Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Die schwarzen Wasser der Seine
von Vargas, Fred <übersetzt von: Schefffel, Tobias und Schoch Julia> (Frankreich)

Genre:

Kriminalgeschichten

Stichwörter:

Kommissar Adamsberg

Verlag:

Aufbau

ISBN:

978-3-7466-2350-4

Format:

kartoniert, 147 S.

Erscheinungsjahr:

französisch 2002, deutsch 2007

Preis:

€ (D) 8,95 € / sFr 17,70



Buchbesprechung

Fred Vargas ist unzweifelhaft eine Meisterin der Erzählung.
Mit feinster, genauer psychologischer Beobachtungsgabe, mit Humor und auch Hintergründigkeit, die auch ihre Romane auszeichnen, macht sie aus ihren Erzählungen kleine kriminalistische Perlen.
Ein belletristischer und spannender Genuss.


Inhalt:
Kommissar Adamsberg ermittelt in drei Fällen :
In »Salut et liberté« bekommt er anonyme Briefe, in denen er verspottet wird und zuletzt gar mit einem Mord geprahlt wird, den die Polizei als Unfall kürzlich zu den Akten gelegt hat.
In »Die Nacht der Barbaren« stürzt ausgerechnet zu Weihnachten eine Frau in die Seine – Unfall oder Selbstmord – und ein zur Ausnüchterung eingelieferter „Irrer“, der unentwegt einen Bügel für seine Kleidung verlangt, bringt Adams, nachdem er endlich seinen Bügel bekommen hat, auf die richtige Spur.
Für »Fünf Franc das Stück« verkauft ein Penner vergammelte Schwämme, die er in einem verlassenen Hangar gefunden hat, aus seinem Einkaufswagen. Als er sieht wie eine Frau zusammengeschossen wird, soll nun ausgerechnet er den „geliebten“ Bullen helfen.


Die Autorin:
Fred Vargas
ist das Pseudonym der 1957 in Paris geborenen Archäologin und seit 1994 Schriftstellerin Frédérique Audoin-Rouzeau. Sie lebt heute im Pariser Viertel Montparnasse.
Ihre Romane werden in 30 Sprachen übersetzt.
2004 erhielt die Autorin den Deutschen Krimipreis für »Fliehe weit und schnell«. 2005 stand sie mit »Der vierzehnte Stein« auf Platz 1 der Bestenliste von KrimiWelt.
Ihr Kriminalroman »Die dritte Jungrau« stand monatelang auf den deutschen Bestsellerlisten.


Mehr über die Autorin in Wikipedia

Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Die dritte Jungfrau
Bei Einbruch der Nacht
Das Orakel von Port-Nicolas
Fliehe weit und schnell

Alle Veröffentlichungen der Autorin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Der alte Vasco hatte sich auf einer Bank gegenüber dem Kommissariat des 5. Arrondissements von Paris breitgemacht und spuckte Olivenkerne. Fünf Punkte, wenn er den Sockel der Straßenlaterne traf. Er hielt Ausschau nach einem großen blonden Polizisten mit schlaffem Körper, der jeden Morgen gegen halb zehn aus dem Kommissariat kam und mit mürrischem Gesicht ein Geldstück auf die Bank legte. Im Augenblick war der Alte, Schneider von Beruf, wirklich abgebrannt. Den Virtuosen der Nadel, so erklärte er jedem, der es hören wollte, läute das Totenglöckchen. Der Maßanzug liege im Sterben.
Der Kern flog zwei Zentimeter an dem Metallsockel vorbei. Vasco seufzte und nahm ein paar Schlucke aus einer Literflasche Bier. Es war Juli, es war heiß, und schon ab neun Uhr hatte man Durst, von den Oliven ganz zu schweigen.
In den gut drei Wochen, die der alte Vasco nun jeden Morgen außer sonntags auf dieser Bank saß, hatte er schon eine ganze Reihe von Gesichtern in dem Kommissariat geortet. Das war ein schöner Zeitvertreib, erheblich besser als gedacht; verrückt, was diese Leute da drin für einen Wirbel veranstalteten. Wozu auch immer, das konnte man sich fragen. Jedenfalls waren sie von morgens bis abends ständig in Bewegung, jeder auf seine Weise. Mit Ausnahme des kleinen Dunkelhaarigen, des Kommissars, der sich immer sehr langsam fortbewegte, so als befände er sich unter Wasser. Mehrmals am Tag kam er raus, um zu laufen. Der alte Vasco erzählte ihm kurz was und sah ihm dann nach, wie er sich die Straße entlang leicht schlingernd entfernte, wie ein Schiff, die Hände in den Taschen einer zerknitterten Hose. Dieser Typ bügelte seine Sachen nicht.
Der große blonde Bulle kam gegen zehn Uhr die drei Stufen vor dem Eingang herunter, einen Finger an die Stirn gepreßt. Er war heute morgen spät dran, entweder hatte er Kopfschmerzen, oder das Kommissariat hatte einen dicken Fall abbekommen. So was konnte ja mal passieren, wenn man es sich recht überlegte, wo sie dort immer so viel Wirbel veranstalteten. Mit ausholenden Gesten deutete Vasco auf seine erloschene Zigarette. Aber der Lieutenant Adrien Danglard schien es nicht eilig zu haben, die Straße zu überqueren, um ihm Feuer zu geben. Er starrte einen großen hölzernen Kleiderständer neben der Bank an, über dem tadellos ein schmutziges Jackett hing.
»Ist es das hier, was dir gegen den Strich geht, Bruder?«, fragte der alte Vasco und deutete auf den Kleiderständer.
»Was hast du da für einen Mist auf die Straße gestellt?«, rief Danglard und kam herüber.
»Zu deiner Information, dieser Mist nennt sich Stummer Diener und dient dazu, den Anzug aufzuhängen, ohne dass er knittert. Was, hat man dir bei der Polizei eigentlich beigebracht? Schau her, über diese Stange hängst du die Hose, und hierüber hängst du vorsichtig das Jackett. «
»Hast du vor, das auf dem Bürgersteig stehenzulassen?«
»Nein, Monsieur. Ich habe ihn gestern bei den Mülltonnen in der Rue de la Grande-Chaumiere gefunden. Nachher werde ich ihn mit nach Hause nehmen, und morgen bringe ich ihn wieder mit. Und so weiter. «
»Und so weiter?«, rief Danglard. »Wozu, um Gottes willen?«
»Um meinen Anzug aufzuhängen. Wozu sonst?«
»Musst du den mitten auf der Straße aufhängen?«
»Einen Anzug kann man nicht genug pflegen. «
Danglard warf einen Blick auf das abgenutzte Jackett des alten Mannes.
»Na und?«, fragte der Alte. »Ich mache eine schwere Zeit durch. Das Jackett stammt von einem der besten Schneider Londons. Willst du das Etikett sehen?«
»Dein Etikett hast du mir schon mal gezeigt. «
»Von einem der besten Schneider, sag ich dir. Und du wirst sehen, was ich aus einem schönen Stoffrest eines Tages für ein Futter dazu nähen werde. Du wirst mich noch anflehen um meinen englischen Anzug. Man sieht dir an, dass du elegante Kleidung magst. Du bist ein Mann mit Geschmack. «
»Du kannst das Ding nicht hierlassen. Das ist verboten. «
»Es stört doch keinen. Fang nicht an, den Bullen zu spielen, ich werd nicht gern gegängelt. «
Danglard hasste es, in Schubladen gesteckt zu werden. Außerdem tat ihm der Schädel weh.
»Du nimmst jetzt deinen stummen Diener da weg«, sagte er bestimmt.
»Nein. Er ist mein Eigentum. Er ist meine Würde. Die kann man einem Menschen nicht nehmen. «
»Scher dich zum Teufel!«, erwiderte Danglard und wandte sich um.
Der Alte kratzte sich am Kopf, während er ihm nachsah. Heute Vormittag würde er kein Geld bekommen. Seinen Diener wegwerfen? Einen solchen Fund? Das kam gar nicht in Frage. Denn er leistete gute Arbeit. Und vor allem leistete er Gesellschaft. Es stimmte, Vasco langweilte sich unglaublich, so jeden Tag auf dieser Bank. Der blonde Bulle machte nicht den Eindruck, das alles verstehen zu wollen.
Der alte Vasco zuckte mit den Schultern, nahm ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen. Unnötig, auf den kleinen dunkelhaarigen Kommissar zu warten. Wie gewöhnlich war er bereits in aller Frühe gekommen. Man konnte seinen Schatten hinter dem Fenster seines Büros hin und her gehen sehen. Der Typ lief viel, lächelte häufig, redete gerne, schien aber nicht viele Geldstücke in der Tasche zu haben.


erstellt am: 06.12.07

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