Buchbesprechung Gerade bei der Verurteilung zum Tode vermischen sich allzu leicht die Begriffe Strafe und Rache. Das hat sich deutlich gezeigt in der Französischen Revolution, zeigte sich in Diktaturen und es zeigt sich auch heute noch, wenn Begnadigungen verweigert werden; häufig ist bei einer solchen Verweigerung Rache ein wesentliches Motiv.
Man kann über die „Moralität“ der Todesstrafe streiten, aber nicht zu bestreiten ist, dass es schon häufig Fehlurteile gegeben hat, die dann zwangsläufig nicht mehr revidiert werden konnten.
Wenn man die geschichtlichen Beispiele, die Martin Haidinger uns vor Augen führt, liest, drängt sich spontan der Vergleich auf, die Menschen seien zu Tieren geworden; aber genau das stimmt nicht; Tiere töten nicht aus Rache, sie töten nur, um zu überleben, aus Rache – oder aus Lust – tötet nur „die Krone der Schöpfung“ der Mensch.
Inhalt:
Was sich jahrhundertelang vor staunendem, geiferndem oder erschüttertem Publikum abspielte, geschieht heute meist hinter hohen Gefängnismauern und mit Giftspritze: eine Hinrichtung. Macht es das besser? So oder so entscheidet der Staat über das Leben von Menschen. Nicht erst seit Saddam Husseins Tod durch den Strang ist die Diskussion über die Rechtmäßigkeit der Todesstrafe wieder losgebrochen. Eine packende Geschichte des brutalen Geschehens im Namen der Gerechtigkeit. Anhand unzähliger Fälle zeichnet der Journalist und Historiker Martin Haidinger die Blutspur der Justiz durch die Geschichte nach, nennt die Namen von Henkern und Opfern und gibt Einblicke in die erschütterndsten Fälle.
Vorwort
Zwei auf ihrem letzten Gang und die Diskretion des Leids
Profession und Psychologie des Henkers
Kleines Einmaleins des Tötens
Berüchtigte Methoden und berühmte Opfer
Köpferollen im Namen der Freiheit:
die Blutbäder der Französischen Revolution
Tödliches Österreich
Tyrannenspiegel - braune und rote Schlachthöfe
Gottbegnadete Gnadenlosigkeit -
Todesstrafe in den USA
Saddam Husseins Ende, die „Sharia" und
andere orientalische Denkwürdigkeiten
Hängt ihn höher!
Ein Blick über die Grenzen des Themas,
und sechs Fragen zum Lynchen und zur Privatjustiz
Kain, was tust du deinem Bruder an?
Der Autor:
Martin Haidinger, Mag. phil., wurde 1969 in Wien geboren und absolvierte dort ein Studium der Geschichte. Seit 1990 arbeitet er als Journalist für österreichische und deutsche Rundfunkanstalten und schreibt für Zeitungen und Magazine. 1996 erhielt Haidinger den Österreichischen Staats-Förderpreis für Wissenschaftspublizistik. Der Buchautor, Romancier und Kabarettist ist außerdem Lehrbeauftragter der Karl-Franzens-Universität Graz und der Katholischen Medienakademie in Wien.
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Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
„Die Geschichte ist die Wissenschaft vom Unglück des Menschen. "
Raymond Queneau
Wo sonst, wenn nicht bei unserem Thema, wird dieses Wort Queneaus zur Wahrheit?
Die Todesstrafe ist älter als alle anderen Bestrafungen, die der Mensch kennt.
Sie wurde vollzogen, ehe es Gefängnisse gab oder Geldbußen eingehoben wurden.
Bis heute haftet ihr der archaische Charakter dieser Vorzeitlichkeit an. Auch wenn Juristen und Staatsphilosophen immer wieder versuchen, rationale Begründungen für ihren Vollzug modern auszudrücken: Wo eine Gemeinschaft, ein Staat geplant tötet, kommt eine Seite menschlicher Urgeschichte zum Vorschein, die bis heute der zivilisatorischen Weiterentwicklung der Menschheit getrotzt hat.
Kriminal- und Gerichtsberichterstatter neigen bisweilen dazu, besonders grausame Morde als „Hinrichtungen" zu bezeichnen. Um diese im Grunde beschönigende Mordumschreibung geht es in diesem Buch nicht; ebenso wenig um Völkermord, Holocaust und Massenvertreibung, die nur in jenen Aspekten behandelt werden, die einwandfrei zum Thema Todesstrafe gehören. Es hieße die Opfer der Genozide beleidigen, wenn man ihre wilde Ermordung als „Hinrichtung" oder gar als „Strafe" verharmloste.
Und auch Fememörder, Lyncher und Terroristen können kein Todes-„Urteil" verhängen. Osama bin Ladens „AI Kaida" richtet nicht hin, sie mordet! Und das in jeder existierenden Rechtsauslegung außer ihrer eigenen.
Bisweilen aber verfließen die Grenzen zwischen Hinrichtung und Mord, und um genau diesen wichtigen Aspekt hat es zu gehen - er ist einer der Anlässe gewesen, dieses Buch zu schreiben: den Begriff „Todesstrafe" aus dem reichen Repertoire menschlicher Tötungsmotive herauszuschälen und so lange abzuklopfen, bis er nackt und bloß, ohne billige Rechtfertigungsrhetorik und den Schutzpanzer vorgeblicher Unabwendbarkeit und Notwendigkeit auf sein innerstes Wesen reduziert ist.
Und dieses Wesen harrt einer sinnvollen Diskussion.
Die dabei ausgetauschten Argumente sind Meinungen und daher subjektiv. So ist es auch die hier erzählte Geschichte.
Es sind Streiflichter, die darin aufblitzen. Sie beleuchten nicht alle Epochen, Länder und Henkerswerkzeuge in gleicher Intensität, sondern erhellen den Blick auf exemplarische Beispiele der Tötung im Namen des Gesetzes. Manches wird nicht überraschen, denn Diktaturen kommen selten ohne Todesstrafe aus. Wenn der Justizmord zum System wird, wenn Gewaltherrscher geradezu im Blut baden, sind „Einzelhinrichtungen" nach „Prozessen" dann nur mehr eine Facette des Grauens. Den Tyrannen rechtfertigt niemand, außer er sich selbst.
Spannender aber auch problematischer wird es dort, wo demokratische Staaten Todesurteile vollstrecken. Es ist nun einmal so, dass beispielsweise die große Französische Revolution nicht nur Freiheits- und Menschenrechte gebracht, sondern auch jene Pro- und Kontra-Haltungen zum strafenden und bisweilen auch tötenden modernen Staat gründend beeinflusst hat, in die wir noch heute eingesponnen sind - gerade in Europa und den USA. Über die Blutbäder am Beginn der frühdemokratischen Epoche der Neuzeit muss detailliert erzählt werden, um die Dramatik dieses ideologischen Hexenkessels nachvollziehen zu können. Es ist eine Art „Bildnis des Dorian Gray", ein Zerrbild der Demokratie, das hier bestaunt werden kann.
Die französische Schreckensherrschaft lässt uns ebenso ratlos zurück wie das höchst gegenwärtige Phänomen der „Sharia", des islamischen Rechts, das Frauen und Kinder mit dem Schwert oder dem Strick hinrichten lässt oder lebende Menschen aus Flugzeugen über dem Meer abwirft.
Wer allerdings der Versuchung erliegt, den Islam auf seine Hinrichtungspraxis zu reduzieren, unternehme dieses Gedankenexperiment auch mit der Französischen Revolution, und gehe dann wieder zurück zum Start.
So einfach ist es nicht. Nein, so einfach ist es ganz und gar nicht.
Die katholische Kirche kennt die „Betrachtungen der Schmerzen Christi", eine fromme Andachtsübung, in der sich der gläubige Christ in die Leiden des Menschensohnes am Kreuz versenken soll. Nun, so weit wollen wir mit diesem Buch nicht gehen, zumal es nicht sein Zweck ist, Glauben zu bringen, sondern Erkenntnis. Aber auch dafür ist es notwendig, Täter und Opfer so genau wie möglich kennenzulernen.
Wozu, fragt vielleicht der sensible Leser, quillt in diesem Buch Blut aus jeder Zeile? Warum die detaillierte Schilderung furchtbarer Grausamkeiten? Kann man dieses Thema nicht auch nüchtern bewältigen? Emotionslos, um zu einer sachlichen Antwort auf die Frage „Todesstrafe ja oder nein?" zu kommen?
Ihm antworte ich mit der Sentenz, die John F. Mortimer seinem Buch „Henker" vorangestellt hat:
„Die Befürworter der Todesstrafe sollen wissen, wovon sie reden, sollen alles kennen, was im Zusammenhang mit der niemals wieder rückgängig zu machenden Strafe am Leben eines Menschen Gewicht hat. Und die Gegner der Todesstrafe sollen weniger reden und mehr argumentieren. "
erstellt am: 14.10.07
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