Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Der letzte Harem
von Prange, Peter (Deutschland)

Genre:

Roman (historisch)

Stichwörter:

Harem Sultan, Türkei, Revolution

Verlag:

Droemer

ISBN:

978-3-426-19657-1

Format:

gebunden, 576 S.

Erscheinungsjahr:

2007

Preis:

€ (D) 22,90



Buchbesprechung

Schon mit seinen vorangegangenen historischen Romanen hat Peter Prange bewiesen, dass er ein hervorragender Erzähler ist. Spannend verknüpft er Fiktion und sein großes Wissen um historische Fakten und deren Hintergrund. Seine Romane zu lesen ist ein Genuss und ein Gewinn an historischem Wissen. Viele für sich genommen vielleicht trockene geschichtliche Fakten bekommen durch seine „Bearbeitung“ erst ihre Bedeutung und Verständlichkeit für den Leser – eine nicht zu unterschätzende Arbeit, wird doch dadurch auch für das Verständnis der Menschen untereinander heute eine Grundlage geschaffen und manches Vorurteil kann abgebaut werden - bei denen, die seine Romane nicht ausschließlich des reinen Plots wegen lesen.

Inhalt:
Elisa und Fatima sind mehr als Freundinnen - sie sind Schwestern. Schon als Kinder hat ihr Schicksal sie zusammengeführt, dabei könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Fatima ist so schön, dass sogar die Pfauen im Garten des Harems bei ihrem Anblick ein Rad schlagen. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als eines Tages das Lager des Sultans teilen zu können. Die eigenwillige Armenierin Elisa hingegen setzt sich immer wieder über die strengen Regeln des Serails hinweg - am liebsten würde sie die Palastmauern hinter sich lassen und die wahre Liebe finden. Mehr als einmal sorgt ihr Temperament für Streit, doch erst als die alte Ordnung zerbricht, wird die Beziehung der beiden Frauen wirklich auf die Probe gestellt. Kann ihre Freundschaft die Stürme der Zeit überstehen?
Es ist die Geburtsstunde der modernen Türkei, Revolution und Krieg überziehen das Land. Sultan Abdülhamid wird ins Exil verbannt, sein Harem aufgelöst. Hunderte Frauen bleiben schutzlos zurück, auch Fatima und Elisa. Im ganzen Land sucht die neue Regierung nach den Angehörigen der Haremsdamen, doch für Elisa und Fatima findet sich niemand. Auf sich allein gestellt, müssen die beiden lernen, sich in einer fremden Wirklichkeit zu behaupten. Die einst sorgsam vor der Welt verborgenen, bewunderten Geschöpfe werden nun neugierig begafft - nichts ist mehr, wie es einmal war. Was ist ihr Kismet, das Schicksal, das ihnen vorherbestimmt ist?
Da treten zwei ungewöhnliche Männer in ihr Leben: Felix, ein Arzt aus dem fernen Deutschland, und Taifun, ein Offizier der neuen Regierung. Gelingt es der Liebe, eine Brücke zu bauen zwischen Orient und Okzident, zwischen Vergangenheit und Zukunft? Doch während das Land in Flammen aufgeht, droht ausgerechnet die Liebe den einzigen Halt zu zerstören, der den beiden Frauen geblieben ist: ihre Freundschaft.


Der Autor:
Peter Prange
, geboren 1955, promovierte mit einer Arbeit zur Philosophie und Sittengeschichte der Aufklärung. Nach seinem Durchbruch mit dem deutschdeutschen Roman Das Bernstein-Amulett (als Zweiteiler für die ARD verfilmt) hat er sich auch international einen Namen gemacht. Seine historischen Romane Die Principessa, Die Philosophin und Die Rebellin (Weltenbauer-Trilogie) standen monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Sein Buch Werte, ein brillanter Wertekanon abendländischer Geistesgeschichte, diente u. a. Bundeskanzlerin Merkel zur Begründung ihrer Europavision.
Peter Prange lebt als freier Schriftsteller in Tübingen.
Die Homepage des Autors: www.peter-prange.de


Mehr über den Autor in Wikipedia

Alle Veröffentlichungen des Autors/der Autorin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Wie ein riesiger Stern, der vom Himmel herabgefallen war, erstreckte sich Konstantinopel, die Hauptstadt des Osmanischen Reichs, über die sieben Hügel diesseits und jenseits des Bosporus, um hier, im Zentrum jahrhundertealter Macht, wo zwei Weltmeere zusammenströmten, die Kontinente Asien und Europa miteinander zu verbinden. Und wie ein Abbild dieses Sterns erhob sich, an grün bewaldeten Hängen über den funkelnden, ewig strömenden Gewässern, die tausend und ein Geheimnis in den Fluten wahrten, der Yildiz-Palast mit seinen kunstvoll ineinander verschachtelten Gärten und Gebäuden, eine weiße Stadt in der Stadt, in dreifachem Kreise von hohen Mauern umgeben, an denen jedes irdische Wägen und Meinen zunichte wurde. Hier residierte, durch fünftausend Wachen von seinen Untertanen abgeschirmt, der allmächtige Kaiser der Osmanen, Abdülhamid II., »der Schatten Gottes auf Erden, Sultan der Sultane, Beherrscher der Gläubigen, Herr zweier Erdteile und zweier Meere, Schutzherr der heiligen Städte« - das letzte Rätsel des Orients.
Der Mittag nahte, und mit flimmerndem Glast brannte die Sommersonne auf die Stadt herab, verwandelte das Blei der Kuppeln in Bronze, das Laub der Zypressen in Silber und übergoss die Moscheen und Paläste mit dem Gold von Byzanz. Angetan mit seinen prächtigsten Festtagsgewändern, durchschritt Abdülhamid das lebende Spalier, das die Frauen und Konkubinen seines Harems im Garten von Yildiz bildeten, und warf ihnen mit beiden Händen Goldstücke zu, die sie von den Kieswegen auflasen und dabei den Boden küssten, den seine Füße berührten. Seit einer Woche schon feierte man das Jahresfest seiner Thronbesteigung, ausgerichtet von der Sultan Valide, der Ziehmutter des Sultans und obersten Herrin des Serails, die keine Stunde verstreichen ließ, ohne ihrem Ziehsohn und Gebieter eine neue Freude zu bereiten, so dass das »Haus der Glückseligkeit«, wie der kaiserliche Harem bei seinen Bewohnerinnen hieß, von morgens bis abends vom Lachen der Frauen widerhallte. Nur Elisa, eine kleine, unscheinbare, gerade achtzehn Jahre alte Sklavin, ein Nichts in dem unüberschaubar großen Getriebe, hielt sich abseits von den Feierlichkeiten. In der Haremshierarchie, die sich in Dutzende unterschiedlich privilegierter Kreise und Stände gliederte - angefangen vom Hofstaat des Sultans und seiner Ziehmutter über den seiner vier rechtmäßigen Ehefrauen sowie seiner Favoritinnen bis hinunter zu den Odalisken und Gözdes, jener Unzahl weiblicher Wesen, denen der Sultan bereits beigewohnt oder auf die er ein Auge geworfen hatte -, war sie auf der alleruntersten Sprosse der Leiter angesiedelt. Sie war nicht mehr als eine gesichts- und namenlose Dienerin, die von der Büyük Kalfa, der für die Ordnung und Disziplin zuständigen Oberaufseherin, zu beliebigen Arbeiten eingesetzt wurde und samstags, wenn die Sklavinnen das »Pantoffelgeld« ausgezahlt bekamen, den wöchentlichen Lohn für ihre Dienste im Harem, sich stets mit der geringsten Summe begnügen musste. Wie jede freie Minute, die sie erübrigen konnte, war Elisa in die Menagerie verschwunden, sobald die Büyük Kalfa dreimal in die Hände geklatscht hatte, um den Putzdienst zu beenden. Das Gehege war ein kleiner zoologischer Garten mit wilden Tieren aus allen Gegenden des Reiches, mit Löwen und Tigern und Elefanten, und befand sich auf einer Insel inmitten eines von Seerosen bewachsenen Teiches, der in seiner äußeren Gestalt dem Schriftzug des Sultans nachgebildet war - Zeichen seiner Macht und Allgegenwart, die Allah ihm verliehen hatte.
»Wirst du denn heute gar nicht satt?«
In der spätsommerlichen Stille, die in diesem Teil des Parks nur vom Zwitschern und Singen der Vögel aus den goldenen Volieren gestört wurde, fütterte Elisa ihr Lieblingstier, eine Giraffe. Mit der Zunge nahm das Tier den Akazienzweig aus ihrer Hand und führte ihn sich ins Maul, um vorsichtig die Blätter mit den Lippen abzustreifen. Elisa musste jedes Mal staunen, dass die dornigen Zweige weder die rosafarbene Zunge noch die samtenen Lippen verletzten.
»Ach, wenn ich nur sehen könnte, was du gerade siehst«, seufzte Elisa, als die Giraffe den Hals wieder in die Höhe reckte, um über die Haremsmauer zu schauen. »Bitte, verrat es mir! Was passiert drüben in den Straßen und Gassen? Was für Menschen leben dort? Tragen die Frauen genauso schöne Kleider wie wir? Lachen oder weinen sie? Haben die Blumen und Bäume dort andere Farben als hier?«
Nach jeder Frage schaute sie zu der Giraffe auf, um aus den malmenden Bewegungen der Kiefer eine Antwort abzulesen. Stundenlang konnte Elisa dieses Spiel spielen. Die Giraffe lieh ihr die Augen, um zu sehen, was ihren eigenen Augen verborgen blieb. Mit ihrer Hilfe malte sie sich das Leben auf der anderen Seite der Umschließung aus, ein Leben, das sie selbst nie kennengelernt hatte. Wie alle Frauen und Mädchen des Harems glaubte Elisa zwar auch, dass das Leben im Haus der Glückseligkeit tausendmal schöner war als irgendwo da draußen - aber konnte man es wirklich wissen? Sie würde es so gerne selber erfahren, einfach nur, um es mit eigenen Augen zu sehen, statt sich auf die Schilderungen der Eunuchen verlassen zu müssen, ihrer einzigen regelmäßigen Verbindung zur Außenwelt. In fünf Jahren, so hoffte Elisa, würde sie wissen, wie das Leben auf der anderen Seite der Mauer aussah. Seit vier Jahren arbeitete sie bereits im Haus der Glückseligkeit, und nach neun Jahren wurden die meisten Sklavinnen frei gelassen - vorausgesetzt, sie empfingen kein Kind von ihrem Gebieter. Doch dass sie, Elisa die Armenierin, das unscheinbarste aller Haremsgeschöpfe, vom »Sultan der Sultane« schwanger würde, war so unwahrscheinlich wie die Aussicht, dass die Sonne in den Bosporus fiel.
»Kannst du ihn schon sehen?«, fragte Elisa.
Die Giraffe schaute nur hochmütig auf sie herab. »Du weißt ganz genau, wen ich meine«, schimpfte sie. Dabei konnte Elisa selber nicht sagen, wen sie meinte. Sie hatte das Gesicht des Menschen, nach dem sie fragte, noch nie gesehen, sie wusste nicht einmal, ob es einem Mann oder einer Frau gehörte. Es waren nur ein paar Töne, die sie von diesem Menschen kannte, eine kleine, wunderschöne Melodie. Aber diese Töne bedeuteten ihr Leben. Das Leben, das sie später einmal führen würde, auf der anderen Seite der Haremsmauer. Sie gab der Giraffe noch einen Akazienzweig. »Nun sag endlich - siehst du ihn?«
Aber bevor das Tier den Kopf heben konnte, erscholl vom Turm des Hauptgebäudes die Fanfare, die die Frauen zum Freitagsempfang rief.


erstellt am: 16.12.2007

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