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Der Sturzflug des Falken
von Jewsejew, Boris <übersetzt von: Petters, Johanna und Umbreit, Hannelore> (Russland)
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Genre: |
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Erzählungen |
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Stichwörter: |
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Russland |
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Verlag: |
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Pereprava |
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ISBN: |
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3-9501769-2-6 |
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Format: |
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gebunden, 220 S. |
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Erscheinungsjahr: |
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deutsch 2004 |
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Preis: |
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€ (D) 19,90 / € (A) 20,50 / sFr 36,00 |
Buchbesprechung Das Beste, was ich seit langem gelesen habe!
Ich erspare mir, all die Superlative – wie: kraftvoll und doch feinfühlig, fabelhaft im doppelten Sinn des Wortes, voll von Ideen, Fantasie und Kreativität, und und und –, und schließe mich dem Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften Pjotr Nikolajew an:
„Die große russische Literatur kehrt zurück.“
Und besser als Boris Jewsejew selbst kann man Aufgabe und Sinn der russischen Erzählung – und Jewsejews Erzählkunst – nicht beschreiben, daher zitiere ich hier

Kapitel 24 aus »Der Sturzflug des Falken«:
„Die Flügel des Wanderfalken, sein Benehmen, der Glanz seiner Augen, seine Neigung während des Fluges, seine Krallen und sein Schnabel - das alles ist an sich schon eine Erzählung über das Leben, eine russische Erzählung, eine Powest. Und wenn die Flügel pfeifen, wenn ein bräunlich-weißes Federchen zu Boden fällt, dann fügen sich die kleinen und großen Teile dieser Erzählung, dieser Powest von selbst zusammen, werden zu einem Ganzen zusammengenäht. Weil auch das Leben der russischen Natur eine solche Erzählung ist! Es hat Ähnlichkeit mit – dem Falken, mit seinem Fliegen und seinem Sturzflug...
Bald entflog dieser Gedanke dem Jäger, bald kehrte er wieder zu ihm zurück. Etwas Seltsames, Ungewöhnliches, etwas, das überhaupt nicht zum Beruf des Jägers passte, wirbelte durch seinen Kopf, pfiff wie der Wind, wurde zu Wörtern und hörte wieder auf Wörter zu sein.
Powest – das heißt auch führen, schwingen, so wie der Fechter den Säbel oder der Vogel die Flügel schwingt. Die Powest! Diese russische Erzählung! Das ist für uns doch treffender und besser als jeder Roman, das ist uns verwandter als Berge von Legenden. Die Powest: Dunkelblau ist sie und grün mit etwas Gold und einem Streifen Blut auf der Brust wie ein der Kugel entkommener Erpel. Kurz ist sie wie ein Sommerregen, der schon im Fallen verdampft. Süß geneigt wie die Kehre des Falken am Himmel, und schnell wie sein Sturzflug auf ein lange gesuchtes, geliebtes Ziel. Über eine solche Prosa kann man niemanden in Kenntnis setzen. Man kann sie nicht ankündigen. Zu berechnen ist sie nur, wie man die Menge eines Klanges oder das Blau des Wassers berechnen kann. Zu berechnen ist sie nur, wie man die Geschwindigkeit berechnen kann, mit der die Luftkristalle durch die Flügel des Falken strömen.
Aber auch wegzudenken ist die Powest aus dem russischen Menschen, aus Russland selbst, nur gemeinsam mit den Waldaihöhen, mit den durchscheinenden Gräsern des Südens, mit den am Morgen dampfenden Grabhügeln. Wegzudenken ist sie nur mit dem gedehnten Gesang des Sandes in den Steppen des Südens, mit dem hohlen Gebell der Füchse auf rieselnden Flussdünen, mit dem unklaren morgendlichen Husten der mittelrussischen Kleinstädte, die entweder an galoppierender Schwindsucht leiden oder, im Gegenteil, nach ihrer Genesung ein langes und erfülltes Leben haben werden.
Ja, so ist es! Aus uns wegzudenken ist diese spezielle Form der Erzählung nur gemeinsam mit dem Wasser, das über die weiblichen, kurvigen Körper der Hügel fließt; über die Brüste der glatten Findlinge; über Birkenhüften und Vertiefungen zwischen Birkenbeinen; über die leicht gespreizten schwarzen Zehen der Wurzeln. Die Powest ist schließlich nur gemeinsam mit der Wolga wegzudenken: der Wolga mit ihren Winden, die ganze Schiffszüge mitten im Fluss umherwirbeln, mit ihren in den Ohren rauschenden und wie Nadeln im Blut stehenden Untiefen, mit ihren Windhosen, die toben, als würden Wassergeist und Riese im Liebesakt verschmelzen, mit ihren Herbstansichten, die einst reichen und knauserigen Reedern eine Träne entlockt und Fjodor Schaljapin bis aufs Äußerste erregt haben, der liebevoll, aber auch niederträchtig aus voller, vom vielen Trinken aufgescheuerter Kehle brüllte: Wnis po matuschke po Wolge... po Wolge... Po... Wo... Powest – das heißt auch führen. Jemanden durch die Landschaften eines nicht erdachten, sondern echten Lebens führen. Jede Minute die süßen Ausbuchtungen des Waldes, der Erde, des Wassers berührend, zur unaussprechlichen Ekstase der Liebe führen, die für immer im Zittern der Büsche, in den trunkenen Rillen der Bäche, im leidenschaftlichen Aufblühen der fest versiegelten Knospen, in den glücklichen und befreiten Schreien des Menschen, der den Winter überstanden hat, voller Klang und voller Kraft enthalten ist.
Es könnte ja auch sein, dass wir vom russischen Menschen gar nichts verstanden haben.
Wir haben ihm alles mögliche aufgebürdet, ihn mit allem möglichen überhäuft. Und am Ende stellt sich vielleicht heraus, dass er einfach nur ein biologisches Objekt ist - mit einer Seele, mit einem Gewissen, das schon - und dass er vielleicht nur als ein solches Objekt, also zusammen mit den Jungwäldern, den Vögeln, dem Wild, dem Bruchholz, gesehen werden will! Da seht! Da ist er! Sein eigener Forstaufseher, sein eigener Förster, sein eigener Bauer, der sich selbst die Garben wendet. Da seht, wie er aus der feuchten Frühlingserde hervorsprießt, wie er mit einem Seufzer in der Erde verschwindet!
Und die Powest, die Erzählung... Die Powest hat nichts Erfundenes und nichts von der Natur Getrenntes in sich. Weder diese hier noch irgend eine andere (wenn sie natürlich eine echte Powest ist). Sie hat nur diese beispiellose und im gewöhnlichen Leben niemals erreichte Verdichtung! Nur diese für die Fernsehschirme unerreichbare Möglichkeit ins Innerste alles Seienden vorzudringen. Und wenn schon Landschaft, dann aus allen Blickwinkeln zugleich, so wie ein fliegender Vogel oder ein über die Länder ziehender Wortschöpfer sie sieht. Deshalb darf in der Powest, in dieser silbriglänglichen literarischen Form nichts Erdachtes sein: Powest ist Wesen... Sein!
Der Jäger schüttelte diesen Haufen von Bildern und Wörtern ab und lächelte...“
Es klingt pathetisch, aber ich meine es ernst:
Nach diesen Worten kann man nur in Stille verweilen.

Inhalt:
Der Band »Der Sturzflug des Falken« mit sieben Erzählungen ist die erste deutsche Übersetzung von Jewsejews Prosa. In diesem Buch unternimmt der Autor eine atemberaubende Reise durch die geistige Landschaft des heutigen Russland. Er konfrontiert uns mit der Verwundbarkeit und der Grausamkeit des Lebens, indem er es uns mit den Augen eines Falken, eines Hammels, eines Fisches sehen lässt. Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinander.
Der Autor:
Boris Jewsejew wurde 1951 in Cherson (Ukraine, UdSSR) geboren.
Er studierte Musik (Fach Geige) am Moskauer Gnessin-Institut.
Anfang der 70er Jahre entstanden seine ersten literarischen Texte: Sie sind Ausdruck seiner systemkritischen Haltung und wurden daher in der Sowjetunion nicht veröffentlicht.
Ab 1991 sind seine Prosawerke erschienen, unter anderem die Erzählungen »Der Hammel« und »Macht der Hunde«, die Novelle »Jurod« und der Schlüsselroman »Verworfene Hymnen«.
Boris Jewsejew hat den Literaturpreis der Zeitschrift »Nowy Shurnal« (New York) und den Kunstpreis des Kulturministeriums der Russischen Föderation erhalten. Er ist Mitglied des Russischen Pen-Zentrums und lebt in Moskau.
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Bemerkungen:
Weitere Bücher aus dem Pereprava Verlag, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Moskauer Märchen
Die Einzige - Nadeschda Allilujewa - Stalins Frau
Autodidakten
Deutsche
Der letzte Eber aus den Wäldern Pontevedras

Leseprobe:
Die Macht der Hunde
Wie die Hunde
„Wie die Hunde! Richtig, als ob sie Köter wären ... Und so was nennt sich Menschen. Hetzen! Und hecheln! Und immer schön die Schnauze nach oben! Wollen wohl zum Mond hoch reichen, auch noch zum Mond ...“
Den Abhang hinaufzuklettern und dazu im Laufen vor sich hin zu murmeln, war nicht leicht. Doch der bullige, plumpe Mann im graublauen offenen Mantel, auf dem Kopf ein plattgedrücktes Käppi, mit Hängebacken, die sogar von hinten zu sehen waren, – er murmelte und murmelte. Kann sein, dass er sich so beruhigen wollte, vielleicht war es aber auch nur ein unwillkürliches Ausstoßen von Worten, wie es man es immer wieder in schwierigen Lebenssituationen findet ...
Sein Auto hatte der Bullige auf der Chaussee stehenlassen. Die Schnauze des Gefährts stupste in den Straßengraben, das Hinterteil ragte auf die Fahrbahn, machte das Vorbeikommen schwierig. Zweimal schon hatte sich der Mann bei seiner Flucht danach umgedreht. Er hätte es auch ein drittes Mal getan: Es tat ihm leid um das Auto!
Aber unten auf der Chaussee, neben dem schmutzbespritzten Jeep, machten sich bereits drei oder vier Verfolger zu schaffen. Für einen dritten Blick zurück blieb keine Zeit.
Die Mantelschöße des Mannes verhedderten sich im Gesträuch, trockenes, storres Gras zerstach die Knöchel seiner bloßen Beine, doch endlich war der Weg nach oben geschafft und er stolperte hastig in ein undurchdringliches, stickiges Fichtendickicht. Immer noch verfluchte er die Menschen, stieß weiter Worte hervor, anständige und unanständige, bis das Dickicht plötzlich endete und er sich an einem Steilhang, der anderen Seite der unerwartet schmalen Bergkuppe, wiederfand. Hier erstarrte der Bullige für einen Augenblick, wie ein grauschwarzes Quecksilberkügelchen an der Tischkante verharrt. Vor ihm in der Niederung lag eine kleine Wiese in Grün und Gelb. Dahinter türmte sich terrassenförmig ein neuer Wald auf. Durch den Saum aus Bäumen glänzte stählern ein Dreieck Wasser.
Der Bullige drehte sich verstohlen um: Noch kam ihm niemand nach.
„Glucken da am Auto rum. Müssen denken, ich bin in ein anderes umgestiegen!“
Der Bullige entkrampfte sich ein wenig im Inneren, erleichtert blies er den Schweiß von der Oberlippe und hob die Augen. Über ihm am schmutzig verfleckten Herbsthimmel zog der morgendliche Mond seine Bahn, schwerfällig und durchscheinend wie Zigarettenpapier.
Der Bullige riss den Blick los, schaute vor sich, nach unten. Dort regte sich plötzlich etwas auf der Wiese, nahe am Wasser – riesig-rot wie der Rand einer Feuersbrunst.
Die Meute
Die dahinrasende Meute schien von Feuer überglänzt. Es war, als durchfahre ihr Lauf die in die Niederung geduckten Häuser und das Gesträuch wie ein furchtbarer Steppenbrand.
Natürlich gab es darin auch gescheckte und schwarz gefleckte Hunde, aber die Grundfarbe der über den Boden fliegenden Meute war feuriges, flammendes Rot.
Der Bullige sah die Meute und konnte doch anfangs nicht begreifen, was er sah. Als es ihm dämmerte, riss er den Körper herum, wieder zum Fichtendickicht hin.
Doch es gab keinen Weg zurück: Hinter sich hörte er bereits das Krachen brechender Zweige, und – zwar noch in einiger Entfernung – Stimmenhall. Da wandte der Bullige den aufmerksamen Blick erneut der Meute zu. Und ihr Lauf wollte ihm auf einmal wie eine fröhliche Zirkusnummer scheinen. Wie ein erwartungsvoll heranpreschender, verspielter Haushund kam ihm die Meute plötzlich vor!
Der bullige Mann hieß Iwanjajew. Er kannte sich aus mit Hunden, deshalb beschloss er: Er musste auf die Wiese hinunter, zu ihnen hin! „Die laufen vorbei. Haben was ganz anderes vor ... Hunde riechen, ob man vor ihnen Angst hat oder nicht. Und notfalls ... „ Iwanjajew spähte nach links, zu einer in der Nähe des Steilhangs an einem Erdloch wachsenden dichten, noch saftiggrünen Linde, „... notfalls kann ich mich ja auf den Baum retten“.
Die Menschen schienen ihm jetzt schlimmer als die Hunde. Sie waren schlimmer! Bereits fünf Stunden lang jagten sie Iwanjajew durch Stadt und Land, trieben ihn auf einen unausweichlichen, qualvollen Tod zu.
„Menschen sind Hunde. Hunde sind die wahren Menschen. Besser, besser als sie!“ fiel dem Bulligen ein Gesprächsfetzen ein, den er einmal in Moskau, in einer Runde von Musikern aufgeschnappt hatte. Damals wie heute sprach ihm das Gesagte aus dem Herzen.
Iwanjajew lauschte noch einmal, hörte Zweige krachen, Stimmen, so nahe, dass man sie fast verstehen konnte, Flüche – und rutschte auf dem Hosenboden den Steilhang hinab, zu den Hunden ...
Die im Nacken
Diejenigen, die Iwanjajew im Nacken waren, vernahmen plötzlich wildes Jaulen und Zähneknirschen, hörten ein lähmendes, aus tiefstem Inneren aufsteigendes (doch im Maul verhaltenes und darum besonders grausiges) Heulen.
„Nicht weiter!!“ kreischte der Anführer, der eine schwarze Sporttasche hinter sich her schleifte. Aus der Tasche ragte mit dem Lauf nach oben eine Maschinenpistole Marke AKM.
„Nicht weiter! Da vorn sind Hunde. Vor denen ist man nirgends mehr sicher ... Teufel noch mal! Jetzt geht’s dem Fetti auch ohne uns an den Kragen. Das ist sogar besser ... Man könnte ja mal gucken, was da los ist. Heh, Jungspund, geh mal nachsehen!“
Das Heulen und Zähneknirschen wurde lauter, schraubte sich in Wellen von unten in den Fichtenwald. Plötzlich aber verschwanden Jaulen und Gebell.
Der kleinste und faulste der vier Verfolger druckste herum, zog den Kopf zwischen die Schultern und trottete schließlich dorthin, wo der Steilhang zu vermuten war. Drei, vier Minuten später kam er zurück, grinste schief und sagte, ein Zucken im Gesicht:
„Aus dem Fettwanst, aus dem da ham die Hackfleisch gemacht, die Viechter! An die sweihundert Stück sind das!! Nüscht wie weg hier, Kumpels!“
„Echt Hackfleisch?“
„Und wie!“
Trödel, Zitrone, der Rigaer, Fetti und der Jungspund – als Neuling noch ohne richtigen Spitznamen – waren noch vor kurzem eine Kumpanei gewesen, bevor es sie unverhofft in Existierende und Nichtexistierende, Lebende und Nichtlebende auseinanderdividiert und unverhofft mit dreister Hand nach verschiedenen Seiten, in verschiedene Welten, auf verschiedene Erden und Monde geschleudert hatte ...
erstellt am: 20.11.07
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