Buchbesprechung Auch negative Mythen bewirken eine Überhöhung der Geschehnisse und fokussieren gleichzeitig auf einen Teilaspekt; andere – vielleicht wesentlichere und, wie in diesem Fall, weit grausamere – Seiten des Themas werden nicht gesehen.
Der Zeithistoriker und Journalist Volker Koop rückt unser – meist von leichter Lüsternheit geprägtes – Bild über den »Lebensborn« im Dritten Reich zurecht, wissenschaftlich genau und doch gut lesbar.
Es ist immer wieder erschreckend, was nach und nach zu Tage gefördert wird, und mindestens ebenso erschreckend – auch immer wieder – ist die Erkenntnis, wie großzügig alle (nicht nur Deutsche) mit diesen Verbrechen im Nachhinein umgegangen sind.
Inhalt:
Vorwort
»Gutes Blut - ewiger Quell«
Nicht geheim, aber exklusiv / Gerüchte um Begattungsheime / Himmlers Wahnvorstellungen / Mütter zweiter Klasse / Geheimhaltung der Geburten / Lockerung der Auslesebestimmungen / Ehrenmütter und Mütterhöfe / Entführung von Kindern für den Führer / Himmler und die »Jonkvrouw« / Die Ehre der werdenden Mutter
Die nationalsozialistische Geburtenpolitik
Uneheliche Geburten / »Ein Anfang ohne Ende« / Abstammungsnachweis bis 1650 / Die wehrpolitische Bedeutung des Lebensborn e. V. / Tabu künstliche Befruchtung / Abstruse Zeugungsvorschläge / »Den Krieg genieß - der Frieden wird mies« / Widerstand gegen »fremdvölkische Mischehen« / Zeugungshelfer der SS / Bormanns Mutterkult / SS-Familienplanung / Plädoyer für die Doppelehe / Geburtenzuwachs durch Frühehe / Missbrauch der Frauen
Die Instrumentalisierung der Frau im Dritten Reich
Der SS-Arzt als Himmlers Werkzeug / »Das Blut und die Einheit des Reiches« / Ehe und Familie / Idealisierung der ledigen Mutter / Zeugung von »Kriegskindern«
Himmlers wahnwitziges Machwerk
Zwangsmitgliedschaft und Obstruktion / Chaotisches Finanzgebaren / Fragwürdige Gemeinnützigkeit / Widerstand gegen das Sparprogramm / Machtkampf in der Lebensborn-Führung / Das Aktienkapital des Vereins / Finanzielle Unterstützung wider Willen / Die Aufsässigkeit der Gemeinden / Querelen und Zweifel / Roulette für den Lebensborn / Die Gestapo als Helfershelfer / Das Verschwinden von Millionenbeträgen
Beschlagnahme der Villa Thomas Manns und jüdischen Eigentums
Sechs-Millionen-Raub in Partschendorf / Vorwurf der Volks- und Staatsfeindlichkeit / Streit um Maklerprovision / Auf Raubzug
Die Lebensborn-Heime im Deutschen Reich und in Österreich: Betreuung und Indoktrination
Vorgesehene Investitionen / Eine Institution für gebildete Schichten / Die Lebensborn-Heime im »Altreich« und in der »Ostmark« / Planung weiterer Heime / »Der gesellschaftlichen Ächtung entrinnen« / Unterdurchschnittliche Säuglingssterblichkeit / Vormundschaft und Stellenvermittlung / Lebensborn-Werbung in der Wehrmacht / Indoktrination als Heimalltag / Eheweihe und Namensgebung / Von Gleichheit keine Spur / »Braune« gegen »blaue« Schwestern / Speisepläne
Adoptionen und Patenschaften
Widerspruch aus Württemberg / Die Einführung der »Kriegsfrau« / Entlastung durch Vormundschaften / Lebensborn-Heime für SS-Waisen / Himmlers »Patenkinder« / Rechtsbeugung und Rechtsänderung bei Adoptionen / Erfolgsrezept Geheimhaltung / Ausschaltung der Jugendämter / Heime zur »Selbstbedienung« / Adoption des eigenen Kindes
»Germanisierung« in Osteuropa
Kinder in »haftähnlichem Zustand« / Wie aus Wilhelm Haymo wurde / Die Verbrechen an den Kindern von Lidice / Das Schicksal der Emilie Frey / Vertreibung aus »deutschem Siedlungsgebiet« / Verschleppung rumänischer Kinder / »Rassisch wertvolle« Kinder für das Reich / Die Vernichtung der polnischen Identität / Namensänderungen / Geburtsort: Posen / Verhängnisvolle und willkürliche Entscheidungen / Die geplante »Verdeutschung« Polens / Lebensborn-Aktivitäten im besetzten Polen / Spitzeldienste für die Gestapo
Verbot der Rassenvermischung
»Die Natur verschafft sich doch ihr Recht« / Schutz »rassisch wertvoller« Kinder
Die Lebensborn-Tätigkeit in Nord- und Westeuropa
Von der Bevölkerung verachtet und alleingelassen / Beschlagnahme von Luxushotels und Krankenhäusern / Vermeintlicher Schutz der Frauen / Streit um Heiratsverbot / Sippenpflegesteile in Oslo / Sonderrolle Dänemarks / Entgegenkommen beim Verbündeten Finnland / Fehlschlag Frankreich / Das Heim »Ardennen« in Belgien / Der Lebensborn in den Niederlanden und in Luxemburg
Nach dem Krieg: Menschenschicksale und Aufarbeitung
Ungewissheit über »Lebensborn-Kinder« / Vorbereitung auf die Repatriierung / Letzte Kriegswochen und Nachkriegszeit im Heim »Sonnenwiese« / Suche nach »Norwegerkindern« / Ein dunkles Kapitel norwegischer Nachkriegsgeschichte / Die dänischen »Kriegskinder« / Alliierte Richter im Irrtum / Entnazifizierung der Täter / Schützenhilfe aus den USA / Unwissen in der Bundesregierung / Erste Erkenntnisse in Bad Arolsen / Sensationslust statt Aufarbeitung / Die Perfidie der DDR-Staatssicherheit
Anhang
Abkürzungen / Dienstgrade in der SS und Wehrmacht / Die wichtigsten Lebensborn-Verantwortlichen / Zitierhinweis / Dokumente / Anmerkungen / Archive / Literaturverzeichnis / Bildnachweis / Dank / Personenverzeichnis
In der SS-Organisation Lebensborn e.V. sollte der nationalsozialistische Rassenwahn einmal mehr auf perverse Weise Gestalt annehmen. Ende 1935 wurde sie von Himmler mit dem Ziel gegründet, die Zukunft des deutschen Volkes durch „rassisch und erbbiologisch wertvollen" Nachwuchs zu sichern. Obwohl es sich dabei im Wesentlichen nicht um geheime Aktionen handelte, sind die heutigen Kenntnisse über den Lebensborn recht dürftig oder gar unzutreffend. Weder waren die Einrichtungen „Begattungsheime" - neben den Frauen von SS-Angehörigen waren es vor allem werdende ledige Mütter, die in den Heimen ihre Kinder zur Welt brachten -, noch dienten sie karitativen Zwecken - waren sie doch Teil der unmenschlichen Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten. Zu den besonders düsteren Kapiteln des Lebensborn e.V. gehört die Beteiligung an den so genannten „Eindeutschungsaktionen", bei denen aus den besetzten Gebieten geeignete Kinder entführt, dann in den Heimen ihrer Identität beraubt und „eingedeutscht" wurden. Die Heime selbst waren in der Regel in Gutshöfen untergebracht, die man zuvor den jüdischen Eigentümern enteignet hatte. Mit diesem Band liegt eine wissenschaftlich fundierte Gesamtdarstellung der SS-Organisation vor. Ausführlich und sachlich werden Hintergründe, Aufbau und Organisation des Lebensborn e.V. dargestellt, ohne dabei das Schicksal der Betroffenen aus dem Blick zu verlieren.
Der Autor:
Volker Koop, geboren 1945 in Pfaffenhofen, wurde 1984 Sprecher des Berliner Senators für Bundesangelegenheiten Rupert Scholz und ging mit diesem 1988 ins Bundesverteidigungsministerium. Er veröffentlichte u.a.: »Kein Kampf um Berlin? Deutsche Politik zur Zeit der Berlin-Blockade 1948-1949« (1998) und 2003 »Der 17. Juni 1953 - Legende und Wirklichkeit«
Der Autor lebt heute als Journalist und Historiker in Berlin.
Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Der 17. Juni 1953 - Legende und Wirklichkeitname
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Vorwort
Um den Lebensborn e. V., einen von der SS getragenen, staatlich geförderten Verein des Dritten Reichs, ranken sich immer noch irreführende Vorstellungen, Mythen und Gerüchte. Er wurde Ende 1935 von einem der mächtigsten Männer des NS-Regimes, Reichsführer-SS Heinrich Himmler, ins Leben gerufen, angeblich um unehelichen Müttern und Kindern zu helfen. In Deutschland und dem angeschlossenen Österreich verfugte der Lebensborn über acht Mütter- und zwei Kinderheime, ausgerichtet auf hundert Geburten monatlich. Genaue Zahlen liegen nicht vor, doch etwa 11 000 Kinder erblickten dort das Licht der Welt. Der Verein übernahm die Vormundschaft für etwa 5500 uneheliche Kinder. Bis Kriegsende waren 1400 von ihnen aus der Vormundschaft ausgeschieden, sodass im Mai 1945 noch rund 4100 Vormundschaften bestanden. Geworben wurde ferner damit, dass der Lebensborn Kriegswitwen und -waisen beistand und unehelichen Müttern Arbeitsplätze vermittelte.
Doch das machte nur einen Teil dieser Institution aus, und dieser kann nicht die Verbrechen überdecken, die sie in Polen, in der Tschechoslowakei, in Jugoslawien oder in Russland an unschuldigen Kindern beging, indem sie ihnen die Identität raubte. Denn eine ihrer Hauptaufgaben bestand nach Beginn des Zweiten Weltkriegs in der Verschleppung von »rassisch wertvollen« Kindern aus den von deutschen Truppen besetzten Gebieten, vornehmlich aus Osteuropa. Daher steht dieser Komplex im Mittelpunkt dieses Buches, nicht die angeblich »karitative« Betreuung unehelicher Mütter in Deutschland, Norwegen, Frankreich, Belgien, in den Niederlanden oder in Luxemburg. Nicht zuletzt machte der Lebensborn e. V. gemeinsame Sache mit der Gestapo, konfiszierte jüdischen Besitz, um ihn für eigene Zwecke zu missbrauchen.
Der Lebensborn e. V. war Teil der menschenverachtenden Rassenpolitik der Nationalsozialisten. Deshalb wird dem ideologischen Umfeld, in dem er entstand, in der folgenden Untersuchung breiter Raum gewidmet. Ebenso wird erstmals dargestellt, dass sich auch in der nationalsozialistischen Diktatur zahlreiche Einrichtungen - vom Deutschen Gemeindetag bis hin zu den Versicherungsträgern - oft aus moralischen Gründen dagegen wehrten, Himmlers Lebensborn zu unterstützen, wenngleich letztlich auch vergebens.
Die bisher einzige ernst zu nehmende und durchaus verdienstvolle Untersuchung über den Lebensborn ist die 1985 erschienene Studie Der Lebensborn e. V. - Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik (Neuausgabe 2003). Das vorliegende Buch unterscheidet sich davon vor allem durch umfangreiche Recherchen in bisher bei dieser Thematik nicht berücksichtigten Archiven: vom Archiv des Deutschen Bundestages über die Hauptstaats-, Staatsund Landesarchive in München, Saarbrücken, Koblenz, Karlsruhe, Stuttgart, Hannover, Wolfenbüttel, Potsdam, Leipzig bis hin zu den Archiven in Magdeburg oder Berlin und einer Reihe von Stadtarchiven oder Archiven von Geschichtsvereinen. Selbstverständlich wurden auch bereits in Anspruch genommene Archive genutzt.
Das Thema Lebensborn lässt aber immer noch Fragen offen. Das vorliegende Buch geht darum auf die Suche nach den Lebensborn-Kindern ein, die sich in der Nachkriegszeit als äußerst schwierig erwies. Viele von ihnen leben noch, teilweise haben sie sich zusammengeschlossen, vor allem in den skandinavischen Ländern, um ihre Interessen zu verfechten. Erst im März 2007 begann vor dem Europäischen Menschengerichtshof in Straßburg ein Prozess norwegischer Lebensborn-Kinder gegen die Osloer Regierung, die lange Zeit Kinder und Mütter schikanieren und ausgrenzen ließ. Eine auf dem heutigen Stand der Forschung beruhende Gesamtdarstellung des Lebensborn e. V. ist daher nicht nur eine historische Betrachtung, sondern besitzt höchste Aktualität.
Berlin, im Sommer 2007
Volker Koop
erstellt am: 03.11.2007
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