Buchbesprechung Nach dieser das Wissen, die Erfahrung und Forschungsergebnisse eines ganzen Lebens umspannenden Arbeit von Professor Ingold hat das berühmte Gedicht von dem russischen Dichter Fjodor Tjutschew
»Verstehen kann man Russland nicht, / und auch nicht messen mit Verstand. / Es hat sein eigenes Gesicht. / Nur glauben kann man an das Land.« (sinngemäß nachgedichtet)
keine Gültigkeit mehr. Man darf natürlich auch weiterhin an Russland glauben, aber wer will kann Russland jetzt auch verstehen.
Jeder der sich ernsthaft mit Russland – dem Russland der Vergangenheit oder der Gegenwart, aber auch der Zukunft – beschäftigt, oder gar darüber schreibt, muss zuerst dieses Werk gelesen und reflektiert (!!) haben; das gilt für Politiker wie Journalisten, für Wissenschaftler wie Wirtschaftler, für Liebhaber der russischen Literatur und Kunst wie für „nur“ Russlandfreunde.
Noch keiner vor Felix Ingold hat so neutral und wertfrei und zugleich umfassend Kultur und Mentalität der russischen Menschen beschrieben und aus den Hintergründen erklärt. Anders ausgedrückt: Er beschreibt, warum „die Russen“ so sind, wie sie sind.
Die berühmte „Russische Seele“ wird durch ihn entmystifiziert, aber deswegen nicht abgeschafft – nur weil wir uns vieles nicht erklären konnten, konnte sie mystisch sein; lieben (oder nicht lieben) darf man sie dennoch.
Dank Felix Ingolds literarischer Fähigkeiten ist aus seiner wissenschaftlichen Arbeit ein spannend zu lesendes Buch geworden, das jeder „trockenen“ Wissenschaftlichkeit entbehrt und dennoch höchsten Ansprüchen gerecht wird.
Inhalt:
Das neue Buch des bekannten Kulturhistorikers und Publizisten Felix Philipp Ingold bietet am Leitfaden russischer Wege und Wegvorstellungen einen weit verzweigten, über 1000 Jahre sich erstreckenden Durchgang durch die Zivilisations- und Geistesgeschichte Russlands.
Im ersten Teil werden zunächst die geographischen und kulturellen Dimensionen des »russischen Raums« aufgezeigt, der sich in einem allmählichen Prozess innerer Kolonisierung herausgebildet und das Zarenreich zum größten Staatsterritorium der Erde gemacht hat. Die Geographie dieses Riesenreichs hat sich prägend auf dessen Geschichts- und Wirtschaftsentwicklung ausgewirkt, aber auch auf das nationale Selbstverständnis, die Staats- und Herrschaftsstruktur sowie auf das russische Verständnis von Schicksal, Arbeit, Heldentum, Heim und Heimat.
Im zweiten Teil werden die russischen Verkehrswege – Land- und Wasserstraßen, Pilger-, Reise- und Handelsrouten – in ihrer historischen Entfaltung und geographischen Spezifik vergegenwärtigt; unter anderem ist ausführlich die Rede von der bis heute andauernden »Wegmisere« und ihren unterschiedlichen Ursachen, von der legendären Trojka als Reisegefährt mit Wagen oder Schlitten, von nomadisierenden Landstreichern und Christusnarren, von der Einführung der Eisenbahn und deren Bedeutung für Russlands Industrialisierung. Die Rede ist aber auch von der Wegsymbolik in der russischen Kultur, vom Weg als Lebenslauf, vom Gang der Geschichte, vom Weg des Fortschritts oder vom leidvollen Weg des Korns als Daseinsmetapher.
Ergänzt wird die aus russischen Quellen und in russischer Optik erarbeitete Darstellung durch eine reichhaltige Auswahl von Text- und Bildbeispielen sowie durch zwei umfängliche Exkurse zur russischen Naturpoesie und Landschaftsmalerei.
Der Schlussteil ist den Wegen nach Russland gewidmet – den ausländischen Einflüssen auf die russische Kulturentwicklung und der Herausbildung einer spezifischen »Nachahmungskultur« von dennoch eigenem Gepräge.
Der Autor:
Felix Philipp Ingold, Jahrgang 1942, Dr. phil., Studium der Slawistik, der Allgemeinen Geschichte und Philosophie an den Universitäten Basel und Paris (Sorbonne). Lehrbeauftragter an der ETH Zürich. Diplomatischer Dienst in Moskau (UdSSR). Bis 2005 ordentlicher Professor für Kultur- und Sozialgeschichte Russlands an der Universität St. Gallen. Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Zahlreiche Publikationen und Preise.
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Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Als Vielvölkerstaat hat das russische Reich auf die Einschmelzung seiner minderheitlichen Bevölkerungsteile weitgehend verzichtet, weil hier die Machterhaltung einerseits, die Loyalität der Minderheiten andererseits klaren Vorrang hatten. Nicht nur blieb dadurch die Eigenart der verschiedensten Ethnien (Sprache, Brauchtum, Religion u. a. m. ) erhalten, die Russen selbst gerieten kraft dieser toleranten Minderheitenpolitik mehr und mehr ins Hintertreffen und stellten zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht einmal mehr die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Wenn also vom Russentum und dessen besonderem Charakter die Rede ist, kann nicht die gesamtnationale („russländische",rossijskij), sondern lediglich die großrussische {russkij, velikorusskij) Mentalität gemeint sein, wie sehr auch immer sie durch andere – etwa die baltischen, die türkischen, die kaukasischen – Völkerschaften imprägniert worden sein mag.
Die Dynamik des Systems ergibt sich hier aus der ständigen Wechselwirkung zwischen zentripetalen und zentrifugalen Kräften, die bald auf die Erhaltung der Einheit (Integration des Fremden im Eigenen), bald auf deren Sprengung (Freisetzung und Verselbständigung der integrierten Fremdelemente) gerichtet sind.
Von daher wird vielleicht verständlich, dass Ossip Mandelstam in seinem Essay über Tschaadajew die russische Lebens- und Geisteswelt als ein „formloses Paradies" hat bezeichnen können85 und dass manche andern Autoren – Schriftsteller wie Historiker – die russische Horizontalkultur bildhaft mit dem „formlosen" Element des Wassers verglichen haben, um daraus umstandslos den angeblichen Ordnungs- und Formenhass der Russen abzuleiten. 86
Der Publizist Fjodor Stepun hat einst darauf hingewiesen, dass in Russland, anders als in den vertikal strukturierten Kulturen Westeuropas, das Unendliche, mithin auch das Göttliche naturgemäß in der Weite, „hinterm Horizont" imaginiert werde, und nicht in der Höhe, im Himmel, in den Sternen. Die russische Religiosität, so glaubt er schließen zu dürfen, sei darauf angelegt, die Unausgeformtheit beziehungsweise die Formenleere der russischen Ebene auszufüllen, und von daher ließe sich denn auch, könnte man hinzufügen, die starke religiöse Bindung des orthodoxen Russentums an die „Mutter Erde" einsichtig machen87, eine Bindung, die weder durch die gewalthafte Verstaatlichung der russischen Landwirtschaft noch durch den militanten Sowjetatheismus des 20. Jahrhunderts gänzlich annulliert wurde. Jedenfalls kann man selbst unter zeitgenössischen russischen Philosophen weiterhin und jenseits aller Ironie Sätze lesen wie diesen: „Die Erde ist ein lebendiger weiser Organismus, sie ist unsere gemeinsame Mutter."88
Noch weiter gehen jene – heutigen – Kulturologen, welche auch die russische Sprache, vorab deren Zeit- und Raumbegriffe, vom horizontal überdehnten Weltbild geprägt sehen; man nimmt an, „dass die. Kategorie der Distanz' im Russischen eng verbunden ist mit der horizontalen Raumorientierung, d. h. – in diesem Bereich der Sprachsemantik kommt das sozusagen, flächenhafte', von der Ebene geprägte {ravninnoe) Denken der Sprecher zum Ausdruck: Die Sprache widerspiegelt die am meisten typische Landschaft. "
Dazu gehört, unter zahlreichen andern Beispielen, das räumliche Bezugswort „neben" {rjadom), das gemeinhin in der Bedeutung von „sehr nah", „unmittelbar daneben" verwendet wird, wobei aber diese unmittelbare Nähe durchaus ein Einzugsgebiet von mehreren hundert Kilometern haben kann. So wird ein Bewohner der Stadt Smolensk oder Jaroslavl im Hinblick auf Moskau stets sagen, die Stadt sei „ganz in der Nähe", „gleich nebenan" (Moskva rjadom), obwohl er normalerweise einen halben Tag braucht, um dorthin zu gelangen. Die Einförmigkeit, die Flächenhaftigkeit der sich hinbreitenden Landschaft scheint in gewisser Weise den Lauf der Zeit aufzuheben. Der als „leer", als „ungeformt" erfahrene Raum ist ein ereignisloser, geschichtloser und damit auch ein zeitloser Raum. Für den Dichter Iossif Brodskij ist die „absolute Leere" ein „Ort ohne Zeit", so wie – rund 150 Jahre früher – für Pjotr Tschaadajew das historisch wie zivilisatorisch hohle und wurzellose Russland nichts anderes als „platte Starre" (ploskij zastoj) war.89
Dass von der Verflüssigung räumlicher und zeitlicher Verhältnisse auch schon das altrussische Märchenepos, die Bylina, stereotyp zu berichten weiß, macht allerdings deutlich, wie populär die Vorstellung vom flüssigen Kontinent und von den fließenden Grenzen Russlands seit jeher gewesen ist: „Ein Tag nach dem andern, wie der Regen rinnt, | Eine Woche nach der andern, wie das Flüsschen fließt... "90 In der Bylina von Solowej Budimirowitsch wird das Fluten der russischen Räume in allen Dimensionen souverän vor Augen geführt: „Die Höhe, ja die Himmelshöhe, | Die Tiefe, wie der Ozean, das Meer, | Die Weite, Raum für eine ganze Welt, | Tief gründen die Wasser des Dnepr... "91 Diese schlichten Verse bringen die multiperspektivische Enormität des russischen Raums besonders eindrücklich zur Anschauung, indem sie diesen zu den umgreifenden Elementen hin öffnen, ihn mit großer Selbstverständlichkeit anschließen an den Himmel (Höhe/Luft), an das Meer (Tiefe/Wasser) und, nicht zuletzt, an den großen ganzen Rest der Welt (Weite/Erde).
erstellt am: 23.02.2008
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