Buchbesprechung „Die Banalität des Bösen“ diese Satz drängt sich spontan auf, nachdem man das Buch gelesen hat.
Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal einen so grausamen Bericht über den Nazi-Terror gelesen zu haben (und ich habe sehr viel darüber gelesen). Die Selbstverständlichkeit und Skrupellosigkeit, mit der die grausamsten und unmenschlichsten Verbrechen verübt wurden, erschüttern den Glauben an die Menschheit. Dazu muss man sich vor Augen halten, dass hier nur eine Zeitspanne von eineinhalb Jahren geschildert wird – ich musste nachschlagen, um mich zu vergewissern, denn es schien mir unfassbar.
Es gibt keine Worte, um die Empfindungen über das, was da geschah, zu schildern. Selbst das Verhalten der Verbrecher als „viehisch“ zu bezeichnen, ist eine Beleidigung für die Kreatur Vieh.
Man kann es nur als die Personifizierung, die Inkarnation des Bösen schlechthin bezeichnen. Das waren keine Menschen, auch wenn sie wie solche aussahen.
Inhalt:
Hochgewachsen, elegant ist er, ein wahrer Wiener Gentleman, interessiert an Literatur und Musik ein Traum von einem Mann schwärmt später seine Geliebte Ruth Irene Kalder.
Geboren 1908 und von der Familie nur zärtlich Mony gerufen, will der Verlegersohn Amon Leopold Göth Großes erreichen, doch es fehlen die Voraussetzungen: Die Oberrealschule hat er abgebrochen, nicht die Matura interessiert ihn, sondern der neue Geist, der ihm aus den Reihen der Hakenkreuzler entgegenweht. Bereits 1925, als 17-jähriger, tritt er einer Jugendgruppe der NSDAP in Waidhofen an der Thaya bei und von da an wird ihn die Begeisterung für die braune Revolution Adolf Hitlers nicht mehr verlassen. Seine erste Ehe ist nach kurzer Zeit am Ende, allein bei den Kameraden von der SS, der er 1930 beigetreten ist, fühlt er das richtige Leben. Nach dem Anschluss 1938 heiratet er noch einmal, als sein erstes Kind, ein Sohn, im Alter von wenigen Monaten stirbt, verlässt er im Frühjahr 1940 die Familie und bricht auf ins Generalgouvernement.
Hier, im Gangster Gau des großmäuligen Hans Frank, winken Abenteuer und Karriere: Im Stab des Kärntners Odilo Globocnik, dem Drahtzieher der Aktion Reinhardt, lernt er rasch Gefallen zu finden am Massenmord an den Juden, aus dem man, wenn man es nur geschickt anfängt, auch entsprechenden Profit ziehen kann eine echte Herausforderung für seine verbrecherische Intelligenz. Erfolge als Organisator in einigen kleinen Lagern ebnen ihm den Weg: Im Februar 1943 wird er zum Kommandanten des neu eröffneten Zwangsarbeitslagers Plaszów bei Krakau ernannt. 500 Tage wird er als König von Plaszów herrschen, Herr über Leben und Tod sein, gefürchtet von Zehntausenden, die schutz- und rechtlos seiner Lust am „Abknallen“ und „Umlegen“ ausgeliefert sind.
Der Autor:
Johannes Sachslehner, geboren 1957 in Scheibbs, studierte an der Universität Wien Germanistik und Geschichte (Dr. phil.) und unterrichtete von 1982 bis 1985 an der Jagiellonen-Universität Krakau als Gastlektor für deutsche Sprache und Literatur, danach war er im Archiv- und Verlagswesen tätig, seit 1989 ist Verlagslektor.
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Der Sommer geht zu Ende und endlich können Mony und Irene aus dem lauten, überbelegten Roten Haus in die eigens für sie eingerichtete Villa ziehen. Ihr neues Heim, das zuvor von zwei jüdischen Familien bewohnt worden ist, liegt an der SS-Straße, die einen Hügel hinauf zu den Nähereien und Textilwerkstätten Madritschs führt. Hier oben ist es ruhiger und gemütlicher als in der Nähe des Haupttors; die Häftlinge haben keine Mühen gescheut und eine kleine „Residenz" ganz nach dem Geschmack des Paars geschaffen; sogar ein eigenen Zwinger für die Hunde hat man gebaut, der Zugang zur Villa ist mit hellem Marmor vom alten jüdischen Friedhof gepflastert und vom nach Süden ausgerichteten Balkon lassen sich die letzten warmen Sonnentage genießen. Die „Hausangestellten" kommen natürlich alle mit, unter ihnen Lena und Susanna und auch Naftali Derschowitz, der „Putzer" des Chefs, der wieder eine eigene Kammer zugewiesen bekommt. Die beiden Mädchen müssen mit einem engen Raum im Keller vorliebnehmen; immerhin haben sie hier neben zwei Betten auch ein kleines Bad zur Verfügung. Mony nützt den Umzug, um einige „Sachen", die sich im Laufe des ersten halben Jahrs in Plaszów „angesammelt" haben, an ihren vorgesehenen Bestimmungsort zu transferieren: Er schickt den „Franz", dem er in diesen Dingen blind vertrauen kann, mit zwei schweren Koffern, die mit Schmuck und anderen Wertgegenständen vollgepackt sind, zur Familie nach Wien — im Panzerschrank wird damit wieder Platz für neue Kostbarkeiten...
Wenige Tage nach dem Umzug in die Villa wird Naftali Derschowitz, der sich nach wie vor frei im Lager bewegen darf, Zeuge, wie die Gestapo eine Hochzeitsgesellschaft am Schwanzhügel exekutiert. Die Braut trägt noch ihr weißes Kleid, in den Händen hält sie einen Blumenstrauß; die Musiker haben ihre Instrumente dabei, die Priester sind im Talar. Die Opfer, 50 bis 60 Menschen, werden in eine Grube getrieben, dann eröffnen SS-Männer das Feuer. Auch Chaim Pieterkowski, ein 24-jähriger Feinmechaniker aus dem schlesischen Kruszwica, der die technischen Anlagen des Kühlhauses betreut, beobachtet diesen Mord an christlichen Polen. Vom SS-Mann Wilhelmi, der schwer an der Last des Erlebten trägt, erfährt er einige Tage später den Hintergrund zu diesem Blutbad: Einige Gestapoangehörige aus Krakau sollten an die Front versetzt werden, da es in der Region ohnehin verhältnismäßig ruhig und wenig zu tun sei. Als Beweis dafür, dass dem doch nicht so sei, wäre man auf die kranke Idee verfallen, in irgendeinem Dorf in der Umgebung Krakaus diese Hochzeitsgesellschaft auszuheben und sie unter dem Vorwand, dass es sich dabei um eine getarnte Partisanengruppe handle, nach Plaszów zum Erschießen zu bringen.
erstellt am: 27.04.08
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