Buchbesprechung Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat sechs Novellen des großen russischen Dichters Iwan Sergejewitsch Turgenjew neu herausgegeben.
Jurij Morašov, Professor für Slavische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz hat den kleinen Band mit einem ausführlichen Nachwort versehen.
Ihnen sei gedankt.
Turgenjew, der herausragende realistische Erzähler, begibt sich mit diesen mystischen, auf den ersten Blick irrealen Novellen auf ein schlüpfriges Parkett und wurde auch dementsprechend von manchen aufgeklärten Zeitgenossen angefeindet. Ihm geht es jedoch im Kern nicht um die Darstellung unheimlicher oder jenseitiger Ereignisse – die er jedoch hervorragend beherrscht –, sondern um das Zeigen derer natürlicher, wissenschaftlicher Ursachen; damals begann die wissenschaftliche Aufarbeitung vieler bis dahin unheimlicher Phänomene wie Hypnose, Trance, Magnetismus usw.
Turgenjew ist ein wahrer Meister der Erzählkunst; man ist von seinen Worten so gepackt, dass man sich ins Geschehen hineinversetzt fühlt.
Inhalt:
Drei Begegenungen
Gespenster
Die Geschichte des Leutnants Jergunow
Eine seltsame Geschichte
Stuck … stuck … stuck ! …
Vater Alexejs Erzählung
Sechs ausgewählte Erzählungen Turgenjews, die den als Realisten bewunderten russischen Dichter auf unerwartetem Terrain zeigen: dem Grenzgebiet zwischen Realem und Irrealem. In diesen schon von den Zeitgenossen als unheimlich, phantastisch oder okkult klassifizierten Novellen gilt Turgenjews psychologisches Interesse jenen Bewusstseinszuständen, die über den alltäglichen Erfahrungshorizont des Menschen hinausgehen, pathologische Strukturen aufweisen oder sich den herkömmlichen Erklärungsmustern zu entziehen scheinen.
Turgenjew beschäftigt sich mit Wahnvorstellungen, Somnambulismus, Trance und Hypnose, die von den Wissenschaften und der breiten Öffentlichkeit jener Zeit heftig diskutiert wurden.
Der Autor:
Iwan Sergejewitsch Turgenjew, geboren 1818 in Orel, gestorben 1883 bei Paris, studierte Literatur und Philosophie. Er begann wie fast alle russischen Dichter vor ihm und seiner Zeit – Puschkin, Lermontow, um nur die zwei größten zu nennen – zunächst als Lyriker. Insbesondere mit Lermontow begann dann die Zeit der Prosa in der russischen Dichtung. Turgenjew schrieb sechs Romane und zahlreiche Novellen. Während Puschkin und Lermontow noch zu den Romantikern zählen, gilt er als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus und zählt zu den großen europäischen Novellendichtern.
Mehr über den Autor in Wikipedia
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Drei Begegnungen
Nirgendwohin bin ich wohl zur Sommerszeit häufiger auf die Jagd gefahren als in das Dorf Glinnoje, das zwanzig Werst von meinem Landsitz entfernt liegt. Bei jenem Dorf hegen die vielleicht besten Wildreviere unseres ganzen Bezirks. Nachdem ich alle Büsche und Felder durchsucht hatte, pflegte ich regelmäßig gegen Abend einen Abstecher zu einem benachbarten Moorgrunde, wohl dem einzigen, den es in jener Gegend gibt, zu unternehmen und von dort aus dann zu meinem gastfreundlichen Wirt, dem Starosten des Dorfes, bei welchem ich jedesmal abstieg, zurückzukehren. Vom Moor bis nach Glinnoje sind es ungefähr zwei Werst; der ganze Weg führt durchweg durch eine Niederung, und nur auf der Hälfte desselben hat man einen unbeträchtlichen Hügel zu überschreiten. Auf der Spitze dieses Hügels hegt ein Landsitz, der aus einem kleinen, unbewohnten herrschaftlichen Haus nebst Garten besteht. Fast jedesmal, wenn mich mein Weg an jenem Haus vorbeiführte, war es beim vollen Glanze der Abendröte, und ich erinnere mich, daß jenes Haus mit seinen dichtvernagelten Fenstern mir immer wie ein blinder Greis vorkam, der herausgekommen war, sich an der Sonne zu wärmen. Da sitzt er, der Arme, am Weg; das Licht der Sonne hat für ihn längst ewiger Nacht Platz gemacht, doch fühlt er es noch auf dem aufgerichteten, vorgestreckten Gesicht, den erwärmten Wangen. Im Hauptgebäude hatte, dem Anschein nach, schon lange niemand gewohnt; das kleine Nebengebäude auf dem Hof jedoch bewohnte ein altersschwacher Freigelassener, ein hochgewachsener, breitschultriger und grauhaariger Alter mit ausdrucksvollen und starren Gesichtszügen. Es war seine Gewohnheit, auf dem Bänkchen vor dem einzigen Fensterchen des Nebenhauses zu sitzen und, in schwermütiges Nachdenken versunken, ins Weite zu schauen. Sooft er meiner ansichtig wurde, pflegte er sich ein wenig zu erheben und mich mit jener langsamen Feierlichkeit zu begrüßen, die alten Domestiken aus den Zeiten nicht unserer Väter, aber unserer Großväter eigen ist. Ich ließ mich in Gespräche mit ihm ein, fand ihn jedoch nicht redselig: ich erfuhr von ihm nur, daß der Landsitz, auf welchem er sich aufhielt, der Enkelin seines vormaligen Herrn, einer Witwe, die eine jüngere Schwester hatte, gehöre; daß beide ihr Leben in Städten und fremden Ländern zubrächten, sich zu Hause nicht blicken ließen und daß es ihn selbst verlange, möglichst bald sein Leben zu beschließen; denn, meinte er, »er kaue und kaue an seinem Brote, daß es ihm zuletzt langweilig werde, so lange daran zu kauen. « Dieser Alte nannte sich Lukjanitsch.
Einmal war ich länger als gewöhnlich ausgeblieben; es war mir ziemlich viel Wild in den Schuß gekommen, und auch das Wetter war für die Jagd ganz vorzüglich - schon vom frühen Morgen an still, grau, gleichsam abendlich. Ich war weit abgekommen, und es war nicht nur ganz dunkel geworden, sondern auch der Mond schon aufgestiegen; die Nacht stand bereits am ganzen Himmel, als ich den bekannten Landsitz erreichte. Ich mußte längs dem Garten vorbei... Ringsumher herrschte Stille...
erstellt am: 05.04.08
|