Buchbesprechung Sehr authentisch wirkend beschreibt Michael Wallner eine sich entwickelnde Liebe in der Nachkriegszeit, in der bekanntlich alles anders war als in „normalen“ Zeiten. Ganz besonders gelungen sind die Psychogramme seiner beiden Hauptcharaktere: der Spieler, der ganz augenscheinlich an sein großes Vorbild in der Literatur erinnert, und die – um aus den Zwängen des Zusammenbruchs herauszukommen – alles wagende junge Frau. Sie entwickelt eine Liebe, die chancenlos bleiben muss, denn der Spieler kann letztlich nicht liebesfähig sein.
Ein einfühlsamer und zugleich realistischer Roman.
Inhalt:
Norddeutschland 1948: In einem Lazarett der britischen Truppen lernt Inga, eine junge Deutsche, Alec Hayden kennen – einen Offizier, der zerbrechlich wirkt, aber eine geheimnisvolle Aura besitzt. Inga, von dem unnahbaren Mann mit dem fahlen Gesicht merkwürdig angezogen, begreift rasch, dass Hayden nur eine Leidenschaft kennt: Er ist ein Spieler, besessen von den Karten. Doch diese Entdeckung schreckt sie keineswegs ab. Denn in der Tristesse der Nachkriegszeit träumt die lebenshungrige Inga von Abwechslung, Abenteuer und dem großen Glück. Was wäre, stellt sie sich vor, wenn sie selbst einmal das richtige Blatt in Händen halten und den großen Coup landen würde? Ohne lange nachzudenken, setzt Inga alles auf eine Karte – und droht alles zu verspielen: das Wenige, was ihre Eltern noch besitzen, ebenso wie ihre Ehre und ihr Glück. Und in diesem Moment erkennt Hayden, dass Inga ihm mehr bedeutet, als er sich eingestehen wollte. Und dass es für ihn im Leben noch Wichtigeres gibt als das Spiel...
Der Autor:
Michael Wallner wurde 1958 in Graz geboren. Er hat als Schauspieler und Regisseur gearbeitet und lebt heute in Berlin. Von ihm sind u. a. die Romane "Manhattan fliegt" (2000), "Cliehms Begabung" (2000) und "Finale" (2003) erschienen. Im Luchterhand Literaturverlag veröffentlichte er 2006 seinen Bestseller "April in Paris".
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Der Engländer hatte die Augen geöffnet. Seine Haut war nicht winterweiß, eher durchsichtig, das schwarze Haar ließ das Gesicht auf dem Kissen noch fahler erscheinen. Als Inga an seinem Bett vorbeiging, folgte er der Bewegung.
Sie hatte in H nichts verloren, die Lazarettbaracke war bloß der kürzere Weg zu ihrer Abteilung – die Krankenschwestern kannten sie; gerade wechselten sie seinen Verband. Inga sah das geschwollene Knie, rote Schnitte, die frischen Fäden, Blutschorf bis zur Wade. In der Sekunde, als sie stehenblieb, ging der Klebestreifen ihres Farbbandes auf, die Spule sprang aus der Hand und rollte unter das Nachbarbett. Kniend suchte Inga zwischen ausgezogenen Schuhen und den eisernen Beinen des Nachttisches. Als sie hochkam, waren ihre Finger schwarz. Das Farbband hier aufzurollen, kam nicht in Frage, Inga hängte es in Schleifen über die linke Hand; inzwischen war der Engländer frisch verbunden und zugedeckt worden. Sie bildete sich ein, daß er ihr nachsah, drehte sich aber nicht um.
Vor der Baracke standen die Männer rauchend in der Kälte und wandten die Gesichter der Märzsonne zu; zwei trugen die Uniformjacken über dem Schlafanzug. Ob Inga die neue Schwester sei, fragte einer, und mit Blick auf das Farbband, ob schwarze Mullbinden jetzt in Mode kämen. Sie machte den Spaß mit, die Tommies lachten hinter ihr her. Laufend drehte sie dem Wind den Rücken zu, trotzdem flatterten die Schlingen auf ihrer Hand; im Krebsgang verließ sie das Lazarett. Es lag nur einen Steinwurf von der Lagereinfahrt entfernt, der Wachposten schob den Helm in den Nacken und winkte Inga zu.
Sie nahm den Sandweg entlang der Hagebutten, umging das Casino über den Pfad hinter der Tankstelle, die nur besetzt war, wenn Flugzeuge erwartet wurden. Vor dem Speisesaal nützte der Unteroffizier die Zeit bis zum Lunch, um die Terrasse fegen zu lassen. Ein Captain saß lesend in der Sonne, ohne aufzublicken hob er die Beine, als sich die Besen näherten. Der Wagen des Kommandanten parkte vor seiner Baracke, Lagebesprechung, fiel Inga ein, es mußte also Mittwoch sein. Der Weg gabelte sich, links die Mannschaftsunterkünfte, dahinter das Flugfeld, die schmale Rollbahn verlor sich zwischen den Föhren. Sie hatten die Baracken mitten in den schütteren Wald gebaut - Baracken, dachte Inga, keine Zelte, sie blieben noch eine Weile. Rechts tauchte die Nachschubabteilung auf. Die offizielle Abkürzung für Ingas Arbeitsplatz lautete anders, doch weil von hier die Bestellungen ausgingen, für alles, was im Lager benötigt wurde, trug die Baracke den Spitznamen Goodies - das G stand in Rot an die Rückwand gemalt.
Ingas Sergeant hatte den Stuhl ins Freie gestellt, den Mantel bis oben geschlossen, trank er Tee. »Von wegen deutsche Pünktlichkeit«, begrüßte er die junge Civilian Employee.
Sie entschuldigte sich mit der verspäteten Abfahrt des Lasters aus der Stadt. Eine Bö fuhr ins Farbband, sie bat den Sergeant, ihr die Tür zu öffnen. Lachend blieb er sitzen und beobachtete, wie sie umständlich den Türknauf bediente und in der Baracke verschwand.
Die Listen sollten bis Mittag fertig sein, doch Inga brauchte beinahe so lange, um das Band auf die Spule zu rollen. Immer wieder rutschte es aus der Führung, verdrehte sich, schließlich quoll das kleine Rad über und ließ sich nicht in die Maschine einlegen. Zuletzt waren Hände, Arme und ihr Tisch beschmiert. Mit dem Ellbogen öffnete sie das Fenster, um die helle Luft einzulassen. Wie friedlich die Blocks dalagen, man hätte das Ganze für ein Ferienheim halten können, nur die Kinder fehlten. Sie drehte sich um, dort stand ihr Tisch, die Stempel, aufgehängt in der kreisförmigen Halterung, das Papier und die Kuverts mit dem Aufdruck der Armee Seiner Majestät. Selbst die alte Remington sah an diesem Frühlingsmorgen nicht ganz so schwarz aus. Inga fiel ein, sie mußte Kohlepapier bestellen. Die Tür zum Büro des Officers stand angelehnt, der Luftzug schloß sie mit einem Knall.
Sie versuchte es erst gar nicht mit Seife. Die Finger von sich gestreckt, lief sie hinüber zur Küchenbaracke und borgte sich den rauhen Stein aus, mit dem dort Zwiebelsaft und Fett abgeschrubbt wurden. Während sie rieb, drang der Essensgeruch zu ihr, im Hinausgehen warf sie einen Blick in den Kessel - was der Koch da umrührte, war braun, verkocht und roch versalzen. Sie würden es Stew nennen, wie immer.
Die Auflistung des schweren Gerätes war überfällig; Pionierausrüstung, Ersatzteile für Bergepanzer, Schienenmontagefahrzeuge, Spezialwerkzeug, hundert hellbraune Zettel, nummeriert und mit Kürzeln versehen, Inga sortierte sie nach Seriennummern und begann hinter dem getürmten Papier die Listen zusammenzustellen.
Sie blieb bis lange nach Dienstschluß, der letzte Laster in die Stadt war längst abgefahren; wenn sie nicht bei irgendwem hinten aufspringen konnte, mußte sie anderthalb Stunden zu Fuß laufen. Sie zog das letzte Blatt aus der Maschine, entfernte den Durchschlag, das Original kam in die grüne Mappe, zusammen mit der grauen brachte sie die Papiere ins Büro des Officers. Ohne Licht zu machen, fand sie den richtigen Korb, legte darin alles ab, nahm ihren Mantel und sperrte beim Hinausgehen zu.
Das Lager war samtweich und ruhig. Bei den Kiefern wurde gelacht, verhaltener als während des Tages, zwei Laternen beschienen die ersten Meter des Flugfelds, dahinter verschwand die Rollbahn im Dunkel. Inga ging an der unbeleuchteten Kommandobaracke vorbei, schlaff hing der Union Jack am Mast; im Casino spielte einer Klavier. Sie schlug sich in den Wald, um den Weg zum Schlagbaum abzukürzen. Zwischen den astlosen Föhren, den knospenden Sträuchern schimmerten die Lichter der Unterkünfte. Sie richtete die Augen zu Boden, ihre Schuhe waren für Pfützen nicht gemacht. An der Rückseite des Lazaretts erreichte Inga wieder den Sandweg. Abends wurde es in H als erstes ruhig, wegen der Medikamente, nahm sie an.
Sie hatte geglaubt, daß er sich kaum aufrichten konnte, doch da saß der Engländer auf der Terrasse, das Bein auf die gemauerte Brüstung gestreckt - kein Patient sonst vor der Tür, auch die Nachtschwester nicht -, wie war er ins Freie gelangt? Sein Bademantel leuchtete in der Dämmerung, er hob den Arm. Halb auf dem Weg, halb noch hinter den Hagebutten verborgen, hoffte Inga, er meinte nicht sie. Konnte sie ihn einfach übersehen? Sie machte den nächsten Schritt, da senkte er die Hand auf ihre Höhe, der gestreckte Finger zeigte auf Inga.
Nie, seit sie bei den Engländern arbeitete, hatte sie ihn in einer Schreibstube oder beim Essen gesehen. Das erste Mal war er ihr bei der täglichen Abkürzung durch das Lazarett aufgefallen, er lag im Vormittagslicht, das Bettzeug schimmerte; aufgebahrt, war ihr durch den Kopf gegangen, leichenblaß, geschlossene Augen, die Hände auf der Brust gefaltet. An Beschuß und Detonation hatte Inga gedacht. Am nächsten Tag fand sie ihn unverändert, bewußtlos oder schlafend, und doch war er bewegt worden, sein Haar frisiert, die Bettpfanne halb voll, eine Tafel Schokolade lag angebrochen auf dem Nachttisch. Im Vorbeigehen hatte sie das Namensschild gelesen - A. Hayden, Ltn. Wofür stand das A. ?
erstellt am: 11.10.2007
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