Buchbesprechung Für Freunde der russischen Literatur ein ganz wichtiges Werk.
Gut lesbar und spannend zu lesen beschreibt und erklärt Professor Klein die russische Literatur vor Puschkin.
Wenn wir heute von der Russischen Literatur sprechen ist fast ausschließlich von der Literatur beginnend mit Puschkin die Rede. Puschkin wird nicht zu Unrecht der erste und größte russische Dichter genannt. Vor ihm – also im 18. Jahrhundert – war der Einfluss der westeuropäischen Literatur so groß, dass man die russische getrost als Nachahmungsliteratur bezeichnen kann.
Das heißt nicht, dass sie schlecht war, sie hatte jedoch nichts eigenständig Russisches. Entwicklungs- und kulturgeschichtlich ist sie dennoch interessant. Man denke nur an Lomonossow (1711 – 1765), den Gründer der Moskauer Universität (1755), der sich schon heftig dafür einsetzte, endlich die deutsche – in der Petersburger Akademie der Wissenschaften wurde fast ausschließlich deutsch gesprochen - und die französische Sprache zurückzudrängen und russisch zu sprechen. Oder an Radischtschew (1749 – 1802), den militanten Aufklärer; oder an Karamsin, den ersten russischen „Berufsautor“, Herausgeber und Übersetzer, der ganz wesentlich die gesellschaftliche Stellung der Schriftsteller in Russland gefördert hat – wovon alle russischen Dichter bis heute profitieren.
Nochmals: Spannend, lesbar wie Belletristik – trotz allen wissenschaftlichen Anspruchs – und ein wichtiges Nachschlagewerk.
Inhalt:
Die hier vorgelegte Geschichte der russischen Literatur im 18. Jahrhundert beabsichtigt keine enzyklopädische Vollständigkeit. Sie beschränkt sich auf die wichtigsten Autoren, Gattungen und Einzelwerke, die hier umfassend und in verständlicher Sprache dargestellt werden. Neben allgemeinen Ausführungen zu den theoretischen, institutionellen, sozialen und persönlichen Rahmenbedingungen des Schreibens liegt ein Schwerpunkt des Bandes auf der Interpretation einzelner Texte. Dabei wird deutlich, dass die russische Literatur des 18. Jahrhunderts außer der ästhetischen in hohem Maße auch praktische Funktionen wahrnimmt – didaktische, panegyrische, polemische, linguistische, religiöse und politische. Sie erscheint somit nicht nur als künstlerisches Phänomen, das sich selbst genügt, sondern als integraler Bestandteil der russischen Kulturgeschichte.
Der Autor:
Joachim Klein war Inhaber des Lehrstuhls für Slavische Literaturen an der Universität Leiden und lebt in Berkeley, Kalifornien.
Leseprobe:
Literaturverhältnisse
Mit Blick auf den umfassenden Anspruch der petrinischen Reformen sollte man erwarten, daß auch in der Literatur mit der Vergangenheit gebrochen und ein Neuanfang gemacht wurde. Das war jedoch vorläufig nicht der Fall. Wie schon hervorgehoben, schenkte Zar Peter der schönen Literatur nur wenig Beachtung, er ließ vor allem Fachbücher drucken. Die schöne Literatur wurde dann gefördert, wenn sie dem Staat von Nutzen war; als künstlerische Erscheinung kam sie nicht in Betracht. Das literarische Barock, das um die Mitte des 17. Jahrhunderts aus Westeuropa nach Rußland eingedrungen war, blieb auch weiterhin vorherrschend. Mit dem Stil übernahm man das Verssystem: Der syllabische Vers, den der Barockdichter Simeon Polockij um die Mitte des 17. Jahrhunderts der polnischen Dichtung entlehnt hatte, wurde auch weiterhin verwendet - das Prinzip der Silbenzählung und somit die Länge der Verszeilen in Verbindung mit Zäsur und weiblichem Paarreim blieb die Grundlage des Versrhythmus.
Gleichwohl gab es einige Neuerungen, die auch für die Literatur von Bedeutung waren. Hierzu gehört die Aufhebung des altrussischen „Lachverbots". Im alten Rußland war das Lachen verpönt: Nur ein frommer Ernst stand dem rechtgläubigen Christenmenschen zu Gesicht - das Lachen war des Teufels und in die (nicht-offizielle) Kultur der unteren Volksschichten verbannt. Das änderte sich in der petrinischen Epoche, wiederum durch die persönliche Initiative des Zaren. Erneut rückt damit das blasphemisch-parodistische Ritual des Saufkonzils ins Blickfeld. Seine kulturgeschichtliche Bedeutung liegt nicht zuletzt darin, daß es sich um eine öffentliche und von allerhöchster Stelle praktizierte Form des Komischen handelte. Dieselbe Art von Komik wurde in karnevalesken Veranstaltungen wie der Narrenhochzeit und dem Zwergenbegräbnis gepflegt.
Nicht minder bedeutsam war die Legitimierung der irdischen Liebe. Im alten Rußland galt die Liebe zwischen Mann und Frau als Unwert. Der westeuropäische Minnesang mit seinem Kult der geliebten Frau war im russischen Mittelalter undenkbar. Ebenso wie das Lachen wurde die Liebe als Teufelswerk betrachtet, die Frau als Gefäß der Wollust. Damit konnte man sich auf den christlichen Dualismus von Leib und Seele berufen, auf die Verurteilung der fleischlichen Lust im Brief des Apostel Paulus an die Galather. Von verliebten Empfindungen durfte unter diesen Voraussetzungen, wenn überhaupt, nur aus der Perspektive des Sündhaften geschrieben werden; Abweichungen waren wiederum nur jenseits der herrschenden Kultur möglich, zum Beispiel im Volkslied.
Auch in dieser Hinsicht setzte der Zar mit seinem Verhalten die Zeichen der neuen Zeit. Nachdem er sich schon früh von seiner ersten Gattin Evdokija getrennt und sie ins Kloster geschickt hatte, heiratete er am 19. Februar 1712 seine langjährige Mätresse, die litauische Magd Martha Skavronskaja, die spätere Zarin Katharina I. Diese Heirat, die gegen jedes religiöse und dynastische Herkommen verstieß, war eine Liebesheirat und wurde so auch öffentlich dargestellt. Davon zeugt ein Stich, der zu Katharinas Krönung im letzten Lebensjahr des Zaren angefertigt wurde: Die mit westeuropäischer Eleganz gekleidete und tief dekolletierte Katharina betritt von rechts die Bühne, über ihrem Haupt schweben Kupidos, die ihre Krone halten; zwei andere Kupidos heben den Vorhang für den Zaren, der in imperialer Pose die linke Bildhälfte beherrscht; ein weiterer Kupido hält ein Wappenschild mit dem russischen Doppeladler. Eingefügte Texte in lateinischer Sprache erläutern die Bildmotive der Darstellung: Die Tugenden der Neugekrönten werden gepriesen, es ist die Rede von Freundschaft und Liebe. Das Liebesthema prägt auch die künstlerische Ausgestaltung des Petersburger Sommerparks mit seinen zahlreichen Kupidos und der unbekleideten Venus. Ähnlich wie am Hof des jungen Ludwig XIV. in Versailles, wenn auch unter anderen kulturgeschichtlichen Voraussetzungen, wurde in der petrinischen Epoche die Liebe zum Bestandteil herrscherlicher Repräsentation.
erstellt am: 05.03.08
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