Buchbesprechung Wie immer bei Herbert Rosendorfer ein fulminantes sprachliches und gedankliches Feuerwerk. Er gehört ganz sicher zu den ganz großen Erzählern unserer Zeit.
Sein Humor, schwarzer Humor, seine Satire, mit der er uns „heimleuchtet“, steigert sich manchmal ins Groteske. Es scheint fast, als ob er bezweckt, dass dem Leser einmal wirklich das Lachen vergeht – denn bei aller scheinbaren Heiterkeit sind seine Werke zutiefst kritisch; er hält uns den Spiegel vor. Die Erfahrungen aus seiner Richterzeit haben ihm einen tiefen Einblick in die Spezies Mensch gewährt – offenbar hat er nicht verzweifelt, er wird aber doch immer eindringlicher.
Inhalt:
Ein Staatsanwalt mordet aus Frust, ein armer Straßenmusikant betrügt den anderen, und Jesus käme in unseren Tagen nicht auf die Welt, weil niemand an Weihnachten ein obdachloses Paar aufnehmen würde ... Verkehrte Welt?
Wie man störende Zeitgenossen totbetet, Eier mit dem Schraubenzieher öffnet, ständig bellende Hunde zur Explosion bringt oder seine Frau als Moorgespenst erschreckt, wird in ebenso bissig-boshafter Manier erzählt wie die mit schwarzem Humor gespickten Seitenhiebe auf die moderne Kunst mit ihrer Eventkultur und die Entmenschlichung unserer Gesellschaft.
Der Autor:
Herbert Rosendorfer, geboren 1934 in Gries/Bozen, zog 1939 mit seinen Eltern nach München. Nach dem Abitur war er ein Jahr an der Akademie der Bildenden Künste und wechselte dann zur Juristerei. 1959 machte er sein Erstes und 1963 sein Zweites Staatsexamen. Er war Assessor bei der Staatsanwaltschaft in Bayreuth, Staatsanwalt in München, von 1969 bis 1993 Amtsrichter in München und bis 1997 Richter am Oberlandesgericht in Naumburg. 1990 wurde er zum Professor für bayerische Literaturgeschichte ernannt. 1999 erhielt er den Jean-Paul-Preis, die höchste Auszeichnung für Literatur des Freistaats Bayern. Er lebt jetzt in der Nähe von Bozen.
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Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Briefe in die chinesische Vergangenheit
Die große Umwendung
Die Nacht der Amazonen
Deutsche Geschichte - Ein Versuch - Von der Stauferzeit bis zu König Wenzel dem Faulen
Deutsche Geschichte - Ein Versuch - Von den Anfängen bis zum Wormser Konkordat
Die Donnerstage des Oberstaatsanwalts
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Wie ein Meisterwerk entsteht
Kunst ist ein Zauber. Zaubern, wirkliches Zaubern, also nicht die bei geeigneter Begabung beherrschbare Taschenspielerei, ist nicht erlernbar. Das habe ich bis zu jenem Tag in der Galerie in der Via Tor Millina in Rom gemeint. Dort habe ich erfahren, daß man es doch lernen kann: das Zaubern eines Meisterwerkes.
Jene Galerie in der Via Tor Millina muß früher ein Gemischtwarenladen oder Ähnliches gewesen sein. Die Via Tor Millina ist eine kurze, schmale Straße, die von der Piazza Navona nach hinten zur Anima fuhrt: Santa Maria dell'Anima, die deutsche Nationalkirche. Piazza Navona ist natürlich beste Gegend, aber bald dahinter fällt die Qualität ab, und dort sind dann die Gemüseläden und Fahrradreparaturwerkstätten wirklich noch Gemüseläden und Fahrradreparaturwerkstätten, in der Via Tor Millina ist man da grad' noch an der Kippe und kann also eine Galerie einrichten. Wie sie hieß, weiß ich nicht mehr. Es war eine Galerie für stark moderne Kunst.
Ich war zufällig mit einem Freund, wie oft in jenen Jahren, für ein paar Tage oder auch ein, zwei Wochen in Rom, und in jener Galerie arbeitete der Sohn eines guten Freundes, machte quasi sein Praktikum als Galerist, inzwischen hat er selbst eine Galerie in New York. Jetzt werden wohl dort Kunstwerke gezaubert.
Die Kunst überzieht die Welt mit ihrem Zauber. Niemand weiß, was Kunst ist, aber jeder kann sich vorstellen, wie die Welt ohne diesen Zauber aussähe.
Der Sohn des Freundes lud uns zu einer Vernissage ein. Man kennt Vemissagen, sie sind, vermute ich, in aller Welt gleich, jedenfalls dort waren sie gleich, wo ich je auf einer Vernissage war. Zum Beispiel in Berlin. Das ist eine Abschweifung und hat nichts mit meiner Kunst-Zauberlehre in der Via Tor Millina zu tun. Berlin-Kreuzberg. Durch Zufall, durch Bekannte erfuhr ich von dieser Vernissage. Das legendenumwobene Kreuzberg kannte ich noch nicht. Es war so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Galerie, die ich lieber in Anführungszeichen setzen sollte, befand sich im Block des zweiten Hinterhofes im dritten Stock. Wir waren zu früh dran, das heißt rechtzeitig zu der Uhrzeit, die auf der Einladung stand. Vernissagegäste kommen immer erst später, weil erfahrungsgemäß einige Reden gehalten werden, bevor das Büffet eröffnet wird. Das besteht allerdings meist auch nur aus Salzstangen und der Rache Italiens: dem Prosecco. Pünktlich ist immer nur der Galerist, eventuell mit Begleiterin, und der Künstler mit Begleiterin. In diesem Fall in Kreuzberg auch wir, also.
Die Galerie bestand aus zwei großen Zimmern, die Exponate aus etwa sechs großformatigen Bildern pro Zimmer. Was auffiel, war, daß die Bilder alle nicht nur das gleiche Format hatten, sehr groß, wie gesagt, sondern auch alle das gleiche Motiv: Ein Tisch schräg von oben mit einem Photoapparat, in der Tischmitte liegend. Nur die Farben wechselten etwas; manchmal war der Tisch mehr ins Violette spielend, der Photoapparat grünlich, manchmal der Tisch grau, der Photoapparat orange und so fort. Alles etwa in der damals aufkommenden Manier der »jungen Wilden« gehalten, also mit schrägen Strichen von starkem Pinsel hingeworfen.
Der Meister und der Galerist waren dann, als später mehrere andere Gäste kamen, ängstlich bemüht, die Leute von den Bildern fernzuhalten. »Vorsicht - bitte nicht zu nahe -bitte nicht anlehnen. «
»Es war nämlich so«, flüsterte mir der Galerist auf meine Frage zu, »daß heute Donnerstag ist. « »- ? -« »Ja, und die Ausstellung war mit ihm (er nannte den Namen, den ich aber jetzt vergessen habe) schon seit einem halben Jahr vereinbart. Am Dienstag habe ich ihn angerufen und gefragt, wann wir hängen. Er hatte Termin und Ausstellung vergessen. « Seine Stimme wurde noch leiser. »So sind sie, die Maler. Nun - was tun? Er hatte im Moment kein einziges Bild im Atelier. Also malte er die ganze Ausstellung am Mittwoch, das heißt gestern, in einem Zug herunter, und es fiel ihm eben nichts anderes ein als sein Photoapparat auf seinem Tisch. Und so sind die Bilder natürlich noch feucht. - Vorsicht! Vorsicht! Bitte nicht zu nahe an die Bilder... «
In der Ausstellung in der römischen Galerie in der Via Tor Millina waren die Bilder nicht mehr feucht. Die Ausstellung galt nicht nur einem, sondern, wenn ich mich recht erinnere, drei oder vier Künstlern, die Zentralsonne allerdings war ein ganz großer Meister aus New York, ich nenne den Namen nicht, nur soviel: Es war ein ganz, ganz großer Name der extrem modernen Kunst. Einer der zehn Sterne am Himmel der Progressivität. Und aus New York. Ein signiertes angebissenes Keks von ihm kostet unter Brüdern zehntausend Dollar. Diese Größenordnung also.
Die eine Wand bedeckte ein etwa zwei mal drei Meter großes Bild des New Yorker Halbgottes.
»Er hat es«, sagte der Galerist, »extra für diese Ausstellung geschaffen. «
»Oh... «
»Und zwar hier an Ort und Stelle. «
»Nicht möglich - ist der Meister hier? «
»Nein, nein, das nicht, das nicht... «
»Ist er schon wieder abgereist? «
»Nein, nein. Das nicht, nein, nein. «
»Ja, aber wie... «
»Per Telephon. «
Der Meister und Halbgott hatte verfügt, daß eine Leinwand der entsprechenden Größe aufgehängt werde, dann mußten alle Angestellten der Galerie, der Galerist selbst sowie seine Frau antreten und jeder einen Farbstift in die Hand nehmen: der eine rot, der andere blau, der dritte gelb und so fort. Dann - es rief natürlich nicht der Meister an aus New York, der Galerist mußte zurückrufen - gab der Meister seine Anweisungen: Der mit dem roten Stift Striche links oben, bis er sagte »fertig«, und »jetzt der mit dem blauen Stift weiter« - hörte das Kratzen durchs Telefon, »jetzt gelb!« - »jetzt schwarz!« - »halt, genug, jetzt wieder rot« - bis die Leinwand voll war.
Die Signatur faxte er, die wurde dann durchgepaust. Für den besonders günstigen Preis, sagte der Galerist, der nur heute bei der Vernissage gilt, könne ich das Bild haben. Eine Million Dollar.
Bilder - Zauberlehrling. So lernte ich Bilder zaubern. Der geneigte Leser braucht nur bei mir anzurufen.
erstellt am: 15.02.08
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