Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Er stand in Hitlers Testament - Ein deutsches Familienerbe
von Saur, Karl-Otto und Michael (Deutschland)

Genre:

Sachbuch (Geschichte), Familiengeschichte

Stichwörter:

NS-Zeit, Familie, Aufarbeitung

Verlag:

Econ

ISBN:

978-3-430-20026-4

Format:

gebunden, 240 S.

Erscheinungsjahr:

2007

Preis:

€ (D) 19,90 / € (A) 20,50 / sFr 35,40



Buchbesprechung

Nur wenige Monate älter als Karl-Otto Saur jun., wie er damit der 68er Generation zugehörig, wie er kein Aktivist der 68er Revolte, geprägt von den selben Zeiten, von der gleichen Vätergeneration, muss, genauer: kann ich gar nicht anders, als dieses Buch ganz persönlich zu nehmen. Es rührt an meinen eigenen Problemen – oder besser gesagt, nicht an „meinen eigenen Problemen“, sondern an meiner/unserer Sichtweise auf die objektiv bestehenden Probleme – damals, wie heute (es sind nicht UNSERE Probleme!). Und es zeigt – durch seines Sohnes Sicht – umgekehrt, die Sicht unserer Kinder auf uns, die wir diese Probleme bearbeiten (nicht: verarbeiten!, das klingt nach abhaken), und es zeigt außerdem, welches Gewicht die Taten der Großeltern für unsere (erwachsene und damit urteilsfähige) Kindergeneration heute hat.
Dieses Buch ist derartig vielschichtig, dass man über dieses Buch selbst mehrere Bücher schreiben müsste.
Stephan Lebert schreibt in seinem Vorwort nämlich zu Recht:
„Und doch ist die Frage, die Dan Bar-On damals in den Mittelpunkt gerückt hat, immer noch unbeantwortet: Was bedeutet es für dieses Land, ein Land der Täter zu sein? Für die Lehrer, die Professoren, die Mütter und [….]. Psychologen sind sich einig, dass es beispielsweise für ein Mädchen eine große Rolle im Leben spielt, wenn die Mutter den eigenen unerfüllten Wunsch, eine berühmte Balletttänzerin zu werden, nun mit allen Mitteln an die Tochter weitergibt. Und da soll es für das Jetzt keine Rolle spielen, was Eltern und Großeltern im »Dritten Reich« getan und nicht getan haben?“
Ganz zugespitzt kann man fragen: Ähnelt nicht das VERarbeiten Wollen oder Sollen dem Nicht-sehen-wollen oder –sollen von damals?
Wenn uns unsere in körperlicher und geistiger Blüte stehenden Kinder nahe legen, unsere „Probleme“ d.h. die Vergangenheit – quasi zur Gesundung, zur Herstellung unseres geistigen Wohlbefindens – zu bewältigen, zu verarbeiten, zeigen sie, dass sie sich nicht „betroffen“ (im doppelten Sinn des Wortes) fühlen. Wie soll man jedoch ohne Betroffenheit die Lehren aus geschichtlichen Ereignissen, die ja auch ihre eigene Geschichte sind, ziehen können und zum alltäglichen Nutzen (insbesondere an die nächste Generation) weitergeben?
Nun, ich bin betroffen.
Etwas anderes in dieser Lebensgeschichte hat mich überrascht:
Karl-Otto Saur jun. hatte einen aktiven Nationalsozialisten, einen wirklichen Täter, zum Vater. Mein Vater war, dem Vernehmen nach, unbelastet, sozusagen ein (passiver) Gegner des Systems. Und dennoch ähneln sich die familiären Situationen frappierend: mangelnde bis fehlende emotionale Zuwendung, Unfähigkeit Gefühle zu zeigen, Strenge und Strafe (körperliche und seelische) als oberstes Gebot der Erziehung, Verachtung von „Verweichlichung“, die Vergangenheit ein absolutes Tabuthema. Und es spielte also keine Rolle, ob der einzelne Vater (Mutter) ein Belasteter oder ein Unbelasteter gewesen ist, die gesamte Elterngeneration trug die gleichen Merkmale. (Und das sind letztlich die Gründe, die die 68er auf die Straße getrieben haben.)

Ich glaube, die Frage unserer Generation „Wie konntet ihr nur! … Wie war das damals möglich?!“ wird erst mit unserer Generation aussterben – da können wir „verarbeiten“ so viel wir wollen; und mit uns wird diese Frage dann leider auch tatsächlich gestorben sein – zum Schaden aller.

Es ist hier nicht Platz genug, um die vielen bemerkenswerten, nachdenklich machenden und sicher auch im einen oder anderen Fall kontrovers zu diskutierenden Punkte zu besprechen, außer Frage steht, es ist ein wichtiges (und gut geschriebenes) Buch.


Inhalt:
Karl-Otto Saur leitete bis Ende des Zweiten Weltkriegs das Hauptamt für Technik im Rüstungsministerium. Er war ein enger Vertrauter Hitlers und einer der wenigen, die in dessen politischem Testament namentlich bedacht wurden – als Nachfolger von Albert Speer. Sein Sohn und sein Enkel, Karl-Otto Saur junior und Michael Saur, begeben sich gemeinsam auf Spurensuche und schreiben darüber, wie dieses Erbe sie geprägt hat.
In der Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn ist ein faszinierendes und vielschichtiges Buch entstanden, das wie in einem Brennglas viele verschiedene Aspekte des Lebens zusammenführt: die Perspektiven und Wege dreier Generationen, den Wandel einer Industriellen zu einer Intellektuellenfamilie und die uns alle berührende Frage, was Menschen zu dem macht, was sie sind.


Mehr über Karl-Otto Saur sen. in Wikipedia

Die Autoren:
Karl-Otto Saur jun.
, geboren 1944, führte mit seinem Bruder den Verlag des Vaters, den späteren K.G. Saur Verlag. Nach einer Journalistenausbildung leitete er die Medienredaktion der »Süddeutschen Zeitung« und war Ressortleiter beim »Spiegel«. Heute ist er verantwortlich für das Fernsehfilmfestival Baden-Baden
Michael Saur, geboren 1967, lernte Buchhändler bevor er in New York Literaturwissenschaft studierte. Von dort schreibt er u. a. für die »Süddeutsche Zeitung« und »Stern«. 2007 erschien sein zweiter Roman.


Alle Veröffentlichungen von Karl-Otto Saur jun., gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Alle Veröffentlichungen von Michael Saur, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Mein erster Vater war eine Frau. Mieken. Sie war die jüngere Schwester meiner Mutter, und sie gehörte ab meinem zweiten Lebensjahr zu unserer Familie. Da meine ersten eigenen Erinnerungen mit meinem dritten Lebensjahr beginnen, war ihre Anwesenheit für mich selbstverständlich. Sie ging morgens aus dem Haus, um das Geld für den Lebensunterhalt der Schwester und deren fünf Kinder zu verdienen. Abends kam sie von ihrer Arbeit als Sekretärin bei einem englischen Reisebüro zurück, um den strengeren Part in der Erziehung zu übernehmen. Aber ich erinnere mich auch, dass sie - drei Jahre jünger als meine Mutter und damals um die dreißig - die Lustigere war. Sie hatte ein verschmitztes Lachen, das ich auch noch auf später aufgenommenen Fotos bestätigt fand. Und so ganz streng konnte sie auch nicht gewesen sein. Gerne wurde in der Familie die Geschichte kolportiert, dass ich sie als Drei- oder Vierjähriger gebeten hatte, mir zehn Pfennig für ein Eis zu leihen. Auf die Frage meiner Mutter, wie und wann ich den Betrag an Mieken zurückzuzahlen gedenke, soll ich geantwortet haben: »Och, das vergisst die ja. « Weniger aus pädagogischen denn aus anekdotischen Gründen erzählte meine Mutter es sofort ihrer Schwester weiter, die daraufhin das Scheinchen - es waren noch Reichsmarkzeiten - nach einigen Tagen von mir zurückverlangte. Nachdem ich mit rotem Kopf einiges dahergestammelt hatte, erließ sie mir die Schuld.
Etwa zu dieser Zeit erfuhr ich, dass es auch einen wirklichen Vater gab, auch wenn ich mir nichts darunter vorstellen konnte. Ich verstand aber bald, dass es sich bei ihm um einen Mann handeln musste. Davon kannte ich nicht viele, meine Kenntnisse beschränkten sich weitgehend auf meinen Großvater, der zwei Häuser weiter links wohnte, Herrn Rasch, der bei uns im Haus im ersten Stock lebte, sowie Herrn Dem, ein Bekannter der Familie drei Häuser weiter rechts. Alle schienen mir ein wenig unnahbarer als die Frauen, auch wenn ich Herrn Rasch die erste Autofahrt meines Lebens in seinem Lieferwagen Opel »Blitz« verdankte.
Von dem Mann, der mein Vater sein sollte, wusste ich nicht viel. Im Grunde beschränkten sich meine Einblicke auf eine Zigarrenkiste im Wohnzimmerregal, die ich immer wieder heimlich öffnete. Merkwürdige Papiere waren darin. Irgendwann erfuhr ich, dass es Geld sein solle, und zwar Millionen. Es war Inflationsgeld aus den zwanziger Jahren, was mir natürlich nichts sagte. Selbst die aufgestempelten Milliardenbeträge auf den Millionenscheinen konnte ich als Dreijähriger nicht einordnen. Und dann waren da noch alle möglichen Spielsachen in der Kiste. Anstecknadeln, Abzeichen, alles aus Metall, aber damit durfte ich nicht spielen. Ich hatte das Gefühl, dass es keine Erziehungsmaßnahme war, dass ich es nicht nehmen durfte, sondern dass es aus einem anderen Grund verboten war, damit zu spielen: Niemand sollte dies alles zu Gesicht bekommen. Ob ich damals schon die Hakenkreuze darauf wahrgenommen habe, bezweifele ich, aber es schien ein Geheimnis darum, das nur mit meinem Vater zu tun haben konnte.
Langsam verstand ich auch, dass er in einem Lager war. Ich konnte mir nichts Rechtes darunter vorstellen, aber ich vermutete einen großen Zaun herum und nahm an, dass es ihm dort nicht so gut gefallen musste. Das konnte ich jedoch nicht so recht verstehen. Wir bekamen nämlich ab und zu Pakete, die offensichtlich von ihm stammten und die von der ganzen Familie mit großer Freude ausgepackt wurden, denn meistens war etwas zu essen darin. Auch ich war in heller Aufregung, obwohl ich das süßliche Pferdefleisch in Dosen überhaupt nicht mochte, selbst wenn es in den aus Grießbrei und Graupensuppe bestehenden Essensalltag ein wenig Abwechslung brachte. Einmal jedoch war auch bei mir die Freude besonders groß. Auslöser war ein Paket, das lauter Ecken mit Schmelzkäseecken enthielt, arrangiert zu einem großen Quadrat. Irgendwann fiel auch das Wort Gefängnis. Ich vermute, dass es seine Zeit in Nürnberg war, als er 1945/46 fast ein Jahr als potenzieller Zeuge im großen Kriegsverbrecherprozess zur Verfügung gehalten wurde. Obwohl ich mir als kleiner Junge unter Gefängnis eher etwas vorstellen konnte als unter Lager, schien jenes deutliche Wort in unserer Familie einen besseren Klang zu haben.
Mit drei Jahren sah ich meinen Vater zum ersten Mal. Und obwohl ich die Begleitumstände noch ziemlich genau weiß, kann ich mich an ihn und den Eindruck, den er auf mich machte, überhaupt nicht erinnern. Er war damals in einem Lager namens Steimbel in der Nähe des oberhessischen Ortes Neustadt. Jahrelang später war ich der Meinung, dass es sich immer um »mein« Neustadt handelte, wenn ich diesen Ortsnamen irgendwo hörte. Allerdings wusste ich auch, dass es in der Nähe von Kassel gewesen sein musste, denn dort haben meine Mutter und ich eine Nacht in der Wartehalle des Bahnhofs verbracht. Meine Mutter kannte diese mühselige Prozedur schon, denn sie bekam alle paar Monate eine Besuchserlaubnis. An die Zugfahrt von Düsseldorf nach Kassel, die den ganzen Tag in Anspruch nahm, kann ich mich nicht erinnern. Aber an diese Nacht im Wartesaal, wo wir auf den Frühzug nach Neustadt warteten. Wir saßen zusammen auf einer Holzbank, und meine Mutter überließ mir unsere Reisetasche als Kopfkissen.
Es war eine Ledertasche, die das Leben unserer Familie noch viele Jahre begleiten sollte. Meine Eltern hatten sie 1939 in Marokko gekauft, auf der ersten und einzigen Kreuzfahrt ihres Lebens. Obwohl die Krise, die zum Weltkrieg führte, schon zu spüren war, hatte mein Vater die Genehmigung von Reichsbaumeister Todt bekommen, die Reise anzutreten, die von Hamburg aus über England, die Straße von Gibraltar und Marokko bis Italien gehen sollte. Zwei Mitbringsel sollten den Krieg überstehen und gehörten als feste Bestandteile in den Haushalt in Düsseldorf und später in Pullach: ……..



erstellt am: 08.10.07

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