Buchbesprechung Spontan drängt sich beim Lesen dieses Buches der Name Nietzsche auf.
Es gibt ganz sicher Parallelen in der Psyche dieser beiden Männer. Vor allem sind sie beide „Getriebene“ gewesen, rastlose Sucher mit der Sehnsucht der Ruhe, unfähig jedoch diese Ruhe zu behalten.
Frank Göhre versteht es hervorragend, diese Rastlosigkeit, dieses Suchen auch literarisch auszudrücken – so wie es übrigens auch Bernhard Setzwein in seinem biografischen Roman »Nicht kalt genug« über Nietzsche verstand.
Bei aller Tragik in seinem Leben ist Friedrich Glauser eine faszinierende Persönlichkeit – wobei die Sucht als kreativer Anstoß ganz sicher ein wichtiger Teil dieser Persönlichkeit ist.
Ein wichtiges, nachdenklich machendes, packend und sehr einfühlsam geschriebenes Buch.
Inhalt:
Friedrich Glauser war seit früher Jugend süchtig. Zeitlebens war er vom Morphium beherrscht, vom „MO“, wie er es nannte. Von seinem 42. Lebensjahren war er über 8 Jahre in Anstalten interniert. Dort schrieb er seine ersten »Wachtmeister Studer« Romane. Sie begründeten seinen Ruf als Vater der deutschsprachigen Kriminalliteratur.
»MO - Der Lebensroman des Friedrich Glauser« ist eine literarische Annäherung an diesen außergewöhnlichen Schriftsteller. Frank Göhre geht Glausers Wegen nach und erkundet die weißen Räume zwischen den biografischen Fakten. Er zeichnet das Bild eines in sich Verstrickten, eines Umtriebigen, spürt den Möglichkeiten eines gelebten Lebens nach, sieht in Glauser einen Zeitgenossen.
Friedrich Glauser, 1896 in Wien geboren, 1918 wegen „liederlichem und ausschweifendem Lebenswandel" entmündigt, Morphinist, Dadaist, Fremdenlegionär in Marokko, Casserolier in Paris, Kohlenkumpel in Belgien, Hilfsgärtner in Basel, Anstaltsinsasse. Er schrieb anfangs „wie zum Spiel, zum Zeitvertreib, so nebenbei". Später die »Wachtmeister-Studer«-Romane: „Geschichten, die meinen Kameraden gefallen, weil sie spannend sind und doch so geschrieben sind, dass auch Leute, denen alles „Höhere fremd ist, sie verstehen.“ Glauser fiel am Vorabend seiner Hochzeit ins Koma und starb am 8. Dezember 1938 in Nervi bei Genua.
Mehr über Friedrich Glauser in Wikipedia
Alle Veröffentlichungen von Friedrich Glauser, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Der Autor:
Frank Göhre, 1943 in Tetschen geboren, hat als Buchhändler, Bibliothekar und Verlagsangestellter gearbeitet. Seit 1981 Funk-, Fernseh- und Romanautor in Hamburg. Im Pendragon Verlag sind die Krimis »Zappas letzter Hit« (2006) und »An einem heißen Sommertag« (2008) erschienen. Frank Göhre gab in den 1980er Jahren die von ihm mit Nachworten versehenen Glauser-Romane und Erzählungen im Arche Verlag heraus. Er ist Autor des Bandes »Zeitgenosse Glauser«.
Mehr über den Autor in Wikipedia
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Fort, nur fort, weit weg…
Er lockerte die Schlinge, ließ das Stück Kordel achtlos zu Boden fallen. Hitze schoss durch die Venen, sein Herzschlag beschleunigte sich.
Im vorderen Raum trommelte der Gnom auf bleiche Schädel.
Und die kleine Frau sang. Sie sang Man kann mitunter scheußlich einsam sein... Sie sang mit brüchiger Stimme.
Gläser klirrten, Stühle wurden gerückt. Einige Leute verließen die Soiree. Es war spät geworden, weit nach Mitternacht.
Auch er brach jetzt auf, steckte die Spritze ein und warf sich den Mantel über. Es war ein heller, dünner Mantel, sein einziger.
Draußen wehte ein unangenehmer Wind. Finster war die Straße, wie ausgestorben die Stadt.
Zürich, satt und bieder. Und doch auch Unterschlupf für Flüchtlinge aller Nationalitäten, für Deserteure und Pazifisten, für Anarchisten und die künstlerische Avantgarde. Selbst für jemanden wie ihn.
Ihm war ein wenig schwindelig. Der Himmel still und leise... dann nutzt es nichts, mit sich nach Haus zu fliehn, klang es noch in ihm nach: Nach Haus, nach Haus... Das Gehen fiel ihm schwer, sein Herz pochte wie verrückt. Er glaubte zu wissen, warum es diesmal so war. Er hatte auf der Bühne den Vater heraufbeschworen und ihn des großen Krieges beschuldigt, des infernalischen Gemetzels, der gnadenlosen Vernichtung. Ausgespien hatte er vor ihm, hatte getobt und gerast, und der Gnom hatte dazu Purzelbäume geschlagen und gejammert und gequäkt.
Papa! Papa!
Hat tot gemacht
auch die Mama!
Ma chère Maman!
Und nun saß ihm der Alte im Nacken und stieß ihm hart die Fersen in die Seiten, Schnapstränen im langen Bart. Seine Lungen schmerzten, jeder Schritt eine Tortur. Sein Körper, sein ganzer Körper glühte, und er keuchte... dann... dann nützt es nichts... nützt es nichts, mit sich nach Haus... nach Haus zufliehn, und ... und falls man Schnaps... Schnaps zu Haus hat, Schnaps zu nehmen... nein, nein.
Ja, ja. - Dada.
Mama, Mama. Ma chère Maman.
Die liebe Mutter. Sie hatte ihn so sanft gewiegt: Hat der Bub wieder Angst? Diese Angst, ja, wenn eine Wolke die Sonne verdunkelte und das Atmen ihm Mühe machte.
Er blieb stehen, stützte sich am Geländer ab und versuchte, ruhig und tief durchzuatmen. Es gelang ihm nicht. Er musste husten, schmeckte Blut im Mund.
Ihm war jetzt kalt. Eine eisige Kälte. Ein Zittern überkam ihn, und er glaubte, dass er sich nun auflöse, auseinanderfiel und seine blanken Knochen auf dem Pflaster umher tanzten. Ein Totentanz im hell auflodernden Höllenfeuer. Ein böser Schub, angefacht von dem ihm ins Ohr zischelnden Vater: Herumtreiber! Lump! Lügner! Dieb! Dann spürte er nur noch einen kurzen, stechenden Schmerz in den Schläfen, und schlagartig wurde ihm schwarz vor Augen. Er brach auf dem Limmatquai in sich zusammen.
Es war die Nacht zum Sonntag, dem 29. April 1917.
„Er wacht auf, hörte er. „Er kommt wieder zu sich. "
Er öffnete die Augen, hob den Kopf. Blickte in das Gesicht der kleinen Frau. Sie lächelte. Der hagere Großmeister stand von seinem Schreibtisch auf. Er trat zu ihm ans Bett und nickte.
„Ich habe eine Suppe auf dem Herd", sagte die kleine Frau. „Magst du?"
„Gib ihm erst einmal Wasser", sagte der Hagere. „Er muss ja völlig ausgetrocknet sein.“ Er zog sich einen Stuhl heran. „Du hast Glück gehabt, dass wir dich da haben liegen sehen. Wenn dich die Polizei so aufgefunden hätte, wärst jetzt schon weggesperrt. Sieh dir nur deinen Arm an. "
„Nun schimpf nicht gleich", mahnte die kleine Frau. „Der Claus hatte sicher wieder starke Schmerzen. "
„Er hat sich an das Zeug gewöhnt. Es wird ihn noch umbringen, wenn er so weitermacht. " Der Hagere rückte näher zu ihm ans Bett und griff nach seiner Hand. „Hör zu", sagte er eindringlich. „Eine Lungenentzündung, auch eine schwere, geht allemal mit den üblichen Mitteln vorbei. Es dauert einige Zeit, ja, und vor allem musst du dir Ruhe gönnen. Ich hätte dir den Auftritt verbieten sollen - ach, was heißt verbieten. Wir beide haben viel zu wenig miteinander geredet. Über persönliche Dinge, meine ich. Das muss ich mir vorwerfen. Denn dass dich ohnehin viel drückt, das hab ich ja sehen können. Aber gut, es ist noch nicht zu spät. " Er wartete, bis die kleine Frau mit dem Glas Wasser kam. „Ich bin mit der Lilly übereingekommen, für einige Zeit aus Zürich weg zu gehen. Wir wollen ins Tessin und wären froh, wenn du dort bei uns wärst. "
Ins Tessin. In die Sonne, ins Licht.
Er nahm einen großen Schluck. Die kleine Frau hielt ihm das Glas, und er spürte ihre Hand.
Er nickte matt.
Nach dem Nachtessen kam sie noch einmal zu ihm. Sie streifte ihre Schuhe ab.
„Rück ein wenig beiseite", sagte sie.
„Ach, Lilly", sagte er leise.
„Halt mich — bitte", bat sie. Sie schmiegte sich an ihn.
erstellt am: 25.03.08
|