Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Die Stadt im Westen

Sammlung der Leidenschaften
von Sniadanko, Natalka <übersetzt von Lutter, Anja> (Ukraine)

Genre:

Roman

Stichwörter:

Lemberg, Freiburg, Heidelberg, Ukraine

Verlag:

dtv

ISBN:

978-3-423-24633-0

Format:

kartoniert, 240 S.

Erscheinungsjahr:

2007

Preis:

€ (D) 14,00 / € (A) 14,40 / sFr 24,40



Buchbesprechung

Eine erfrischende Art, mit der uns Natalka Sniadanka mit den Problemen und Problemchen der ukrainischen Neuzeit vertraut macht. Es sind, wie nicht anders zu erwarten, zwischenmenschliche „Ereignisse“, an denen das viele Nichtwissen ob Mentalität und Geschichte deutlich wird. Virtuos und spielerisch macht sie sich dabei über Klischees von Nationalitäten, Kulturen und – selbstredend – Geschlechtern lustig.
Ein beeindruckendes „Erstlingswerk“.

Seien wir doch einmal ehrlich. Wer von uns hat schon mehr als eine etwas dubiose Ahnung von der Geschichte der Ukraine. Es wird zwar davon gesprochen, dass die Westukraine politisch stark in die EU drängt, die meisten denken aber, denen geht‘s ums Geld; was historisch dahintersteht, wissen die wenigsten. Uns geht es doch meist wie dem unten in der Leseprobe gezeigten Zöllner.
Zur Geschichte der Ukraine Wikipedia.
Jetzt wissen wir warum Natalka Sniadanka aus „Lemberg“ stammt.


Inhalt:
Olessja ist eine intelligente und selbstbewusste junge Frau. Von frühester Jugend an macht sie sich ihre Gedanken über Leben, Liebe, Leidenschaften und beschließt, der Übersicht halber eine „Sammlung der Leidenschaften“ anzulegen - eine amüsante Studie der heutigen ukrainischen Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung des männlichen Teils.
Es beginnt in Lemberg Ende der achtziger Jahre. Olessja verknallt sich ausgerechnet in den uncoolen Mitschüler und Bücherwurm Tolja, der ihre glühende Liebe allerdings nicht erwidert. Eine schmachvolle Niederlage! Doch Olessja gibt nicht auf. Sie versucht es mit den verschiedensten Typen, die ihr nicht nur Liebes-, sondern auch Studienobjekt sind und daher dem staunenden Leser tiefe Einblicke in die ukrainische Männerwelt verschaffen.
In Baden-Baden, wo sie eine Stelle als Au-pair-Mädchen gefunden hat, setzt Olessja ihre Männerstudien fort und bekommt es nicht nur mit deutschen Gutmenschen, sondern auch mit italienischen Machos zu tun...


Die Autorin:
Natalka Sniadanko
wurde 1973 in Lwow/Lwiw geboren. Nach einem Studium der Ukrainistik in Lemberg und der Slawistik und Romanistik in Freiburg i. Br. kehrte sie 1998 nach Lemberg zurück, wo sie seither als Journalistin, Übersetzerin und Autorin arbeitet. Sie publizierte Artikel u. a. in der »Süddeutschen Zeitung«, in »Du« und der »Gazeta Wyborcza«. Sie hat Werke von Zbigniew Herbert, Czestaw Mifosz, OlgaTokarczuk, Franz Kafka, Max Goldt, Friedrich Dürrenmatt, Monika Maron und Feridun Zaimoglu ins Ukrainische übersetzt.

Alle Veröffentlichungen der Autorin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Der magische Klang des Namens Baden-Baden
Wer von uns selbstbewussten und grenzenlos naiven jungen Menschen hat nicht davon geträumt, unter der Pariser Mirabeau-Brücke, dem Londoner Tower oder wenigstens den Ruinen der Berliner Mauer zu sterben? Wer hat sich nicht als verkanntes und unbehaustes Genie gefühlt, als Abkömmling der für den statistischen Durchschnittseuropäer geradezu mythischen Region der Westukraine? Wen dürstete es nicht danach, auf einem Triumphwagen mit großer Entourage, eskortiert von einem mehrköpfigen Ehrengeleit sowie wunderschönen Konkubinen beziehungsweise Lustknaben und unter dem Applaus des begeisterten Publikums nach Europa einzufahren, oder wenigstens in einem gewöhnlichen Reisebus mit einem glänzenden Schengen-Visum im Pass die Grenze zu überqueren? Alle haben wir davon geträumt.
Und alle haben wir davon geträumt, dass man uns kennen würde in der Welt, und dass die Menschen bei dem Wort »Ukraine« nicht nur bekümmert »Ja, ja, Tschernobyl« nicken, sondern ein freudiges »Beautiful, Galicia!« anstimmen würden. Einem Bekannten von mir, der auch davon träumte, war sogar einmal ein Erlebnis dieser Art zuteil geworden, als ein Zollbeamter an der französischen Grenze, nachdem er sich höflich nach dem Ziel der Reise erkundigt hatte, erfreut nickte: »Oui, oui, la Galice«, worauf er in gebrochenem Spanisch nachfragte, warum der Reisende nicht in die andere Richtung fahre. Als mein Bekannter begriff, welches »Galice« der Zollbeamte meinte, wechselte er ebenfalls in gebrochenes Spanisch, wurde, auf die Gefahr hin, den Mann zu verprellen, die Grenze nicht passieren zu können und für immer im Land der ungebildeten Franken bleiben zu müssen, fuchsteufelswild und wünschte den ignoranten Grenzer zur Hölle. Der Zöllner war durch dieses Benehmen meines Bekannten eher entmutigt als verärgert, und so ging alles glimpflich aus.
Aber zurück zu Baden-Baden. Dieser Stadt, deren Name einen in eine warme, duftende Badewanne eintauchen und alle Probleme der Welt vergessen lässt, der, wenn nicht Vertrauen, so doch zumindest Versuchung ausstrahlt. Schulunterricht und touristische Werbebroschüren hatten bei mir die Vorstellung von einem geradezu unwirklichen Fleckchen Erde hinterlassen, ein Bild von luftigen weißen Kurhäusern, den berühmten römischen Bädern, Straßen voller immergrüner Bäume, Cadillacs und gelangweilten Millionären.
Und dann das berüchtigte Casino, wo Fjodor Michailowitsch Dostojewski persönlich beträchtliche Summen verspielt und Iwan Sergejewitsch Turgenjew persönlich aus reiner Herzensgüte diese Schulden beglichen hat.
Ich war gespannt, wie das alles in Wirklichkeit aussehen würde.


erstellt am: 09.12.2007

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