Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Rabbi Schneersohn und Major Bloch - Eine unglaubliche Geschichte aus dem ersten Jahr des Krieges
von Rigg, Bryan Mark <übersetzt von: Schaden, Barbara> (USA)

Genre:

Sachbuch (Geschichte)

Stichwörter:

Rabbi, Major Bloch, Warschauer Ghetto

Verlag:

Hanser

ISBN:

978-3-446-20730-1

Format:

gebunden, 328 S. mit Abbildungen

Erscheinungsjahr:

amerikanisch 2004, deutsch 2006

Preis:

€ (D) 24,90



Buchbesprechung

Bryan Mark Rigg dokumentiert in diesem Buch Unvorstellbares:
Ein Rabbi wird durch einen Wehrmachtsoffizier mit Hilfe hochkarätiger Nazis im Hintergrund vor der SS aus dem Warschauer Ghetto gerettet und ins Ausland geschafft.
Nicht mehr ganz so unvorstellbar, weil immer mehr darüber bekannt (jedoch meist verschwiegen) wird, ist das Verhalten der Alliierten, als es um die Rettung der Juden aus Deutschland ging.
Besonders hervorzuheben ist: Das Buch enthält zahlreiche Anmerkungen, ein ausführliches Quellenverzeichnis nebst umfangreicher Bibliografie und detaillierte Beschreibungen der Vorgänge und Hintergründe.


Inhalt:
Herbst 1939: Die Deutschen treiben die Juden im Warschauer Ghetto zusammen. Gleichzeitig macht sich Major Bloch von Berlin aus in offizieller Mission auf den Weg, um den orthodoxen Rabbi Schneersohn zu retten. Auf abenteuerlichen Wegen bringt er ihn in die USA. Bloch, Sohn eines jüdischen Vaters, kommt bei den letzten Kämpfen in Berlin ums Leben, Schneersohn stirbt 1950 in der Gewissheit, dass Gott ihn auserwählt habe, das Judentum zu retten. Eine verstörende Geschichte von Verantwortung, Fanatismus und politischem Kalkül.

Aus dem VORWORT VON PAULA E. HYMAN:
Die Geschichten von Juden, die vor der Ermordung durch die Nazis gerettet wurden, sind zwar leider wenige, aber gerade deshalb umso beeindruckender. Ihre Protagonisten sind meist Individuen, die aus dem einen oder anderen Grund den Gehorsam verweigerten und mit der vorherrschenden Gleichgültigkeit ihrer Gesellschaft gegenüber dem Schicksal ihrer jüdischen Mitbürger nicht einverstanden waren.
…..
Besonders bemerkenswert unter diesen wenigen Berichten ist aber die Geschichte von der Rettung Joseph Schneersohns, des Oberhauptes - oder Rebben - der chassidischen Sekte der Lubawitscher, seiner Familie und seiner Anhänger und von ihrer Übersiedlung in die Vereinigten Staaten Anfang 1940. Die Lubawitscher Chassidim selbst betrachteten dieses Ereignis, die Rettung ihres Rebben, als Zeichen der göttlichen Vorsehung. Von den wenigen osteuropäischen Holocaust-Überlebenden, die nicht ins Todeslager deportiert worden waren, hatten die meisten Hilfe von Nichtjuden aus ihrer engeren Umgebung, die manchmal aus Menschlichkeit handelten und manchmal gegen Entgelt. In Schneersohns Fall aber handelte es sich nicht um einen Akt des Schutzgewährens oder Versteckens von Juden im von den Nazis besetzten Europa; seine waghalsige Rettung erfolgte weder aus religiösen Beweggründen noch aus explizitem politischem Widerstand, noch aus finanziellen Erwägungen: Sie war das Ergebnis einer unglaublichen Zusammenarbeit hochrangiger US-Regierungsvertreter mit Wehrmachtssoldaten und Funktionären des NS-Regimes.
…..
Das verblüffendste an der Geschichte aber ist, daß sich ausgerechnet Wehrmachtssoldaten und NS-Funktionäre, die sich wohl kaum um das Überleben von Juden scherten, an der Rettungsaktion beteiligten. ….. Daß die Rettungsaktion wie geplant klappte, ist wesentlich Major Ernst Bloch zu verdanken, einem Wehrmachtsoffizier, der einen jüdischen Vater hatte, aber auf Hitlers Befehl offiziell für »deutschblütig« erklärt worden war. Auch andere Männer jüdischer Herkunft wurden für den Kampf ausgewählt, vielleicht aus der Annahme heraus, sie könnten ihre Mitwirkung als Protest gegen die Rassenpolitik betrachten, die sie selbst herabwürdigte und ihre Angehörigen in Lebensgefahr brachte.
Doch der ranghöchste Funktionär des Regimes und Hauptverantwortliche für die Rettungsaktion war Admiral Wilhelm Canaris, der Chef der Abwehrabteilung im Oberkommando der Wehrmacht (OKW), also des militärischen Geheimdienstes. Er hatte keine jüdischen Vorfahren, und vielleicht war sein Engagement im Fall Schneersohn ein erstes Anzeichen seiner späteren Ablehnung Hitlers. ….


Der Autor:
Bryan Mark Rigg
, geboren 1971, Historiker, lehrt an der American Military University in Manassas, Virginia, und an der Southern Methodist University in Dallas, Texas. Er hat als Freiwilliger in der Israelischen Armee gedient und war Offizier beim U. S. Marine Corps. Für sein letztes Buch Hitler's Jewish Soldiers (dt. Hitlers jüdische Soldaten, Paderborn 2003) wurde er mit dem William E. Colby Award 2003 ausgezeichnet.

Mehr über den Autor in Wikipedia

Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Auf eine vielversprechende neue Information von Wohlthat hin inspizierten Bloch und seine Leute am 25. November ein Wohnhaus, in dem sie den Rebben vermuteten. Ein alter Mann öffnete die Tür und starrte sie furchtsam und feindselig an. Bloch erklärte, sie seien zwar Soldaten, hätten aber Befehl, dem Rebben bei der Flucht aus dem besetzten Polen zu helfen. Der Alte behauptete, er wisse nicht, wo der Rebbe sich aufhalte, und schloß die Tür. Bloch zog wieder ab, doch nun wies Schneersohn seine Begleiter an, falls der Offizier wiederkäme, sollten sie »die Wahrheit sagen«. Vielleicht hatte der Rebbe nun endlich aus zuverlässiger Quelle gehört, daß Bloch vertrauenswürdig war. Zwischen Riga und Warschau reisten Boten hin und her, und nachdem in Riga mehrere Telegramme aus den USA eingetroffen waren, die Wohlthats Informationen weitergaben, zögerten sie nicht länger, nun auch den Rebben in Kenntnis zu setzen. Wahrscheinlich entsandte der Rebbe um diese Zeit Samarius Gourary, der nicht nur sein Schwiegersohn, sondern sozusagen sein Außenminister war, und ließ den Soldaten mitteilen, daß er ihre Hilfe annehmen werde. Der große, stämmige Gourary war ein gebildeter Chassid aus der alten Lubawitscher Welt, ein Tora-Gelehrter, der die politischen Verhandlungen für den Rebben führte. Er machte sich also auf den Weg, und nachdem er einer Gruppe von Deutschen, wahrscheinlich Blochs Männern, den Aufenthaltsort des Rebben mitgeteilt hatte, wollte er wieder nach Hause zurück, wurde unterwegs aber von mehreren Soldaten aufgehalten, die offensichtlich keine Abwehr-Mitarbeiter waren: Sie schoren ihm den halben Bart ab, so daß er zwei unterschiedliche Gesichtshälften hatte. Als er nach Hause kam, sagten seine Mitbewohner, er habe noch Glück gehabt - andere Juden hätten nicht nur den Bart verloren, sondern auch die Ohren.
Unklar bleibt, ob Gourarys Botschaft Bloch auch wirklich erreichte. So oder so hatte Bloch gespürt, daß der alte Mann, der ihm die Tür geöffnet hatte, etwas verheimlichte, und kam am nächsten Tag wieder: überzeugt, daß der Rebbe sich dort aufhielt. Manche glauben, die Soldaten hätten spezielle Anweisungen gehabt, um den Rebben zur Kooperation zu überreden, denn »der Rebbe wäre niemals mit Nazisoldaten gegangen, wenn sie nicht einen triftigen Beweis für ihre guten Absichten geliefert hätten«.
Bloch schritt zur Tat. Er wies seine Männer an, volle Kampfmontur anzulegen und sich auf alle Eventualitäten gefaßt zu machen. Er wollte das Haus stürmen, die Umgebung des Gebäudes absichern und dann die Lage einschätzen. Ihm war klar, daß er der SS zuvorkommen mußte, die den Rebben für sich beanspruchen würde, falls sie ihn zuerst ausfindig machte. Von Anfang an hatten die SS und die Abwehr in Warschau in scharfer Konkurrenz gestanden, und Bloch wollte Komplikationen unbedingt vermeiden. Als er mit seinen Soldaten wieder vor Herschel Guraris Haus stand, in dem der Rebbe wohnte, ließ er sie kurzerhand die Tür eintreten.
Sie standen in einem dunklen Flur, in dem es nach Abort stank. Bei den Bombenangriffen waren die Rohrleitungen zerstört worden, und die Bewohner mußten Eimer benutzen. Im Flur hörte man das Gebrüll eines Babys und eine leise Frauenstimme, die es zu beschwichtigen versuchte. In dem nun ausbrechenden Chaos rang der Rebbe um seine Fassung. Laute deutsche Stimmen bellten Befehle. Die Lubawitscher, etwa ein Dutzend Menschen, erbleichten und schwiegen.
Vier deutsche Soldaten wiesen sämtliche Bewohner an, sich mit erhobenen Händen und dem Gesicht zur Wand aufzustellen. Die Juden gehorchten. Viele begannen zu zittern, als sie den Deutschen den Rücken zukehrten. Barry Gourary, der Enkel des Rebben, erinnert sich, daß er schon den kalten Stahl eines Gewehrlaufs im Nacken zu spüren meinte. Viele begannen keuchend zu beten. Durch den Raum hallten die Tritte eisenbeschlagener Stiefelsohlen auf Holzdielen und das Klirren metallener Halfterriemen an Pistolenläufen. Einige begannen zu weinen.
Manche dachten an ihre Familien, andere an Gott und den Tod. Sie hörten eine Stimme auf deutsch zählen: »Eins, zwei, drei, vier... « Ein anderer begann Namen zu verlesen; jeder Aufgerufene mußte sich umdrehen. Einer nach dem anderen wandte sich um, und wie magnetisch angezogen, richteten sich alle Augen auf das Hakenkreuz an den Uniformen. Als sämtliche Namen auf der Liste abgehakt waren, verteilte ein anderer Deutscher Reisepapiere und erklärte, sie benötigten diese Dokumente für ihre Flucht. Verständnislos starrten die Lubawitscher abwechselnd auf die Deutschen und die Pässe.
Kurz darauf meldete Wohlthat nach Washington, Bloch habe den Rebben gefunden, und sobald dieser wieder bei Kräften sei, werde er Warschau unter dem Schutz eines »deutschen Stabsoffiziers« verlassen, wahrscheinlich am 1. Dezember. Der Rebbe war erschöpft. Seine Wangen waren eingefallen, die Augen lagen tief in den Höhlen, sein Gesicht war gelb. Er bedurfte dringend der Erholung.
Blochs Mission war noch nicht abgeschlossen: Jetzt stand er vor der furchterregenden Aufgabe, den Rebben an der SS und der Gestapo vorbeizulotsen.


erstellt am: 18.02.2008

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