Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Die Stadt im Westen

»Ich habe zu kurz gelebt«
von Czernin, Monika (Österreich)

Genre:

Roman-Biographie

Stichwörter:

Donaumonarchie, 1. Weltkrieg, Russland, Rotes Kreuz,, sibirische Gefangenenlager

Verlag:

List

ISBN:

978-3-548-60700-9

Format:

kartoniert , 500 S.

Erscheinungsjahr:

2005 (TB 2007)

Preis:

€ (D) 9,95 / € (A) 10,30 / sFr 18,90



Buchbesprechung

Monika Czernin schreibt hier in romanhafter Form die Biografie ihrer Urgroßtante Nora Gräfin Kinsky.
Gräfin Kinsky gehört zu den wenigen emanzipierten Frauen des beginnenden 20. Jahrhunderts, die sich ohn Ansehen der Person sozial engagierte und gegen die Männerwelt „ihre Frau“ standen. Manchmal obwohl und manchmal weil sie von Adel war gelang es ihr sich durchzusetzen.
Dieses Buch ist eine spannend geschriebene Biografie einer spannenden Frau, darüber hinaus ein wichtiges Zeitdokument mit Informationen, die in der „offiziellen“ Geschichtsschreibung kaum auftauchen.
Das Leben der Gräfin Kinsky wurde von 3sat auf der Grundlage dieses Buches auch als Dokumentarfilm herausgebracht; Monika Czernin hat dafür das Drehbuch geschrieben.
Ein spannendes, höchst informatives und überaus lesenswertes Buch.


Inhalt:
Nora Gräfin Kinsky, 1888 geboren, wächst in den letzten Jahren des Habsburgerreiches in Böhmen auf und wird gemeinsam mit ihren Geschwistern noch ganz in der Tradition der k. u. k. Hocharistokratie erzogen. Die Familie erwartet, dass Nora ihren gebührenden Platz in der Gesellschaft einnimmt, doch die junge Frau entwickelt eigene Vorstellungen von ihrem künftigen Leben. Sie weigert sich, einen ihrer zahlreichen Verehrer zu heiraten und orientiert sich stattdessen an ihrer Tante, der Friedenskämpferin Bertha von Suttner. Französisch, Deutsch, Ungarisch und Tschechisch spricht Nora schon als Kind, nun lernt sie noch sechs weitere Fremdsprachen, darunter Russisch und Türkisch, interessiert sich für Literatur und Geschichte und lässt sich zur Krankenschwester ausbilden. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, gründet sie ein Lazarett. 1916 bricht Nora als Rotkreuzschwester nach Sibirien auf, um in den Kriegsgefangenenlagern Menschenrechtsverstöße aufzudecken. Es wird eine Reise durch Krieg und Revolution - eine Reise in ein neues Leben.

Die Autorin:
Monika Czernin
, 1965 in Klagenfurt geboren, studierte Pädagogik, Philosophie und Politikwissenschaften. Sie arbeitet als freie Autorin und Dokumentarfilmerin und hat mehrere Sachbücher veröffentlicht. Sie lebt mit ihrer Tochter in der Nähe von München.

Mehr über die Autorin in Wikipedia

Alle Veröffentlichungen der Autorin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Bald würden sie Krasnojarsk erreichen, die Hauptstadt des Gouvernements Jenissei, benannt nach dem großen sibirischen Strom, der das West- und das Ostsibirische Tiefland voneinander trennt. Seit sechs Tagen waren sie nun unterwegs, Tag und Nacht begleitete sie das eintönige Rattern des Zuges, noch sechs Tage würden sie brauchen bis an ihr Ziel, die Stadt Nikolsk nordwestlich von Wladiwostok, über 6000 Kilometer von Petersburg entfernt. Dort würden sie mit der Arbeit beginnen, den ganzen Winter lang würden sie von Lager zu Lager reisen, bis sie schließlich nach fünf Monaten in einem Bogen zurück nach Omsk, ins westliche Sibirien, kamen. Dazwischen sollte Nora sechzehn Kriegsgefangenenlager und zehn Arbeitscamps besuchen, mit insgesamt über 30.000 Insassen, sie würde die unterschiedlichsten Probleme zu bekämpfen haben und selbst an den Rand ihrer Belastbarkeit geraten, bei minus 40 Grad Kälte und nichts als die endlose weiße Winterlandschaft Sibiriens um sich. In Omsk schließlich würden die ersten Frühlingsstrahlen die eisige Luft erwärmen, und Nora würde ihren Bruder Wiedersehen.
»Waren Sie schon einmal in Sibirien?«, fragte Nora Otto Vogler beim Frühstück Er war vom dänischen Roten Kreuz, und in Noras Augen hatte er etwas von einem guten Kammerdiener, treu, aber ohne Phantasie und Selbstinitiative.
»Nein. Und Sie, Gräfin?«
»Nein. «
So ging es nun seit Tagen. Über zwei artige, aber belanglose Sätze kamen die beiden nicht hinaus. Und immer, wenn die Stille zu zerspringen drohte, ging die Tür auf und das dritte Mitglied der kleinen Delegation, Noras russischer Begleiter Boris Georgiewitsch Kotschakidse, kam herein. Er grüßte Vogler auf Französisch und küsste anschließend Nora die Hand.
»Dobroje utro, guten Morgen, Sie haben hoffentlich gut geschlafen«, sagte er so formvollendet wie undurchsichtig, und während er sich wieder aufrichtete, sprühten seine dunklen Augen herausfordernd und seine Lippen verzogen sich zu einem vielsagenden Lachen. Nora verwirrte diese Geste, jedes Mal stockte ihr der Atem, spürte sie ein Kribbeln den Rücken hinunterlaufen. Unter dem Deckmantel seiner guten Erziehung vibrierte etwas, seine Augen fügten sich nicht der konventionellen Geste und verrieten ihn. Kotschakidse war Nora anstelle von Paul Lieven zugeteilt worden. Er ist klein, hat ein Gesicht wie ein Raubvogel und eine Nase, die eine Stunde vor ihm ins Zimmer kommt, hatte Nora nach ihrem ersten Treffen aufgeschrieben und sich vorgenommen, den nur wenige Jahre älteren georgischen Fürsten zu ignorieren, ihn dafür zu bestrafen, dass er, wenn auch ohne eigenes Verschulden, seinen baltischen Standesgenossen Paul Lieven verdrängt hatte, der sie ursprünglich hätte begleiten sollen. Sie ärgerte sich auch, dass jedes Mal der Georgier bei der morgendlichen Begrüßung Regie führte. Wieso nur, dachte Nora, hat diese nichtssagende Karikatur eines Mannes die Aufgabe übertragen bekommen, mich durch Sibirien zu begleiten. Nichtssagend!, wiederholte sie mehrmals, obwohl sie diese Zuschreibung, kaum dass sie ihr in den Kopf geschossen war, auch schon nicht mehr glaubte. Gut, nichtssagend sieht er nicht aus, er spricht fließend Französisch, und er stammt aus Mingrelien, aber trotzdem werde ich ihm die kalte Schulter zeigen, eiskalt, wenn's sein muss. Mingrelien. Aus der Märchen- und Jungmädchensehnsucht war etwas Greifbares geworden, und wie immer, wenn Träume plötzlich zu einer reellen Möglichkeit werden, wirkt die Sehnsucht verwirrend profan. Nora trauerte Paul Lieven nach, zu dem sie während der zwei Monate in St. Petersburg Vertrauen gefasst hatte. Es war schmerzlich, diesen gerade erst entstandenen schmalen Weg einer sich anbahnenden Freundschaft wieder verlassen zu müssen, noch dazu in Zeiten des Krieges und in diesem unsagbar großen, fremden Land. Sie war allein, jeder Tag brachte sie ein Stück weg von der ihr bekannten Welt, und jeder nächtliche Traum spielte mit ihren Gefühlen zwischen ängstlicher Ungewissheit und neugieriger Erwartung.


erstellt am: 16.12.2007

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