Buchbesprechung Ein erstaunliches Krimidebüt!
Altmeister Hitchcock wäre entzückt gewesen – wenn er denn zu solchen emotionalen Ausbrüchen fähig gewesen wäre.
Inhalt:
In den Wirren des Zweiten Weltkriegs wird in Oldenburg ein junges Mädchen unter unmenschlichen Bedingungen in einer Nervenklinik gefangen gehalten.
Jahrzehnte später stolpert Rita Toski, Volontärin bei einer Tageszeitung, im wahrsten Sinne des Wortes über eine verschollene Inschrift und gerät auf die Spur des Mädchens Mariana und ihres Peinigers. Die angehende Journalistin lässt nicht locker und recherchiert gegen alle Widerstände. Sie entdeckt, dass Mariana nur das erste Opfer war, und gerät auf die Spur des „Graumachers″. Ihn umgibt ein dunkles Geheimnis. Denn keiner scheint den „Graumacher zu kennen und niemand hat ihn je zu Gesicht bekommen.
Die Autorin:
Renate Niemann wurde 1966 in Bremen geboren. Nach Abschluss des Studiums der Kulturwissenschaft und Romanistik freiberufliche Tätigkeit, vor allem in Museen. Veröffentlichungen zu kulturwissenschaftlichen Themen. »Der Graumacher« ist ihr erster Kriminalroman.
Alle Veröffentlichungen der Autorin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Manche Steine können sprechen und dieser hatte ganz eindeutig viel zu erzählen. Rita erwachte aus ihrer Versunkenheit.
„Siehst du das auch oder bilde ich es mir ein?"
„Nein, es ist ganz real.“ Delius putzte abermals seine Brille. „So real, wie nur ein Stein sein kann. Da hat sich jemand ziemlich viel Mühe gegeben, um Hilfe zu schreien.“
„Zu schreien? Indem er das Wort in die Wand ritzt? Jeder wirkliche Schrei wäre hundertmal effektiver gewesen!“
„Ja, schon seltsam, besonders wenn man bedenkt, dass wohl niemand diese Schrift je gesehen haben wird, außer dem Künstler selbst. Jedenfalls nicht von hier oben. Aber für einen bloßen Zeitvertreib eindeutig zuviel Aufwand. "
Rita kramte die Digitalkamera aus ihrer Handtasche. Sie war umsichtig genug gewesen, im Büro den Akku aufzuladen.
„Lass mich noch mal runterklettern. Ich mache ein paar Bilder. Meinst du, es wäre möglich, die Fotos am Bildschirm so zu bearbeiten, dass man mehr erkennt?"
Delius nickte. Eine seiner einfachsten Übungen. Je kniffliger eine Sache war, umso mehr reizte sie ihn. Auch er verfügte über einen ausgeprägten Spieltrieb, wenn auch in abstrakterem Maße als Rita, die zum Denken stets ihre Hände benötigte. Sie hockte bereits wieder im Dreck und tastete die Konturen der Buchstaben entlang, mit halbgeschlossenen Lidern, als versuche sie eine Blindenschrift zu enträtseln. Ihre Finger bildeten die natürliche Verlängerung ihres Verstandes. Rings um das große HILFE fanden sich weitere Buchstaben, Worte, Bruchstücke von Silben, aber alles unleserlich, halb verschollen, wie zerbrochen, ein Puzzle aus hilflosen Runen. Rasch machte sie zwei Dutzend Bilder. Das Blitzlicht würde hoffentlich weitere Einzelheiten zutage bringen.
Delius war inzwischen wieder ganz in der realen Welt gelandet und skrupelhaft wie gewohnt. Mit der Stimme der Vernunft mahnte er Rita zur Eile. Das war unklug, denn Autorität und trotzige Verweigerung hatten sich in ihrem Unterbewusstsein seit früher Kindheit zu einer unheilvollen Kette verflochten, die sie selbst nicht wirklich zu entwirren vermochte. Mit Absicht trödelte sie noch etwas herum, untersuchte den Rost auf den Gitterstäben und die Spinnweben in den Ecken. Als sie sich endlich entschloss, wieder ans Tageslicht zu klettern, spürte sie unter ihrem linken Turnschuh etwas Hartes. Es war ein dicker Eisennagel. Sie hob ihn auf und wischte den Modder ab. Er war uralt und hatte keine Spitze mehr. Krumm war er außerdem. Ob er als Werkzeug gedient hatte?
In einem Eckchen der Nische hatten sich schon ein paar Krumen Humus gebildet. Unter dem Unkraut, das dort wucherte, fanden sich zwei weitere Nägel gleichen Kalibers, ebenfalls abgenutzt und spitzenlos: Indizien eines noch gar nicht vorhandenen Falles. Sie wickelte sie in ein Papiertaschentuch und brachte sie in den unergründlichen Tiefen ihres wiesengrünen Designertäschchens sicher unter.
erstellt am: 24.03.08
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