Letzte Aktualisierung: 18.07.2012

 



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Suchanow verkauft seine Seele
von Grushin, Olga <übersetzt von: Hartenstein, Elfi> (Russland / USA)

Genre:

Roman

Stichwörter:

Russland, Perestroika, Maler, Apparatschik

Verlag:

Claassen

ISBN:

978-3-546-00411-4

Format:

gebunden, 381 S.

Erscheinungsjahr:

2007

Preis:

€ (D) 19,90 / € (A) 20,50 / sFr 35,40



Buchbesprechung

Man möchte es kaum glauben, dass dies Olga Grushins Debütroman ist. Er ist hervorragend aufgebaut, bis ins letzte Detail durchdacht, vielschichtig, alle Details zeugen von großem Wissen und – was das Wichtigste ist – spannend zu lesen, und er wirft Fragen auf, die sich wohl jeder von uns, wenn er ehrlich zu sich selbst ist, irgendwann einmal stellen muss.
In »Suchanow verkauft seine Seele« ist es der Umbruch Sowjetunion/Russland, an dem sie ein allgemein gültiges Problem beschreibt: Opportunismus oder (wertneutraler) Pragmatismus und deren Folgen für den Entscheidenden selbst und seine Mitmenschen.
Wir hatten in unserer Geschichte – weißgott – die gleichen Probleme. Aber man muss gar nicht so hoch greifen – historisch, gesellschaftlich und zeitgeschichtlich – jeder von uns steht vor Entscheidungen in seinem „kleinen“ Leben, die den weiteren Lebensweg ganz grundsätzlich beeinflussen; und hier wird nach den Maßstäben gefragt.
Anatoli Pawlowitsch hat – wie er glaubte – aus der Situation heraus richtig gehandelt, er hat sich überzeugen lassen und pragmatisch gehandelt. Aber hat er auch genügend in sich hineingehorcht? Natürlich „wenn man vom Rathaus kommt, ist man immer schlauer“, aber vielleicht müssten wir gar nicht zum Rathaus gehen, wenn wir mehr in uns hineinhorchen würden.
Eigentlich klingt mir der deutsche Titel »Suchanow verkauft seine Seele« viel zu faustisch, zu kategorisch, zu schwarz-weiß, als ob das GUTE dem BÖSEN gegenüber gestanden hätte, eine so klare Güterabwägung war es für Suchanow nicht – wie es meistens auch für uns nicht ist; »Das Traum-Leben des Suchanow«, wie es im amerikanischen Original heißt, wird dem Buch viel gerechter.


Inhalt:
Anatoli Suchanow, 56 Jahre alt, ist Herausgeber und Chefkritiker der führenden sowjetischen Kunstzeitschrift Kunst und Welt und genießt alle Privilegien eines »Apparatschiks«. Doch plötzlich beginnt sein Leben auf geradezu unheimliche Weise aus den Fugen zu geraten.
Als junger Mann selbst ein Maler, agierte Suchanow damals im Untergrund, voller Verachtung für die kommunistische Kunstdoktrin. Bis er vor 25 Jahren seine Seele verkaufte und zu einem der schärfsten Zensoren der Sowjetunion wurde. Doch jetzt, während im Hintergrund Glasnost und Perestrojka die alte Gesellschaft langsam verändern, tauchen die Geister der Vergangenheit wie Irrlichter am Horizont auf. Gleich eine ganze Reihe höchst eigenartiger Ereignisse öffnen in Suchanow Tür und Tor zu den Abgründen seiner selbst und werfen ihn zurück in sein früheres Leben.


Die Autorin:
Olga Grushin
, geboren 1971 in Moskau, verbrachte ihre ersten Schuljahre in Prag, wohin die Familie aus Protest gegen das Sowjetregime gezogen war. Ab 1981 lebte sie wieder in Moskau und studierte später Kunstgeschichte am Puschkin Museum der Schönen Künste und Journalismus an der Staatlichen Universität. 1989 übersiedelte sie mit Hilfe eines Stipendiums der Emory University in Atlanta in die USA und machte dort nach nur vier Jahren als erste russische Studentin an einem amerikanischen College ihren Abschluss mit summa cum laude. Danach hat sie u.a. als Dolmetscherin für Jimmy Carter gearbeitet. Ihre Erzählungen erschienen in zahlreichen amerikanischen Literaturzeitschriften. »Suchanow verkauft seine Seele« ist ihr erster Roman, sie arbeitet derzeit an ihrem zweiten. Olga Grushin ist seit 2002 amerikanische Staatsbürgerin und lebt mit ihrer Familie in Washington, D.C.

Alle Veröffentlichungen der Autorin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
»Halten Sie hier an«, sagte Anatoli Pawlowitsch Suchanow vom Rücksitz zu den Lederhandschuhen am Steuerrad.
Draußen vor dem Fenster verlangsamten die weißgelben Säulen ihr ermüdendes Vorbeirasen, glitten immer gemächlicher vorüber und kamen schließlich zum Stillstand. Als der fahle, orangefarbene Strahl einer nahen Straßenlaterne hereinfiel, fuhr Nina, die während der ganzen Fahrt geschwiegen hatte, zusammen, als sei sie soeben aus dem Schlaf geschreckt.
»Schon?«, fragte sie und lugte zum Fenster hinaus.
Sie waren da. Wie immer, wenn sie irgendwo ankamen, griff Nina seufzend nach ihrer Handtasche und fing an, darin herumzukramen. Suchanow wartete geduldig, während sie eine kleine, schwarz schimmernde Puderdose öffnete, sie in der einen Hand balancierte, mit der anderen ihren pfirsichfarbenen Lippenstift aus seiner goldenen Hülle hervordrehte und dann, im Versuch, im Dunkeln ihr Spiegelbild zu erhaschen, das Gesicht mal zur einen, mal zur anderen Seite wandte. Unvermutet sah er in dem kleinen Spiegel ein sorgfältig geschminktes Auge auftauchen, doch dann bewegte Nina die Hand, und das Auge blinzelte und verschwand. Er blickte in die andere Richtung, summte tonlos vor sich hin. Auch nach achtundzwanzig Ehejahren machten ihn solche Momente noch immer so verlegen, als fühle er sich bei der Beobachtung eines intimen Rituals ertappt. Endlich gelang es Nina, den Kopf in den Lichtstrahl der Straßenlampe zu rücken und ihr Abbild im Spiegel einzufangen. Mit zwei flinken Strichen führte sie den Stift über ihre vollen Lippen, presste sie kurz aufeinander und ließ Puderdose und Stift wieder in die Tasche gleiten. Er hörte den Verschluss einschnappen, sah aus den Augenwinkeln ein kurzes, kaltes Funkeln, als Ninas Diamantohrring sich durch den Lichtstrahl bewegte, hörte leises Rascheln - und schon war sie ausgestiegen, behände und wie immer ohne darauf zu warten, dass jemand ihr die Tür von außen öffnete. Nur noch ihr Duft war da, der Duft ihres eleganten Abendparfums - welches auch immer es sein mochte -, und unter diesem die unzähligen, mit der Zeit schwächer gewordenen Düfte, die sich auf der Rückbank ihres Wolgas angesammelt hatten wie schöne, kaum mehr wahrnehmbare Geister ihrer früheren Ausfahrten.
Suchanow gab sich einen Ruck und stieg ebenfalls aus.
Samstagabends um diese Zeit wurde es ruhig auf dem Karl-Marx-Prospekt. Die Straßenlampen wirkten wie große orangefarbene, lautlos im Dunst schwebende Luftballons, und ihr Licht ließ die aus dem achtzehnten Jahrhundert stammende Fassade der alten Moskauer Universität hell erstrahlen, so dramatisch und wohlbekannt wie das Bühnenbild einer schal gewordenen staatlichen Inszenierung. Es war erst Anfang August, doch die Luft war bereits so sanft, spröde und zerbrechlich wie im Herbst, wenn alles ein wenig langsamer und nicht mehr ganz so gewiss erscheint, als würde man eine Welt hinter Glas betrachten. Nur wenige Autos waren unterwegs. Ihre vorbeihuschenden Scheinwerfer verliehen den nur undeutlich erkennbaren Passanten sekundenlang scharfe Konturen, gaben einem unbekümmert die Straße überquerenden, schäbig gekleideten Jungen vorübergehend Volumen und Farbe, ebenso einem alten Mann, der mit einer Zeitung unter dem Arm vorbeischlurfte, einigen alterslosen Frauen mit breiten Gesichtern, die sich mit prall gefüllten Taschen abschleppten, und - überraschend und ganz und gar nicht ins Straßenbild passend - einem Traumbild von einer Frau in einem tief ausgeschnittenen, grün schimmernden Seidenkleid, die groß, schlank und langbeinig am Bordstein stand.
»Es ist kühl«, sagte Nina leise.
Suchanow nickte, wandte sich noch einmal zum Wagen um und pochte ans Fenster. Die dunkle Scheibe glitt lautlos nach unten und gab den Blick frei auf zwei am Steuer ruhende Lederhandschuhe.
»Warten Sie dort drüben auf uns«, sagte er schroff. »Es wird wahrscheinlich ein wenig dauern. «
Während sie die wenigen Schritte zur Manege zurücklegten, hoben sie die Köpfe, um das über der großen Ausstellungshalle angebrachte Transparent ganz ins Auge fassen zu können. DAS GESICHT UNSERES VATERLANDES, stand da in riesigen Lettern und in der Zeile darunter: Pjotr Alexejewitsch Malinin, 1905-1985.
»Man könnte fast meinen, er sei schon tot«, stellte Suchanow ein wenig gereizt fest. »Sie hätten daraufhinweisen sollen, dass es sich um die Feier seines Geburtstages handelt - oder was meinst du?«
Sie hob die Schultern, antwortete jedoch nicht, sondern beschleunigte nur ihre Schritte, und der menschenleere Platz schien jedes Klicken ihrer hohen silberfarbenen Absätze gierig aufzunehmen. Neben dem Eingang stand ein breitschultriger Mann mit einer Zigarette in der Hand, der mit einer schnellen Drehung seines ganzen Körpers die Tür für sie aufriss, wobei ein gut ausgeleuchteter Schwall schwüler Luft und das gekünstelte Lachen einer Frau ins stille Dunkel entwichen. Suchanow bemerkte, wie der Mann Ninas seiden schimmernde Beine taxierte, als sie den Raum betrat. Man sieht ihr das Alter nicht an, dachte er zufrieden und geschmeichelt. Als er selbst auch eintreten wollte, ließ der Mann die Tür los, drehte sich zu ihm und präsentierte ihm den mickrigen Schnurrbart, der sein unverschämtes Gesicht schmückte.
»Einen Moment bitte«, sagte er in gelangweiltem Ton. »Diese Veranstaltung ist nur für geladene Gäste. «
Suchanow bedachte den albernen Schnurrbart mit einem verächtlichen Blick und griff ohne Eile in seine Jacketttasche.
Er war kaum über die Schwelle getreten, da flog eine beleibte Dame in einem engen karmesinroten Samtkleid auf ihn zu, umarmte ihn und kreischte ihm ins Ohr: »Anatoli Pawlowitsch! Ich konnte es kaum erwarten, Sie zu sehen! Wenn Sie wüssten, was für eine Geschichte ich für Sie habe!«


erstellt am: 04.11.2007

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