Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Meine amerikanischen Jahre
von Solschenizyn, Alexander <übersetzt von: Wöhr Andrea und Poljakov, Fedor B.> (Russland)

Genre:

Autobiographie

Stichwörter:

Solschenizyn, USA

Verlag:

Langen Müller Herbig

ISBN:

978-3-7844-3112-3

Format:

gebunden, 576 S.

Erscheinungsjahr:

russisch 2004, deutsch 2007

Preis:

€ (D) 39,90 / € (A) 41,10 / sFr 70,00



Buchbesprechung

Solschenizyn legt mit »Meine amerikanischen Jahre« den letzten Teil seiner dreiteiligen Autobiografie vor.
Er beschreibt nicht nur sein Leben in den USA, er analysiert das Leben seines Gastlandes und dessen Bewohner, er wertet gleichzeitig, was er erlebt hat, und er wehrt sich gegen Vorwürfe aus amerikanischen und Emigrantenkreisen.
Schon hier wird u. a. deutlich, was er in der Nach-Perestroikazeit in Russland noch vehementer vertritt: Seine Kritik am individualistischen Verhalten der Menschen, ein Verhalten in der westlichen Welt, für das die USA faktisch das Symbol sind.
Auf westlicher Seite wird seine Überzeugung, seine Lebenseinstellung, rein politisch (und damit oberflächlich) und nicht kulturell begründet gesehen. Das führt letztlich zu dem Vorwurf, er sei ein nationalistischer Patriot, der ein autoritäres System gut heiße – ein Vorwurf, der bis heute an ihm haften geblieben ist.


Inhalt:
»In Amerika war ich nicht in der wahren Freiheit, sondern befand mich wieder in einem Käfig. Meine Freiheit war, dass ich nicht durchsucht wurde und über alles schreiben konnte. … Unsicher war mein Stand. Vielleicht würde ich noch lange, sogar bis zu meinem Tod, nicht wieder russischen Boden betreten können – den amerikanischen aber konnte ich nicht als den meinen empfinden. Ohne feste Erde unter den Füßen, ohne sichtbare Verbündete. Zwischen zwei Weltmächten, im Mühlwerk.«

Mit seinem Appell »Lebt nicht mit der Lüge!« hatte Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn die Sowjetmacht herausgefordert. 1974 wurde er ausgewiesen, fand Aufnahme bei Heinrich Böll, lebte in Zürich und ließ sich dann im amerikanischen Cavendish in Vermont nieder. Die erhoffte Ruhe, um sein episches Werk »Das Rote Rad« zu vollenden, fand er dort jedoch nicht.

Als moralische Autorität sah er sich oftmals gezwungen, sich zu Wort zu melden. Wie er in seinen Erinnerungen eindrucksvoll beschreibt, kämpfte er dafür, wie »die russische Geschichte vor Verzerrungen zu bewahren [sei] und mich für die russische Zukunft einzusetzen«. In der Auseinandersetzung mit der amerikanischen Gesellschaft, aber auch mit seinen Landsleuten im Exil, fand er sich in schwieriger Position: »Du kannst keine Verbündeten unter den Kommunisten, den Henkern deines Landes haben, aber du kannst dich auch nicht mit den Feinden deines Landes verbünden. Groß ist die Welt, aber du hast keinen Ausweg.«
Die Freiheit des Westens zeigte sich ihm als ein relativer Wert, musste er sich in Amerika doch gegen manipulierte Verleumdungen und Vorwürfe wehren, ein Nationalist und Antisemit zu sein.

In diesem dritten Band seiner Lebenserinnerungen, nach »Die Eiche und das Kalb« und »Zwischen zwei Mühlsteinen«, schildert Solschenizyn, wie er auch im Exil ungebrochen sein Leben der Arbeit und dem Kampf widmete – bis er nach Gorbatschows Perestroika und dem Zerfall der Sowjetunion endlich in seine Heimat zurückkehren konnte.


Der Autor:
Alexander Solschenizyn
11. Dezember 1918
Alexander Issajewitsch Solschenizyn geboren in Kislowodsk
1939 -1941 Studium der Mathematik und Physik an der Universität in Rostow am Don
1941 -1943 Hauptmann der Artillerie in der Roten Armee
9. Februar 1945 Wegen kritischer Bemerkungen über Stalin in einem Brief an einen Freund verhaftet; ohne Gerichtsverhandlung zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt
1945 -1953 In sowjetischen Arbeitslagern (Gulag)
1952 -1954 Erkrankt an Krebs; Genesung in einem Krankenhaus in Taschkent
1958 Darf nach Zentralrussland zurückkehren; Schullehrer in Rjasan
1962 »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« erscheint und macht Solschenizyn weltberühmt
1965 »Im ersten Kreis« und das Privatarchiv des Autors werden konfisziert
1968 -1969 »Im ersten Kreis« und »Krebsstation« erscheinen im Westen
1970 Solschenizyn erhält den Nobelpreis für Literatur
1971 »August 1914« erscheint
1973 Der erste Band von »Archipel Gulag« erscheint
1974 Solschenizyn wird aus der UdSSR ausgewiesen
1975 »Die Eiche und das Kalb«, der erste Teil der Autobiografie erscheint
1978 Solschenizyn geht von der Schweiz ins Exil nach Vermont/USA
1990 Solschenizyn erhält die russische Staatsbürgerschaft zurück
1992 Rückkehr nach Russland; Solschenizyn engagiert sich als moralische Instanz für die Transformation der russischen Gesellschaft und Politik
1994 Treffen mit Boris Jelzin
2000 Treffen mit Wladimir Putin
2001 »Zweihundert Jahre gemeinsam« erscheint in Russland; in den ersten Monaten werden täglich bis zu 3000 Exemplare verkauft
2002 Zweihundert Jahre zusammen - Die Juden in der Sowjetunion erscheint
2004 »Meine amerikanischen Jahre«, der dritte Band seiner Autobiografie erscheint nach »Die Eiche und das Kalb« und »Zwischen zwei Mühlsteinen«


Mehr über den Autor in Wikipedia

Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Schwenkitten ‘45
Zweihundert Jahre zusammen – Die russisch-jüdische Geschichte 1795 - 1916
Zweihundert Jahre zusammen – Die Juden in der Sowjetunion

Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
In Abgeschiedenheit bist glücklich du, o Dichter! Das erkannte Alexander Puschkin, als er die schöpferische Zeit, die er in der Einsamkeit verbrachte, mit der Eitelkeit der Welt verglich.
Seit meiner Kindheit hatte ich ähnliche Gefühle. Diese glückselige Einsamkeit lernte ich dann in der Verbannung in Kokterek kennen, und so beschlich mich geradezu Beklemmung, als die Welle der Rehabilitierungen losbrach und ich in deren Wirbel von dort wegfahren sollte. Im Juni 1956 verließ ich meine gesegnete Verbannung und erst zwanzig Jahre später, im Juni 1976, fast auf den Tag genau, erreichte ich den abgeschiedenen Ort, den ich mir ersehnt hatte, diesmal in Vermont. Beinahe vom ersten Tag an stürzte ich mich in meine Arbeit über die Zeit von Pjotr Stolypin, dann machte ich mich an das kaum überschaubare Material über die russische Februarrevolution von 1917. Jahrelang ließ ich mich so gut wie keinen einzigen Tag davon abbringen, höchstens mit Ausnahme der Tage meiner Harvard-Rede.
Dabei staunte ich unentwegt und hörte nicht auf, dem Herrn dafür zu danken, dass Er mich in die beste Lage gebracht hatte, von der ein Schriftsteller nur träumen kann, in die beste verglichen auch mit jenen schlimmen Situationen, die sich angesichts der Zerstörung der Entwicklungslinien in unserer Geschichte und in einem Land, das schon seit sechzig Jahren in Unterdrückung lebte, ergeben konnten.
Nun hatte ich die Freiheit erlangt, keinen einzigen Fetzen Papier verschlüsseln, verstecken, unter Freunden verteilen zu müssen, sondern konnte alles ganz offen halten, sodass meine Arbeitsmaterialien und Handschriften zusammenhängend auf großen Tischen ausgebreitet lagen.
Außerdem konnte ich jede nur erdenkliche Quelle, die ich brauchte, aus Bibliotheken bekommen. Noch davor, während meiner Tage in Zürich, hatten mir alte russische Emigranten die für meine Arbeit benötigten Bücher zugeschickt, ohne dass ich sie darum hatte bitten müssen. Einige Titel hatte ich bekommen, noch ehe ich wusste, dass ich sie brauchen würde; meine Bibliothek war praktisch schon komplett. Die beste Quellensammlung für die Geschichte der russischen Revolution, die Hoover Institution in Stanford, lud mich ein, dort zu arbeiten und schickte mir sackweise Kopien von Materialien. So konnte ich anhand der zeitgenössischen Zeitungsberichte den Mord an Stolypin, der mich seit meiner Jugend nicht losgelassen hatte, nachzeichnen, ja sogar das riesige Gebäude des März siebzehn erahnen. Dank der Bemühungen von Jelena Paschina kamen die Mikrofilme aller Petersburger Zeitungen aus der Revolutionszeit hinzu; das war ein überaus kostbares Geschenk.
Eine große Anzahl von Erinnerungen an die Revolution erhielt ich schließlich von Zeitzeugen, die damals noch am Leben waren. Aus letzter Kraft, mit den Resten ihres Sehvermögens, manchmal mit den letzten Schriftzügen hatten mir diese Leute im hohen Alter von 85 bis 89 Jahren als Antwort auf meinen Appell ihre Schilderungen geschickt. Mal handelte es sich dabei um ausführliche Lebensberichte, mal um Erzählungen von einzigartigen Begebenheiten, die man nirgendwo sonst hätte finden können, oder aber um Erinnerungen, die den Autoren seinerzeit von ihren inzwischen verstorbenen Verwandten anvertraut worden waren und die verlorengegangen wären. Mehr als dreihundert solcher Berichte erreichten mich, und es kamen immer neue und neue hinzu. Anfangs nahm sich meine Frau Alja dieses Zustroms von Materialien an, sie korrespondierte mit den Autoren, las die Texte, suchte darin jene Stellen aus, die mir möglicherweise später von Nutzen sein könnten. Meine vordringliche Aufgabe war es jedoch zunächst, Zeugnisse über das sowjetische Lagersystem zusammenzutragen, um die endgültige Fassung meines Archipel Gulag fertigzustellen, und es kamen etwa drei Dutzend zusätzliche Zeugen hinzu, die meine in der Sowjetunion gesammelten Informationen nunmehr ergänzten. Erst im Herbst 1980 konnte ich mich jenen Erinnerungen widmen, die sich ausschließlich mit der Revolutionszeit befassten. Auf diese Weise sandte mir die Erste russische Emigration, kurz bevor ihre irdischen Wege zu Ende waren, mit ihrem letzten Atemzug eine Welle, die mich weitertragen sollte. Die Kontinuität der Zeiten, die von den Bolschewiken blutig auseinander gerissen worden war, wurde unerwartet, wundersam im letzten denkbar möglichen Augenblick wiederhergestellt.
….

erstellt am: 06.02.08

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