Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Der goldene Zug
von Bujiko, Miroslaw <übersetzt von: Giese, Friedrich> (Polen)

Genre:

Roman (historisch)

Stichwörter:

Goldschatz, Russland, Eisenbahn

Verlag:

dtv

ISBN:

978-3-423-24630-9

Format:

kartoniert, 540 S.

Erscheinungsjahr:

polnisch 2006, deutsch 2007

Preis:

€ (D) 15,00 / € (A) 15,50 / sFr 25,90



Buchbesprechung

Ein politisch-historischer, russischer Thriller mit realem historischen Hintergrund, spannend und farbig geschrieben.
Eine Erinnerung an eine Zeit des Umbruchs, von der wir gar kein so detailliertes Wissen haben.
Es ist die Zeit noch bevor die Bolschewiki die Oberhand gewonnen hatten, und als es noch gar nicht so sicher war, dass sie auch als Sieger aus der Revolution hervorgehen würden.
Sicher ist nur, dass die Alliierten, die mit den Weißen gegen die Roten kämpften, damals einige seltsame Entscheidungen trafen und so den Roten das Feld überließen.


Inhalt:
Russland 1918. Die Revolution hat gesiegt, die Zarenfamilie wird vom Exekutivkomitee des Urals hingerichtet. Was bleibt, ist ein riesiger Goldschatz, den die Bolschewiki in einem Güterzug vor den herannahenden Deutschen zu retten versuchen. Der junge Tschekist Iwan Kaschedub, ein schöner, stolzer, aber auch ungezügelter Mann, wird von Dserschinksi persönlich zum Kommandanten des Goldzugs ernannt. Er soll den Schatz nach Kasan bringen.
Aber längst haben auch andere von dem Gold Wind bekommen. Die schöne Polin Wanda Laudowska, die für einen westlichen Geheimdienst arbeitet, hat sich mit einer Empfehlung von Lenin persönlich unter das Begleitpersonal des Zuges gemischt. Aber auch die Funkerin Salomea soll das Gold "im Auge behalten", und im Führerstand der Lokomotive sitzt der japanische Agent und Schwertkämpfer Eiso Kidera ...
Für die revolutionäre Moral ist es natürlich besonders bedenklich, dass sich der Kommandant als erstes Hals über Kopf in die schöne Wanda Laudowska verliebt …


Der Autor:
Miroslaw M. Bujko
, geboren 1951, promovierte an der Universität Warschau. Er ist Geisteswissenschaftler, Musikologe, Journalist und Essayist und lehrt an der Hochschule für Kommunikation und Medienwissenschaften in Warschau.

Bemerkungen:
Das Zarengold hat es tatsächlich gegeben. Dass es Lenin und die bolschewistischen Revolutionäre als Eigentum des russischen Volkes betrachtet haben, versteht sich von selbst. Als Privatvermögen der Romanows wären Goldvorräte im Wert von 1,7 Milliarden Rubel vielleicht auch ein bisschen üppig gewesen. Es waren die größten der Welt.
Im Jahre 1918, zur Zeit des russischen Bürgerkriegs, in der Bujkos Roman spielt, ging es allerdings nur noch um einen Teil des ehemaligen Schatzes. Nicht nur die russischen Revolutionäre, die ihn 1917 in der Moskauer Staatsbank erbeutet hatten, erhoben Anspruch darauf. Auch die Westallierten, vor allem England, glaubten sich berechtigt, das Gold als Bezahlung für ihre Kriegslieferungen zu fordern. Wo es letztlich geblieben ist, weiß niemand genau.
Als Hauptverdächtige gelten die Angehörigen der Tschechischen Legion, die zwischen 1914 und 1917 in den sibirischen Kriegsgefangenenlagern rekrutiert worden waren. Sie sollten gegen die Mittelmächte eingesetzt werden, gelangten aber nicht mehr vor dem Frieden von Brest-Litowsk an die Front. Stattdessen besetzten sie den östlichen Teil der transsibirischen Eisenbahn und unterstützten die weißgardistischen Truppen von Koltschak. Es gibt ernstzunehmende Vermutungen, dass sie den Zarenschatz nach dem Ende von Koltschaks Regime per Schiff nach Europa entführten und die Zentralbank der neugegründeten Tschechoslowakei auf diese Weise zu ihren ersten Goldvorräten gelangte.


Leseprobe:
Mein Gott, wie gut dieser Kaschedub aussieht! Ein prachtvoller Bursche. Man kann die Augen nicht von ihm lassen. Wäre er bloß hübsch, wäre er nicht zu ertragen, aber diese kaum wahrnehmbaren Unvollkommenheiten machen gerade seine Vollkommenheit aus. Seine Schönheit bestätigt die Theorien vom wohltuenden Einfluss der Rassen- und Blutmischung. Er hat blaue Augen, genau wie sein Vater. Auch die regelmäßigen Züge gehen wohl auf die polnische Abstammung zurück, aber der dunkle Teint, die hohen Backenknochen, die scharfe Adlernase, die hohe Stirn und vor allem die unglaublichen, jetzt glatt nach hinten gekämmten Haare hat er von der kaukasischen Mutter und ihren fürstlichen Vorfahren. So mag der junge Jason ausgesehen haben. Nur hätte er Sandalen an den Füßen gehabt und nicht glänzende Offiziersstiefel, und am Gürtel hätte eine Wasserflasche gehangen und nicht das elegante Futteral, das jetzt leer war, weil er den geliebten Colt beim wachhabenden Offizier hat abliefern müssen. In diesem Kabinett darf allein ich eine Waffe tragen. Jedenfalls so lange, wie hier nicht ein Haufen mit Gewehren bewaffneter Männer hereinstürmt, denn dann werden mir all meine Revolver auch nicht mehr helfen. Aber daran wollen wir vorläufig nicht denken. Konzentrieren wir uns auf die Aufgabe. Dafür habe ich den Adonis ja kommen lassen.
»Nimm Platz, Iwan, und hör gut zu, denn ich mag keine Unklarheiten«, sagte Felix Edmundowitsch. Kaschedub zog einen der acht lederbezogenen Stühle heraus, die um den großen Konferenztisch standen, und setzte sich, wobei er die Falten seiner Breeches sorgfältig zurechtzog. Dserschinski ließ seinen Blick auf dem jungen Offizier ruhen, den er schon ins Herz geschlossen hatte, denn er bewunderte die idealen Proportionen seiner Gestalt und die Harmonie seiner Bewegungen. Dann erhob er sich schwerfällig vom Schreibtisch, steckte die Hände in die Taschen seiner Uniformjacke und begann, auf und ab zu gehen. Iwan folgte ihm erwartungsvoll mit den Augen, aber es verstrichen noch einige Sekunden, ehe Dserschinski sich auf einem Stuhl gleich neben ihm niederließ und seine gepflegten, schlanken Hände auf die Tischplatte legte. Er sprach leise, ohne Iwan anzusehen. Winzige Bewegungen seiner Finger unterstrichen die Bedeutung seiner Worte.
»Weißt du, was Anfang März letzten Jahres passiert ist?«
Iwan runzelte die Stirn, als sei er erstaunt. Er wusste genau, was damals geschehen war, aber weil man ihn nicht offiziell unterrichtet hatte, war er der Meinung, dass er es nicht wissen musste. Deshalb sagte er nach kurzer Überlegung: »Ich kann mich an nichts Wichtiges erinnern. «
Dserschinskis Miene verriet, dass er Kaschedubs Taktik akzeptierte.
Natürlich weißt du es, so wie es alle hier wissen, dachte er, aber es gefällt mir, dass du so diskret bist. Du kannst dir vorstellen, was andere denken und von dir erwarten, und das ist eine Fähigkeit, die mir gefällt. Du wirst mich bestimmt öfters loben und dich gleichzeitig wundern, dass du nicht längst mit einer Kugel im Kopf irgendwo im Wald liegst und die Ameisen es sich in deinem Schädel gemütlich gemacht haben. Du hast alle Talente deines Papas, des unvergessenen Viktor Franzowitsch, möge er in der Hölle schmoren, aber im Gegensatz zu ihm bist du leicht zu manipulieren. Er hatte zu viele Ideen und zu wenig Idealismus. Er war kalt und fasste sein Tun rein professionell auf - für wen er arbeitete und gegen wen er vorging, war ihm egal. Nur die Wirkung zählte: Aufdeckung, Verhaftung und Liquidierung. Wäre er Kammerjäger gewesen, hätte er mit demselben Vergnügen und Geschick Kakerlaken vernichtet.
Ohne diesen Professionalismus würdet ihr einander hier als Kollegen begegnen, aber ein Mensch, der seine Persönlichkeit dermaßen abschotten kann, ist gefährlich. Du bist anders. Du lässt dir leicht einreden, fürs Gemeinwohl zu arbeiten. Dich kann man kneten wie Plastilin, und deine Gefühle lassen sich steuern, vielleicht ist es das, weshalb du mir gefällst. Am meisten gefällt mir allerdings, dass du trotz alledem noch versuchst, schlauer zu sein als ich. Setzen wir das Spiel also fort.
»Iwan, am zweiten März letzten Jahres beendete die berühmte Romanow-Dynastie, die seit 1613 über dieses Land herrschte, ihre nicht allzu gnädige Herrschaft, und seit einem Jahr sitzt die ganze Familie in Tobolsk, ein nicht sonderlich glücklicher Einfall Kerenskis. Man hätte sie gleich liquidieren sollen, als Kerenski floh. Man hätte ihnen damit einen Gefallen getan und ihnen das demütigende Antichambrieren an den Höfen Europas erspart. «
Dserschinski beobachtete aufmerksam die Reaktionen seines Untergebenen. »Ich sehe, dass du gern eine andere Ansicht vortragen würdest, möchte dir aber in Erinnerung rufen, dass jede Revolution Opfer fordert unter den Vertretern der alten Ordnung. Das ist gar keine Frage von Schuld oder Strafe. Eher geht es... um Respekt vor den wirksamen Mechanismen, die für solche Fälle entwickelt wurden. Es ist gewissermaßen eine Frage des revolutionären Stils. «
Zum ersten Mal zeigte sich ein Lächeln auf Dserschinskis Gesicht. »Sie haben sowieso Glück, dass die Guillotine sich bei uns nicht eingebürgert hat. Das ist ja ein schrecklicher Tod. «
Iwan lächelte pflichtschuldig mit und wagte zu fragen: »Und was ist jetzt mit ihm und seiner Familie?«
Dserschinski formte mit zwei Fingern seiner rechten Hand eine Pistole, zielte auf die Blumenvase, die auf dem Tisch stand, und sagte - wobei Iwan sich nicht restlos sicher war, ob es sich schon um einen Beschluss oder noch um einen Scherz handelte: »Soweit ich Iljitsch und sein Charakterchen kenne, ist es nur noch eine Frage der Zeit. Piffpaff, und es ist erledigt. «
Wieder schaute er Iwan an, diesmal aber wachsam und ohne zu lächeln.
Kaschedub wurde ein wenig verlegen, aber dann nickte er, den Blick auf die Vase geheftet. »Gewiss. «
»Außerdem werden sie dann nicht ihr Eigentum fordern, Iwan. «
Iwan ahnte, um was es ging, tat aber wieder so, als verstünde er nicht.
Dserschinski ließ ihn nicht lange im Unklaren. »Die Immobilien, Liegenschaften, Landgüter usw. gehen natürlich mit dem Verstaatlichungsdekret in den Besitz der Regierung über. Das heißt des Volkes«, korrigierte er sich sogleich. »Schmucksachen und Juwelen, zum Beispiel die Insignien des Zaren, werden den Museen übergeben, aber das Wichtigste, Iwan, sind 526 Tonnen Gold in Barren und Münzen, dazu Platin und Silber; ein Teil ist schon hier, der Rest ist in Tambow. «
Kaschedub hatte das Gefühl, als werde sein Körper schwerer und als drücke ihn etwas auf den Stuhl. Es wollte ihm nicht recht gelingen, sich 526 Tonnen Gold vorzustellen.
Dserschinski wartete offenbar den Eindruck seiner Worte ab, aber da Iwan schwieg, fuhr er fort: »Du kannst dir wahrscheinlich nicht vorstellen, wie viel das ist, 526 Tonnen Gold, stimmt's?«
Iwan nickte nur, was sowohl Ja als auch Nein bedeuten konnte.
»Dann sag ich dir, wie viel das ist, denn wir haben das Gold auf Güterwagen geladen. Was meinst du, wie viele Wagen es sind?«
Diesmal schüttelte Iwan den Kopf, aber es sah so aus, als täte ihm der Nacken weh. Dserschinski faltete die Hände, als wollte er beten. »Achtundzwanzig, randvoll. Auf einen Waggon kommen rund zwanzig Tonnen. Weißt du, wie viel so ein Waggon wert ist?«
Kaschedub schluckte seinen Speichel herunter und schüttelte abermals den Kopf.
Felix Edmundowitsch rieb sich die Hände und breitete sie aus wie ein Priester, der seinen Schäfchen von der Kanzel die frohe Botschaft verkündet: »Ein Panzerkreuzer wie zum Beispiel die >Imperatriza Maria<, jetzt heißt er wohl >Marat<, ist ungefähr dreizehn Tonnen Gold wert. Für einen Waggon kann man also einen Panzerkreuzer und wohl noch einen Kreuzer bauen. «
Damit konnte Iwan etwas anfangen, denn er wusste genau, wie kompliziert und kostspielig so ein moderner Dreadnought war. Er wusste auch, dass man für ein Geschoss einer zwölfzölligen Kanone eine Milchkuh kaufen konnte.
»Kurz, es ist sehr viel Geld, Iwan. Würde man für dieses Gold Panzerkreuzer bauen, hätte man die mächtigste Flotte der Welt, na, sagen wir, die zweitmächtigste nach den Engländern! Du fragst dich vermutlich, warum ich dir das erzähle. «
Dserschinski verstummte, denn er mochte rhetorische Kniffe.
»Ich erzähle dir davon, weil ich, das heißt wir, Wladimir Iljitsch und ich, dir dieses Gold anvertrauen möchten. «


erstellt am: 12.10.07

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