Buchbesprechung Gekonnt verbindet Maria Nurowska eine spannende Handlung – die damals durchaus realistisch hätte gewesen sein können – mit Zeitgeschichte und Politik.
Das Wesentliche ist jedoch ihr Apell an uns, bereit zu sein, Verantwortung zu übernehmen – was nicht ohne innere Kämpfe und Mut zu wohlkalkuliertem Risiko machbar ist.
Inhalt:
Seit 18 Jahren ist Elizabeth mit dem Kunsthistoriker Jeff verheiratet. Jetzt hat er eine berufliche Reise in die Ukraine unternommen und schreibt ihr, dass er Sensationelles entdeckt habe. Elizabeth wundert sich, denn was kann es bei seinem Thema, der sakralen Kunst in der Ukraine, schon an Sensationen geben? Dann hört sie nichts mehr von ihm. Auf ihre Nachfragen erhält sie von der amerikanischen Botschaft die Nachricht, dass Jeff die Ukraine verlassen habe. Doch er bleibt verschollen. Elizabeth beschließt, selbst nach ihm zu suchen, und reist nach Lemberg. Was sie herausfindet, ist höchst besorgniserregend: Jeff wollte sich mit dem oppositionellen Journalisten Gongadze treffen, der inzwischen, wie man munkelt, ermordet wurde. Seitdem ist ihr Mann verschwunden, und seine ukrainische Dolmetscherin wurde verhaftet. Elizabeth ist klar: Sie kann nicht einfach wieder abreisen, auch wenn sie nur ein Visum für zwei Tage hat. Ihre illegalen Nachforschungen führen sie bis ins verwüstete Tschernobyl ...
Die Autorin:
Maria Nurowska wurde 1944 geboren, studierte Polonistik und Slawistik. Sie ist eine der bekanntesten und populärsten Schriftstellerinnen Polens und lebt in Warschau.
Alle Veröffentlichungen der Autorin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
»Dein Name geht dir voraus... « - diese Worte eines befreundeten Professors aus Jerusalem schienen nun Bestätigung zu finden.
Ihr Name... Wer war diese Frau, welche Rolle hatte sie im Leben des Mannes gespielt, mit dem Elizabeth seit achtzehn Jahren verheiratet war?
Sie war schon sehr lange unterwegs, zwei Mal hatte sie an Flughäfen umsteigen müssen - und noch immer konnte sie nicht fassen, dass alles das tatsächlich passierte. So etwas hätte im Drehbuch ihres Lebens nicht vorkommen dürfen, sie war für diese Rolle, die sie nun zu spielen hatte, nicht geeignet. Es musste sich um eine Verwechslung handeln, die sich bald aufklären würde. Und dann könnte sie ihr altes Leben wieder aufnehmen.
Doch inzwischen war ihr bewusst geworden, dass nichts mehr so sein würde, wie es einmal war. Tatsachen - so unglaublich sie auch klingen mochten - waren nun einmal Tatsachen; Elizabeth konnte sie nicht mehr aus ihrem Bewusstsein löschen:
Ihr Mann, Jeffrey Connery, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der New York University, war nach Osteuropa geflogen und dort verschollen. Seit Wochen hatte sich Elizabeth alle Mühe gegeben, um ihn ausfindig zu machen, und am Ende nur von der Botschaft in Kiew die Auskunft erhalten, ihr Mann habe das Territorium der Ukraine wieder verlassen. Angeblich genau am sechzehnten September 2000. Doch er war nicht nach New York zurückgekehrt, meldete sich weder bei seiner Ehefrau noch bei irgendjemandem aus seiner Familie. Auch seine Freunde wussten von nichts. Sein letzter Brief trug das Datum des dreißigsten August. Darin schrieb Jeff, er käme nach Hause zurück, er habe den Flug schon gebucht. Er schrieb auch, dass in der Ukraine spannende Dinge geschähen und dass er sehr zufrieden sei mit dem Material, das er zusammengetragen hatte. Einiges sei sogar »sensationell«.
Ein wenig hatte sich Elizabeth darüber gewundert, denn ihr Mann wollte eigentlich nur Materialien für einen Aufsatz über alte sakrale Kunst sammeln. Was konnte daran so sensationell sein? Sein Freund Edgar sagte im Spaß, dass Jeff wohl die übriggebliebenen orthodoxen Kirchen in der Ukraine zu zählen versuche und deshalb so viel zu tun habe.
In seinem letzten Brief hatte ihr Mann auch zum ersten Mal den Namen seiner Mitarbeiterin genannt. Zuvor hatte er sie immer nur als seinen »Cityguide im Rock« bezeichnet. Nun hieß es plötzlich: »Oksana hat mir sehr geholfen. «
Oksana... Ein geheimnisvoller, beunruhigender Name... Konnte diese junge Frau vielleicht etwas mit Jeffreys Verschwinden zu tun haben? War er verschollen - oder womöglich entführt worden? Leider wies alles daraufhin. Aber was hatte es mit dieser Oksana zu tun? Elizabeth kannte Jeff gut genug, um zu wissen, dass er niemals von sich aus einfach so den Kontakt zu ihr abbrechen würde. Der Beamte im State Department, zu dem sie durch die Vermittlung ihrer Mutter gelangt war, hatte nämlich so etwas angedeutet. Er nannte Elizabeth eine schwindelerregend hohe Zahl von Menschen, die als vermisst galten, und fügte hinzu, dass es sich dabei in der Regel um Männer handelte, die schlicht und einfach ihre Frauen verlassen hatten. »Abgehauen«, so formulierte der Typ das. Elizabeth war verletzt; ihre Ehe war anders, sie waren glücklich miteinander. Wenn Jeff schwieg, konnte es nur bedeuten, dass er keine Möglichkeit hatte, Kontakt aufzunehmen, sich bei ihr zu melden.
Vielleicht hätte sie damals ja mitkommen sollen... Dieser Gedanke ließ ihr keine Ruhe. Doch sie begleitete ihn eigentlich nie auf seinen Reisen, und er tat das ebenso wenig. Sie trennten stets das Berufliche vom Privaten; Elizabeth hatte ihre Geschäftsreisen, er hatte seine. Sie trafen sich zu Hause, in ihrer Wohnung in Manhattan. Bisher hatte sie nie darüber nachgedacht, wie ihre Ehe auf Außenstehende wirken könnte. Das hatte ihr erst neulich ihre Mutter bewusst gemacht, als sie fragte:
»Fehlt dir Jeffrey wirklich? Ihr seht euch doch sowieso kaum. «
Zugegeben, sie sahen sich tatsächlich selten, aber das hieß keineswegs, dass sie einander fremd geworden wären. Ihre Beziehung hatte sich im Laufe der Jahre verändert, genauso wie sich ihre Gesichter und ihre Sicht auf die Dinge verändert hatten; sie hatten an Erfahrung gewonnen, aber das änderte nichts an der Art, wie sie einander wahrnahmen. Sie waren eine untrennbare Einheit - und sollte einer von ihnen verschwinden, wäre das für den anderen eine Katastrophe.
Und so fühlte sich Elizabeth gerade. Wie am Rande einer Katastrophe. Noch wollte sie den schlimmsten Gedanken nicht zulassen: dass sie einander möglicherweise nie Wiedersehen würden. Sogar jetzt, als sie plante, in dieses Land am Ende der Welt zu fahren, um Jeffs persönliche Habe zu identifizieren, die angeblich in der Wohnung seiner Mitarbeiterin, dieser Oksana, gefunden worden war.
Elizabeth wollte nicht glauben, dass diese Frau etwas mit Jeffs Verschwinden zu tun haben könnte. Er hatte ihr doch vertraut. Und überhaupt: Was hätte jemand für einen Grund haben sollen, Jeff zu entführen? Wegen des Lösegeldes? Da hätten sie bei anderen durchaus mehr Erfolg haben können, bei irgendwelchen Politikern, Geschäftsleuten, Berühmtheiten, Schauspielern. Aber Jeff? Ein Wissenschaftler ohne einen Pfennig? Obwohl, in jenem seltsamen Land waren angeblich ein paar Dollar schon viel wert. Nein, Geld als Motiv für eine Entführung konnte man ausschließen. Andererseits hätte er in irgendwelche Machenschaften verwickelt sein können. Drogen etwa? Nein, das war absurd. Jeff war sehr vorsichtig, und Osteuropa war doch kein Südamerika oder Afrika, wo man mit allem rechnen musste.
Nur: Was wusste sie schon über dieses Osteuropa? Sofern die Ukraine überhaupt noch zu Europa gezählt werden konnte. Jeffs Großmutter riet ihr dringend von dieser Reise ab, obwohl Jeff doch ihr Lieblingsenkel war.
»Ihm wirst du nicht helfen können, und stattdessen könnte dir etwas zustoßen!«, hatte sie mit vor Aufregung zitternder Stimme gesagt. »Du hast keine Ahnung, wie es dort zugeht; dort kann einem alles passieren!«
Dann erzählte sie, dass ihr Ehemann, Jeffs Großvater, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in einem der von der Sowjetunion unterworfenen Länder des Ostblocks eingesperrt worden war. Aber das war doch vor über einem halben Jahrhundert, widersprach Elizabeth, die Sowjetunion existiert doch schon seit acht Jahren nicht mehr. Die Beziehungen zwischen den Großmächten gestalten sich heute vollkommen anders. Man war allgemein der Meinung, dass der neue russische Präsident - im Gegensatz zum letzten - ein sehr zivilisierter Mensch war.
erstellt am: 15.02.08
|