaftler-Preis der Universität Tübingen. Zahlreiche Vorträge, Aufsätze und Lexikonartikel zum Thema Folter.

Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
»Die Deutschen sind nicht von Natur aus grausam, aber sie neigen in starkem Maße dazu, schlechte Beispiele nachzuahmen.« Zu diesem wenig tröstlichen Ergebnis kam der englische Hobbyhistoriker Robert Louis Pearsall, Ritter von Willsbridge, als er im Jahr 1838 seine Forschungen über die Eiserne Jungfrau veröffentlichte. Auf der Suche nach einem erhaltenen Exemplar dieses sagenumwobenen Folter- und Mordinstruments hatte er ganz Süddeutschland bereist, bis er endlich auf Burg Feistritz in Niederösterreich (das nach damaligem Verständnis noch zu Deutschland gehörte) fündig wurde. Der Burgherr, Joseph Freiherr von Dietrich, zeigte ihm stolz das restaurierte, wenn auch nicht funktionsfähige Gerät, das angeblich während der Napoleonischen Kriege aus dem Nürnberger Folterkeller geraubt worden war. Obwohl Pearsall die Eiserne Jungfrau also in Deutschland gesucht und gefunden hatte, war er dennoch überzeugt, dass es sich dabei nicht um eine originär deutsche Erfindung handelte. Seiner Ansicht nach war von den Deutschen lediglich etwas kopiert worden, was die Gehirne spanischer Inquisitoren schon viel früher ersonnen hatten.
Gut hundert Jahre später, auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs, war es nicht mehr die spanische Inquisition, die als Hort des Bösen galt. Entsprechend änderte sich auch die Deutung der Eisernen Jungfrau. Pearsalls Landsmann Charles R. Beard sprach sicherlich vielen aus der Seele, als er im Jahr 1942 seine Sicht auf das Verhältnis der Deutschen zu dieser Erfindung formulierte: »Diese tödliche Maschine in ihrem mechanischen, unreflektierten und willenlosen Vollzug des blutigen Willens der despotischen Herren«, so stellte er bitter fest, »ist ein Symbol für das deutsche Volk nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart.«
Ob als Nachahmer fremder Gräueltaten oder als willige Vollstrecker der grausamen Befehle ihrer »despotischen Herren«: Den Deutschen wird schon seit langem eine besondere Beziehung zum Thema Folter nachgesagt. Dabei waren und sind Mittelalter und Drittes Reich die wichtigsten Bezugspunkte, auch im deutschen Selbstverständnis: Die Grausamkeit des Mittelalters und die obszöne Brutalität der Nazi-Verbrechen sind zu Metaphern geworden, die auch unabhängig von ihrem realen Gehalt zur Beschreibung und Deutung von späteren Ereignissen genutzt werden können. So fehlt, wenn über das Thema Folter diskutiert wird, selten ein Politiker, der die »kalte Luft des Mittelalters« hereinwehen spürt (so etwa Hans-Christian Ströbele im Jahr 2004), oder einer, der auf die historischen Erfahrungen der Nazi-Diktatur verweist. Schon in den 1930er-Jahren griffen die Opfer des nationalsozialistischen Terrors auf das Bild vom »finsteren Mittelalter« zurück, wenn sie die Barbarei ihrer Peiniger deutlich machen wollten. So heißt es etwa im »Braunbuch Reichstagsbrand und Hitler-Terror«, das 1935 von geflohenen Deutschen im Ausland veröffentlicht wurde: »Die Naziführer haben mittelalterliche Pogrome gebracht und die Lynchjustiz, die lettres cachet mit ihren willkürlichen Verhaftungen (Schutzhaft) und die Scheiterhaufen, das Spießrutenlaufen und die Folter ersten, zweiten und dritten Grades.« Auch bei der Beschreibung von Folterverhören griffen die Autoren auf verbreitete Mittelalter-Vorstellungen zurück: »Das ›Verhör‹ beginnt. Hinter einem Tisch sitzt der Femerichter; drei Sterne an den Aufschlägen der SA-Uniform haben ihm die richterliche Gewalt über alle Verhafteten gegeben. In der Tischplatte stecken blanke Dolche und Seitengewehre; oft zittern rechts und links die Flammen der Kerzen. Der Gefangene wird an den Tisch gestoßen. Dicht an ihn treten die SA-Leute. Er spürt sie neben sich, sie begleiten seine Antworten mit Schlägen.« In einem anderen Bericht heißt es prosaischer: »Man könnte glauben, die Führer der SA und SS hätten ein monatelanges Studium der Foltermethoden des Mittelalters […] absolviert.«


erstellt am: 12.05.08

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