Buchbesprechung Nicht nur für die, denen der pseudoweihnachlichen City-Rummel schon seit Anfang November auf die Nerven geht, auch für die, die im Festtagsstress einfach mal abschalten, sich erholen wollen:
Weihnachtsgeschichten einmal ganz anders, kriminalistische Weihnachtsstückchen.
Bekannte Krimi-Autoren haben sich etwas zu den Festtagen einfallen lassen, und das mit großem, köstlichen Erfolg – damit der Braten umso besser verdaut werden möge.
Inhalt:
Elf Weihnachtsgeschichten der etwas anderen Art:
Ein Herz zu Weihnachten - Nina George
Ein milder Stern herniederlacht - Ingrid Noll
What goes up must come down - Anne Chaplet
Pere Cruel - Burkhard P. Bierschenck
Weihnachten unter Palmen - Sabine Thomas
Stille Nacht, Kluftingers Nacht - Volker Klüpfl & Michael Kobr
Weihnachtsgrüße mit PS - Angela Eßer
Die Nase des Rentiers - Gabi Neumayer
Bruno - Ralf Kramp
Selbstbestimmte Weihnachten - Michael Rossié
Das Weingeheimnis - Kim Småge
Autorinnen und Autoren
Die Autoren:
Burkhard Bierschenck, Jahrgang 1950, lebt in München und der Bretagne, schreibt Romane, Kurzgeschichten und Gedichte. 1976 Literaturpreis Arbeitswelt, Zürich. Zahlreiche Kurzgeschichten-Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, außerdem Romane.
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Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Anne Chaplet wohnt in Frankfurt am Main und in Südfrankreich und veröffentlichte 1998 mit Caruso singt nicht mehr ihren ersten Roman. Ihr inzwischen sechster, Russisch Blut, erschien 2004 bei Piper (alle anderen Bücher Antje Kunstmann Verlag). Unter dem Namen, der in ihrem Pass steht, dem der promovierten Politikwissenschaftlerin und Historikerin Cora Stephan, hat sie zahlreiche Sachbücher verfasst. Für ihre Romane Nichts als die Wahrheit und Schneesterben wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Krimi Preis. Sie ist Mitglied bei den »Sisters in Crime« und im SYNDIKAT.
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Angela A. Eßer, 1960 in Krefeld geboren, studierte Theaterwissenschaft und war als pädagogische Mitarbeiterin bei der VHS München und am Theater tätig. Unter dem Titel Mordshunger gibt sie mörderische Kochseminare, in denen die Ess- und Trinkvorlieben von berühmten Privatdetektiven und Kommissaren aus der Kriminalliteratur aufgedeckt werden. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Augsburg und ist Mitorganisatorin des Krimifestival München. Außerdem vertritt sie zusammen mit Jürgen Kehrer und Gisa Klönne die Interessen des SYNDIKATS, der Autorenvereinigung deutschsprachiger Kriminalliteratur.
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Nina George, geboren 1973 in Bielefeld, lebt als freie Autorin in Hamburg. Sie schreibt Krimis (Kein Sex, kein Bier und jede Menge Tote; Bube, Dame, Karo, Tod - Schwarze Hefte), Kurzgeschichten, Sachbücher (Der Weg der Kriegerin. Die neuen Waffen der Frauen), arbeitet seit 14 Jahren als Journalistin für diverse Frauen- und TV-Magazine. Die Kolumnistin des Hamburger Abendblatts (Verliebt in Hamburg) arbeitet zurzeit an einem schlauen Frauenroman und an ihrer ersten Krimireihe. Unter ihrem Pseudonym Anne West erschienen bisher acht Sachbücher rund um Sexualität & Partnerschaft, zuletzt Der Venus-Effekt und im Februar 2007 folgte Flachgelegt.
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Volker Klüpfel, geboren 1971, und Michael Kobr, geboren 1973, kennen sich schon aus ihrer gemeinsamen Schulzeit. Volker Klüpfel, der in Memmingen wohnt und Kulturredakteur der dort ansässigen Memminger Zeitung ist, ging zum Studium der Politikwissenschaft, Journalistik und Geschichte nach Bamberg und absolvierte mehrere Praktika in Deutschland und den USA. Michael Kobr studierte tagsüber Deutsch und Französisch auf Lehramt und abends bevorzugt die Kriminalfälle von George Simenons Kommissar Maigret. Michael Kobr ist heute als Realschullehrer tätig und lebt ebenfalls in Memmingen. Die Autoren debütierten 2003 mit Milchgeld (Maximilian Dietrich Verlag) und landeten mit dem ersten Kriminalroman um den sympathischen Kommissar Kluftinger auf Anhieb einen Überraschungserfolg. Danach erschien Erntedank (Maximilian Dietrich Verlag 2004). Kluftingers neuester Fall Seegrund wurde 2006 vom Piper Verlag veröffentlicht.
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Ralf Kramp, geboren 1963 in Euskirchen, lebt und arbeitet als Karikaturist und Autor in der Eifel. Er schrieb zahlreiche Kriminalromane und Storys und ist Herausgeber einiger Krimi-Anthologien. Mit der Kölner ,Agentur Blutspur' veranstaltet er spannende Krimi-Wochenenden in der Eifel. Zuletzt erschien sein Roman Ein kaltes Haus (2004).
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Gabi Neumayer, geboren 1962, lebt seit ihrem Linguistikstudium in Köln. Sie arbeitet als Autorin, Redakteurin und Lektorin und hat bislang einige hundert Artikel, mehrere Kinderbücher, Kurzgeschichten und Ratgeber veröffentlicht. Als Chefredakteurin betreut sie den Autorennewsletter ,The Tempest' von autorenforum.de. Sie ist Mitglied bei den ,Sisters in Crime' und im SYNDIKAT.
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Ingrid Noll, wurde 1935 in Shanghai geboren und studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder. Nachdem die Kinder das Haus verlassen haben, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt sofort zu Bestsellern wurden. Für ihren zweiten Roman Die Häupter meiner Lieben erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis und im Jahr 2005 wurde sie vom SYNDIKAT, der Autorenvereinigung deutschsprachiger Kriminalliteratur mit dem Ehren-Glauser ausgezeichnet. Ihr neuester Roman Ladylike erschien im Frühjahr 2006.
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Michael Rossié lebt und arbeitet als Schauspieler, Coach und Autor in München. Er schrieb unter anderem Drehbücher für die Fernsehserien Bergdoktor, Für alle Fälle Stefanie und In aller Freundschaft sowie das Drehbuch zu Supersingle. Außerdem verfasste er Krimis für Zeitschriften und Anthologien. Im Herbst 2004 ist neben Sprechertraining auch sein Buch Frei sprechen (List Verlag) in der Reihe Journalistische Praxis erschienen
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Kim Småge wurde in Norwegen geboren und lebt heute auf der Insel Aukra im Trondheim-Fjord. Sie arbeitete als Lehrerin, Journalistin und ist weltweit die erste Ausbilderin für sporttauchende Unterwasser-Jäger.
Sabine Thomas wurde bekannt als TV-Moderatorin. Sie hat einen preisgekrönten Roman (Yaizas Insel), zahlreiche Kurzkrimis in Anthologien sowie Starbiografien (Abba, Robbie Williams usw. ) veröffentlicht und schrieb Drehbücher für eine ARD-Krimiserie. Sie lebt in München.
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Leseprobe:
Ein Herz zu Weihnachten von Nina George
„Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz ..." Polizeiobermeister Niklas Brauer sang zwar laut, aber dafür falsch, während er seine Tage bis zum Weihnachtsurlaub auf dem Dienstplan abzählte: Noch zwei Schichten, dann würde ihn die Inspektion 14 im Univiertel Hamburg drei Wochen nicht mehr sehen! „My friends all drive Porsche..." summte er weiter, als die Schwingtür der Inspektion aufflatterte und er SIE zum ersten Mal sah: Ein rosa Hut zur weißen Steppjacke. Wie eine Erdbeerpraline, dachte Brauer und versuchte sich an „Oh happy day..." Sein Kollege Armin Kroger machte „Pschscht!", während SIE sich mit einem Audrey-Hepburn-Blick in der Inspektion der Sedanstraße umschaute und dann den Tresen ansteuerte. Und da standen sie, jeder auf seiner Seite des Lebens und starrten sich an. Brauer starrte und hörte irgendwo ,Moon River' in seinem Kopf. Sie schaute nur und hörte nichts, nicht mal ihr Herz.
„Ich möchte eine Anzeige aufgeben", sagte sie schließlich. „Mir wurde etwas gestohlen.“ Brauer lächelte, bereit für den Dienst an der Bürgerin.
„Und was?", fragte er, „Handtasche? Handy? Halstuch?"
„Nein", sagte sie und ein Trauerschleier legte sich über ihren Blick. „Mein Herz."
„Ihr bitte was?", fragte Brauer.
„Ihr Herz, du Bassgeige", belehrte Polizeiobermeister Kroger seinen musikbegeisterten Kollegen, „Wie in ,You're my heart, you're my soul'!" Er rückte näher heran und wollte Brauer wegdrücken. Der hielt gegen. Zwei aneinander gelehnte Ausrufezeichen, die um sie buhlten.
„Sagen Sie nicht, das sei eine Bagatelle", flüsterte die junge Frau. „Ich brauche mein Herz. Ohne es kann ich nicht lieben." Niklas Brauer, der unerfahrene Schutzmann, sah Hilfe suchend zu Kroger.
„Ist das Sachbeschädigung?", fragte er den älteren Kollegen.
„Nein", knurrte der. „Diebstahl. Paragraph 248a StGB: Diebstahl und Unterschlagung geringwertiger ..." Dann aber sah er in das Gesicht der jungen Frau. Eine Träne rollte über ihre frostgerötete Wange. Das war keine Verwirrte, kein Fall von Weihnachts-Wahnsinn oder Shopping-Stress auf dem Jungfernstieg. Er räusperte sich. „Kennen Sie den Dieb Ihres Herzens?", fragte er stattdessen sanft.
„Oh ja", hauchte sie. „Gut. Viel zu gut. " Sie schob einen Zettel über den Tresen. „Das ist seine Adresse. Bitte... können Sie mir helfen?"
Polizeiobermeister Brauer war traurig - traurig, weil er wusste, wie sich Liebeskummer anfühlte; traurig, weil er den Schmerz in diesen Audrey-Hepburn-Augen sah, die dunkel waren wie Baumkuchenglasur. Jemandem mit diesen Augen das Herz zu stehlen war mehr als Diebstahl. Es war ein Verbrechen, dem er als Polizeiobermeister im Straßendienst chancenlos gegenüberstand.
„Ich befürchte, dafür sind wir nicht zuständig", sagte Brauer bedrückt und hätte dabei so gern ihr Herz gefunden, nur um sie glücklich zu machen, gerade jetzt, zum Fest der Liebe, und weil sie da war und er gern zu ihrem Leben gehört hätte. „Was meinen Sie, warum hat er es Ihnen gestohlen?", fragte er und kam sich indiskret vor.
„Vielleicht, weil er selbst keins hat?", sagte sie schlicht und wandte sich zur Schwingtür. Brauer und Kroger sahen der Frau mit dem rosa Hut nach, als sie aus der Wache schritt. Den Radfahrer mit dem blauroten Rucksack, der ihr draußen wie ein bedrohlicher Schatten folgte, bemerkten sie nicht...
„Lotti! Warte!" Lukas Stein schulterte seinen Rucksack fester, während er sein Rad neben der jungen Frau mit dem rosa Hut her schob. Sein Herz klopfte, aber das lag nicht daran, dass er wie irre in die Pedale getreten hatte, um seine schöne Nachbarin einzuholen. Sondern weil er sich emotional auf einer Stufe mit einem Höhlenmenschen fühlte! Er wohnte seit zwei Jahren neben ihr im Grindelhof gegenüber vom Abatonkino, und hatte mitbekommen, wie ihr das Herz gestohlen wurde. Er kannte den Dieb vom Sehen, hatte ihn auf Anhieb nicht gemocht. Aber was wollte Lotti bei der Polizei? „Hilfe!", schluchzte sie auf seine gestammelte Frage.
„Aber warum fragst du mich nicht?", fragte Lukas, „Wir sind doch Freunde!" Schließlich hatte er neulich auf dem Weinfest am Rathaus eine Bratwurst mit ihr geteilt und einen Riesling. Was für eine Liebeserklärung sollte er ihr denn noch machen? Als sie ihn ansah, spürte Lukas rotierende Dominosteine im Magen. „Und als Freund möchte ich helfen. Ich hole dein Herz zurück. "
Eine verlorene Schneeflocke senkte sich auf Lottis Hut. Sie sah jetzt aus wie ein Weihnachtsengel. Wie eine schillernde Zirkusprinzessin hoch oben auf dem Trapez, zauberhaft und zu schön für diesen feuchtkalten Hamburger Tag, an dem sie jetzt den Schlump-Bahnhof erreichten, wo Busse und die U2 ständig Einkaufstüten mit verfrorenen Weihnachtseinkäufern entließen. Ein Dreier-Damenkränzchen rannte direkt in sie hinein, Lukas musste mit seinem Rad ausweichen.
„Da", jauchzte Lotti plötzlich, „da ist er!" Tatsächlich, da war er, der Kerl, der ihr das Herz gestohlen hatte! Lukas riss sein Rad herum, aber verfing sich mit dem Reifen zwischen Straße und Bordstein! Lotti rannte dem Dieb nach, verlor ihren Hut, eilte zurück und wurde von vier singenden Weihnachtsmännern aufgehalten, während der Herzdieb in den Rachen des U-Bahnhofs verschwand. Lukas fluchte. Sein Rad hing fest. Hinter ihm erhob sich ein riesiger Schatten aus dem Nichts und - hupte. Als er sich umdrehte, sah er den Bus Nummer 4 direkt auf sich zukommen. Das Einzige, was ihm durch den Kopf floss, war nicht sein Leben, sondern nur die Erinnerung an Weihnachten 1979, als seine Mutter mit einem Plastikbaum ankam, und das für praktisch hielt. Mit seinem Trecker war er solange um den Baum gefahren, bis er den Teppich durchgescheuert hatte. Jetzt schloss er die Augen.
Lotti war so blass wie frisch gefallener Schnee, als sie zusah, wie Lukas gemeinsam mit dem ghanaischen Busfahrer sein Rad aus dem Spalt zerrte.
„Na junger Mann, war wohl ein Glühwein zuviel?", fragte ein todschicker Alpinist, an dessen Outfit noch alle Preisschilder hingen, und der ein Foto von dem Malheur schoss. Ein Katastrophentourist, der enttäuscht war, dass kein Blut geflossen war.
„Tut mir Leid, dass wir den Dieb verloren haben", murmelte Lukas. So würde er Lotti nie beeindrucken!
„Zum Glück ist dir nichts passiert", sagte sie, und drückte fest seine Hand. Fühlte sich das gut an... aber da ließ sie ihn schon los: „Komm", sagte sie. „Wir müssen hinterher!" Doch Lukas hielt sie zurück.
……
erstellt am: 23.12.2007
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