Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



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Schweinefuchs und das Schwert der Revolution - Die bolschewistische Führung karikiert sich selbst
von Vatlin, Alexander und Malaschenko, Larissa [Hrsg]<übersetzt von: Juraschitz, Norbert> (Russland)

Genre:

Sachbuch Geschichte, Kunst

Stichwörter:

Karikaturen aus dem Politbüro

Verlag:

Antje Kunstmann

ISBN:

978-3-88897-489-2

Format:

gebunden, 216 S. mit 181 Karikaturen und Bildern

Erscheinungsjahr:

englisch 2006, deutsch 2007

Preis:

€ (D) 24,90



Buchbesprechung

Alle Bilder © Verlag Antje Kunstmann

Aus unserer Sicht ist Russland ab den Wirren und Machtkämpfen der Revolution – spätestens ab dem Tod Lenins – geprägt von dem diktatorischen System Stalins, mit dem brutalen, Furcht erregenden Diktator einerseits und den willigen, vor Angst schlotternden und ewig Ja sagenden Politbüromitgliedern und Bürokraten andererseits. In Wirklichkeit war Stalins Macht bis 1937 durchaus nicht unumschränkt, er war zwar mächtig, jedoch nicht allmächtig. Es gab Widerstände gegen ihn, und die Politmitglieder äußerten ihre eigene Meinung und Kritik, sie intrigierten, führten eigene Machtspielchen und witzelten übereinander – manchmal bitterböse –, selbst Stalin blieb nicht ganz verschont. Gegen 1937 hin wurde sogar die Kritik gegen das System immer deutlicher und einige erkannten durchaus, wohin das führen werde.
Abb. 130: W. I. Meschlauk, Evolution des sowjetischen Bürokraten. Violette Tinte, roter Buntstift.
Text des Künstlers: »Evolution des sowjetischen Bürokraten laut Darwin (Entwicklung der Arten). Vergrößerter Hintern zum Sitzen [auf Sitzungen], Teebauch.«
RGASPI, f. 74, op. 2, d. 169, I. 151.

Sensationelle Funde aus dem Russischen Staatsarchiv belegen dies nun: Während den Parteisitzungen wurden von einzelnen Mitgliedern – bekannten und unbekannten – Karikaturen der anderen und deren Ambitionen und Versagen angefertigt, bei denen mit Spott und Hohn nicht gespart wurde. In erster Linie waren die Zeichner Bucharin, Meschlauk und Jaroslawski, selbst Stalin hat gezeichnet und hat die kursierenden Zeichnungen mit seinen Bemerkungen versehen. Woroschilow war – mit oder ohne Hintergedanken – ein leidenschaftlicher Sammler dieser Karikaturen; ihm wurden sie häufig gewidmet und geschenkt, und selbst nach der Ermordung der Karikaturisten landeten alle Karikaturen bei ihm. Nun sind sie aus den Archiven aufgetaucht.
1937 beendete Stalin diesen, seine Macht einschränkenden „Spuk“ und ließ alle in den großen Säuberungswellen und Schauprozessen hinrichten. Von den vielen hundert alten Kämpfern der früheren Zeit überlebten nur drei. Selbstverständlich gehörten die Karikaturisten zu den Hingerichteten. Das alles nun hinwiederum ist sattsam bekannt.
Ein Fund, der unsere Sicht auf die Vergangenheit verändern wird. Dem Verfasser, Professor Alexander Vatlin von der Lomonossow Universität Moskau, und seinen Mitverfassern, sowie der Yale University und dem Verlag Antje Kunstmann kann nicht genug Lob gespendet werden.

Inhalt:
Als verbissene Dogmatiker und menschenverachtende Bürokraten stellt man sich die Mitglieder der KPdSU vor. Dass es bei den Parteisitzungen auch anders zuging, zeigt ein sensationeller Fund aus dem Russischen Staatsarchiv: eine Sammlung von Karikaturen, die die führenden Bolschewiki der 1920er und -30er Jahre von sich selbst und ihren Genossen angefertigt haben. Grotesk und sarkastisch kommentieren sie die Sympathien und Antipathien innerhalb der Partei und die spontanen Ausbrüche der Machthaber:
Abb. 15: N. I. Bucharin, Selbstporträt. Bleistift.
Text des Künstlers: »Schweinefuchs im (jetzigen) hohen Alter.«
RCASPI, f. 329, op. 2, d. 11, I. 158.


Nikolai Bucharin sieht sich selbst als Schweinefuchs,

Abb. 7: N. I. Bucharin, L B. Kamenew. 25. Juni 1923. Schwarze Tinte.
Text des Künstlers: »Aufwache. Regierungsbericht. Viele Ausgaben, aber... keine Einnahmen, Und ich erwarte auch keine in nächster Zeit. >Visionen< haben wir, >Planvorgaben< und Dekrete... Geld haben wir nicht, und ich weiß nicht, ob es je kommt.«
Am unteren Rand: »Gezeichnet von N. I. Bucharin.«
RCASPI. f. 74, op. 2, d. 168, I. 1.


Lew Kamenew wird als urinierendes Ferkel dargestellt, Aron Solts als schläfrig dreinblickende Eule. 1927 traute man sich noch, Josef Stalin als »Unterdrücker und Gendarm der ganzen Partei« zu karikieren, mit einem Stiefel leckenden Jaroslawski zu seinen Füßen. Mit beklemmender Hellsichtigkeit weisen manche der Zeichnungen auf die Jahre des Großen Terrors voraus, dem etliche der Zeichner wie der Porträtierten zum Opfer fielen.

Der Autor:
Professor Alexander Vatlin
lehrt als Historiker an der Lomonossow-Universität, Moskau.
Larissa Malaschenko ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Russischen Staatsarchiv.
Simon Sebag Montefiore, britischer Journalist und Historiker, hat das Vorwort geschrieben; er hat sich mit Büchern zur russischen Geschichte einen Namen gemacht.

Alle Veröffentlichungen Professor Alexander Vatlins, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:


Abb. 1: N. I. Bucharin, W. I. Lenin. 31. März 1927. Schwarze Tinte.
Widmung: »W. I. Uljanow (Lenin). Dem Genossen Woroschilow.«
Auf der Rückseite: »Buchartschik, 30. März (19)27.«
RGASPI, f. 74, op. 2, d. 168, I. 125.

Das ehemalige Zentrale Parteiarchiv der KPdSU (heute das Russische Staatsarchiv für gesellschaftliche und politische Geschichte, Russisch abgekürzt: RGASPI) enthält neben unzähligen Manuskripten eine Sammlung von Zeichnungen, die in erster Linie von führenden Bolschewiki - mit Federhalter, Bleistift oder Pinsel - in der Zwischenkriegszeit angefertigt wurden. Die Skizzen wurden eilig auf Heftseiten oder auf die Rückseite und an den Rand von Parteidokumenten gekritzelt. Aus den Datumsangaben und handschriftlichen Vermerken auf den Zeichnungen geht hervor, dass sie überwiegend während Politbüro- und Ratssitzungen oder auf Plenarsitzungen des Zentralkomitees und auf Parteitagen entstanden. Häufig wurden die Zeichnungen zu einer Art kollektivem Spiel: Eine erste Skizze wurde mit charakteristischen Details und Kommentaren ergänzt, bis aus ihr so etwas wie ein moderner Comic entstand. Stalins Kommentare mit blauem Buntstift sind leicht zu erkennen, ebenso wie die derben Witze seiner Gefolgsleute, wenn sie die Idee zu einer Karikatur entwickelten.


Abb. 169: W. I. Meschlauk, L D. Trotzki, N. I. Bucharin, A. I. Rykow. (Februar 1937.) Bleistift.
Text des Künstlers: Trotzki: »Deine Macht ist unzerstörbar, o Kapitalismus der USA! Vergib mir meine Sünden und gib mir mein täglich Brot!«
»Rykow zu Bucharin: >Das reicht schon! Lass mich auch mal lecken!<«
Am oberen Rand Titel von Stalin in blauem Bunststift: »Kapitalismus.«
Auf der Rückseite Widmung Berijas: »Dem Genossen Anastas [Mikojan]. Ich schicke eine Zeichnung von G[enosse] W[aleri] Meschlauk. L[awrenti] Berija.«
RGASPI, f. 74, op. 2, d. 170, I. 77-77 Rücks.


Diese »lustigen Bildchen« sind ein verblüffendes Vermächtnis der Gründerväter einer so unheilvollen Ära. Was hat diesen kreativen Prozess angeregt? Über diese Frage könnte man endlos spekulieren, aber mit Sicherheit werden wir es wohl nie erfahren.


Abb. 55: W. I. Meschlauk, N. K. Krupskaja. 1. Juni 1933.
Schwarzer und roter Buntstift.
Vermerke: »Mitglied der ZKK [Zentrale Kontrollkommission. W. I. M[eschlauk].«
»PB [Politbüro].«
RCASPI, f. 74, op. 2, d. 169, I. 179.


Vielleicht wollten die Künstler Dimensionen der politischen Diskussionen illustrieren, die sonst nicht erkennbar gewesen wären; vielleicht wollten sie einfach die Langeweile der täglichen Sitzungen vertreiben, ihren angestauten Frust zum Ausdruck bringen.


Abb. 141: W. I. Meschlauk, C. K. Ordschonikidse. Bleistift.
Text des Künstlers: »Die Schwerindustrie und das Budget.«
RGASPI, f. 79, op.1, d. 802, l. 7.


Was immer das Motiv war, als historische Quelle verdienen diese Dokumente die Aufmerksamkeit der Forschung.
Im Unterschied zum offiziellen Diskurs spiegeln diese Zeichnungen die spontane und aufrichtige Reaktion der kommunistischen Führer auf einzelne Ereignisse wieder; Verstellung und Speichelleckerei, die das Verhalten der sowjetischen Elite Ende der dreißiger Jahre prägten, sind in ihnen in weit geringerem Maß zu finden.


Abb. 152: W. I. Meschlauk, F. E. Dserschinski und C. K. Ordschonikidse.
Bleistift. Text des Künstlers: »Was der WSNCh mit den Menschen macht. 1925, 1931.«
RCASPI, f. 74, op. 2, d. 169, I. 142.


In gewisser Hinsicht wirken die Zeichnungen wie Schnappschüsse, Eindrücke unmittelbarer und ehrlicher Augenzeugen. Ihre Derbheit und primitive Art sind für den heutigen Betrachter bisweilen schockierend.


Abb. 135: W. I. Meschlauk, N. P. Brjuchanow. 5. April 1930. Schwarze Tinte.
Text des Künstlers: »Volkskommissar für Finanzen der UdSSR am zweiten Tag des Prozesses.«
Angehängte Notiz Stalins: »Allen Mitgliedern des PB [Politbüros]. Hängt Brjuchanow für alle seine Sünden, die alten und die neuen, an den Eiern auf. Wenn die Eier halten, betrachtet ihn als entlastet. Wenn sie nicht halten, ertränkt ihn im Fluss. J[ossif] S[talin].«
RGASPI, f. 558, op. n, d. 27, I. 31.


Die auf Politbürositzungen entstandenen Zeichnungen vermitteln dem Betrachter eine andere Perspektive auf die besprochenen Themen. Mit satirischen Mitteln konnten die Künstler etwas ausdrücken, was im direkten Gespräch tabu war. Viele Karikaturen brachten die sowjetischen Führer zum Lachen, obwohl sie nicht der offiziellen Parteiideologie entsprachen: Es ist kaum vorstellbar, dass diese Karikaturen in den dreißiger Jahren in der Prawda veröffentlicht worden wären.


Abb. 38: W. I. Meschlauk, S. M. Kirow. 25. Februar 1931. Bleistift.
Text des Künstlers: »Dehnbares Leningrad. Blase, Kirytsch, blase!«
Der Ballon gibt die Einwohnerzahl Leningrads an, die von offizieller Seite »aufgeblasen« wurde.
RGASPI, f. 74, op. 2, d. 169, I. 121.


In diesem Buch haben wir die anschaulichsten Werke hochrangiger Sowjetführer zusammengestellt, solche, die zum einen die allgemeine Stimmung der Zeit festhielten, als »der Sozialismus an allen Fronten voranschritt«, zum anderen aber auch die besondere Atmosphäre im engsten Kreis um Stalin.


Abb. 4: N. I. Bucharin, J. W. Stalin. 20. Februar 1928.
Schwarzer und blauer Bleistift.
RCASPI, f. 74, op. 2, d. 169, I. 11.


Nur ein kleiner Teil der ganzen Sammlung konnte in das Buch aufgenommen werden, und die Veröffentlichung ist nur der erste Schritt. Künftige Forscher werden die Aufgabe vollenden, die Künstler zu bestimmen, den Inhalt der Zeichnungen zu kommentieren und sie mit konkreten Ereignissen in Verbindung zu bringen. Unser Verständnis für die ersten beiden Jahrzehnte der sowjetischen Geschichte wird zweifellos bereichert, wenn die Historiker zusätzlich zur offiziellen Korrespondenz auch die künstlerischen Versuche der Sowjetführer auswerten können.



erstellt am: 11.09.07

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