Buchbesprechung Mit einer brillanten Analyse der russischen Politik und – mindestens ebenso wichtig – mit Kurzbiografien verschiedener Politiker, die er fast allesamt aufgrund langjähriger Erfahrung persönlich kennt, macht Alexander Rahr die Politik Russlands seit den 90er Jahren durchschaubar. Vorurteile und Unwahrheiten, die häufig durch Interessenslagen aber auch durch Unwissen entstanden sind, zeigt er unparteiisch auf. Er ist Realist und scheut sich nicht, auch entgegen dem Mainstream zu argumentieren. In seiner Bestandsaufnahme werden die berechtigten und die unberechtigten Ängste Westeuropas, aber auch die gezielten, interessensbedingten Desinformationen angesprochen, genau so wie die Enttäuschungen und Fehlerwartungen Russlands.
Man kann nur hoffen, dass auch viele der Verantwortlichen in Politik und Medien dieses gut lesbare Buch lesen – besser: studieren.
Für jeden an Russland Interessierten ist Alexander Rahrs »Russland gibt Gas« ein Muss.
Inhalt:
Spätestens seit den Öl- und Gaskonflikten der letzten Jahre ist klar, wie abhängig wir von Russland sind. Und wie wenig wir über das Land wissen: Welche Pläne verfolgt der Kreml im Energiesektor? Droht uns ein neues Gaskartell? Wie werden sich die anderen beiden strategischen Industriezweige, Rüstung und Transport, entwickeln - und was bedeutet das für uns?
Mit dem neuen Präsidenten Dmitri Medwedjew sind die Weichen in Russland neu gestellt: Können wir uns auf eine Phase friedlichen Handels einstellen? Werden uns die großen Märkte im Osten weiter geöffnet? Steht uns ein knallhartes Powerplay um Energie, Ressourcen und militärischen Einfluss ins Haus? Droht uns gar ein neuer Kalter Krieg?
Der Autor:
Alexander Rahr ist Programmdirektor Russland/Eurasien in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Berlin. Seine Fachgebiete sind Russland, Ukraine, Belarus, Moldova, Kaukasus, Zentralasien; Außen-, Innen-, Energie-, sicherheitspolitische und wirtschaftliche Aspekte. Bevor er zur DGAP kam, war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut von Radio Freies Europa/Radio Liberty, München, und Projektmanager am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln. Er fungierte als Berater für die RAND Corporation in Santa Monica, ist im Vorstand von Yalta European Strategy (YES) und Mitglied des Lenkungsausschusses des Petersburger Dialogs.
Er ist Autor der Biographien von Michael Gorbatschow (1986) und Wladimir Putin (2000).
Alexander Rahr hat einen M.A. in Geschichte und Politikwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes (2003) und Ehrenprofessor an der Moskauer Staatsuniversität für internationale Beziehungen (MGIMO).
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Wladimir Putin geht als Präsident. Putin bleibt aber an der Macht. Ob als Premierminister, Parteichef, Parlamentsvorsitzender, Präsident einer neuen Gas-OPEC – man wird sehen. Von einem Erbe Putins zu sprechen wäre verfrüht. Vielleicht kommt Putin sogar vorzeitig als Präsident zurück. Putin wird weiter an der Konstruktion eines starken Russlands bauen. Ist dieses Russland unser Feind, Konkurrent, Partner, Verbündeter, Freund? „Fürchtet Putins Russland in den Fängen der Geheimdienste!“, schreien die einen. „Erobert den russischen Markt und werdet reich!“, rufen die anderen. Kommt es zu einem neuen Kalten Krieg oder werden sich die EU und Russland im 21. Jahrhundert doch noch zu einem Groß-Europa vereinigen?
In den Zeiten des Kalten Kriegs bedrohte die Sowjetunion den Westen mit ihren Atomwaffen. Aber an der Seite des Westens stand die andere Supermacht der Welt, die Vereinigten Staaten von Amerika. Nach dem Kalten Krieg folgte ein Jahrzehnt des Chaos. Ein mitleiderregendes Russland bettelte um Kredite und tanzte nach der Pfeife des Westens. Das Bedrohungspotenzial bestand in der drohenden Kriminalisierung Russlands. Der Albtraum wäre ein instabiler Mafiastaat mit vagabundieren den Atomwaffen gewesen. Russland konnte den Westen höchstens mit seiner Schwäche erpressen: Würde der Westen ihm nicht finanziell beistehen, würde es zerfallen und eine riesige Migrationsflut auslösen.
Das 21. Jahrhundert begann mit einem Paukenschlag: dem Terroranschlag von Nine Eleven. Der Energiepreis auf dem Weltmarkt schoss in die Höhe und machte das Erdöl- und Erdgasexportland Russland über Nacht zu einer Energiegroßmacht. Der 11. September 2001 zwang den Westen zu einer strategischen Partnerschaft mit Russland gegen die neuen globalen Herausforderungen. Erstmals verspürte der Westen eine wirkliche Abhängigkeit von Russland: Woher sollte er in Zukunft seine Energieträger denn sonst beziehen, falls die Lieferungen aus dem arabischen Raum unterbrochen werden sollten? Im Westen rieben sich die Menschen ungläubig die Augen, als russische Konzerne ihren Expansionsdrang begannen. Der neue Geldadel überschwemmte förmlich westliche Metropolen. Europas Wirtschaft erzitterte vor feindlichen Übernahmen. Das alte Russlandfeindbild kam im neuen Gewand einher.
Woher kamen diese spektakulären Reichtümer? Experten bezifferten den Gesamtwert der russischen Rohstoffe und des Industriepotenzials auf 40 Trillionen US-Dollar. In der Sowjetunion wurde das Vermögen vor allem von einem Dutzend asketisch lebender Parteiideologen verwaltet. Mit diesen Milliarden wurde die Planwirtschaft künstlich am Leben erhalten, wurden das Wettrüsten und die Weltrevolution finanziert. Heute, wo das Vermögen der neuen kapitalistischen Oberschicht gehört, die es offen ausgibt, verstehen wir, wie märchenhaft reich dieses Riesenreich im Osten tatsächlich ist. Und die Geldquelle sprudelt weiter. Für uns ein unbegreifliches Phänomen.
erstellt am: 22.03.08
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