Buchbesprechung Das Werk eines Menschen, Dichters, Künstlers nur kultur- oder literaturwissenschaftlich beschreiben zu wollen, ohne den Menschen in seinem Umfeld mit seinem Leben, seinen Emotionen zu sehen, ergibt fast immer ein nur sehr unvollkommenes Bild – es ist wie das Sezieren an einem toten Körper. Das gilt für den Kreis der russischen Symbolisten ganz besonders.
Nina Petrowskaja, der feurige Engel, wie sie nach Brjussows Roman genannt wurde, hat ein – selbst in diesen Kreisen der russischen Dekadenz – außergewöhnlich emotionsgeladenes Leben gelebt.Der Autorin Liliana Kern ist die Balance zwischen diesem sehr gefühlsbetonten Leben und Wissenschaftlichkeit hervorragend gelungen.
Die Biografie ist spannend zu lesen und bringt eine Fülle neuer Erkenntnisse, die für das Verständnis der Dichter wichtig sind.
Ihre Arbeit ist aber „nicht nur“ eine Biografie; sie zeichnet das Bild der gesamten russisch-symbolistischen Epoche, der Zeit vor der Revolution bis hinein in die Emigration; alle Namen dieser Zeit sind vertreten. Wer diese Arbeit gelesen hat, wird Belyj, Brjussow, Chodassewitsch und viele andere mit anderem Verständnis lesen.
Inhalt:
Im Jahre 1896, mit 17 Jahren, heiratete die Petersburgerin Nina Petrowskaja den Moskauer Parvenü und späteren Verleger des Greif-Verlages Sergej Solokow, durch den sie in den Kreis der großen Dichter ihrer Zeit geriet. Im Kreis der russischen Symbolisten, der russischen Dekadenz – selbst auch Schriftstellerin und Redakteurin –, ist sie eine wichtige, eine exzentrische Persönlichkeit gewesen – von vielen wurde sie angehimmelt, sie war sich ihrer Anziehungskraft bewusst und genoss sie. Ja, sie war eine Ikone der russisch-dekadent-symbolistischen Dichterszene, sie war ihre Femme fatale und die Muse des Waleri Brjussow.
Eine bis ans Ende ihrer Tage leidenschaftlich-tragische Liebe verband sie mit dem verheirateten Waleri Brjussow; Andrej Belyj ist in seiner Liebe zu ihr fast um den Verstand gekommen; Wladislaw Chodassewitsch – der spätere Mann von Nina Berberova – war ihr bis zum Schluss in Freundschaft und Liebe zugetan. Sowohl Brjussow als auch Belyj beschrieben ihre Liebe zu ihr in einem Roman.
Ihre immer aussichtsloser werdende Beziehung zu Brjussow trieb sie schließlich durch die Städte Europas, wo sie sich mit verschiedenen Liebhabern zu trösten versuchte; sie wurde zur Alkoholikerin und drogenabhängig. Sie reiste mit ihrer gemütskranken Schwester, die sie pflegte. Durch die Revolution endgültig von Russland und ihren Geldquellen abgeschnitten, versank sie in bittere Armut; Gorki versuchte ihr mehrmals zu helfen, bis sie schließlich 1922 in Berlin und am Ende in Paris ankam. Nach unzähligen Wohnungswechseln – ihnen wurde immer wieder gekündigt, weil sie nicht bezahlen konnten – landete sie mit ihrer Schwester in einem Heim für Obdachlose bei der Heilsarmee; als sie auch dort ausziehen mussten, bekam ihre Schwester wie durch ein Wunder ein Bett in einem Hospital bei Ordensschwester, wo sie kurz danach starb.
In tiefer Verzweiflung nahm sich Nina Petrowskaja wenige Wochen danach, am 23. Februar 1928, in einem Hotelzimmer das Leben.
Die Autorin:
Liliana Kern, 1958 in Jugoslawien geboren, hat an der Belgrader Universität Slawistik studiert und danach vier Jahre als Russischlehrerin an einem Belgrader Gymnasium unterrichtet. Parallel dazu war sie auch als UNO-Dolmetscherin und -Übersetzerin (aus dem Englischen ins Russische und Polnische, vice versa) tätig.
Im Jahre 1986 kam sie – eigentlich nur für ein Jahr – nach Deutschland. Unmittelbar nach ihrer Ankunft begann sie ein Postgraduiertenstudium an der Universität in Frankfurt am Main und schloss es 1997 ab. Ihre Magisterarbeit mit dem Titel »Archetypisches Symbol als kulturelles und ästhetisches Phänomen im Werke von Valerij Brjusov. Ein Versuch über die „wechselseitige Erhellung der Künste". « schrieb sie bei Frau Professor Gudrun Langer, die damit „nicht nur meine enorme Vorliebe für die Literatur des russischen Symbolismus ‘verschuldet‘, sondern […] - ohne es zu beabsichtigen - mein ganzes Leben danach in eine bestimmte Richtung gelenkt [hat].“
Während der Forschungsarbeiten stieß sie zwangsläufig auf Nina Petrowskaja, die Muse des Dichters Valerij Brjusov. Diese dekadente Femme fatale zog sie dermaßen in ihren Bann, dass die Recherche zu ihrer Person in den folgenden neun Jahren zu ihrem „Hauptberuf“ wurde.
In dieser Zeit arbeitete sie auch als Journalistin für verschiedene Zeitungen und unter anderem auch für die »Deutsche Welle«.
Liliane Kern lebt heute mit ihrem Mann als freie Autorin in der Nähe von Köln und schreibt an ihrem zweiten Roman über eine ebenso vergessene Frau Russlands, die Geschichte „geschrieben“ hat.
Alle Veröffentlichungen der Autorin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Als Iwan Petrowski, ein kleiner russischer Beamter, seine siebzehnjährige Tochter zum Traualtar führte, muss seine Brust vor lauter Stolz geplatzt sein. Der Wunsch aller Väter, einen wohlhabenden Schwiegersohn zu bekommen, ging für ihn in Erfüllung: Er hätte sicherlich nie zu träumen gewagt, dass ausgerechnet der Moskauer Parvenü Sergej Sokolow um die Hand seiner Nina anhalten würde. Denn Sprösslinge reicher Kaufmannsfamilien wie Sokolow schauten sich in der Regel nach den Frauen ihres Standes um. Wie ließ sich sonst das Familienvermögen über Nacht verdoppeln, wenn nicht durch die Aussteuer der Zukünftigen?
Die Mitgift aber, mit der Petrowski das Mädchen ausstattete, hätte sogar einen Heiratskandidaten von weit bescheidenerem Range kaum ködern können. Ein russischer Beamter (tschinownik) war nämlich im Jahre 1896, als sich das Brautpaar das Jawort gab, kaum in der Lage, mit seinem Verdienst Feder und Leib zusammenzuhalten. Um überleben zu können, waren die Staatsdiener auf Nebenverdienste angewiesen. Diese bestanden darin, die Gesetze zu Gunsten derjenigen zu beugen, die sich dafür großzügig zu bedanken wussten. Die korrupte Beamtenschaft genoss daher kein hohes gesellschaftliches Ansehen. »Reinlichere Naturen scheuen sich von vornherein, eine Karriere einzuschlagen, die auf solche Einnahmen gestellt ist, und so ist es nicht gerade die Auslese der Besten, die als Vollzugsorgane der Staatsgewalt dient«, schrieb der deutsche Journalist Hugo Ganz, der 1903 durch Russland reiste. Die soziale Herkunft seiner Braut dürfte folglich dem Bräutigam kaum imponiert haben.
Auch Ninas Schulbildung war nicht beeindruckend. Hauslehrer, Gouvernanten aus Frankreich, England oder der Schweiz sowie teure Privatschulen waren Privilegien der Reichen. Petrowski konnte sich für seine Tochter lediglich die staatliche Grundschule und das den jungen Frauen aus allen sozialen Schichten zugängliche Mädchengymnasium leisten. Aber allein die Tatsache, dass er auf die Ausbildung seiner Tochter Wert legte, ist bemerkenswert, denn in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts besuchte nur eine von hundert Russinnen die Schule. Das Abiturzeugnis gewährte allerdings nur den Knaben den Zugang zur Universität. Den jungen Frauen ermöglichte es lediglich, als Grundschul- oder Hauslehrerinnen tätig zu werden. Das Erlernen eines Berufs bedeutete unter dem Regime des konservativen Zaren Alexanders III. weder für Nina noch für ihre Zeitgenossinnen das Recht auf Selbstverwirklichung oder auf die Befreiung von elterlicher Autorität. Die meisten von ihnen wechselten von der Obhut des Vaters direkt in diejenige des Ehemannes. Für die Mehrheit der Frauen war die Ehe »der einzige Broterwerb und die einzige soziale Rechtfertigung ihres Daseins«.
Die Schönheit der jungen Frau kann den achtzehnjährigen Jurastudenten nicht allzu sehr verzaubert haben, denn Nina war keine Vorzeigefrau. Was faszinierte dann den jungen Mann an der ihm in keinerlei Hinsicht ebenbürtigen Frau so sehr, dass er um ihre Hand anhielt? Vielleicht liegt die Antwort in den Worten Johannes von Guenthers. Der im lettischen Mittau lebende baltendeutsche Übersetzer und Verleger unterhielt sehr enge Kontakte zu den russischen Symbolisten, und so begegnete er Nina ein paar Jahre nach ihrer Heirat. »Diese Frau, klein, rundlich, braun mit grünen Augen und einem großen, verderbten Mund, nicht hübsch im landläufigen Sinn, aber sehr auffallend und für viele erotisch aufregend, etwas aufreizend dämonisch, was manche neugierig machen konnte... Halb Moskau war in sie verliebt. « Heutzutage würde man sagen, sie besaß dieses »gewisse Etwas«, das allem Anschein nach die Männer in Scharen anzog. Hätte der Moskauer Kaufmannssohn nicht so viele Nebenbuhler fürchten müssen, hätte er sich mit der Eheschließung sicher noch etwas Zeit gelassen, zumindest so lange, bis er finanziell auf eigenen Füßen stand.
Was auf den ersten Blick wie das Märchen von Aschenputtel anmutet, hatte in Wahrheit einen bitteren Beigeschmack: Die siebzehnjährige Frau heiratete nicht aus Liebe. Kurz vor ihrer Heirat war Ninas erste, wenn auch kurze Beziehung in die Brüche gegangen. Um wen es sich bei dem ersten Freund handelte, was sich zwischen den beiden abgespielt hatte, ist bis heute ein Geheimnis, denn Nina verlor darüber kein einziges Wort, nicht einmal im Kreise ihrer engsten Vertrauten. Die Erinnerung schmerzte offensichtlich lange Zeit zu sehr. Mit ihrer überstürzten Heirat wollte sich das Mädchen an dem ehemaligen Freund für ihre verletzten Gefühle rächen.
Dass sie unter so vielen Verehrern ausgerechnet Sokolow auserkor, ist sehr wahrscheinlich auf die Person des jungen Mannes zurückzuführen. Denn er war eine beeindruckende Erscheinung: »Ach, was für ein Schönling! Ein Mann wie ein Falke! Pechschwarze Haare, ebensolche Augen, ebensolcher Schnurrbart, dessen Spitzen er immer drehte«, schwärmte ein Zeitgenosse. »Sein schwarzer Gehrock! Und die Manschetten - oho! Den Kneifer nahm er mit einer geschickten Bewegung der kräftigen Augenbrauen von der ebenmäßigen Nase. Und dann die Stimme, der samtweiche Bass!«
Außerdem war er »rhetorisch sehr gewandt«, und Ninas verwundetes Herz hat wohl den verbalen Verführungskünsten des Verehrers nicht lange widerstehen können.
Wann und unter welchen Umständen Nina ihren Mann kennen lernte, ist bis heute unklar, denn über ihre Kindheit und Jugend schwieg Nina ebenfalls beharrlich, als wollte sie diese Zeit dadurch ungeschehen machen. Sogar ihren Geburtsort verheimlichte sie. Um jeden Preis versuchte Nina zu vermeiden, dass man in ihrer Vergangenheit wühlte. In dem einzigen erhaltenen behördlichen Dokument, dem Totenschein, der am 23. Februar 1928 von der Mairie des elften Arrondissements in Paris ausgestellt wurde, wird als Ninas Geburtsort Moskau angegeben. Wenn das zuträfe, wäre es Nina allerdings kaum möglich gewesen, aus ihren Jugendjahren ein Geheimnis zu machen. Nach einigen Quellen soll sie »in Sankt Petersburg« geboren worden sein, anderen zufolge irgendwo »in der Provinz«.
Rachsucht als Heiratsmotiv ist keine gute Voraussetzung für eine glückliche Ehe, und doch gelang es Nina in den ersten sechs Jahren, dem Ruf einer vorbildlichen Gattin gerecht zu werden. »Das familiäre Stubendasein, das in den damaligen bürgerlichen Kreisen als Modus vivendi vorherrschte, fesselte mich völlig (jedoch nicht lange!) an mein eigenartiges Familiennest... Im Esszimmer hörte man ununterbrochen das Geschirr klappern. Ständig wurden irgendwelche Speisen zubereitet, weil wir jeden Tag Besuch erwarteten oder weil es nötig - oder vielmehr völlig unnötig! - war, jemanden zu besuchen. «
Die reiche arme Nina musste sich fügen, weil sie am Reichtum ihrer angeheirateten Familie nur passiv teilhatte. Rechtlich gehörte ihr von alldem nichts. Die patriarchalische Gesellschaft Russlands wies die Frauen in ihre Schranken. »Eine Frau muss ihrem Mann gehorchen und mit ihm leben in Liebe, Respekt und unbegrenztem Gehorsam und ihm als dem Herrn des Haushaltes alle Annehmlichkeiten entgegenbringen«, steht in einem Artikel über Frauenrechte zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch die Kirche betrachtete Frauen als »dem Mann in jeder Hinsicht untergeordnet« und forderte von ihnen »demütiges Dulden und Selbstaufopferung in ihrer wichtigsten Aufgabe: Kinder zu gebären und aufzuziehen«.
Letztere Forderung konnte die junge Frau nicht erfüllen, weil sie keine Kinder bekam. Es deutet nichts darauf hin, dass Nina jemals schwanger war. ……
erstellt am: 19.11.07
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