Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Festung Breslau

Die Stadt im Westen

Abbau Ost - Lügen, Vorurteile und sozialistische Schulden
von Baale, Olaf (Deutschland)

Genre:

Sachbuch (Zeitgeschehen)

Stichwörter:

DDR BRD Vereinigung

Verlag:

dtv

ISBN:

978-3-423-34468-5

Format:

kartoniert, 304 S.

Erscheinungsjahr:

2008

Preis:

€ (D) 12,90 / € (A) 13,30 / sFr 22,60



Buchbesprechung

Nun, ohne überheblich oder selbstgerecht sein zu wollen, aber ich war von Anfang an der Meinung, dass dieser Zusammenschluss mehr einer feindlichen Übernahme als einer Wiedervereinigung glich – trotz aller auch bei mir hochgehender freudiger Emotionen ob der Geschehnisse an den Tagen X. Auf meine Frage an ein Mitglied des »Neuen Forum« im Jahr 1993, warum denn alle so besinnungslos und unkritisch in den Westen gerannt seien, bekam ich die sehr bezeichnende, resignierende Antwort „Ach wissen Sie, alles was aus dem Westen kam, war halt so schön bunt“. Dass die Ostler auf diesen bunten Schein und Trug herein gefallen sind, kann man Ihnen ja noch verzeihen (als Zyniker fällt mir hier der Vergleich mit den bunten Glasperlen und den Ureinwohnern ein), dass jedoch die Politiker aus Dummheit und Machtstreben (noch ein Vergleich: Dummheit und Stolz … ) und die Wirtschaft blind vor Gewinnsucht zielstrebig – und das nicht nur im ersten Rausch, sondern jahrelang, auch als man noch hätte gegensteuern können – in trauter Einmütigkeit mit der Politik das Fundament einer Gesellschaft (wirtschaftlich, nicht politisch!) zerstört haben ist unverzeihlich und müsste (wenn es denn gerecht zuginge) juristische Konsequenzen haben. Das Ganze riecht nach – zumindest unterbewusster – „Siegerjustiz“.

Nun habe auch ich (was ich sonst tunlich vermeide) meine Wut herausgelassen. Sei’s drum, nehmen wir’s als Herzinfarktprophylaxe.

Eine hervorragende, fundierte Arbeit von Olaf Baale, die es wert wäre als Lehrbuch in der Oberstufe verwendet zu werden. Aber so wird es leider nicht kommen, denn es entspricht nicht der Mainstreammeinung (und da ist man gnadenlos), schmerzt zudem noch und bringt so manchen Verantwortlichen in die Bredouille. (Vielleicht wird ihm in 30 Jahren Erfolg beschieden sein.)
Bei mir bekommt es jedoch schon heute einen Ehrenplatz!


Inhalt:
Zwanzig Jahre danach
Ein Prolog in fünf Kapiteln
Teil eins  Herrenloses Eigentum
Teil zwei Der große Verwaltungsakt
Teil drei  Eine kurze Geschichte vom Ende der DDR
Personenregister

Nach dem Fall der Mauer, der Entindustrialisierung des Ostens und dem nur in Teilen geglückten Neuanfang folgt nun die dritte Phase der deutschen Einigung: die Schadensbegrenzung. Das Beitrittsgebiet kann sich - von ein paar Ausnahmen abgesehen - nicht zur Wachstumsregion entwickeln. Soll man gleich den ehemaligen DDR-Bürgern den Umzug ins alte Bundesgebiet zu bezahlen und das Territorium der früheren DDR der Natur zu überlassen? Wie konnte es so weit kommen und vor allem, wie soll es jetzt weitergehen?


Der Autor:
Olaf Baale
, Jahrgang 1959, geboren in Wolgast, ist Journalist mit eigenen Hörfunkstudio und produziert Ratgebersendungen, Features und Beiträge zum politischen Zeitgeschehen für diverse Rundfunksender. Er lebt mit seiner Familie in Wismar.

Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Herrenloses Eigentum

Wendebestandsaufnahme
Es blieb immer ein großes Mysterium, dass den DDR-Bürgern alles gehörte, sie aber kaum etwas wirklich besaßen. Eigentum, hieß es auch zu sozialistischen Zeiten, gibt Sinn für Ordnung. Und wer konnte den tiefen Sinn dieser Worte besser erfassen als jene deutschen Staatsbürger, denen »gesamtgesellschaftliches Eigentum an Produktionsmitteln« oder Volkseigentum als die höchste Form materiellen Besitzes propagiert wurde. Die Besitzverhältnisse oder »Privateigentum an Produktionsmitteln« waren der Dreh- und Angelpunkt der marxistisch-leninistischen Theorie. Der eine oder andere hatte durchaus ein wenig, meist aus vorsozialistischen Zeiten überkommenen Besitz, beispielsweise ein altes Mehrfamilienhaus in der Innenstadt, an dem er oder die Familie über all die Jahrzehnte trotz erschreckend niedriger Mieteinnahmen festhielt. Eigentumswohnungen gab es nicht, wohl aber Wohneigentum in Form von Einfamilienhäusern. Allerdings übte Wohneigentum auf die meisten DDR-Bürger wegen der sehr niedrigen Mieten keinen besonderen Reiz aus. Entsprechend klein war die Zahl derer, die in den eigenen vier Wänden wohnten. Neben dieser über Wohnimmobilien verfügenden Minderheit gab es noch das Bodenreformland, der größte Immobilienbesitz von DDR-Bürgern überhaupt. Diese Landparzellen waren ihren Besitzern während der sowjetischen Besatzung zugeteilt worden, was zugleich einen gewissen Bestandsschutz darstellte. Die DDR-Regierung fühlte sich an die unter sowjetischer Aufsicht stehende und von ihr selbst betriebene Landaufteilung sozusagen moralisch gebunden. Auch wenn es sich bei dem Bodenreformland quasi um Privatbesitz handelte, so war dessen Bewirtschaftung an die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften [LPG) gebunden. Allerdings wirtschafteten die Agrargenossenschaften nicht nur auf dem Bodenreformland ihrer Anteilseigner, sondern zum großen Teil auf staatlichen Acker- und Weideflächen. Privaten Acker- und Gartenbau und private Tierhaltung gestattete der sozialistische Staat nur in geringem Umfang. Die Abnahme dieser im Nebenerwerb erzeugten Produkte war allerdings staatlich garantiert, die stark subventionierten Preise waren für die Kleinerzeuger äußerst lukrativ.
Darüber hinaus existierten in der DDR kleine, privat geführte Unternehmen wie Elektroinstallationsfirmen, Klempnerbetriebe, Tischlereien, sogenannte Privatbäcker, Fleischerfachgeschäfte. All diese Betriebe hatten üblicherweise nicht mehr als zehn Beschäftigte. Sie kamen über eine kritische Größe nicht hinaus, da sie ansonsten mit der staatlichen Doktrin in Konflikt geraten wären und die Enteignung drohte. Verbreitet war dagegen genossenschaftliches Eigentum. Es gab Genossenschaften des Produktiven Handwerks (PGH), Konsumgenossenschaften, Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften (AWG). Bis auf das Genossenschaftseigentum und den wenigen Privatbesitz gehörte die DDR zum weitaus größten Teil dem Volk. Auch wenn der Eigentumsbegriff ideologisch motiviert war und selbst die DDR-Bürger mit so abstrakten Begriffen wie Volkseigentum oder gesamtgesellschaftlichem Eigentum an Produktionsmitteln nicht viel anfangen konnten, so bestimmten die staatlich kontrollierten Eigentumsverhältnisse dennoch über vier Jahrzehnte ihre Lebenswirklichkeit. DDR-Bürger konnten keinen größeren Besitz erwerben oder sich eine Existenz aufbauen, ähnlich wie das in den marktwirtschaftlichen Verhältnissen der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft geschehen konnte. Alles, was die DDR-Bürger besaßen und wofür sie gearbeitet hatten, steckte in diesem Staat. Und dieses Volksvermögen hatte im Laufe von mehr als vier Jahrzehnten einen beachtlichen Umfang angenommen. Zum Zeitpunkt der Wendebestandsaufnahme zählte die ostdeutsche Volkswirtschaft 12 354 Unternehmen mit 45 000 Betriebsstätten. In den Volkseigenen Betrieben arbeiteten 4,1 Millionen Menschen. Zu den Unternehmen gehörte beispielsweise das Kombinat VEB Deutfracht/Seereederei Rostock (DSR), unter dessen Flagge 172 Frachtschiffe mit einem Raummaß von insgesamt 1,13 Millionen Bruttoregistertonnen fuhren. Zum Volkseigentum gehörten 20 000 Gaststätten und Ladengeschäfte, 1 839 Apotheken, 390 Hotels, zahlreiche Kinos, die gesamte Energie- und Wasserversorgung und die Betriebe des öffentlichen Nahverkehrs. Der größte Teil des ostdeutschen Wohnungsbestandes gehörte zum Volkseigentum. Die DDR hatte eines der weltweit am besten ausgebauten Kinderbetreuungssysteme. Auch ein Netz von Sportschulen mit einem bis heute nicht wieder erreichten Leistungsniveau gehörte dazu. Eher wenig Beachtung fand das Vermögen der Nationalen Volksarmee, unter anderem 369 Kampfflugzeuge, 2 761 Panzer, 192 Kriegsschiffe, 5 000 Artillerie-, Raketen-und Flugabwehrsysteme, 7 000 verschiedenste Radfahrzeuge, 1,3 Millionen Handfeuerwaffen, dazu noch über 300 000 Tonnen Munition und riesige Materialvorräte. Der kleine deutsche Staat verfügte über 124 000 Immobilien, insgesamt 342 000 Hektar Liegenschaften. Ferner gehörten den DDR-Bürgern 1,8 Millionen Hektar Ackerland und 2,1 Millionen Hektar Wald.


erstellt am: 25.03.08

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