Buchbesprechung Ein in jeder Beziehung bemerkenswertes Werk.
Dieser autobiografische Roman ist das einzige Werk des Autors, umso beachtlicher ist die schriftstellerische Leistung. Man möchte nicht glauben, dass dieser Ingenieur literarisch ungeschult gewesen ist; offensichtlich ein echtes Naturtalent. Aufregendes und Spannendes zu erleben, ist die eine Sache, darüber spannend zu schreiben, eine andere; das ist Vadim Grom hervorragend gelungen – und das über 800 Seiten (deshalb zwei Bände).
Darin erschöpft sich aber der Wert des Buches bei Weitem nicht: Es ist ein wichtiges Zeitdokument, sachlich trotz aller erlebter Schrecknisse, frei von allzu persönlichen Emotionen (die Autobiografien häufig und leicht ihres historischen Wertes berauben). Hinzu kommt, dass die Geschichtsforschung heute den Wert solcher Erinnerungen und Autobiografien und Briefen von Zeitzeugen erkannt hat und – sie wie Mosaiksteinchen zusammensetzend – daraus die wahre Geschichte schreibt. Daten und Fakten erhalten so häufig einen ganz anderen Stellenwert, manchmal sogar eine andere Interpretation. Auch hier ist Vadim Groms Autobiografie aufgrund der Vielfältigkeit und Detailliertheit eine wichtige Quelle.
So viel zum literarischen und wissenschaftlichen Wert (der den Leser nicht unbedingt immer an erster Stelle interessiert).
Auch gelesen „nur“ als Roman sind die beiden Bände ein Genuss: gepackt, mitfühlend und gespannt bis zu letzten Seite folgt man dem „Helden“, man staunt ungläubig ob der Dinge, die da geschehen und kann kaum fassen, dass dies einem Menschen geschehen ist und dieser nicht nur nicht verrückt geworden ist, nicht verzweifelt hat, sondern seinen Lebenswillen behalten hat. Man erfährt Überraschendes, über das bisher (wohlweißlich) geschwiegen wurde (und wird, weil es nicht in das offizielle Bild passt), geschichtliche Fakten, die man schon kannte, erlebt man eindringlich.
Ein aus jeder Perspektive gesehen höchst lesenswerter autobiografischer Roman.
Inhalt:
Erstes Buch: Kotow III
Sowjetunion 1932. Der neunzehn Jahre alte Peter Gorew verlässt die Ukraine wegen einer drohenden Hungersnot. Er findet Arbeit im Kaukasus und erlebt als Landvermesser einen idyllischen Sommer in der Abgeschiedenheit der Berge. Dort wird er erstmals mit den Spuren des Stalinschen Terrors konfrontiert. Der loyale Sowjetbürger zieht weiter auf der Suche nach Arbeit in das Donez-Gebiet. Er steigt schnell auf zum Chef der lokalen Drahtfunkanlage. Wegen eines unbedachten Wortes macht er zum ersten Mal Bekanntschaft mit den menschenverachtenden Zuständen in Stalins Gefängnissen. Der immer noch loyale junge Mann bekommt eine zweite Chance und lebt unauffällig in ländlichen Gebieten. Als er unwissentlich ein Foto eines kleinen Hafens macht, wird er wieder verhaftet und landet in einem Vernichtungslager. Von dort entflohen, muss er fortan mit einem falschen Pass auf den Namen Kotow ein Leben in der Illegalität führen, ständig von Entdeckung bedroht. Diese Erfahrungen lassen ihn die Freuden, die das Leben ihm schenkt, besonders intensiv genießen. Nach neuerlicher Verhaftung und Flucht muss er in der Zeitung die Nachricht über seine Verurteilung und Erschießung lesen...
Zweites Buch: Achaschwerosch
Sowjetunion 1941. Nachdem Peter Gorew (alias Kotow) seiner Erschießung entfliehen konnte, kämpft er sich durch den kalten Winter und kommt schließlich auf abenteuerlichen Wegen zur Roten Armee. Durch den Vormarsch der deutschen Truppen gerät er in Kriegsgefangenschaft, kann aber entkommen und schlägt sich durch bis in sein Heimatdorf, das von den Deutschen besetzt ist. Dort findet er freundlichen Kontakt zu den Deutschen und will jetzt auf ihrer Seite gegen das verhasste Sowjetregime kämpfen. Als die deutschen Armeen sich immer weiter zurückziehen, macht er mit ihnen den Weg durch Europa. Als Mechaniker bei einer Frontwerkstatt, als Wachmann beim SD, als „Hiwi" bei der Geheimen Feldpolizei, als Reichsangestellter bei der Luftwaffe erlebt er den Niedergang, entkommt gewagt gefährlichen Situationen.
Auf der Flucht durch die aufständische Tschechei muss er hässliche Racheakte hilflos mit ansehen, seinen deutschen Freund vor ihnen bewahren. Als er die Amerikaner und Engländer näher kennenlernt, ist er nicht von ihnen eingenommen, fühlt, dass ihm die Deutschen näher stehen, und beschließt, ihr Schicksal mit ihnen zu teilen.
Der Autor:
Vadim Grom, geboren 1913 in Ismail/Bessarabien, war Ingenieur für Hochfrequenztechnik. Durch die Umstände in der stalinistischen Sowjetunion und die Wirren des Zweiten Weltkriegs war er gezwungen, seine Heimat zu verlassen und sein Glück im Nachkriegsdeutschland zu suchen. Hier hat er auf Drängen seiner Freunde 1963 sein bewegtes Leben in einem großen Roman aufgeschrieben. Da er in diesem Roman sein ungeschminktes subjektives Erleben wiedergibt - ohne Rücksicht auf „politische Korrektheit" - hat er die Veröffentlichung seines Romans nicht mehr erleben dürfen. Zu viele Dinge hat er beschrieben, die zu ihrer Zeit als zu brisant erschienen, um veröffentlicht werden zu können. Vadim Grom lebte in Deutschland unter dem Namen Paul Haisenko, hat als Ingenieur gearbeitet und ist 1994 verstorben.
Leseprobe:
Bevor der Dampfer in Cherson anlegt, betrachtet Gorew die Trauerweiden an beiden Seiten des breiten Kanals. Sie sind schön! Wie Wassernixen mit wehenden Haaren, die im Begriff sind, sich im nächsten Augenblick vor neugierigen Blicken scheu im Wasser zu verstecken. Das Aufklappen der Kamera, das Einschieben der Kassette und das umständliche Einstellen der Optik nimmt viel Zeit in Anspruch, doch gelingt die Aufnahme gerade noch, bevor der Dampfer beidreht. Als er den Apparat zusammenklappt, hört er dicht hinter sich eine Männerstimme: „Haben Sie die rechte oder die linke Seite fotografiert?"
„Beide", antwortet er, ohne sich umzudrehen. „Das war gerade das Schöne, die Spiegelungen auf beiden Seiten des Kanals.“
„Auf der linken Seite sind militärische Anlagen und das Fotografieren derselben ist verboten. Sie müssen mich zum NKWD begleiten. "
Gorew dreht sich um und betrachtet den Mann. Weder in seiner Zivilkleidung noch in seinem Erscheinen ist irgendetwas Bemerkenswertes. Ein Mann wie tausend andere. Wahrscheinlich ein kleiner Angestellter, der von den staatlich gezüchteten Spionagekomplexen angesteckt ist. Es hat keinen Sinn, sich mit ihm in eine Diskussion einzulassen.
Als sie das NKWD-Gebäude betreten, muss er seinen Eindruck revidieren. Der Mann nickt nur kurz dem Wachhabenden zu und schiebt Gorew wortlos durch den langen Korridor in einen Raum, wo er dem hinter dem Schreibtisch sitzenden Uniformierten kurz über die Umstände der Festnahme berichtet und sich dann entfernt.
Der Uniformierte zeigt auffällig sein Erstaunen. „Sieh mal einer an! Das ist doch derselbe, der hier so ein starkes Interesse an dem Schicksal der verhafteten Volksfeinde zeigte!" Dann fragt er scharf: „Tragen Sie Waffen?"
„Blödsinnige Frage!", platzt Gorew gereizt heraus. „Woher sollte ich sie haben?!"
„Man kann nicht wissen... Man kann nicht wissen... ", erwidert der Uniformierte in einem fast singenden Tonfall, während er geschickt Gorews sämtliche Taschen entleert und deren Inhalt auf dem Tisch aufstapelt. Er scheint in der besten Laune zu sein und zwinkert Gorew belustigt an: „Sie sind ein guter Fang! Gerade Sie haben uns noch gefehlt. Jetzt ist unsere Kollektion komplett. Wenn ich an Gott glaubte, würde ich sagen, Gott selbst hätte Sie uns geschickt. Da ich ein Ungläubiger bin, muss ich diese Redensart etwas abwandeln und sagen: Mirskij selbst hat Sie in unsere Hände dirigiert... ha-ha-ha... wie gefällt Ihnen der Witz? ... Und nun machen Sie es sich im Korridor hinter der Tür bequem!"
Eine Stunde später steht Gorew vor einem Konsortium mehrerer Uniformierter von hohem Rang, die in sachlichem, ruhigem Ton unerwartete Fragen stellen: „Können Sie morsen? ... Wären Sie imstande, selbst einen Sender zu bauen?" und so weiter. Gorew will wissen, warum er festgehalten wird. Ein Fotoapparat ist doch nichts Verbotenes!
„Ein Fotoapparat ist nichts Verbotenes, solange Sie Ihre Großmutter oder Ihre Tanten fotografieren. Was fallt Ihnen ein, militärische Objekte aufzunehmen?!"
Woher sollte er wissen, dass irgendwo solche Objekte sind, fragt Peter.
„Ausreden! Tun Sie nicht so harmlos! Sprechen Sie Deutsch?"
„Nein. "
„In Ihrem Besitz befand sich aber eine deutsche Zeitung. Woher haben Sie sie?"
„Die Zeitung 'L'Humanité' ist das Organ unserer befreundeten französischen kommunistischen Partei. Auch Sie können sie im Zeitungskiosk in Odessa kaufen. "
„Erzählen Sie das Ihrer Großtante! Wie heißt Ihr unmittelbarer Vorgesetzter? Ist er Parteimitglied? ... "
Tief in der Nacht wird er aus seiner Einzelzelle geholt und steht einem neuen Bevollmächtigten gegenüber. Dieser ist sehr liebenswürdig.
„Nehmen Sie Platz. Papirossy gefällig (Zigaretten mit langem Pappmundstück)? Hier haben wir Ihre Aussagen aufgeschrieben, wollen Sie sie unterschreiben... " Er legt ihm mehrere mit der Schreibmaschine beschriebene Blätter vor. „Bitte, jedes Blatt einzeln unterschreiben!"
Blatt für Blatt liest Gorew. Ist es ein wüster Traum, ein Albdruck? Wahrscheinlich schläft er in der Zelle und sein überspanntes Gehirn geht mit ihm durch! „... Um ungehindert reisen zu können, wurde ich von Mirskij als Inspektor getarnt und mit den nötigen Papieren ausgestattet [ ... ] In der Drahtfunkzentrale in Cherson sollte ich einen Funksender bauen und von hier die Ergebnisse unserer Spionagetätigkeit an unsere Auftraggeber im Ausland in Morse durchgeben. Der Sender sollte als ein Teil der Drahtfunkeinrichtung getarnt werden. Mochin und seine Techniker wurden von mir in unsere Organisation angeworben. Sie sollten in meiner Abwesenheit den Sender bedienen. Wir wurden zu diesem Zweck in Senderbauen und Morsen ausgebildet [ ... ] Oft wurde ich auf Reisen geschickt mit der Aufgabe, militärische …..
erstellt am: 23.03.08
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