Buchbesprechung So wie Hanns-Josef Ortheils »Die große Liebe« kann ich auch »Das Verlangen nach Liebe« nur in einem Atemzug nennen mit den schönsten Liebesgeschichten unserer Zeit wie »Dshamilja« von Tschingis Aitmatov, »Mararia« von Rafael Arozarena oder Ljudmila Ulitzkajas »Sonetschka« und »Ein fröhliches Begräbnis«.
Hanns-Josefs Romane sind Gemälde und Musik zugleich. Lesen bedeutet hier Mitleben, Mitfühlen; man kommt sich vor, als würde man nicht lesen, sondern in das Leben der Personen – quasi als unsichtbarer Begleiter – eingebunden sein. Ich glaube, nichts Größeres kann ein Schriftsteller erreichen.
Ich kann nur zitieren, was ich bei der Besprechung seines Romans »Die grosse Liebe« geschrieben habe:
„Es ist nicht vordergründig die Handlung, die fesselt und derentwegen man gierig durch den Roman sausen würde; bei jedem einzelnen Wort, jedem Satz, bei jeder Beschreibung möchte man verweilen und genießen und ist traurig, wenn der Roman zu Ende ist, sei das Ende auch noch so glücklich.
Diese Kunst des Schreibens ist mehr als Können, es ist Intuition und die Fähigkeit, sich vorbehaltlos und tief in andere Menschen versenken zu können, was wiederum nur möglich ist, wenn man die Menschen, das Mensch-Sein, liebt; und das ist leider selten geworden in unserer Welt.“
Es symptomatisch für unsere heutige „ach so aufgeklärte, rationale Zeit“, dass schon allein dem Wort „Liebesroman“ ein süßlicher Beigeschmack anheftet – und das nicht nur der sehr einfach gestrickten Groschenromane wegen –, wir wollen keine Gefühle mehr zulassen, ja, wir haben Angst vor ihnen, weil wir glauben dadurch verletzlich zu werden.
Hanns-Josef Ortheil lehrt uns, dass das Vertrauen in die Liebe in Wirklichkeit stark macht.
Inhalt:
Über achtzehn Jahre lang haben sich die Kunsthistorikerin Judith und der Konzertpianist Johannes nicht mehr gesehen, als sie sich eher zufällig in Zürich treffen. Die unerwartete Begegnung versetzt sie zurück in die Zeit ihrer großen Liebe, in der sie noch ein junges und unzertrennliches Paar waren. Von diesem Tag an sehen sie sich beinahe täglich, erzählen sich von ihrem Leben und fragen sich, was früher war und jetzt vielleicht von neuem möglich ist. Ihre Treffen werden zu immer gezielter angelegten, oft festlichen Arrangements, bei denen der Ort, die Umgebung sowie die Getränke und Speisen eine große Rolle spielen. Unmerklich geraten sie dabei immer tiefer hinein in die erneut aufbrechende Magie einer starken Anziehung. Und sehen sich immer dringlicher vor die Frage gestellt, ob ihr Verlangen nach Liebe überhaupt noch eine Chance haben kann.
Der Autor:
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren, er lebt in Stuttgart. Er gehört zu den bedeutenden deutschen Autoren der Gegenwart, sein Werk ist mit vielen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem "Brandenburger Literaturpreis" und dem "Thomas-Mann-Preis" der Hansestadt Lübeck. Er lehrt als Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim.
Ausfürlicheres über Hanns-Josef Ortheil beim Büchervielfraß unter »Autor«
Mehr über den Autor in Wikipedia
Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Die Nacht des Don Juan
Faustinas Küsse
Im Licht der Lagune
Die grosse Liebe
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Ich sah sie am frühen Nachmittag jenes Tages, an dem ich in Zürich angekommen war. Ich hatte mein Hotel gerade verlassen und war die schmale, schattige Straße hinüber zum See gegangen, auf dessen Anblick ich mich schon eine Weile gefreut hatte. Inmitten der an seinem Ufer entlang laufenden Kastanienallee war ich stehengeblieben und hatte den Anblick genossen: Die sanften, auf und ab schwingenden, schon leicht ins Dunkle gefärbten Hügel des gegenüberliegenden Ufers, das zu den Alpenketten der Ferne ausholende Graublau der stillen Wasserfläche, den Abdruck der auf ihr herumgeisternden Sonnenstreifen, die sich wie matte, breite Pinselstriche quer über diesen diffusen Grund legten. Ich hatte ausgeatmet, spürbar und erleichtert, diese Ankunft war noch schöner, als ich es erhofft hatte, die Szenerie, das Wetter und ein ruhiger Herbst spielten mit, im Normalfall wäre ich sofort zu einem langen Spaziergang am Seeufer entlang aufgebrochen, denn so hatte ich es ja geplant: gehen, weit gehen, langsam eindringen in dieses mir von vielen früheren Besuchen vertraute Terrain, nach einer oder zwei Stunden irgendwo am Ufer ein Glas Wein, und dann, vielleicht, mit einem Schiff wieder zurück.
Mein letzter Blick aber streifte die langen, parallel zum Ufer stehenden Holz-Bänke, auf deren Sonnenplätzen die jungen Paare saßen, Liebende, dicht aneinandergelehnt oder in den ältesten, zeitlosen Posen einander umschlingend, ich hatte diese Bilder nicht länger betrachten wollen, als mein Blick bei einer einzelnen Person hängenblieb, die zwischen all diesen Paaren langgestreckt und anscheinend schlafend auf dem harten Holz lag. Ich erkannte sie sofort, sie war es, sie lag da, als hätten wir uns vor wenigen Stunden nur kurz getrennt, um uns genau hier wieder zu begegnen. Ich spürte, wie mich dieser Anblick durchfuhr, ich erstarrte und fühlte mein Herz schlagen, es konnte doch nicht sein, daß sie sich so wenig verändert hatte, ich hatte sie seit beinahe achtzehn Jahre nicht mehr gesehen. Ihrem Kopf hatte sie den braunen Lederrucksack untergeschoben, den sie schon früher immer dabeigehabt hatte, ein Bein hatte sie über das andere geschlagen und die Hände über dem Gesäß gefaltet, regungslos lag sie mit geschlossenen Augen da, die langen, blonden, leicht ins Rötliche changierenden Haare rahmten ihr schmales, strenges und oft so konzentriert wirkendes Gesicht. Achtzehn Jahren, rechnete ich noch einmal nach, beinahe achtzehn Jahre hast Du sie nicht mehr gesehen, nie hast Du die geringsten Anstalten gemacht, ihr erneut zu begegnen, und doch hast Du beinahe täglich einmal an sie gedacht, momentweise, wenn Dich irgendeine Kleinigkeit an das frühere, gemeinsame Dasein erinnerte.
Das gemeinsame Dasein..., ja, so hatte sie es immer genannt, ihre Formulierung war mit der Zeit zu einer stehenden Wendung in den acht Jahren unserer Liebe geworden, ein Dasein..., gemeinsam, so unpathetisch und schlicht und eben gerade deshalb so wahr. Denn in der Tat, es war ein gemeinsames Dasein gewesen, das wir geführt hatten, wir hatten uns, ohne jedoch zusammen zu wohnen, beinahe täglich gesehen und alle Ferienzeiten miteinander verbracht, jeder von uns hatte immer genau gewußt, was der andere gerade tat und wo er sich befand. Seit wir uns durch einen Zufall zu Beginn unserer Studienzeiten getroffen hatten, hatten wir uns nicht mehr getrennt, wir waren, wie es in Kinderbüchern heißt, »unzertrennlich« gewesen, ein junges, von der Liebe berauschtes Paar, das nie auch im Entferntesten daran dachte, voneinander zu lassen. Daß es dann doch, ganz plötzlich und unvorhersehbar, zur Trennung gekommen war, hatte mich völlig aus der Bahn geworfen, ich hatte den schweren Schock lange Zeit nicht überwinden können, wie es ihr ergangen war, hatte mich nicht mehr interessiert, denn sie hatte diese Trennung verursacht, sie allein, ich werde davon später einmal erzählen.
An jenem Nachmittag aber, als ich sie wiedersah, dachte ich daran nicht, ich war viel zu sehr mit ihrem Anblick und meiner Erregung beschäftigt, erhitzt stand ich eine Weile still auf dem Fleck und machte dann, beinahe wie in Trance, ein paar Schritte zurück und seitwärts in die Allee, als müßte ich mich ins Dickicht schlagen oder ein Versteck finden, das mir erlaubte, mit diesem Anblick fertig zu werden. Zum Glück schlief sie, zum Glück hatte sie mich nicht bemerkt, ich hatte also ein wenig Zeit, mich auf diese unerwartete Begegnung einzustellen und zu überlegen, wie ich vorgehen wollte. Und so setzte ich mich auf eine der viel bequemeren und meist leeren Bänke, die sich etwas weiter vom Ufer entfernt in der Allee befanden. Ohne ihre Lehne zu berühren, nahm ich vorn auf der Kante Platz, als wollte ich gleich weiter und als handle es sich nur um einen flüchtigen Halt, der mir erlaubte, meine Taschen zu ordnen oder etwas zu rauchen.
Und wahrhaftig zog ich auch sofort die kleine Schachtel mit den kubanischen Zigarillos, von denen ich immer eine dabeihatte, hervor und legte sie neben mich auf die Bank, um dann in den Manteltaschen nach der flachen, kleinen Digitalkamera und dem winzigen Fernglas zu kramen, die mich ebenfalls bei vielen Spaziergängen begleiten. Auch sie legte ich neben mir auf der Bank ab, dann steckte ich mir ein Zigarillo an, was wäre, dachte ich, wenn der Wind den Rauch zu ihr herübertrüge und der Duft sie weckte?, wahrhaftig rauchte ich noch immer dieselben Zigarillos wie in den fernen Tagen unserer gemeinsamen Jahre, es war dieselbe Größe und Marke, manchmal hatte auch sie sich eines der kleinen, dunklen Dinger angesteckt, unsere Gemeinsamkeit war so weit gegangen, daß wir selbst die sonst unscheinbarsten Dinge miteinander geteilt hatten. Dann griff ich nach dem Fernglas und stellte es ein und betrachtete sie jetzt ganz aus der Nähe, in allen Details: Ja, sie hatte noch immer diese am oberen Bogen leicht geröteten, stark hervortretenden Backenknochen, ja, da war noch immer diese von der vielen Bewegung im Freien leicht gebräunte und straffe Haut, und gut zu erkennen waren auch die breiten, auffälligen Lippen, die ich niemals geschminkt gesehen hatte, niemals. Sie trug einen langen, fast bis zum Boden reichenden Mantel mit schwarzen, in dichter Reihe aufeinanderfolgenden Knöpfen, und feste, flache Schuhe, auch sie war anscheinend zu einem längeren Spaziergang unterwegs.
Ach, wie oft waren wir früher gemeinsam gegangen, das stundenlange, ziellose Streifen durch Städte und Landschaften war unsere große Passion gewesen, ein nicht enden wollendes, aufmerksames Gehen zu allen Tages- und Jahreszeiten, ein Bestaunen der Welt, ein Einkehren hier und dort und ein ebenfalls nicht enden wollendes Sprechen, Erzählen und Phantasieren. Als ich daran dachte, wurde mir plötzlich ganz leicht, es war doch so einfach, jetzt aufzustehen und zu ihr hinüberzugehen und sie zu berühren wie früher und ihr einen Kuß zu geben und mit ihr dann weiter und weiter an diesem herbstlichen See entlangzugehen, auf dem jetzt, am frühen Nachmittag, die Segelboote kreuzten, die großen Segel so stolz und für das Herabdämmern des Abends bereit, wenn das Sonnengold sich in ihre weißen Flächen flüchtete und dort verfing. Aber nein, dachte ich, auf keinen Fall, Du geduldest Dich jetzt, Du wartest, bis sie erwacht, vielleicht liegt sie hier, um auf ihre eigentliche Begleitung zu warten, vielleicht kommt einer daher, mit dem sie ihr Leben jetzt teilt, und dann läßt Du sie ziehen, ohne Dich ihr zu zeigen, Du läßt sie ziehen, hörst Du!, zu erkennen geben wirst Du Dich nicht, erst muß Du genauer Bescheid wissen, Du mußt wissen, was sie hierherführt und was im einzelnen sie in dieser Stadt vorhat.
erstellt am: 16.09.07
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