Buchbesprechung Was den russischen, sowjetischen, ukrainischen Schriftstellern schon immer nahe gestanden hat - und auch heute noch steht - ist die Groteske, das Karnevaleske – man denke nur an Ilf, an Petrow, an Sorokin, an Pelewin und viele andere. Durch diese ins Verrückte reichende Überzeichnung werden ganz reale Zustände und Ereignisse messerscharf – mit Sarkasmus oder beinahe liebevoll – aufgespießt und vorgeführt. Sie sollen aufrütteln, ganz besonders dort, wo diese Missstände schon fast normal geworden sind und fast nicht mehr wahrgenommen werden. Andruchowytsch ist ein Meister dieses Genres. Man muss manchmal schon sehr genau hinschauen und hinlesen, um nicht selbst ganz irr zu werden; diese kleine Mühe lohnt sich jedoch. Des besseren Verständnisses wegen empfiehlt es sich, das Nachwort »Im Vaterland des Masochismus« der Übersetzerin Sabine Stöhr vorab zu lesen, und »Die Anmerkungen des Autors« während des Lesens parat zu haben.
Der Roman wurde 2006 mit dem »Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung« ausgezeichnet.
Inhalt:
Karl-Joseph Zumbrunnen, österreichischer Fotograf mit galizischen Wurzeln, reist in den neunziger Jahren immer wieder durch die Ukraine. Die Geburtswehen eines neuen Staates, die Ungleichzeitigkeit von brutal geschmackloser Kommerzialisierung, rückwärtsgewandter Huzulenfoklore, Resowjetisierung und Habsburg-Nostalgie faszinieren ihn. Das Chaos der postsozialistischen Übergangszeit scheint ihm unendlich reizvoller als das langweilige Leben im Westen – vor allem, seit er sich in Roma Woronytsch verliebt hat, seine Dolmetscherin.
Er begleitet sie auf einem abenteuerlichen Ausflug in die Karpaten. Was sich in der Bergeinsamkeit, im »Wirtshaus auf dem Mond«, einem ehemaligen Observatorium und späteren Sporthotel, abspielt, wo zwischen Videofilmern, Stripteasetänzerinnen, Bodyguards und Intellektuellen der verfemte Dichter der ukrainischen Moderne, Bohdan-Ihor Antonytsch, höchstselbst umgeht; am Ende wird Zumbrunnen eines Missverständnisses wegen ermordet und beginnt seinen wunderbar lyrischen Nachtflug über Mitteleuropa.
Der Autor:
Juri Andruchowytsch, geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk/Westukraine, dem früheren galizischen Stanislau, studierte Journalistik und begann als Lyriker. Später Übersetzungen aus dem Russischen, Polnischen, Englischen und Deutschen. 1985 Mitbegründer der legendären literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu (Burlesk-Balagan-Buffonada). Mit seinen drei Romanen »Rekreacij« (1992), »Moskoviada« (1993), »Perverzija« (1999), die ins Polnische und Russische übersetzte wurden, ist er unfreiwillig zum Klassiker der ukrainischen Gegenwartsliteratur geworden.
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Leseprobe:
In seinen Briefen aus der Ukraine schrieb Karl-Joseph Zumbrunnen: »Alles, was wir uns wünschen, vorstellen und erhoffen, trifft auch unausweichlich ein. Aber immer zu spät und nie so, wie wir es erwartet hatten. Wenn es uns schließlich begegnet, erkennen wir es nicht einmal. Deshalb fürchten wir uns meist vor der Zukunft, vor Reisen, Kindern, vor Veränderungen. Auch ich kann mich nicht dagegen wehren, ich tue nur so. Seit kurzem wird hier immer wieder für Stunden der Strom abgestellt. «
Keiner seiner engsten Bekannten hat je eine klare Antwort auf die Frage erhalten, warum er dorthin reiste. Die junge Frau, mit der er acht Jahre zusammen war (sie hieß Eva-Maria, und es ist unklar, von wem - Eva oder Maria - mehr in ihr steckte), erklärte eines Morgens, sie habe jetzt endgültig genug von ihm. Er verabschiedete sie unten an der Haustür, sie ging und mit ihr der beste Teil seiner Jugend - jene schwindelerregende Offenheit, mit der man die Blicke der anderen erwidert. Doch auch nach der Trennung hörte Karl-Joseph Zumbrunnen nicht auf, in die Ukraine zu reisen. Er ging bloß etwas gebeugter - was nur denen auffiel, die ihm am nächsten standen -, und der Augenarzt musste ihm je eine Dioptrie zusätzlich verschreiben.
Auch als die ukrainische Regierung das Visumverfahren erheblich verkomplizierte und die Preise für konsularische Dienste spürbar anhob, ließ er sich nicht davon abbringen, immer wieder hinzufahren. Nichts konnte Karl-Joseph daran hindern, die Schwelle ihrer Vertretung zu überschreiten, er saß stundenlang neben heiser sprechenden, aus Bordellen geflüchteten Frauen und allen möglichen anderen Illegalen in den Wartezimmern herum, nahm aus dem Augenwinkel die interessierten, herablassenden Blicke der von Mal zu Mal stärker geschminkten, fülligen russischsprachigen Sekretärinnen wahr und nannte, endlich zur Audienz vorgelassen, dem vergesslichen Beamten zum x-ten Mal Name, Vorname, Art der Beschäftigung und Zweck der Reise. An einem bestimmten Punkt des Gesprächs erinnerte sich der Beamte dann doch an ihn, richtete den wässrigen Blick zu Boden und versprach zu sehen, was sich machen ließe.
Seine erste Reise unternahm Karl-Joseph Anfang der neunziger Jahre. Damals zog dieses völlig neue Staatsgebilde viele solcher Morgenlandfahrer an. »Wenn sie den Winter überstehen«, schrieb Zumbrunnen, »dann winkt ihnen eine gute Zukunft. Jetzt haben sie es furchtbar schwer, es fehlt am Notwendigsten, einschließlich Schnaps und Streichhölzern, die vorläufige Pseudowährung verliert minütlich an Wert, aber vergessen wir nicht, dass wir im Osten sind und das Materielle hier niemals eine entscheidende Rolle spielen wird. Ich habe mich mit jungen Intellektuellen und einigen Studenten unterhalten, außergewöhnlich interessanten Menschen, die bereit sind, ihr Land radikal zu verändern. « Die Empfänger seiner Briefe zuckten nur die Achseln: All diese ekstatischen Reisenotizen erschienen ihnen ziemlich banal und naiv, wenn nicht gar aus dem gesammelten Rolland oder Rilke abgeschrieben. Als er im Frühsommer nach Wien zurückkehrte, brachte Karl-Joseph Zumbrunnen einen lackierten Holzadler mit, ein paar Wolldecken aus Kosiw (eine für seine Freundin) und ein Päckchen brutalste »Watra«. Karl-Joseph rauchte nicht, aber dann und wann bot er einem seiner auf Grenzerfahrungen erpichten Gäste eine »Watra« an - so war das Päckchen auch Jahre später kaum zur Hälfte aufgebraucht.
Seine Fotografien aus den Karpaten und aus Lemberg veröffentlichte er in marginalen Zeitschriften, aus der geplanten eigenen Ausstellung »Europa. Das verschobene Zentrum« wurde aber nichts. Trotz seiner Bereitschaft, einen kompromisslerischen Titel zu wählen: »Nach Roth, nach Schulz«. In letzter Minute mischten sich irgendwelche höheren Mächte des Museums für Volkskunde ein, und die Sache platzte. Doch Karl-Joseph Zumbrunnen hörte nicht auf, dorthin zu fahren.
erstellt am: 21.10.07
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