Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Das Erbe des Bösen

Das russische Labyrinth

Transsibirische Eisenbahn

Festung Breslau

Die Stadt im Westen

Was passiert in Russland?
von Krone-Schmalz, Gabriele (Deutschland)

Genre:

Sachbuch Politik

Stichwörter:

Russland, deutsche Medien

Verlag:

Herbig

ISBN:

978-3-7766-2525-7

Format:

gebunden, 256 S.

Erscheinungsjahr:

2007

Preis:

€ (D) 19,90 / € (A) 20,50 / sFr 34,90



Buchbesprechung

Man kann Frau Krone-Schmalz nur ein riesiges DANKE für dieses Buch sagen.
Brillant bringt sie die Defizite der deutschen Berichterstattung über Russland auf den Punkt.
Sie warnt vor Entwicklungen, die wir nach der Beendigung des Kalten Krieges – glückselig taumelnd vor Freude über eine Zukunft in Frieden und Freundschaft mit denen, die uns noch kurz zuvor als der Inbegriff des Schreckens dargestellt wurden, – für ausgeschlossen gehalten hatten.
Und sie scheut sich auch nicht, unangenehme Vergleiche bezüglich der „Meinungsbildung“ – besser: Indoktrination – mit unserer unglückseligen Vergangenheit zu ziehen.
Dabei ist sie keineswegs „auf einem Auge blind“, sprich russophil; sie sieht und benennt unerschrocken auch die Defizite der „anderen Seite“. Darum geht es ihr aber auch gar nicht. Dass weder die eine noch die andere Seite im Besitz der endgültigen Wahrheit ist und niemand den Stein der Weisen gefunden hat, ist eine so „primitive“ Binsenwahrheit, dass es gar nicht erwähnenswert ist. Ihr ist wichtig, wie wir in der Vorstufe zu diesen großen Zielen Frieden, Freiheit und Freundschaft miteinander umgehen, um eben diese Ziele zu erreichen; wie wir die alltäglichen Stolpersteine zu diesen Zielen – die legalen unterschiedlichen Interessen – meistern, oder, um im Bilde zu bleiben, aus dem Weg schaffen.
Sie zeigt uns, wie unsere Berichterstattung sehr schnell nach einer anfänglichen Euphorie – und der Teufel weiß warum (ich bin zwar nicht selbiger, aber mir scheint es allzu deutlich) – auf einem Auge, nämlich dem eigenen, blind geworden sind. Und wenn man nachfragt, sind natürlich immer „die anderen“ schuld.
In schier unzähligen Beispielen zeigt sie auf, wie in den deutschen Medien ganz eklatant mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn es um Russland geht. Das geht so weit, dass sogar objektiv dümmliche und hassvolle Kommentare veröffentlicht werden. Über manche möchte man zwar gnädig den Mantel der Scham decken (nur ein Beispiel), aber auch sie sind „offizielle“ Berichterstatter, die mit angeblich objektiven Berichten – so oder so – die Meinung der Leser, Hörer und Zuschauer bilden – und diese Kommentatoren genießen auf Grund ihrer Stellung einen Vertrauensvorschuss.
Hier muss die Frage erlaubt sein, warum diese Art der „Meinungsbildung“ (Meinungsmache ist sicher das richtigere Wort) höheren Orts gebilligt wird.
Frau Krone-Schmalz zeigt auf, dass hier auch handfeste wirtschaftliche und politische Interessen dahinter stehen; paradoxer Weise jedoch sind es Interessen von außerhalb, also fremde („fremdländische“) Interessen, denen sich unsere Meinungsbildner (ich bleibe der „political correctness“ wegen bei diesem Wort) unterwerfen. Sofort tauchen die nächsten Fragen auf: warum tun sie das und wie kommt es, dass dies fast unisono (mit fast ungehörten Ausnahmen) geschieht?
Hierauf gibt das Buch Die Alpha-Journalisten, Deutschlands Wortführer im Porträt gute Antworten. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle darauf einzugehen.
Aber die drängendste aller Fragen ist doch: wie ist es möglich, dass außerhalb unseres Grundgesetzes eine Vierte Macht existiert, die ungeniert, direkt oder indirekt, verdeckt oder offen uns Bürger leitet (als ob wir unmündige Bürger wären, denen man sagen muss, was sie denken sollen), die uns manipuliert und durch bewusste, gewollte Aktionen Politik macht, indem sie gezielt Politiker emporhebt oder diskreditiert (siehe Wahlkämpfe); und indem sie durch gefärbte Informationen oder durch gezieltes Weglassen von Informationen (in unserem Fall die positiven) eine Stimmung erzeugt, Meinung (nach ihrem Belieben) macht? Zur ausdrücklichen Klarstellung: Ich meine damit nicht die objektive Information, sondern die gezielte Destruktion! Und ich meine damit auch nicht die legale Vertretung eigener Interessen!
Dazu gehört auch das Totschweigen von Gegnern und Kritikern, die aufgrund ihrer Kompetenz und allgemeinen Anerkennung nicht erfolgreich demontiert werden können. Beispiel das Medienecho auf Peter Scholl-Latours letztes Buch, in dem er auch die genannten Probleme anspricht: Man hörte im Gegensatz zu sonst fast nichts – es war unbequem. Ich bin mir fast sicher, dass auch »Was passiert in Russland« nicht das ihm gebührende Medienecho erhalten wird.
Ein beliebtes und ganz infames Mittel ist auch die Sinn entstellende, verkürzte Wiedergabe von Fakten und Reden (à la Emser Depesche – schon von Bismarck hervorragend und Leid bringend benutzt), denn sie täuscht Objektivität vor und ist nichts anderes als eine bewusste Falschmeldung.

Es gäbe zu diesem Thema noch Vieles zu sagen, lassen wir es gut sein.
Ich kann mich nur wiederholen:
Man kann Frau Krone-Schmalz nur ein riesiges DANKE für dieses Buch sagen.


Ganz zum Schluss:
Ich habe es übrigens bei aller Skepsis damals nicht für möglich gehalten, dass meine Befürchtungen sich so schnell bewahrheiten würden: Ich befürchtete nach dem großen Umbruch, dass uns der Verlust des Feindbildes noch zu schaffen machen würde; denn der Feind ist immer der Böse, was impliziert, dass man selbst der Gute sei. Plötzlich nicht mehr per definitionem der Gute zu sein, tut weh, macht orientierungslos. Diese Fehlentwicklung zu vermeiden, hätte (schmerzliche) Arbeit an uns selbst erfordert – die wir aber um der Selbstgerechtigkeit willen nicht geleistet haben (was der Interessenslage sogenannter Freunde sehr willkommen war).


Inhalt:
Die deutsch-russischen Beziehungen sind an einem Tiefpunkt angelangt. In der aktuellen Berichterstattung über die Großmacht im Osten werden Feindbilder aus der Zeit des Kalten Krieges aus der Versenkung geholt. Doch ein differenzierter Blickwinkel ist nötig, um das heutige Russland verstehbar zu machen und die Gefahr neuer Missverständnisse und Konfrontationen abwenden zu können.
Gabriele Krone-Schmalz, die als ARD-Korrespondentin die Jahre des Umbruchs in der Sowjetunion miterlebt und die darauffolgende Entwicklung Russlands genau beobachtet hat, wendet sich gegen das verzerrte Russlandbild und weist auf die Diskrepanzen zwischen der russischen Realität und den Stereotypen in der westlichen Wahrnehmung hin. Um das deutlich zu machen zeichnet sie die Entwicklungsprozesse an den russischen Brennpunkten nach: den Aufbau der Zivilgesellschaft, der Parteienlandschaft, der wirtschaftlichen Stabilität auf der Grundlage einer neuen Energiepolitik. Und sie stellt sich auch den Problembereichen, wie den Themen Pressefreiheit, Putins „gelenkter Demokratie”, Energiepolitik und Tschetschenienkrieg – denn Verständnis und deutliche kritische Worte schließen sich nicht aus.


Die Autorin:
Dr. Gabriele Krone-Schmalz
, Jahrgang 1949, studierte Osteuropäische Geschichte, Politische Wissenschaften und Slawistik. Seit 1976 beim WDR, war sie ab 1982 Redakteurin bei »Monitor«, 1987–1991 Korrespondentin im ARD-Studio Moskau. Seit 1992 ist sie freie Journalistin, bis 1998 moderierte sie den ARD-Kulturweltspiegel. Für ihre Arbeit wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter zweimal mit dem Grimmepreis. Seit 2000 ist sie u.a. im Lenkungsausschuss des »Petersburger Dialog« aktiv und hält Vorträge.

Mehr über die Autorin in Wikipedia

Alle Veröffentlichungen der Autorin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Vorwort
Offen gestanden - ein Buch über Russland wollte ich gar nicht mehr schreiben. Alles hat seine Zeit und ich hatte ganz andere Pläne. Doch dann entwickelten sich die Dinge anders als geplant.
Zum Thema Russland - dem Thema, mit dem ich mich nach wie vor am meisten und intensivsten beschäftige - möchte ich mich zu Wort melden. Nein, anders. Ich fühle mich verpflichtet, mich zu Wort zu melden: als jemand, der die alles entscheidende Umgestaltungsphase in der Sowjetunion hautnah an Ort und Stelle miterlebt hat, und zwar mit einzigem Wohnsitz Moskau; als jemand, der sich seit dieser Zeit hauptsächlich mit Russland befasst und die sichere Anstellung bei einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt aufgegeben hat, um sich weiter diesem Thema widmen zu können, ohne Korrespondent sein zu müssen, denn dieses Leben wollte ich aus privaten Gründen nicht noch länger führen; als jemand, der sich schon in seiner Studentenzeit mit der Rolle von Freund-Feind-Bildern beschäftigt und mit diesen Studien seine Magisterarbeit und seine Dissertation bestritten hat; als jemand, der seit über fünfzehn Jahren in zahlreichen ehrenamtlichen Funktionen an der Gestaltung der deutsch-russischen Beziehungen mitarbeitet, ohne einer Partei, einem Verband oder einer sonstigen Interessenvertretung verpflichtet zu sein. Und nicht zuletzt als jemand, der aufgrund seiner inneren und äußeren Freiheit keinerlei Rücksicht auf Trends nehmen muss. Es wird möglicherweise etwas unbequem werden, aber ich bin es meinem Land schuldig, in dem ich eine gute Ausbildung genossen habe und beruflich wie privat alle Möglichkeiten hatte, mich als aktiver Teil einer Zivilgesellschaft zu entwickeln. Ich nehme all diejenigen beim Wort, die - vor allem Russland gegenüber - nicht müde werden, die Bedeutung von Zivilgesellschaft zu betonen. Wie viel Abweichung vom Trend verträgt unsere demokratische pluralistische Gesellschaft, der Presse- und Meinungsfreiheit als tragende Säulen einer funktionierenden Demokratie so wichtig sind? Ich habe in meinem bisherigen Leben keinen Krieg mitmachen müssen. Ich möchte, dass das so bleibt. Frieden ist aber kein Geschenk, das einem in den Schoß fällt, sondern harte Arbeit. Frieden ist bekanntlich mehr als die Abwesenheit von Krieg. Frieden hängt von Strukturen, Personen und öffentlicher bzw. veröffentlichter Meinung ab. Dieses Buch soll helfen, Zusammenhänge zu verdeutlichen, soll zeigen, dass banale Missverständnisse verheerende Auswirkungen haben können und wie sehr jeder Einzelne von uns immer noch in den Kategorien des Kalten Krieges denkt, wenn nicht bewusst, so doch automatisch, aus Gewohnheit. Ich werde das mit Beispielen belegen und Sie werden sich wundern, da bin ich sicher. »Wehret den Anfängen«, diese Aufforderung, die jeder Deutsche mit Blick auf das Dritte Reich mit Innenpolitik in Verbindung bringt, taugt sehr wohl auch für dieses Thema. Eine neue Eiszeit zwischen West und Ost nützt niemandem, wobei Deutschland letztlich wohl mehr darunter zu leiden hätte als Russland.
Es fällt mir auf, dass diejenigen, die um Verständnis werben oder bestimmte Entwicklungsprozesse in Russland so neutral wie möglich zu erklären versuchen, plötzlich auf der Anklagebank landen und sich dem Vorwurf ausgesetzt sehen, Kritikwürdiges unter den Teppich zu kehren und Verabscheuungswürdiges zu beschönigen. Sie kennen diese inquisitorische Art von Befragung nach dem Motto: Ja oder Nein?, die keinen Platz für Zwischentöne lässt und auf der allseits bekannten Parole »Wer nicht für mich ist, ist gegen mich« fußt. Eine geistlose und hochgefährliche Simplifizierung.
Wenn ich für jemanden Verständnis habe, dann heißt das noch lange nicht, dass ich sein Verhalten in allen Facetten akzeptiere und für gut befinde. Es heißt lediglich, dass ich diesen jemand respektiere, mich für seine Probleme interessiere und nicht versuche, mich selbst zum Maßstab aller Dinge zu machen. Man kann nur Verständnis haben, wenn man weiß, worum es geht. Mit anderen Worten: Man braucht Informationen. Die Informationen müssen eingebettet sein, in einem Zusammenhang stehen, sonst hängen sie in der Luft und sind nicht besonders hilfreich. Simples Beispiel: Was nützt mir die Information, wie hoch der Durchschnittslohn ist, wenn ich nichts über die Lebenshaltungskosten weiß. Eine weitere Voraussetzung für Verständnis ist, dass man einander so unvoreingenommen wie möglich erst einmal zuhört. Wer zulässt, sich von Reizworten blockieren zu lassen - Reizworten, die Klischees und Vorurteile bedienen -, hat ganz schlechte Chancen, irgendjemand oder irgendetwas zu verstehen. Verständnis und deutliche kritische Worte schließen sich gegenseitig nicht aus. An dieser Stelle lauert allerdings ein großes Missverständnis. Deutliche Worte haben nichts mit Beschimpfungen oder gar politischer Kraftmeierei zu tun. Sie sind in dem Umfeld beheimatet, das man Streitkultur nennt, Streitkultur der Sache wegen, ohne persönliche Angriffe, Ressentiments, schwammige substanzlose Vorurteile, politisch korrektes Gesülze. Nehmen wir das Bild eines Hauses - ausnahmsweise mal nicht das europäische Haus, das Michail Gorbatschow vor Jahren schon plastisch beschrieben hat, sondern ein Haus der bilateralen Beziehungen. Wenn beide Seiten dieses Haus bauen wollen und sich möglicherweise über die Aufteilung der Zimmer streiten oder ob die Fenster nach Osten oder nach Westen ausgerichtet sein sollen, dann ist all das zweitrangig, wenn das Fundament nicht stabil ist. Für ein stabiles Fundament, insbesondere, wenn es ein schönes großes Haus werden soll, brauchen sie stahlbewehrten Beton und der Stahl in diesem Beton - das sind die deutlichen Worte. Nehmen wir an, es ist ein schönes Haus entstanden. Die Villa kann noch so komfortabel und luxuriös sein, wenn man das Gebäude sich selbst überlässt, es nicht pflegt, dann kann man darauf warten, dass es verwahrlost.
Ich möchte mit diesem Buch zeigen, dass es möglich ist, deutliche kritische Worte und Verständnis miteinander zu kombinieren. Vor Jahren bin ich einmal von einer Zeitschrift gefragt worden, was es für mich bedeutet, Christ zu sein. Meine Antwort gilt nach wie vor: Toleranz und Nächstenliebe in dem Sinne zu praktizieren, dass ich versuche, mich in die Lage anderer Menschen zu versetzen, um sie zu verstehen, bevor ich urteile.
Im Juni 2007
Gabriele Krone-Schmalz



erstellt am: 27.10.2007

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